19.10.2009

STÄDTEVom Gulag zur Avantgarde

Ist Moskau oder St. Petersburg Russlands Kulturhauptstadt? Weder noch: Perm gilt als heißer Anwärter auf den Titel. Die Millionenstadt am Ural, bisher eher bekannt für stalinistische Arbeitslager und Waffenfabriken, erlebt eine erstaunliche Wandlung. Von Erich Follath
Wie ein riesiges regengetränktes Handtuch hängt der Himmel über diesem Ort. Drückend, atembeklemmend. Es ist schwer, nicht zu frösteln in diesem Museum des Gulag, dem einzigen seiner Art auf russischem Boden. Unmöglich, sich nicht verfolgt zu fühlen von den unheimlichen Schatten hinter jeder Zellenwand, durch das flackernde Licht in der schäbigen Gemeinschaftstoilette von einst, die nicht viel mehr ist als ein von Schmeißfliegen umschwirrtes Loch. In den Gängen pfeift der Wind. Das Straflager mit seinen Kerkern und Wachtürmen und restaurierten Wärterbunkern wirkt, als wäre es nie geschlossen worden.
Gespenstische Stimmen klagen, mal schrill, mal dumpf. Klänge wie aus einer anderen Welt, als kämen sie aus den "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus" von Fjodor Dostojewski. "Russkoje bednoje, russkoje bednoje ...", rufen sie - russisches Elend.
Die Stimmen sind keine Einbildung. Unweit vom ehemaligen Gulag steht eine Irrenanstalt. Die geistig Behinderten dürfen den Museumstrakt zwar offiziell nicht betreten; sie kennen aber die Schlupflöcher im Stacheldrahtzaun, und die Zellen sind ihre Spielwiese. Manchmal bleiben sie die ganze Nacht, und das sieht dann so aus und hört sich so an, als spiele eine Theatergruppe nach, was im Gulag tatsächlich häufig passiert ist: Gefangene, die den Verstand verloren.
Bis zum Morgengrauen geht das oft, bis in der nahen Metropole Perm die Sonne über den Horizont kriecht, früher als sonst irgendwo in Europa. Und dann erstrahlt dieses Perm am Ural, die östlichste Metropole des westlichen Kontinents, nach der Wissenschaftler eine geologische Periode benannt haben, das sie vor 299 Millionen Jahren beginnen und vor 251 Millionen Jahren enden lassen. Dann erwacht dieses Perm, eine Stadt, die sich anschickt, das Dunkel der Geschichte hinter sich zu lassen - und ein internationales Zentrum der Kultur zu werden.
Nicht nur mit seinem unheimlichen Gulag-Museum, das Besucher in seinem Bann hält. Sondern auch mit eindrucksvollen Galerien, mit in Museen verwandelten Stalin-Bauten, mit Weltklasse-Ballett und Avantgarde-Theater vor den Ruinen von Waffenfabriken.
Eine Stadt, die eine bemerkenswerte Vergangenheit hat und wohl eine noch erstaunlichere Zukunft. Drei Zeugen, drei Namen sind mit ihrer Geschichte verbunden: der große vaterländische Schriftsteller; der Bruder des letzten Zaren; der jüdisch-russische Bürgerrechtler - ihnen allen war Perm ein Alptraum, ein Horror, ein Synonym für das, was schiefgehen kann in einem Land. Sie erlitten die Unglücksstadt, letzte Bastion vor Sibirien, schmerzlich am eigenen Leib.
Anton Tschechow fuhr 1890 dorthin, schaute sich schaudernd um und machte zehn Jahre später Perm zum Modell für das trostlose Provinzkaff seines Theaterstücks "Drei Schwestern", aus dem die Protagonistinnen mit einem verzweifelten Schrei zu fliehen versuchen: "Nach Moskau! Nach Moskau!"
Großfürst Michail Alexandrowitsch, Spross der Romanow-Dynastie und Thronfolger, kam nicht freiwillig. Er wurde nach Perm verbannt; Schergen der Bolschewiki erschossen ihn bei einem "Fluchtversuch" in einer Juninacht 1918. Die Partei gab von hier aus dann auch den Befehl zur Ausrottung der gesamten Großfamilie.
Natan Scharanski, der spätere israelische Vizepremier, saß von März 1980 an wegen "Spionage" sechs Jahre lang in einem der Zwangsarbeitslager, die sich wie ein Ring aus Stacheldraht um die Stadt zogen. Er überstand mit bewundernswerter Kraft die Kälte und Einsamkeit der Sonder-Strafzelle, in die man ihn immer wieder steckte, weil er sein Psalmenbuch nicht abgeben wollte.
