19.10.2009

Titel

Ich lebe

Von Hacke, Detlef; Mascolo, Georg; Gorris, Lothar

Michael Schumacher, 40, über sein schwieriges Verhältnis zur Öffentlichkeit, sein gescheitertes Comeback, die Lust am Risiko und die Suche nach neuen Aufgaben

Von der Hauptstraße entlang dem Genfer See führt der Weg hoch durch Felder, Traktoren kommen auf dem schmalen Teerstreifen entgegen, dann taucht eine bronzene Statue im Wiesengrün auf, ein Cowboy auf einem wilden Pferd, er hat kantige Züge, mit ein wenig Vorstellungskraft reitet da Michael Schumacher Rodeo. In dieser grünen, handgeputzt sauberen Hügellandschaft wirkt das alles ziemlich unschweizerisch.

Am Tor zur Ranch, einem mächtigen, metallbeschlagenen Holzgatter, stehen groß die Lettern C und S. Corinna Schumacher lässt hier 26 Westernpferde trainieren. Die Ranch war immer Teil von Schumachers Plan. Als er vor drei Jahren aus der Formel 1 zurücktrat, sprach er davon, dass seine Karriere lange alles bestimmt habe, nun sei seine Frau dran, ihren eigenen Traum zu verwirklichen.

Michael Schumacher trägt weißes Leinen, Hemd über der Hose, schwarze Sportschuhe, die Haare sind kurzgeschnitten, etwas Gel, das Gesicht leicht gebräunt. Er ist jetzt 40 Jahre alt, aber er hat immer noch jungenhafte Züge und einen austrainierten Körper. Er wirkt nicht wie jemand, der darüber grübelt, was er mit seiner Freizeit anfangen soll.

Das Haus am Genfer See, in dem er mit seiner Familie lebt, ist zehn Autominuten entfernt. Die Schumachers haben sich dort eine schlossgroße Villa errichten lassen, auf einem parkähnlichen Grundstück, mit Umwelt- und Bürgerinitiativen streitet er gerade über seinen Plan, am Ufer einen Privathafen zu bauen. Die Zeitungen rätseln, wie groß das Haus wirklich ist. 700 Quadratmeter Wohnfläche? 2200 Quadratmeter? Sicher ist nur: Wer Fotos abdruckt oder ins Internet stellt, kann sich darauf gefasst machen, Post von Schumachers Anwälten zu bekommen. Er hütet sein Privatleben konsequent.

2006 trat Schumacher zurück - als bester Formel-1-Pilot aller Zeiten und als reichster deutscher Sportler überhaupt. In diesem Sommer aber wurde der Ruheständler zwei Wochen lang zur Weltnachricht. Erst hatte er sich überraschend entschlossen, wieder in den Ferrari zu steigen, um den schwer verunglückten Brasilianer Felipe Massa für den Rest der Saison zu ersetzen. Nach Spionagefällen, dem Sexskandal um Verbandspräsident Max Mosley, der Wirtschaftskrise und dem Rückzug von Honda und BMW war diese Rückkehr genau das, was die Formel 1 brauchte: Der Rekordweltmeister, 249 Rennen, 91 Siege, 7 Titel, war wieder da.

Dann musste Schumacher seine Rückkehr absagen. Er hatte sich ein halbes Jahr vorher bei einem Sturz mit einem Rennmotorrad in Spanien fast den Hals gebrochen. Die Schmerzen waren zu groß. Er hatte sich bei dem Unfall Frakturen einer Rippe, am siebten Halswirbel und an der Schädelbasis zugezogen und außerdem eine Arterie verletzt.

Der Besuch auf der Ranch dauert fünf Stunden. Schumacher spricht erstmals ausführlich über das gescheiterte Comeback und darüber, warum er nicht loskommt von seinem Leben als Rennfahrer. Er redet von der Liebe zum Risiko und darüber, warum Ferrari weiter darauf hoffen kann, dass er noch einmal zurückkehrt in seinen gefährlichen Sport.

SPIEGEL: Herr Schumacher, fühlen Sie sich eigentlich derzeit als ein Rennfahrer in Rente? Oder als einer, der darauf wartet, zurückzukehren in die Formel 1?

Schumacher: Als jemand, der zurückgetreten ist. So sehe ich mich im Moment.

SPIEGEL: Es wird kein Comeback mehr geben?

Schumacher: Bis Ende des Jahres wird meine Verletzung im Nacken so weit ausgeheilt sein, dass ich wieder fahren könnte. Aber ich muss niemandem etwas beweisen. Erst recht nicht mir selbst. Ich bereue meinen Rücktritt vor drei Jahren jetzt genauso wenig wie damals. Trotzdem gibt es keinen Grund, eine endgültige Aussage zu machen. Warum sollte ich mich festlegen? Nur weil Sie und andere mich danach fragen?

SPIEGEL: Jemand wie Niki Lauda sieht Sie nicht als Stallburschen Ihrer Frau.

Schumacher: Ich mich auch nicht, und Corinna erst recht nicht. Das ist auch nicht die Alternative. Allerdings sehne ich mich nicht nach dem Leben als Rennfahrer zurück. Ich bin glücklich. Glücklich mit dem Leben, das ich jetzt führe. Aber wer weiß, was in ein paar Monaten ist oder in einem Jahr?

SPIEGEL: Auf der Pressekonferenz, bei der Sie Ihr Comeback absagten, sahen Sie eher unglücklich aus. Sie sagten: "Ich befinde mich in der vielleicht schwierigsten Phase meiner Karriere."

Schumacher: Das war für mich in den Tagen davor eine Achterbahnfahrt gewesen. Erst der Unfall meines guten Freundes Felipe, den ich am Fernseher live erlebt habe, dann die ersten Telefonate mit Ferrari, schließlich mein Treffen mit Präsident Luca di Montezemolo in Maranello. Dann die Testfahrt und die Schmerzen. Und schließlich die Erkenntnis, es sein lassen zu müssen, weil es nicht ging. Gleichzeitig bekam ich mit, was das alles für eine Riesenwelle in der Öffentlichkeit auslöst. Ich habe sehr viel Unterstützung und Sympathie erlebt. Das machte das alles zu einer sehr speziellen Mission und hat mich sehr gerührt. So was nimmt man nicht einfach nur hin.

SPIEGEL: Aber Sie haben doch in Ihrer Karriere viele schwierige Phasen erlebt. Zum Beispiel als Sie sich 1999 in Silverstone bei einem Unfall das Bein brachen.

