26.10.2009

GESUNDHEITOrientalische Sitten

Krankenhäuser und Reha-Kliniken klagen über die schlechte Zahlungsmoral von Medizintouristen aus Arabien. Die Scheichs werden vielerorts nur noch gegen Vorkasse behandelt.
Die Neurologische Reha-Klinik Godeshöhe in Bonn, malerisch gelegen auf einem Hügel am Rhein, hat einen guten Ruf - und zwar weltweit. Der Pflegestandard ist hoch, die Versorgung von Hirntraumatisierten, Parkinson-Kranken und Schlaganfallopfern gilt international als vorbildlich. So sitzen Rekonvaleszenten aus allen Kontinenten an sonnigen Herbsttagen auf der klinikeigenen Panoramaterrasse, blicken über das Rheintal und schöpfen neue Lebenskraft.
In jüngerer Zeit freilich zeigt sich, dass der Medizintourismus auch Schattenseiten hat. Manch ausländischer Patient verschwand, ohne sich um die Rechnung zu
kümmern; das hatte es früher nie gegeben. Zurück blieben offene Forderungen von teils mehreren Zehntausenden Euro.
Andere Patienten wollten bleiben, hatten aber angeblich kein Geld dabei. In gleich zwei Fällen musste unlängst die Polizei anrücken, um zahlungsunwillige Gäste auf Betreiben der zuständigen Botschaft vor die Tür zu setzen.
Den mit Abstand größten Ärger macht dabei ausgerechnet jene Patientengruppe, mit der die Klinikleitung bislang die stärksten Hoffnungen verband: die zahlungskräftige Kundschaft aus den reichen Ölstaaten des Nahen Ostens. Bis zu 10 000 Patienten samt Angehörigen aus Saudi-Arabien, Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten kommen laut Branchenschätzung jedes Jahr nach Deutschland, um sich behandeln zu lassen. Das deutsche Medizinwesen genießt im Orient noch immer einen ausgezeichneten Ruf.
Und so waren die deutschen Krankenhausmanager zunächst auch wie elektrisiert von der Idee, fernab der Budgetierung der gesetzlichen Krankenkasse die freien Betten mit zahlungskräftigen Patienten aus dem Morgenland zu belegen. Von einem potentiellen Milliardengeschäft war die Rede, von einem Märchen wie aus Tausendundeiner Nacht. Mancher Klinikkonzern träumte bereits von Luxusspitälern mit angeschlossenem Fünf-Sterne-Hotel, um die Scheichs mitsamt Hofstaat und Harem standesgemäß unterbringen zu können - gegen großzügig aufgerundete Rechnungen.
Doch die Euphorie ist schlagartig verflogen. Wie die Reha-Klinik Godeshöhe klagen viele Krankenhäuser darüber, sie würden bei der Abrechnung mit Patienten aus Arabien über den Tisch gezogen. Aus dem angeblichen Milliarden-Business droht ein Zuschussgeschäft zu werden.
Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) behandelt Patienten aus Saudi-Arabien oder Kuwait jetzt nur noch gegen Vorkasse. Die kommunalen Großkrankenhäuser in Nürnberg, Stuttgart und München sind dabei, ihre Umsätze mit Patienten aus dem Nahen Osten drastisch herunterzufahren. Die Schön Kliniken, ein Konzern mit bundesweit 15 Einrichtungen, lehnen Behandlungsanfragen der Botschaft Saudi-Arabiens neuerdings ab.
Bevor neue Patienten aufgenommen werden, sollen die alten erst einmal ihre Rechnungen bezahlen. Eine Million Euro sind allein beim UKE in Hamburg offen. Von "branchenweit mehr als hundert Millionen Euro Außenständen" spricht der Bundesverband Neuro-Rehabilitation. Das wäre ein Betrag, von dem sich der Neubau eines hochmodernen Kreiskrankenhauses mit 300 Betten finanzieren ließe.
Zu einer vergleichbaren Einschätzung kommt auch eine Studie der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, die sich mit der Zahlungsmoral im Medizintourismus beschäftigt hat. Probleme mit Russen und anderen Osteuropäern gibt es demnach praktisch nie, Scherereien mit arabischen Botschaften hingegen sehr oft. Laut Studie sind offene Forderungen von 100 000 Euro für die Kliniken normal. Nur acht Prozent der Krankenhäuser haben keine Außenstände; etwa jede siebte Klinik, fast 14 Prozent, sitzt auf unbezahlten Rechnungen von mehr als einer Million Euro. "Die Außenstände dürften fast einen dreistelligen Millionenbetrag erreichen", sagt Jens Juszczak, Autor der teils noch unveröffentlichten Studie.
Das Problem hat inzwischen auch die Politik erreicht. Vor der Sommerpause trafen sich Fachleute des Auswärtigen Amts mit Vertretern einzelner arabischer Botschaften, um "über die Problematik der zeitlich verzögerten Begleichung von Rechnungen" zu reden, wie es diplomatisch in einer Stellungnahme heißt. Den Kliniken bot das Außenamt an, "in allen strittigen Einzelfällen als Vermittler" einzuschreiten. Das Ministerium hat außerdem ein dreiseitiges Merkblatt mit Tipps verfasst, darunter der dringende Rat, "alle Möglichkeiten der Vorkasse oder freiwilligen Abschlagszahlung" zu nutzen.
Saudi-Arabien und Kuwait verfügen dank ihrer Ölvorkommen zwar über märchenhaften Reichtum - zum Aufbau eines eigenen funktionierenden Gesundheitswesens hat es bislang jedoch nicht gereicht.