Bis zum Ende des Kalten Kriegs blieb Perm allen ausländischen Besuchern verschlossen. Niemand sollte den Gulag sehen, niemand die Produktionsstätten für Panzer und Raketen genau kennen, die hier tausendfach vom Band liefen. Und selbst als die Stadt, die eine Zeitlang nach Stalins Außenminister Molotow geheißen hatte, in den neunziger Jahren nicht mehr gesperrt war, machten die meisten einen großen Bogen um die Graue, die Grausame, die von der Geschichte Geschlagene, in der sich der Niedergang der UdSSR mit all ihren Schrecken widerspiegelte.
Das hat sich geändert - so radikal, dass man schon fast von einer Revolution sprechen kann.
Das russische Magazin "Afischa" kürte Perm gerade zur "Stadt des Jahres". Der Moskauer Top-Galerist Marat Gelman, 48, sagt, in spätestens einem Jahr sei Perm "die neue Kultur-Kapitale - wenn sie es nicht schon heute ist, vorbeigezogen an Moskau und St. Petersburg, die satt geworden sind und sich auf ihren Attraktionen ausruhen". Und eine Kunstkritikerin der "New York Times" konstatiert, tief beeindruckt von Perms avantgardistischen Erfolgen, eine "Explosion von Farben" und Ideen.
Wer heute durch die Stadt am Kama-Fluss spaziert, kann Thomas Krens treffen, den ehemaligen Direktor der Guggenheim-Stiftung, auf der Suche nach Ausstellungshallen und Kooperationsmöglichkeiten. Oder die Architekten der renommierten niederländischen Firma KCAP, die sich im Auftrag der lokalen Politiker Notizen machen für Pläne zur idealen Stadtentwicklung. "Nach Perm! Nach Perm!", scheinen jetzt immer mehr Moskauer Künstler zu rufen. Sie strömen an den Ural, als gäbe es einen Preis dafür, den großen Tschechow zu konterkarieren.
Warum bloß? Was ist passiert, dass sich aus dem hässlichen Entlein ein hübscher Schwan entwickelt hat? Und wer sind die Macher des Wunders von Perm, welche Lehren könnten sie weitergeben an ihre Partnerstädte in aller Welt, etwa die Ruhrmetropole Duisburg?
Das Büro des Gouverneurs am Hauptplatz stammt erkennbar noch aus der alten Zeit, angestaubt von kommunistischem Mehltau, der sich aus den monumentalen Gebäuden der Sowjet-Ära schwer herauskriegen lässt. Es riecht nach Bohnerwachs. Fahle Gummibäume dämmern einen permanenten Winterschlaf, der Geist des Genossen Breschnew weht durch die langen Gänge und muffigen Räume.
Doch dann begrüßt den Gast ein ganz und gar nicht Gestriger: Oleg Tschirkunow, 50, der Herr der Region, ist ein Mann von Welt. Er kommt gerade von einer Tagung aus dem französischen Avignon zurück und erzählt begeistert von Diskussionen mit westeuropäischen Städteplanern. Der Verwaltungschef mit dem ansteckenden Lachen und dem festen Händedruck hat Jura studiert und in Wirtschaftswissenschaften promoviert, auch die KGB-Hochschule durchlaufen. Er war russischer Handelsbeauftragter in der Schweiz und wirkte erfolgreich als "bisnesmen" im Im- und Export. Dann zog es den Mercedes-Sportcoupé-Fahrer in die Politik.
Ungewöhnlich auch seine Herangehensweise an den Job. Tschirkunow verordnete nach dem Amtsantritt als gewählter Gouverneur im Jahr 2005 eine gnadenlose Bestandsaufnahme der Vor- und Nachteile Perms. Heraus kam Erschreckendes: Der Stadt mit ihren knapp eine Million Einwohnern drohte ein dramatischer Niedergang; die Rüstungsfabriken waren reif zum Verschrotten, die öffentlichen Gebäude nahe dem Verfall. Gute Hotels und Restaurants: Fehlanzeige.