Schumacher: Unfälle gehören zum System und sind für einen Rennfahrer Teil der Normalität. Aber diese Situation war für mich nicht normal, ganz einfach weil ich ja nicht mehr dazugehörte. Deswegen hat mich das auch so erwischt.

SPIEGEL: Sie haben auf der Pressekonferenz auch gesagt: "Ich bin zwar zurückgetreten, aber als Rennfahrer hatte ich mich für einen Moment wie zurück im Leben gefühlt."

Schumacher: Mag sein, dass das merkwürdig klingt. Gemeint habe ich: Ich war für ein paar Tage wieder da, wo ich früher mal gewesen bin. Nach drei Jahren Pause war ich in nur wenigen Tagen wieder genauso fit und hatte körperliche Werte wie damals. Ich konnte das Auto trotz der Schmerzen sehr schnell wieder am Limit bewegen. Ich war sofort wieder in meinem alten Leben, weil ich wieder den Fokus hatte, diese hundertprozentige Aufmerksamkeit auf den Job als Rennfahrer. Aber es ist nicht so, dass ich plötzlich mein altes Leben vermisst hatte.

SPIEGEL: Hat es Sie überrascht, dass Ihre Rückkehr zu einer Weltnachricht wurde?

Schumacher: Das hat es. Aber es war auch sehr schön.

SPIEGEL: Warum?

Schumacher: Weil es mich stolz gemacht hat. Und weil mir wahrscheinlich zum ersten Mal so richtig bewusst wurde, was ich für eine Wirkung habe und was für eine Position. Ich bin ja eher bodenständig aufgewachsen, und meine Frau hat zum Glück mit dafür gesorgt, dass es so geblieben ist. Ich habe mich selber nie als jemand gefühlt, der solch eine Wirkung erzielt. Ich sehe mich durch diese Welle der Sympathie nicht als neuer Mensch. Aber überrascht hat mich das alles sehr.

SPIEGEL: Haben Sie eine Erklärung für die plötzliche Zuneigung?

Schumacher: Da gibt es meine Erfolge, 7 Weltmeistertitel, 91 Rennen gewonnen, der Mythos Ferrari. Dennoch: Ich frage mich schon, was da passiert ist. Und warum plötzlich auch noch Leute vom SPIEGEL hier sind.

SPIEGEL: Die Nachricht von Ihrem Comeback war immer auch begleitet von dem Gedanken: Ist der Schumacher nicht wahnsinnig, das zu wagen? Die Formel 1 ist eine Hochrisikosportart.

Schumacher: Das sehe ich nicht so. Früher war es nicht ungewöhnlich, sein Leben in der Formel 1 zu verlieren, weil die Autos und die Strecken viel unsicherer waren. Heute steigen die Fahrer nach einem Unfall meist unverletzt aus dem Auto.

SPIEGEL: Sie haben den Unfall von Felipe Massa live im Fernsehen erlebt. Er hat großes Glück gehabt, oder?

Schumacher: Ja, er hätte auch ums Leben kommen können.

SPIEGEL: Wie haben Sie reagiert, als Sie den Unfall sahen?

Schumacher: Dass da etwas nicht stimmt, war offensichtlich. Man musste Schlimmes befürchten. Er hat nicht mehr reagiert und ist einfach geradeaus gefahren. Beim Aufprall in die Streckenbegrenzung blieb mir das Blut in den Adern stehen. Es hat ja auch einen Moment gedauert, bis in den Zeitlupenbildern zu erkennen war, was genau da eigentlich passiert ist.

SPIEGEL: Was denkt man als Rennfahrer, ob zurückgetreten oder nicht, wenn man Zeuge solch einer Situation wird?

Schumacher: Schicksal.

SPIEGEL: Nur das: Schicksal?

Schumacher: Ja. Da fährt ein Auto weit voraus und verliert irgendwann ein kleines Teil, eine Feder, die über die Strecke purzelt und schließlich Massa am Kopf trifft. Entschuldigung, aber da fällt mir nur der Vergleich mit dem Dachziegel ein.

SPIEGEL: Sie hätten bei einem Comeback keine Angst vor dem Dachziegel?

Schumacher: Nein. Auch das wäre Schicksal.

SPIEGEL: Sie haben selber schwere Unfälle überlebt. Glauben Sie, dass man Glück aufbrauchen kann?

Schumacher: Nein. Glück und Schicksal, das sind zwei Kategorien, die nicht zusammenpassen.

SPIEGEL: Mit Schicksal kann man jedes Risiko kleinreden.

Schumacher: Das ist richtig. Aber für mich gibt es den Unterschied zwischen kalkulierbaren Risiken und unkalkulierbaren. Es gibt viele Dinge, vor denen ich Angst habe. Ich bin kein Hasardeur. Ich würde mich niemals auf einem Snowboard einen Steilhang hinunterstürzen, den ich nicht kenne.

SPIEGEL: Selbst wenn sich Risiko kalkulieren ließe, irgendwann tritt der Moment ein, in dem etwas passiert. Das ist schlicht eine Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Schumacher: Ja, das mag sein. Aber wenn der Tag kommen soll, dann kommt er. Ich muss für mich ganz persönlich herausfinden, was mir das Risiko wert ist. Was macht mir so viel Spaß, dass ich bereit bin zum Risiko? Wenn ich keine Risiken mehr eingehen wollte, sollte ich sicherlich nicht mehr Formel 1 fahren, aber auch kein Motorrad mehr, kein Kart. Und Fallschirmspringen dürfte ich erst recht nicht.

SPIEGEL: Was hat eigentlich Ihre Frau gesagt zum Comeback? Ob Sie noch alle Tassen im Schrank haben?

Schumacher: Nein. Mit meiner Frau kann ich über solche Dinge sehr ruhig und besonnen sprechen: erst mal nachdenken und analysieren, die Pros und Contras zählen. Wir führen, und das schätze ich an unserer Ehe, sehr konstruktive Gespräche, aber am Ende trifft jeder in seinem Metier selbst die Entscheidung. Und das war auch bei meinem geplanten Comeback nicht anders. Außerdem: Im Vergleich zu dem, was ich sonst so mache, wäre Formel 1 die eher sichere Variante.

SPIEGEL: Können Sie nachvollziehen, dass es Leute gibt, die sagen: Der Schumacher hat doch alles, Frau, Kinder, Haus am Genfer See, einen Haufen Geld, warum macht der so einen Irrsinn?

Schumacher: Das klingt vielleicht etwas hart: Aber wenn ich ständig auf die Öffentlichkeit und auf die Meinung anderer hören würde, dann wäre ich nicht ich.

