30.09.1953

VON NEW YORK BIS ZUM BOSPORUS

VON NEW YORK BIS ZUM BOSPORUS
erstrecken sich die jetzt laufenden Herbstmanöver der Atlantikpakt-Staaten, die in fünf Operationen aufgegliedert sind.
* Operation Monte Carlo (10. bis 13. September), 175 000 Teilnehmer.
Aus einem Brückenkopf östlich des Rheins, etwa im Raum um Frankfurt, marschieren die "Westland"-Truppen (5. US-Korps, 7. US-Korps, 1. belgisches Korps, 2. französisches Korps) gegen "Ostland". Die "Ostland"-Kräfte (4. US-Infanteriedivision, je eine belgische und französische Brigade) sollen eine Linie, die durch Kassel läuft, mindestens vier Tage halten und Kassel vier Tage verteidigen. Stärkeverhältnis West zu Ost: 3:1. Ergebnis der vier Manövertage: Den schwachen Osttruppen ist es gelungen, die Kasseler Linie vier Tage zu halten, den dreimal so starken Westverbänden glückte es nicht, Kassel bis zum Manöverschluß zu nehmen. Zwei Faktoren, so sagte nach der Schlacht der Manöverleiter, Generalleutnant William M. Hoge, seien für die erfolgreichen Verteidigungsaktionen der Osttruppen maßgebend gewesen: das Legen von ausgedehnten Minenfeldern und die Sprengung der Edertalsperre durch Ostpioniere, wodurch ein Gebiet von mehr als 50 Quadratkilometern in der Manöverannahme überschwemmt worden war. - Ganz Schlaue wollen herausgefunden haben, daß die Gesamtanlage von "Operation Monte Carlo" vielleicht nur ein Bluff und auf der Landkarte um 180 Grad verdreht dargestellt worden war. Die Nato-Organisatoren hätten mit den schwachen "Ostland"-Truppen in Wirklichkeit sich selbst gemeint, mit den starken "Westland"-Truppen aber die Russen.
* Operation Grand Repulse (18. bis 24. September), 60 000 Teilnehmer.
An der deutschen Nordseeküste zwischen Oldenburg und Bremen sind "Nordland"-Truppen, dargestellt durch eine britische Infanteriedivision und das 3. dänische Infanterieregiment, gelandet. Aus dem Raum von Lingen stoßen die "Westland"-Truppen (1. holländisches Korps, verstärkt durch die 27. kanadische Infanteriebrigade) gegen den Brückenkopf in die Gegend von Oldenburg und Delmenhorst vor. Nach zwei Tagen ist der "Nordland"-Brückenkopf schon erheblich eingeengt. Ein kanadisches Bataillon überrascht eine schlafende dänische Wache an einer Delmebrücke und rückt unbehindert über den Fluß in die "Nordland"-Stellungen hinein. Die militärische Nato-Prominenz beobachtete die Übungen nicht vom Hauptquartier "Westlands", sondern von dem kleiner werdenden Brückenkopf "Nordlands" aus.
* Operation Mariner (21. September bis 4. Oktober), 500 000 Teilnehmer.
300 Schiffe, 1000 Flugzeuge und Portugiesen, Franzosen, Holländer, Belgier, Dänen, Norweger, Briten und Amerikaner üben die Sicherung von Geleitzügen aus Amerika mit Nachschub für die europäischen Landfronten. Auch die Schiffe des planmäßigen Europa-Amerika-Verkehrs werden in die Übungen einbezogen.
* Operation Heads Up.
Norwegische und dänische Luftstreitkräfte veranstalten zur Abschirmung der "Operation Mariner" die ersten kombinierten skandinavischen Luftmanöver.
* Operation Weldfast (30. September bis 8. Oktober).
Eine feindliche Macht ist nach dem Manöverplan in Mazedonien und Thrazien eingefallen und hat die griechischen und türkischen Armeen zurückgeworfen, die Türken in Richtung Istanbul, die Griechen nach Saloniki. Die 6. US-Flotte läuft Griechenland an und landet amerikanische und britische Truppen; Griechen und Türken gruppieren sich neu und kämpfen sich wieder bis auf ihre Ausgangsstellungen vor.
Bei den Manövern in Deutschland hat die Verständigung zwischen den Truppenkontingenten der verschiedenen Nationen keinerlei Schwierigkeiten gemacht. Bei der "Operation Monte Carlo" brauchten sich nur die Divisionsstäbe mit dolmetschenden Verbindungsoffizieren zu unterhalten. Unterhalb der Divisionen kam es praktisch zu keinerlei Verbindung zwischen den Nationen. Frage der Beobachter: Werden die Soldaten im Ernstfall nie durcheinander gewürfelt werden?
Meinte der "Wiesbadener Kurier" zur "Operation Monte Carlo": "Die 3-zu-1-Überlegenheit des Vereinigten 'Westland' über den Angreifer 'Ostland' einschließlich absoluter Luftüberlegenheit, dazu die zusammenhängende und sorgfältig gewahrte Front der Westleute läßt den laienhaften Beobachter zweifeln, ob überhaupt hinter der Gesamtanlage dieser Manöver der Wunsch nach möglichster Wirklichkeitsnähe stand."

DER SPIEGEL 40/1953
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