Das Image der Stadt als Gulag-Zentrum und Waffenschmiede war kaum dazu angetan, Touristen in das 1386 Kilometer und zwei Zeitzonen von Moskau entfernte Perm zu locken. Da half es wenig, dass Kenner von der idyllischen Lage der Metropole am Fluss, von den Schönheiten der nahen Wälder und Berge schwärmten. "Mir war schnell klar, dass wir etwas radikal ändern mussten", sagt Tschirkunow. "Perm brauchte eine neue postsowjetische Identität, es brauchte unverwechselbare Attraktionen, die es aus dem Einheitsbrei der russischen Großstädte herausheben. Es musste sich neu erfinden. Nur wie?" Der Gouverneur springt auf und kommt mit einem Stapel von Unterlagen zurück: Dutzende Pläne, geschichtet unter Klarsichtfolien.
"Wir dachten daran, neue Spitzenuniversitäten zu gründen, mit Professoren der Extraklasse, auch modernste Krankenhäuser. Alles wichtig, alles langfristig unverzichtbar, aber alles sehr teuer. Die Frage war, wie wir Perm schneller verändern konnten, mit überschaubaren Investitionen. Wir entschieden uns dann, aus einer vorgestrigen Industriestadt eine Stadt der Intellektuellen und Avantgarde-Künstler zu machen. Perm sollte ein Zentrum werden, die besten Geister Russlands anziehen - das ist unsere Vision."
Und so machte sich der Gouverneur mit einer Handvoll Vertrauter an das große Umkrempeln. Er gewann als Mäzene einige schwerreiche Männer: den Moskauer Senator und Architekturliebhaber Sergej Gordejew etwa sowie den Aluminium-Magnaten Wiktor Wexelberg. Als der Lukoil-Konzern in Perm dann sein regionales Hauptquartier einrichtete, war auch ein potenter Steuerzahler vor Ort.
"Wir versuchen, so wenig öffentliche Gelder wie möglich in unser Kulturprojekt zu stecken", sagt Tschirkunow. Er weiß, dass ihm manche in diesen Problemzeiten "Verschwendung" vorwerfen. "Das Hauptziel ist, unsere Schwächen in Stärken zu verwandeln."
An einigen Plätzen ist das gelungen: Inmitten der grauen nördlichen Vorstadt von Perm, inmitten der Trostlosigkeit und Tristesse der gigantischen, vor sich hin rostenden Rüstungsbetriebe, ist das Motowilicha-Freilichtmuseum entstanden. Hier ist waffentechnisch so ziemlich alles ausgestellt, worauf die Sowjetunion stolz war - und zum Betasten und Bespielen freigegeben. Jungs klettern auf Panzer, kleine Mädchen setzen sich vor Interkontinentalraketen in Pose. Ein höchst lebendiger Friedhof des Kalten Krieges.
Waffen werden zu Kulissen, auch für die Kunst: Perms Modern-Dance-Truppe will jetzt den Ort verstärkt für ihre Avantgarde-Produktionen nutzen. Das Ballett plant Aufführungen vor den "Ballistic Missiles". Und beim "Nowaja Drama"-Festival im März entstand aus Interviews mit ehemaligen Arbeitern des militärindustriellen Komplexes ein vielbeachtetes, dokumentarisches Theaterstück: "Motowilicha-Werktätiger".
Ein weiterer städtischer Schandfleck wurde inzwischen ein Kultur-Highlight und ist, viel mehr noch als das Militärmuseum, der Treffpunkt von Perm geworden: die aus Stalins Zeiten stammende Bootsstation an der Kama. Bis vor kurzem kroch hier nur Ungeziefer durch bröckelndes Gemäuer, der alte Anleger am Fluss mit seinen klassizistischen Säulen war für die Öffentlichkeit unzugänglich. Nach der Restaurierung ist jetzt das neue Museum für Gegenwartskunst hier eingezogen - geleitet von Marat Gelman. Der Galerist hat die Hälfte der Anteile an seiner Moskauer Prominentengalerie verkauft und ist nach Perm gezogen. "Hier ist es spannender", sagt er. "Perm ist nicht Provinz. Perm ist Aufbruch."
Seine erste Ausstellung ist ein Triumph, das Motto wird zum Modewort der wirtschaftlichen Krise, zum Lieblingsreim der Intelligenzija wie der geistig Verwirrten: "Russkoje bednoje". 36 Künstler präsentieren 120 Werke, angefertigt aus Materialien wie Müll, Altmetall und Schrott. Nach der Premiere in Perm wanderten die Exponate nach St. Petersburg und Moskau und sollen bald auch in Mailand und New York zu sehen sein.