Ein paar Wochen vor der Ankündigung des Comebacks, Ende Juni, sitzt Michael Schumacher im Clubheim auf der Kartbahn von Kerpen-Manheim, dem Ort seiner Kindheit. Das Haus hat sein Vater Rolf Ende der siebziger Jahre mit den eigenen Händen gemauert. Schumachers Mutter Elisabeth übernahm den Imbiss im Clubheim, der Vater arbeitete als Bahnwart. Hier in dieser alten Kiesgrube ein paar Kilometer außerhalb von Köln begann eine Weltkarriere.

Auf dem abgewetzten Tisch steht ein Plastikteller mit Currywurst und Pommes, rot-weiß, Ketchup und Mayo, vier Euro die Portion. Schumacher hat Hunger, am Abend zuvor hat er mit Freunden getrunken, er ist ein wenig verkatert, aber gut gelaunt.

Kerpen ist die Chiffre für Schumacher. Für Boris Becker war es Leimen, für Steffi Graf Brühl, für Franz Beckenbauer Giesing. Ihre Karriere hat sie zu Weltbürgern gemacht, sie wohnen längst woanders, schöner, größer, mondäner.

Schumacher ist vielleicht der größte Star von ihnen, sicher aber der wohlhabendste. Zum Schluss seiner Karriere waren es wohl 70 Millionen Euro, die er jährlich verdiente. Er hat das nie bestätigt, er hat auch nur selten darauf reagiert, wenn man ihn einen Steuerflüchtling schimpfte, weil er seit 13 Jahren in der Schweiz lebt. Er hat aber auch kaum davon gesprochen, dass er für Tsunami-Opfer zehn Millionen Dollar gespendet hat und ein neues Pariser Forschungsinstitut für Gehirn- und Rückenmarkserkrankungen unterstützt.

Michael Schumacher ist ein Sportfanatiker. Er hat seinen Körper gepflegt mit der Hingabe eines Uhrmachers. Er hatte sich immer auf ihn verlassen können, auch nach schweren Unfällen kam er erstaunlich schnell wieder auf die Beine. Doch nach einer Testfahrt in Mugello sendete Schumachers Körper widersprüchliche, unbe-

kannte Signale: Du kannst nicht fahren, meldete der Nacken. Aber der Rest sendete: Du bist doch ganz der Alte.

Schumachers Karriere verlief immer zwischen den Gegenpolen Vernunft und Unvernunft. Er betrieb einen hochriskanten Sport mit Akribie, ein Vollprofi in Lebensgefahr. Als Chef der Formel-1-Fahrergewerkschaft kämpfte er für sichere Rennautos und Pisten, aber das hielt ihn nicht davon ab, Kollegen von der Strecke zu rempeln, wenn sie ihm im Weg waren. So widersprüchlich ist es geblieben: Das Comeback zu wagen war unvernünftig. Es aus gesundheitlichen Gründen wieder sein zu lassen vernünftig.

SPIEGEL: Sie haben vorhin gesagt, dass im Vergleich zu den anderen Dingen, die Sie so treiben, Formel 1 die sichere Variante sei. Warum machen Sie so etwas Gefährliches wie Motorradrennen?

Schumacher: Sie kennen das doch: Bevor man selbst Vater wird, weiß man nicht, wie das wirklich sein wird, man muss es selber erfahren. So ist es auch mit dem Fahren auf Rennmotorrädern. Ich glaube auch, dass es viel gefährlicher ist, wenn ich mit meiner Harley auf normalen Straßen fahre. Man kann auch im Rahmen von Tempolimits so eine Harley relativ schnell bewegen; das Problem ist nur, dass es auf normalen Straßen nicht die Auslaufzonen der Rennstrecken gibt. Klar, hinzufallen, das kann passieren, aber im Normalfall tut das auf einer Rennstrecke nicht weh, weil man einfach nur rutscht. Das Risiko halte ich für kalkulierbar, auch weiterhin. Bei mir hat das eher zufällig angefangen, mit ein paar Kumpels. Locker eine leichte, schöne Rennmaschine zu fahren, das hat mir Spaß gemacht. Es ist ein ganz intensives, spezielles Gefühl, das einem das Motorradfahren vermittelt. Und von da an ging es weiter.

SPIEGEL: Warum haben Sie auch noch begonnen, Rennen zu fahren?

Schumacher: Ja, weil es mir eben so viel Spaß machte. Aber mir war von Beginn an klar, dass ich nie in der Lage sein werde, auf Spitzenniveau zu fahren. Dafür muss man schon als Kind anfangen. Interessant war aber, dass ich da plötzlich konkurrenzfähiger war, als andere - und ich selber auch - gedacht hatten. Und dann versucht man natürlich, sich zu verbessern. Immer ein Stück schneller zu werden, Dinge auszuprobieren, sich Ziele zu setzen.

SPIEGEL: Ihr schwerer Unfall im Februar war schon der sechste auf dem Rennmotorrad. Neigen Sie zum Übermut?

Schumacher: Ich hatte zu spät gebremst. Übermut? Ich würde es eher das Ausloten von Grenzen nennen. Das Schlimme daran war nur, dass ich mir die falsche Strecke für diesen Lernprozess ausgesucht hatte. Die Auslaufzone in Cartagena war zu kurz. Wenn man auf dem Nürburgring zu spät bremst, fährt man geradeaus in die asphaltierte Auslaufzone und zurück auf die Piste. In Spanien aber musste ich versuchen, die Maschine vor der Streckenbegrenzung zum Stehen zu bringen. Das war das Fatale. Ich überschlug mich und tauchte in den Kies ein. Deswegen die Verletzung. Die anderen sogenannten Unfälle waren Wegrutscher, bei denen ich mir nicht einmal blaue Flecken holte. Die wurden hochgespielt.

SPIEGEL: Vor einem Monat waren Sie erneut auf einer Rennstrecke unterwegs. Wollen Sie denn tatsächlich wieder Rennen fahren?

Schumacher: Erst einmal nicht. Aber auch da will ich mich nicht festlegen. Ich bin jetzt ja raus aus dem Rhythmus, und wenn, dann werde ich mir etwas engere Grenzen setzen. Aber klar: Ich war nicht immer der Vernünftigste und, auch wenn man mir das vielleicht nicht zutraut, in gewisser Weise immer sehr leidenschaftlich. Das betrifft nicht nur das Motorradfahren, sondern auch andere Dinge.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Schumacher: Wenn Sie mich vor ein paar Jahren gefragt hätten, ob ich am Fallschirm aus dem Flugzeug springe, dann hätte ich Ihnen einen Vogel gezeigt: niemals. Zumal ich früher Höhenangst hatte.

SPIEGEL: Und jetzt springen Sie aus dem Flugzeug?