Und so dürfen sich zumindest die Privilegierten jener Länder im Krankheitsfall in Deutschland behandeln lassen. Die Kosten, so lautet im Normalfall das Versprechen, trägt die Regierung. Mit der Organisation sind oft die Botschaften und Konsulate der Golfstaaten betraut, denen eine Schlüsselrolle zukommt. Teils suchen sie die Kliniken aus. Anschließend bescheinigen sie dem Krankenhaus, dass sie die Behandlungskosten übernehmen werden.
Doch dann beginnen die Probleme. Die Bonner Godeshöhe wartet seit nunmehr vier Jahren darauf, dass die Botschaften von Saudi-Arabien und Kuwait Geld überweisen. Insgesamt geht es um einen Millionenbetrag. Für die vergleichsweise kleine Reha-Klinik "ist das leider kein Pappenstiel", sagt der Geschäftsführer Rolf Radzuweit.
Sein Schriftwechsel mit den Botschaften füllt inzwischen mehrere Aktenordner. Vor allem die Korrespondenz mit den Diplomaten Saudi-Arabiens, gut zu erkennen am Wappen mit den gekreuzten Krummsäbeln im Briefkopf, ist im Ton immer schroffer geworden.
Im Prinzip geht es darum, dass Radzuweit gern möchte, dass die Rechnungen in voller Höhe bezahlt werden, so, wie er es von der AOK gewohnt ist. Der Botschafter hingegen möchte Rabatt haben, wie es im internationalen Geschäftsleben, mindestens aber im Orient, guter Brauch sei. Erste Vorstellungen lagen bei etwa 60 Prozent der geforderten Summe. "Ein Unding", sagt Radzuweit. "Wir sind hier im deutschen Gesundheitswesen. Aber es geht zu wie auf einem orientalischen Basar."
Die Botschaften wiederum hegen den Verdacht, dass so manche Klinik versucht, die Rechnung künstlich hochzutreiben, um mit der Abzocke ahnungsloser Ausländer einen Ausgleich für das schlechte Geschäft mit der deutschen Krankenversicherung zu schaffen. "In der Vergangenheit sind wiederholt Fälle zu Tage getreten, die von überhöhten Preisen und intransparenten und rechtswidrigen Abrechnungen geprägt waren", heißt es in einem Schreiben eines Anwalts der saudiarabischen Botschaft. Deshalb müsse man nun einmal besonders genau hinsehen.
Tatsächlich fallen die Rechnungen an Araber zumeist höher aus als an vergleichbare Privatpatienten. Doch das ist nach Ansicht der Krankenhäuser auch gerechtfertigt. Für arabische Patienten, so Radzuweit, werde in der Regel ja schon wegen der Sprachbarrieren ein wesentlich höherer Aufwand betrieben.
Viele Kliniken haben in den vergangenen Jahren beträchtliche Summen investiert, um den besonderen Ansprüchen der arabischen Klientel gerecht zu werden, etwa durch einen Gebetsraum, speziell erweiterte Angehörigenzimmer und einen Küchenbetrieb, der auf die Ernährungsgewohnheiten muslimischer Patienten eingestellt ist. Diskret angebrachte Pfeile weisen Richtung Mekka. Kaum ein Krankenpfleger, der keine Fortbildung über islamische Moralvorstellungen und Reinheitsvorschriften absolviert hat.
Auch an die Ärzte werden im Umgang mit arabischen Patienten besondere Anforderungen gestellt. Chefärzte müssen bisweilen Spritzen setzen, für die sonst die Nachtschwester zuständig ist. Leitende Mediziner helfen beim Auskleiden, wenn sonst nur weibliche Pflegekräfte zur Verfügung stehen. Ein Arzt, der einem arabischen Reha-Patienten anriet, sich am Bewegungsprogramm zu beteiligen, erinnert sich an rüde Zurechtweisung. Er wünsche keine Bewegung, sagte der Patient, er ziehe es vor, massiert zu werden.
Oft treten die Kliniken auch für An- und Abreise ihrer arabischen Patienten sowie für die Unterbringung von deren Angehörigen in Vorleistung. Das Hamburger UKE etwa beschäftigt fünf Leute, die sich, von der Hotelbuchung übers Ponyreiten bis zur Ballonfahrt, um das Rahmenprogramm mitgereister Familien kümmern.
Da kommt einiges zusammen. Noch länger in Erinnerung dürfte das Mitglied der saudischen Herrscherfamilie bleiben, das sich in Hamburg einer Routineoperation unterzog. Etwa 30 000 Euro betrugen die Behandlungskosten - ein Trinkgeld verglichen mit der Rechnung, die der Scheich in einem Luxushotel verursachte. Weil seine mitgereiste Familie bis zu 80 Zimmer gleichzeitig beanspruchte, kam fast eine Viertelmillion Euro zusammen, die der Scheich am Ende auch bezahlte.
Von einer "besonders anspruchsvollen Klientel" spricht denn auch Mathias Goyen, Chef der für das internationale Geschäft zuständigen UKE-Tochtergesellschaft. Einen Teil der Behandlungen will er am liebsten in die Heimat der Patienten zurückverlagern. In Arabien ist Goyen deshalb als Berater für Neubau und Betrieb von Kliniken unterwegs.
Die erste goldene Regel, die Goyen seinen Kunden für das Klinikgeschäft im Orient mit auf den Weg gibt, lautet: "Erst das Geld, dann die Operation."
ALEXANDER NEUBACHER
* Im Zelt für arabische Gäste des Hilton-Park-Hotels in München.
Von Alexander Neubacher

DER SPIEGEL 44/2009
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