Die zweite Ausstellung, die jetzt läuft, bewegt die Gemüter nicht weniger. Draußen vor der Tür glänzt ein futuristischer Robocop neben Sandsteinskulpturen; drinnen sind Fotos nackter Menschen zu bestaunen. An der Stirn eines riesigen Schwarzenegger-Porträts ist ein Basketballkorb befestigt; darunter liegen Bälle mitsamt der Aufforderung, sie zu werfen. Manche der Ausstellungsstücke in den hohen Räumen mit Flussblick wirken reichlich versponnen, andere gesucht originell. Aber langweilig ist gar nichts.
So empfinden es offensichtlich auch die Permer, die massenweise in ihr neues Museum strömen. Lange Zeit galt die Uferpromenade mit dem verrottenden Anleger den Einheimischen und den wenigen Touristen als gefährliche No-go-Area, in der sich Banden bekriegten. Jetzt hat sich - gewünschter Nebeneffekt der kulturellen Erneuerung - eine friedliche urbane Szene um das Museum herum gebildet. Stände verkaufen Schaschlik an Rentner, eine Disco lockt junge Leute an.
Vielleicht liegt es an der Tradition dieser Stadt, dass hier so viele Menschen so vorurteilsfrei jede Art von Kunst begrüßen. Selbst unter Iwan dem Schrecklichen blühten hier schon die Künste, der Zar hatte der legendären Mäzenatenfamilie Stroganow Mitte des 16. Jahrhunderts in Sibirien freie Hand gelassen. Und mag auch in kommunistischen Zeiten manches verschüttet worden sein, im Zweiten Weltkrieg glänzte hier das Ballett: Das Kirow-Ensemble wurde von Leningrad nach Perm evakuiert und verstärkte den Ruf des örtlichen Tschaikowsky-Theaters. Er hat sich bis heute gehalten.
Avantgarde und Klassisches gehen nach dem Willen der Stadtväter Hand in Hand. An der Oper steht neben "Schwanensee" eine Vertonung von Alexander Solschenizyns berühmtem Gulag-Werk "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" auf dem Programm. In der umgebauten Kathedrale hängen alte Meister, den Dachstuhl ziert eine Sammlung von geschnitzten Heiligen. Und Perm hat noch mehr Nostalgie zu bieten: In der Nähe des restaurierten Doktor-Schiwago-Hauses, das Literatur-Nobelpreisträger Boris Pasternak als Vorbild gedient haben soll, steht jetzt Russlands erste Statue des lange verfemten Dichters.
Die Jugend zieht es eher zu den Festivals, die jetzt im Zweimonatsrhythmus stattfinden und von denen manche einen Hauch von Woodstock an den Ural bringen. Sie hängen an den Lippen von Wladimir Sorokin, Russlands derzeit wohl umstrittenstem Gegenwartsautor, wenn er in Perm Passagen aus seinem neuesten Buch "Der Tag des Opritschniks" über die mafiöse Gegenwart und Zukunft Russlands vorträgt. "In Moskau gebe ich keine Lesungen mehr, da sind die Menschen arrogant - in Perm ist das anders", sagt er.
Ob beim Galeristen Marat Gelman, ob beim Permer Kulturminister Boris Milgram, ob beim Gouverneur Oleg Tschirkunow: Immer wieder fällt das Wort "Weltklasse". Ein Weltklassemuseum, ein Weltklasseballett, ein Weltklassetheater sollen die Stadt auszeichnen. Alles, was dieser Vision im Weg steht, wird als unsinnig weggewischt. Kritiker gelten als Störenfriede - und womöglich liegt da auch die Gefahr für das Permer Wunder.
Die Kommunisten greifen die Stadtoberen an und nennen das Kulturprogramm "pornografisch" und "pseudoliberal"; sie würden das Geld lieber in Sozialprogramme investieren. "Die sollen sich die begeisterten Museumsbesucher ansehen, die KP merkt doch immer zuletzt, was die Menschen wirklich wollen", ätzt Gelman und will nicht sehen, dass es in Krisenzeiten wohl doch eine feinaustarierte Balance braucht zwischen aktuellen Ausgaben für die Ärmsten und Investitionen für die kulturelle Zukunft.
Und der "Kongress der Permer Intellektuellen", der Front macht gegen die angebliche Überfremdung durch die "Waräger", die "Wikinger" aus Moskau? "Sind alle nur kleinkariert und neidisch", sagt der Galerist, der nicht glaubt, lokale Empfindlichkeiten in seine Überlegungen einbeziehen zu müssen.