Schumacher: Ja. Und ich genieße es.

SPIEGEL: Kann es sein, dass es Sie sehr ärgert, wenn Sie etwas nicht beherrschen?

Schumacher: Nein, so bin ich nicht. Ich habe kein Bedürfnis, etwas zu beweisen, weil jemand etwas kann, das ich nicht kann. Es muss mir schon Spaß machen.

SPIEGEL: Sie springen Fallschirm, klettern steile Hänge hoch, fahren Motorrad, Kart und fast sogar wieder Formel 1. Was reizt Sie so sehr an der Gefahr?

Schumacher: Das sind komplett unterschiedliche Dinge. Kart und Formel 1, da geht es um ein Rad-an-Rad-Duell, es ist ein Zweikampf Mann gegen Mann.

SPIEGEL: Brauchen Sie das Adrenalin?

Schumacher: Im Rennsport hat Adrenalin nichts zu suchen, da braucht man Kontrolle und Ruhe. Erst wenn man abfliegt, kommt das Adrenalin, aber sogar dann muss man sehr ruhig bleiben und überlegen, wohin es beim Abflug geht und was man jetzt noch tun kann. Klettern, Fallschirmspringen, das ist etwas ganz anderes. Da steht man oben an der Kante, springt raus und hat dieses High-Gefühl.

SPIEGEL: Sie könnten ja auch segeln gehen auf dem Genfer See.

Schumacher: Habe ich probiert. Mein Vater war neulich hier, wir sind rausgefahren mit der ganzen Familie, aber irgendwie habe ich mich danach wieder auf mein Motorboot gefreut. Interessante, spannende Dinge auszuprobieren, das ist jetzt der Luxus meiner Freiheit. Ich lebe. Ich will Spaß haben. Und dazu gehören verrückte Dinge.

Schon mit 22 kam Schumacher in die Formel 1, in seiner zweiten Saison gewann er seinen ersten Grand Prix. Er war ein Siegertyp, aber er war nicht einer dieser lässigen Burschen, die ihre Zeit zwischen den Rennen auf Partys oder Yachten verbringen. Schumacher war schon auf der Kartbahn in Kerpen ein Schrauber, und er ist es bis heute geblieben. Er arbeitete, testete, tüftelte mit den Ingenieuren, stählte seinen Körper, blieb resistent gegen Boxenluder, heiratete und schien sich nichts von dem zu greifen, was das Leben einem jungen Superstar so vor die Füße wirft.

Disziplin, Willenskraft, Präzision, das nennt er als Gründe für seinen Erfolg. Perfekt, um einen Rennwagen im Grenzbereich der Physik zu bewegen. Aber es sind keine Gründe für die Liebe des Publikums.

Zweimal nur wurde Schumacher zu Deutschlands Sportler des Jahres gewählt, seine Popularität in der Auto-Nation blieb weit hinter seinen Erfolgen zurück. Sogar seine besten Rennen erreichten im Fernsehen kaum die Quoten von Fußball-Länderspielen. Und er selbst? Sogar als Schumacher die Konkurrenz demütigte, wollte er partout kein Held sein.

Sein Comeback hat alles verändert. Sein Hilfsdienst für Ferrari brachte ihn sogar in den Abendnachrichten von ARD und ZDF weit nach vorn. "Der letzte große Mann" sei er und "bewundernswert" seine Entscheidung, schrieben deutsche Zeitungen, "zum ersten Mal bringt er sich als Mensch ins Spiel", ein italienisches Blatt. Schumacher galt plötzlich als jemand, der alles riskiert für seine Leidenschaft, seine Gesundheit, die ganze Legende. Und als er vor den Nackenschmerzen kapitulierte, befand sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel dies für wichtig genug, um es zu kommentieren: "Ich finde es richtig, dass er keine unnötigen Risiken eingeht." Und in Italien schrieb ein Journalist: "Auch Schumi ist nur ein Mensch."

SPIEGEL: Ihr letzter Arbeitstag als Rennfahrer war der 22. Oktober 2006, da sind Sie während des Rennens in Brasilien auf den letzten Platz zurückgefallen und wurden am Ende Vierter. Es gibt viele, die sagen, das sei Ihr bestes Rennen gewesen. Wie fühlt man sich am Morgen danach, am ersten Tag eines neuen Lebens?

Schumacher: Nach dem Kater, den ich erst mal hatte: sehr glücklich, sehr befreit.

SPIEGEL: Wirklich?

Schumacher: Ja, weil ich wollte, dass es vorbei ist. Ich hatte ja alle Möglichkeiten. Ferrari hatte mir einen langfristigen Vertrag angeboten, an dem es auch finanziell nichts auszusetzen gab. Aber das Geld hat schon vorher nie eine entscheidende Rolle gespielt. Es gab für mich auch keine sportlichen Gründe mehr. Macht es einen Unterschied, sieben- oder achtmal Weltmeister geworden zu sein, drei oder vier Rennen mehr gewonnen zu haben? Nein.

SPIEGEL: Sie haben immer gesagt, Ihr Akku sei damals leer gewesen. Was heißt das?

Schumacher: Mir fehlte die Kraft, die Energie. Meine letzten beiden Jahre als Fahrer waren in dieser Hinsicht schon grenzwertig. Ich musste mich quälen, immer wieder auf irgendwelchen Rennstrecken tagelang Tests zu fahren. Das ist sehr anstrengend, und ich bin niemand, der anfängt zu schludern. Das ist nicht mein Naturell.

SPIEGEL: Testfahrten in der Formel 1 sind heute während einer Saison verboten.

Schumacher: Der Hauptpunkt aber war, dass mich das ganze Drumherum so müde gemacht hatte. Das sind die Erwartungen, die ich selbst an mich hatte, und das sind die Erwartungen, die von außen an mich herangetragen wurden. Vom Rennstall, von den Fans, von den Sponsoren und von den Medien, die einen über den Klee lobten und plötzlich durch den Kakao zogen. Es wurde immer schwieriger, sich und den anderen gerecht zu werden.

SPIEGEL: Was ist daran so kraftraubend?

Schumacher: Egal ob bei Testfahrten oder beim Training während des Rennwochenendes - jeder Weg von der Box zu unserem Motorhome war eine Qual. Da waren immer irgendwelche Leute, die etwas von mir wollten. Aber selber ist man im Kopf ja nicht bei denen, sondern auf der Strecke. Wenn Kinder da waren, habe ich versucht, ihnen das zu geben, was sie wollten, aber man kann es nicht allen recht machen.

SPIEGEL: Man sah Sie im Fahrerlager eigentlich immer nur im Laufschritt. Weil Sie auf der Flucht waren?

Schumacher: Das war kein Laufschritt, das war Galopp. Ich habe damals eine Art Schutzschild mit mir herumgetragen. Das kann ziemlich anstrengend sein.

SPIEGEL: Warum?

Schumacher: Weil man weiß, dass man die Erwartungen all dieser Leute nie erfüllen kann. Und ich fühle mich nicht wohl dabei, Leute unglücklich zu machen. Das ist meine Natur. Ich möchte Harmonie um mich herum haben, aber wenn es einfach zu viele werden, die auf mich einstürmen, wenn man selber den Kopf woanders hat und haben muss, dann kann man nicht alle glücklich machen. Und diese Negativstimmung, die dadurch entsteht, die spürt man.

SPIEGEL: Galten Sie deshalb lange als unnahbar und arrogant?

Schumacher: Mag sein. Ich habe lange gebraucht, um beispielsweise die Arbeitsweise der Medien zu verstehen. Irgendwann war mir klar, dass es da nicht immer um die Sache geht, sondern leider Gottes oft darum, dass manche jemanden wie mich in die eine oder andere Richtung schieben wollen. Und da können Sie sagen und machen, was Sie wollen, der Zug, der dann abfährt, der ist nicht mehr aufzuhalten. Heute weiß ich, wogegen ich angehen muss und wogegen nicht.

SPIEGEL: Sie hätten auch sagen können: Schreibt, was ihr wollt, das interessiert mich überhaupt nicht.

Schumacher: Aber so bin ich nicht. Ich bin sehr darauf bedacht, irgendwie alles so gut wie möglich auf die Reihe zu kriegen.

SPIEGEL: Es war Ihnen nicht egal, was in der Zeitung steht?

Schumacher: Nein.

SPIEGEL: Aber jemand, der in der Öffentlichkeit steht und für den dies Teil seines Berufes ist, mit dem er sehr viel Geld verdient, muss das aushalten.

Schumacher: Ja. Aber ich bin der Meinung, dass ich mein Geld zu 90 Prozent durch meine Arbeit für das Team verdient habe. Ich weiß schon, dass das ein Kreislauf ist, aber ich wurde bezahlt für meine Leistung im Auto - und nicht für meine Öffentlichkeitsarbeit.

SPIEGEL: Wie viel Geld haben Sie verdient?

Schumacher: So viel, dass ich mir als Kind die Zahl nicht einmal im Ansatz hätte vorstellen können. So viel, dass ich unabhängig bin. Und so viel, dass ich mir um meine Familie keine finanziellen Sorgen machen muss. Das ist ein schönes Gefühl, das gebe ich gern zu.

SPIEGEL: Sie spenden Millionen. Als Antwort auf die Vorwürfe aus Deutschland, ein Steuerflüchtling zu sein?

Schumacher: Was für ein zynischer Gedanke. Ich bin kein Zyniker. Wir machen das, weil uns bewusst ist, wie privilegiert wir es getroffen haben, und weil wir etwas zurückgeben wollen. So geradeaus gedacht ist das.

SPIEGEL: Die Öffentlichkeit erklärt jemanden zum Star, zum großen Helden und erwartet eine Gegenleistung: Nähe, Drama, was auch immer. Es ist ein Tauschhandel.

Schumacher: Ich weiß, und diese Erwartungen gab es ja schon nach meinen ersten Rennen in der Formel 1. Und von Anfang an war ich es, der auf die Bremse trat. Ich wollte nie, dass das alles ausufert, und habe immer gesagt: Macht da jetzt doch bitte nicht solch ein Riesending draus. Ich habe auch von Beginn an mein Privatleben geschützt und bin immer davon ausgegangen, dass das jeder akzeptieren müsste.

SPIEGEL: Das hat nicht funktioniert.

Schumacher: Trotzdem bin ich nicht verpflichtet, alles mitzumachen. Ich habe eine klare Linie gezogen, und dann gab es Leute, die diese Linie überqueren wollten. Dagegen habe ich mich dann gewehrt.

SPIEGEL: Der Rummel wurde zu groß?

Schumacher: Sie müssen berücksichtigen, wie mein Weg verlaufen war: Ich habe mit diesem Sport nicht angefangen, weil man da viel Geld verdienen kann und berühmt wird. 15 Jahre lang war ich auf der Kartbahn unterwegs. Irgendwann ergaben sich andere Chancen. Durch viele Zufälle und Gönner, die mir Material und Geld gaben, weil sie mir mehr zutrauten als ich mir selber, ging es immer weiter nach oben. Der Rummel, die Prominenz, der Hype, danach habe ich mich nicht gesehnt. Das ist plötzlich auf mich eingestürzt. Ich musste lernen, damit umzugehen. Wenn ich weniger Geld verdient hätte - auch in Ordnung. Aber hätte ich deswegen nein sagen sollen zu dem vielen Geld, das ich angeboten bekam?

SPIEGEL: Hat Ihr Rücktritt als Versuch funktioniert, dem Druck der Erwartungen zu entgehen und Ruhe zurückzubringen in Ihr Leben?

Schumacher: Das hat es, was mein Privatleben betrifft, auch schon vorher. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich mich mitteilen muss. Okay, um meinen Rücktritt zu erklären vielleicht, aber danach hat sich das schnell normalisiert.

SPIEGEL: Trotzdem gibt es ein sehr großes Interesse an Ihren Auftritten als Motorradrennfahrer, die ja eigentlich Privatvergnügen sind. Vor allem an Ihren Unfällen.

Schumacher: Mag sein. Aber ich lebe ja in der Schweiz, da bekommt man nicht alles mit, was da so in deutschen oder italienischen Zeitungen gedruckt wird. Hier machen höchstens die Jungs bei meinem Fußballverein ein paar Bemerkungen.

SPIEGEL: Ist das der Unterschied zu damals: Heute ist es Ihnen egal geworden, was in der Zeitung steht?

Schumacher: Sagen wir es so: Es wäre mir auch recht, wenn gar nichts in der Zeitung steht. Aber das ist wohl Teil des Spiels, das habe ich gelernt.

SPIEGEL: Der Rücktritt war ein Schritt in die Freiheit?

Schumacher: Definitiv. Früher war ich ja der Junge aus Kerpen. Jeder hat gedacht, er sei irgendwie mein Kumpel. Jetzt bin ich 40 und so etwas wie eine Symbolfigur geworden. Inzwischen habe ich auch das Gefühl, die Leute sind etwas vorsichtiger geworden.

SPIEGEL: Eine Symbolfigur für was?