Der alerte Gouverneur immerhin hat gemerkt, dass für den langfristigen Erfolg seiner Politik auch eine funktionierende Permer Zivilgesellschaft vonnöten ist. Auf den kulturellen Durchbruch soll ja anderes folgen: ein Boom ausländischer Investitionen, Tourismus. "Ich komme ganz gut aus mit den oppositionellen Strömungen, mit den Nichtregierungsorganisationen, den Grünen, der kritischen Presse", sagt Tschirkunow vorsichtig.
Anders als die meisten russischen Gouverneure gehört er nicht Wladimir Putins Partei "Einiges Russland" an und ist schon deshalb jederzeit von Ablösung bedroht - die Allzu-Erfolgreichen (und damit für Moskau "Gefährlichen") sind fast genauso gefährdet wie die Versager im Amt. "Wir bemühen uns in jeder Beziehung um Weltoffenheit", betont Tschirkunow.
Da verdränge er aber gehörig die Wahrheit, meinen seine Kritiker. "Lange Zeit hat Perm seinen Ruf, so etwas wie die Hauptstadt der russischen Demokratiebewegung zu sein, zu Recht innegehabt", sagt Alexander Kalich von der Menschenrechtsorganisation Memorial. "Heute ist der Ruf zumindest angekratzt." Zwar erscheint die Oppositionszeitung "Permski obosrewatel", die Perms Mächtige besonders scharf aufs Korn nimmt, noch immer. Zwar sind hiesige Journalisten davon entfernt, mit Gefahren für Leib und Leben wie in Moskau oder gar Grosny rechnen zu müssen. Aber auch hier zeigen die staatlichen Autoritäten, dass die Pressefreiheit keinesfalls unumschränkt gilt. Die Staatsanwaltschaft ließ unter fadenscheinigen Gründen den unliebsamen Fotografen Wladimir Koroljow verhaften und für Monate ins Gefängnis werfen.
Immerhin, öffentliche Diskussionen in der Stadt wirken entspannt - ob in den Cafés auf der Sibirskaja-Straße, wo erste westliche Designer wie Ermenegildo Zegna Boutiquen aufgemacht haben; ob im irischen Pub oder einer der halben Dutzend Pizzerien, die im Permer Zentrum entstanden sind; ob im Tattoo-Studio "Extra" oder auf dem Rasen vor dem Universitätseingang, wo sich immer noch die Statuen von Lenin und Stalin zulächeln. Aber die Gefahr, dass die Obrigkeiten ihr Modellprojekt zu stromlinienförmig verfolgt und Andersdenkende ausgrenzt, besteht nicht nur nach Meinung der Permer Oppositionellen.
Wohin Intoleranz, eine Ideologie und die brutale Verfolgung von Bürgerrechtlern in der Vergangenheit geführt haben - auch das lässt sich nirgendwo so eindrucksvoll erleben wie hier.
Eine 90-minütige Autofahrt führt zum Gulag-Museum. Von den dreißiger Jahren an bis 1988 existierten in der Grassteppe um Perm herum Dutzende dieser Gefängnisse. In einem dieser Lager hat der Dissident Scharanski gesessen, hat sich in der Eiseskälte seiner Isolationszelle, um nicht verrückt zu werden, Schachprobleme ausgedacht, die er dann im Kopf löste. "Und doch, ich begann Stimmen zu hören, verlor das Bewusstsein ..." Raus aus der Zelle, ins Gulag-Krankenhaus, dann wieder zurück, Entzug des Psalmenbuchs, Hungerstreik, wieder Einzelhaft. Und so ging das weiter, immer weiter, sechs Jahre lang.
"Mein Gott, Sie fahren nach Perm, wenn ich die Zeit hätte, würde ich Sie begleiten", sagt Scharanski, 61, der Ende Juni zum Leiter der Jewish Agency, der offiziellen staatlichen Einwanderungsorganisation Israels mit Sitz in Jerusalem, gewählt worden ist. "Ich denke oft an die Schwarzweißwelt des Gulag, als ich genau wusste, was richtig war und was falsch."
Scharanskis Autobiografie ist geprägt von einer merkwürdigen Sehnsucht nach dem alten Perm: "In meiner Strafzelle war ich innerlich ein freier Mensch. Draußen sind die Dinge weit komplizierter, es gibt Tausende Möglichkeiten zu handeln. In einem bestimmten Sinn bin ich nicht länger frei, denn das kann ich nur mit denen sein, die ich zurückgelassen habe."
Aber längst gibt es ein anderes Perm.
Von Erich Follath

DER SPIEGEL 43/2009
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