Schumacher: Dafür, wie man sich durch den Sport, Arbeit, Disziplin und Hingabe etwas erschafft. Und für die Formel 1.

SPIEGEL: Warum haben Sie sich überhaupt auf ein Comeback eingelassen?

Schumacher: Weil mich Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo bat, nach dem Unfall von Felipe Massa einzuspringen. Für mich selbst gab es da keine Notwendigkeit. Ich habe mich in einer außergewöhnlichen Situation überreden lassen. Auch weil klar war, dass es nur um ein paar Rennen ging.

SPIEGEL: Wie überredet man Sie?

Schumacher: Lassen Sie es mich so sagen: Luca di Montezemolo hat eine sehr überzeugende Art. Geld spielte übrigens keine Rolle, falls Ihre Frage darauf abzielte.

SPIEGEL: Gab es überzeugende Gründe für Sie, es zu tun?

Schumacher: Eigentlich kaum. Ich habe mich natürlich gefragt, ob ich überhaupt eine Hilfe sein kann. Ich steige ja nicht in einen Rennwagen, nur um ihn ins Ziel zu bringen. Und selbst wenn ich gewänne: Was bringen mir ein paar Siege mehr? Ich hatte keine Möglichkeit, das aktuelle Auto zu testen. Das Comeback machte im Prinzip für mich keinen Sinn, zumal ich ja auch - anders als die Öffentlichkeit - wusste, dass es das Problem mit dem Nacken gibt.

SPIEGEL: Und dann?

Schumacher: Im Gespräch mit Montezemolo wurde mir vieles klar: wie viel ich Ferrari verdanke, wie sehr das meine Familie geworden ist und dass ich das auch für Felipe tun wollte, der für mich in unserer gemeinsamen Zeit bei Ferrari so etwas wie ein kleiner Bruder geworden war.

SPIEGEL: Und Sie haben dann den Schalter umgelegt? Das geht so einfach?

Schumacher: Ja. Weil da sehr schnell der Realist in mir durchkommt. Ich habe meinen Terminkalender umgestellt, mit den Ingenieuren gesprochen, meinen Körper trainiert und dabei festgestellt, dass meine körperlichen Leistungswerte und mein Reaktionsvermögen so gut waren wie früher. Das ging alles ganz schnell.

SPIEGEL: Zwei Tage nachdem Sie Ihr Comeback angekündigt hatten, testeten Sie erstmals auf der Rennstrecke von Mugello. Fühlte sich alles an wie früher?

Schumacher: Es hat nur ein paar Runden gedauert, bis ich wieder das Gefühl hatte, dass ich das Auto am Limit bewege.

SPIEGEL: Ein Glücksgefühl?

Schumacher: Eher ein Bestätigungsgefühl. Aber das war ja nicht der Punkt. Es ging in Mugello darum herauszufinden, ob mein Nacken mitspielt oder nicht. Und gleich beim Anbremsen der ersten Kurve, wo man mit den Rädern über Bodenwellen fährt, von denen harte Schläge aufs Auto einwirken, bekomme ich voll eine geschossen.

SPIEGEL: Ein deutlicher, böser Schmerz?

Schumacher: Es hat gut weh getan. Also bin ich um die Bodenwellen herumgefahren. Außerdem gibt es auch noch zwei Kurvenpassagen, die man fast Vollgas durchfährt, und die erste hat eine schöne Welle genau in der Mitte. Das hat jedes Mal weh getan. Also fährt man nicht am Limit. Unser Plan war, den darauffolgenden Tag Pause zu machen und zu schauen, wie sich die Dinge entwickeln. Wir haben versucht, mit Medikamenten nachzuhelfen, um die Reizung wegzubekommen. Es wurde aber trotzdem nicht besser. Es ging eben nicht.

SPIEGEL: Sind Sie noch traurig, dass es doch nicht geklappt hat?

Schumacher: Ja, ich beiße mir schon in den Hintern, dass mir das widerfahren ist. Aber das ist das Leben. Manchmal passieren Dinge, die man nicht beeinflussen kann und deren Folgen größer sind, als man es gern hätte. Ich habe ein paar Tage gebraucht, um meine Absage zu verdauen. Ich habe mich sofort wieder mit dieser Aufgabe identifiziert, ich war auch glücklich, es noch einmal probieren zu können. Und ich war dann auch sehr enttäuscht, weil ja alles zu klappen schien, nur dieser eine Bereich, der Nacken, funktionierte nicht. Wir haben vorhin schon darüber gesprochen, wie sehr mich die Reaktionen auf das Comeback überraschten. Vor allem zu Beginn meiner Karriere war ich oft als Roboter dargestellt worden, als Unnahbarer, als der Unsympathische. Alles Beschreibungen, die mit meiner eigenen Wahrnehmung überhaupt nicht zusammenpassten. Das ist schon merkwürdig.

SPIEGEL: Das hat Sie geärgert damals?

Schumacher: Es hat mich beschäftigt, keine Frage. Und es hat mich gewundert, dass das plötzlich durch dieses Comeback alles ausgelöscht schien.

SPIEGEL: Könnte man sagen, Sie haben sich nicht geliebt gefühlt?

Schumacher: Manchmal habe ich mich wirklich wie der Ungeliebte gefühlt. Das habe ich mir so erklärt, dass derjenige, der zu oft gewinnt, irgendwann Opfer seines Erfolgs wird. Dem FC Bayern ergeht es ja nicht viel anders.

SPIEGEL: Das Publikum liebt stattdessen die Underdogs.

Schumacher: Genau. Ich habe neulich einen Abend lang mit dem Vater von Lewis Hamilton Poker gespielt. Es war hochinteressant, was er darüber erzählte, wie die britischen Medien mit seinem Sohn umgehen. Ich dachte, so einer wie Lewis, so ein junger Bursche mit diesem Erfolg, der müsste da ein fast übermenschlicher Superstar sein. Aber offenbar mögen die Jenson Button viel lieber.

SPIEGEL: Lewis Hamilton wurde bereits in seiner zweiten Formel-1-Saison Weltmeister. Er ist vielleicht zu zielstrebig, zu glatt.

Schumacher: Und Button dagegen ist schon seit fast zehn Jahren dabei und hat erst jetzt plötzlich Erfolg. Solche Geschichten lieben die Leute. Das, was Lewis erlebt, erinnert mich an etwas.

SPIEGEL: Man ahnt es.

Schumacher: Ist das nicht schizophren? Jemand hat solch einen Erfolg und findet so wenig Respekt im eigenen Land, obwohl die Leute doch eigentlich stolz auf ihn sein müssten?

SPIEGEL: Haben Sie den Vater von Lewis Hamilton besiegt beim Poker?

Schumacher: Er hat schon auch gewonnen. Aber ich muss leider sagen: ich mehr.

Eine Karriere hatte Schumacher nie geplant. Der erste Kart wurde von einem gebrauchten Rasenmähermotor angetrieben. Als dem Vater das Hobby des Sohnes zu teuer wurde, fanden sich Unterstützer, erst der Betreiber eines Malergeschäfts, dann ein Automatenaufsteller. Schumacher lernte, dass die Währung, mit der er das alles zurückzahlen konnte, die Erfolge waren, die er zusammenfuhr. Er hat auch gelernt, dass es besser ist, nicht zu weit vorauszu- denken, weil schon morgen kein Rennfahrzeug mehr bereitstehen könnte.

Viele der großen Sportstars haben solche Aufsteigerbiografien. Und viele von ihnen können später nicht mehr loslassen von dem, was sie nach oben gebracht hat. Muhammad Ali kehrte mit 38 zurück in den Ring, schwerfällig und schon gezeichnet von seiner beginnenden Parkinson-Krankheit. Michael Jordan kehrte zurück, Katarina Witt, Mark Spitz, Björn Borg, Niki Lauda, Lance Armstrong wurde in diesem Jahr Dritter der Tour de France, nach drei Jahren Pause.

Das Leben danach kann schwierig sein. Die einen werden Funktionäre, Trainer, Sportmanager oder Rennleiter: Das ist der Franz-Beckenbauer-Weg. Andere tauchen ins Private ab, wie es Steffi Graf getan hat, oder geben sich bereitwillig der Öffentlichkeit hin, so wie Boris Becker es macht. Oder sie treffen die riskante Wahl und stecken das Geld, von dem sie sorgenfrei leben könnten, in ein Unternehmen, so wie Niki Lauda.

Sportler haben während ihrer Karriere kaum Zeit, sich mit dem Danach zu beschäftigen. In der Lebensmitte noch einmal etwas zu entdecken, das genauso viel Leidenschaft weckt und Erfolg verspricht, ist mühsam. Das Risiko des Scheiterns gehört dazu. Und das ist für Weltmeister, Tour-Sieger, Wimbledon-Gewinner, Olympia-Helden eine unbekannte Erfahrung.

SPIEGEL: Was haben Sie vor, Herr Schumacher?

Schumacher: Mich haben nach meinem Rücktritt viele angesprochen, auch Vorstände großer Unternehmen: Michael, was machst du denn jetzt? Was hast du für Ideen? Ich sagte ihnen: Ich habe die Idee, erst mal gar nichts zu tun. Ich wollte mich nicht gleich in ein neues Abenteuer stürzen, sondern frei sein und genießen.

SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, dass Bücher Sie gar nicht interessieren.

Schumacher: Die Bücher, die ich in den vergangenen zehn Jahren gelesen habe, kann ich an einer Hand abzählen. Aber ich bin gerade total fasziniert von so einem Bücherband von Stephenie Meyer, "Twilight" heißt der erste Band. Es geht um die Beziehung zwischen einem Mädchen und einem Vampir. Corinna hat das für uns besorgt, wir haben dann zusammen den Film gesehen, und das hat mich so gefesselt, dass ich mehr wissen wollte. Ich mit einem Buch auf der Terrasse - das ist auch für mich neu.

SPIEGEL: Kann es sein, dass Sie sich in den vergangenen drei Jahren etwas gelangweilt haben und nicht wussten, was Sie mit Ihrem Leben anfangen sollen, und sich deshalb auf das Comeback einließen?

Schumacher: Absolut nicht, nein. Die drei Jahre seit meinem Rücktritt sind schnell vergangen. Es gibt keine Langeweile. Es ist ja nicht so, dass ich nur auf dem Sofa liege. Ich habe meine Verpflichtungen und Partner, mit denen ich zusammenarbeite, vor allem mit Ferrari. Es gibt viel zu tun, um das, was meine Frau und ich aufgebaut haben, zu erhalten und voranzutreiben. Wir möchten ja, dass nicht nur wir es schön haben, sondern auch unsere Kinder und Kindeskinder. Ich muss nicht Rennleiter von Ferrari sein, um ein ausgefülltes Leben zu haben. Manchmal sitzen meine Frau und ich auf der Terrasse und wundern uns, wie schnell die Zeit vergeht. Aber mir ist auch klargeworden, dass irgendwann etwas Neues kommen wird, ein neues Kapitel, dass ich Verantwortung übernehmen will. Irgendwann wird es so weit sein.

SPIEGEL: Das macht Sie nicht nervös?

Schumacher: Nein. Das wird sich ergeben. Corinna und ich haben uns auch gefunden, obwohl wir uns nicht gesucht hatten. Das war das Beste, was mir passieren konnte. Natürlich bin ich in einer sehr luxuriösen Position, es muss nichts kommen, um weiterzuleben. Das unterscheidet mich von anderen.

SPIEGEL: Fernando Alonso, zweimaliger Weltmeister und der letzte große Konkurrent in Ihrer Karriere, sagt: Das Leben rase an ihm vorbei, er komme in der Formel 1 nicht dazu wahrzunehmen, was mit ihm passiert. Später einmal will er versuchen, "über die besten Momente nachzudenken".

Schumacher: Das sagt mir nur bedingt etwas. Ich bin kein Mann der Vergangenheit. Ich gucke mir auch keine alten Rennen von mir an. Gegenwart, Zukunft, das zählt. Ich will mich nicht nur auf die Vergangenheit beziehen.

SPIEGEL: Wenn Sie mit Ihrer Frau auf der Terrasse sitzen und auf den Genfer See blicken, sprechen Sie dann auch darüber, was für einen Weg Sie gegangen sind? Woher Sie eigentlich kommen?

Schumacher: Mehr als nur einmal haben wir das gemacht.

SPIEGEL: Und? Haben Sie eine Erklärung für diesen Weg?

Schumacher: Ich bin da, ich glaube auch nicht zu Unrecht, sehr stolz drauf. Wie wir aufgewachsen sind und wie wir jetzt leben, da muss man sehr dankbar sein.

SPIEGEL: Denken Sie darüber nach, wieso Sie das geschafft haben?

Schumacher: Der Grund ist natürlich der sportliche Erfolg. Die Frage ist nur: Warum kam es zu diesem Erfolg? Wahrscheinlich ist das eine Kombination von Kleinigkeiten: Talent, na klar. Die Eltern, die das initiiert haben. Die Gönner, die mir halfen, als sich die Möglichkeiten meiner Eltern erschöpften. Und vielleicht auch dieses Gespür, mit den richtigen Leuten richtig umzugehen. Ich war relativ früh allein unterwegs und musste ständig Entscheidungen fällen, Menschen einschätzen, mit wem kann man, mit wem nicht. Am Ende aber ist es doch: Schicksal.

SPIEGEL: Muss man als Rennfahrer eher Ingenieur als Künstler sein?

Schumacher: Beides. Man muss ein Verständnis für mechanische Prozesse haben. Andererseits braucht man eine Begabung, sich Dinge in Kombination vorzustellen, also eine Vision zu haben und dies darstellen zu können - wie ein Künstler eben.

SPIEGEL: Welche Dinge?

Schumacher: Bei so einem Rennauto werden ständig neue Teile eingebaut und Details verändert. Man muss als Fahrer eine Idee davon entwickeln, wie diese neuen oder veränderten Teile miteinander funktionieren könnten. Die Formel 1 ist deshalb so spannend für mich gewesen, weil selbst das schnellste Auto noch irgendein Problem hat. Es gibt kein Auto, an dem nichts mehr zu verbessern ist. Es geht immer weiter. Und sich dieser Grenze zu nähern, an der wirklich alles perfekt ist, das löst bei mir Glücksgefühle aus.

SPIEGEL: Haben Sie sich von der Formel 1 innerlich entfernt?

Schumacher: Ein bisschen. Ich bin ja öfters noch dabei, aber es kann inzwischen auch passieren, dass mir die Familie an einem Sonntagnachmittag wichtiger ist. Seit drei Jahren habe ich die Gelegenheit, die Formel 1 so zu erleben, wie es auch die Zuschauer tun: am Fernseher. Da sieht man Rennfahrer in ihrem Auto, sie tragen einen Helm, und als Zuschauer erlebt man keine Emotionen. Fußball dagegen ist großes Theater, weil man den Sportlern direkt ins Gesicht schauen kann.

SPIEGEL: Was für einen Michael Schumacher hätte man ohne Helm erlebt?

Schumacher: Na ja, während der Rennen eher einen sehr konzentrierten und gleichmäßigen. Die Formel 1 ist ein Sport, in dem man Präzision, Mut und Kaltblütigkeit braucht. In diesen anderthalb Stunden braucht man einen Rhythmus und innere Ruhe, da darf man sich nur kurz rausreißen lassen, sonst geht es schief. Es sei denn bei rennenentscheidenden Momenten, beim Boxenstopp zum Beispiel - da hätten Sie sicher ein breites Grinsen oder einen Anflug von Jubel in den Augen gesehen. Und hinter der Ziellinie, bei Siegen, sicher einen ausgeflippteren Michael Schumacher, als sich manche vorstellen.

SPIEGEL: Die Formel 1 erlebt schwierige Zeiten: Große Teams werden der Manipulation überführt, dazu der Sexskandal um Max Mosley, die Ausstiege von Honda und BMW, die Auswirkungen der Wirtschaftskrise, das veränderte ökologische Bewusstsein der Öffentlichkeit, die Skrupellosigkeit von einer Figur wie Flavio Briatore, der einen seiner Fahrer absichtlich einen Unfall bauen lässt, damit Alonso gewinnt, und von Renault rausgeschmissen wird. Das alles klingt nach einem Irrenhaus.

Schumacher: Diese Skandale und die Hysterie darüber, die gab es schon immer. Er-

staunlich ist doch, dass sie der Formel 1 offenbar nicht schaden. Ich bin sogar überzeugt, dass sie Teil der Attraktivität, des Glamours sind. In letzterem Fall muss man ganz klar sagen: Hier wurde die Grenze überschritten.

SPIEGEL: Aber die Grenze ist unscharf?

Schumacher: Meiner Erfahrung nach ja. Lange Zeit gehörten Kämpfe mit Haken und Ösen dazu. Als ich in die Formel 1 kam, wurden Fahrer noch dafür gefeiert, dass sie alle Mittel einsetzten. Das war damals eine Art Grundverständnis. Nur, die Zeiten ändern sich eben. Heute gehen solche Dinge nicht mehr, weil sie gesellschaftlich nicht mehr toleriert werden.

SPIEGEL: Sind Skandale nach wie vor erwünscht, weil sie zum Geschäft gehören?

Schumacher: Verdächtigungen und Gerüchte, ob sie nun stimmen oder nicht, sorgen für großes Aufsehen - das ist in anderen Sportarten oder der Musikbranche nicht anders. Es ist ja kein Geheimnis, dass in der Formel 1 extreme Charaktere unterwegs sind. Mosleys Beispiel zeigt das doch. Als sein Fall bekannt wurde, hieß es sofort: Wer aus der Formel 1 steckt dahinter?

SPIEGEL: Ihre Comeback-Ankündigung scheint kurz abgelenkt zu haben von all diesen Problemen.

Schumacher: Bestimmt. Die Leute von BMW, die am selben Tag bekanntgegeben haben, dass sie sich aus der Formel 1 herausziehen werden, sind darüber sicherlich ganz froh gewesen.

SPIEGEL: Die Ferrari-Leute sprechen davon, in der nächsten Saison vielleicht mit drei Autos an den Start zu gehen. Auch Ihr Name fällt da als Fahrer.

Schumacher: Das haben wir hier schon alles besprochen.

SPIEGEL: Journalisten können mühsam sein.

Schumacher: Nochmals: Ich plane kein Comeback, aber wer weiß, was alles passiert.

SPIEGEL: Kann man das alles so zusammenfassen: Ein Comeback war nicht gerade Ihr Herzenswunsch, aber als Sie dann überredet wurden, hat es Ihnen großen Spaß gemacht. Und: Es wird auch weiterhin für Sie ohne die Formel 1 im Leben weitergehen. Stimmt das so?

Schumacher: So kann man das zusammenfassen.

SPIEGEL: Haben Sie inzwischen die Kunst des Schlenderns entdeckt?

Schumacher: Ich bin immer noch ein sehr effektiv denkender Mensch. Bei mir muss alles schnell gehen, das steckt in mir drin. Heute erwische ich mich manchmal dabei, dass ich mich auch mal bremsen kann. Immerhin. Aber es gibt Eigenschaften, die kann man nicht vollends ablegen.

SPIEGEL: Herr Schumacher, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Zur Absage des Comebacks am 12. August in Genf.* Nach seinem Motorradunfall im spanischen Cartagena am 11. Februar.* Mit den Redakteuren Detlef Hacke, Georg Mascolo, Lothar Gorris in Givrins, Schweiz.

DER SPIEGEL 43/2009
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