02.11.2009

SPD

Letztes Aufgebot

Von Hickmann, Christoph

Die Zukunft der Genossen hängt davon ab, wie Sigmar Gabriel und Andrea Nahles zusammenarbeiten. Bislang waren sie Gegner, nun sollen sie die Partei gemeinsam aus der Krise führen.

Sie steht hinter ihm, er sieht sie nicht. Sie schweigt, er redet, sie schaut auf seinen Rücken, er schaut in die Kameras. Sie hat den Saal nicht gleich verlassen nach der Pressekonferenz, sie hat drinnen noch etwas zu bereden gehabt, deshalb steht er jetzt draußen allein vor den Mikrofonen und redet über Schwarz-Gelb, die Spaltung der Gesellschaft, Verrat am Allgemeinwohl.

Es ist ein Samstagnachmittag in Hannover, gut dreieinhalb Stunden lang hat im Congress Centrum der Landesparteirat der niedersächsischen SPD getagt. Sigmar Gabriel steht, während er redet, mit beiden Absätzen auf einer Fußleiste. Andere Menschen würden dabei vielleicht wackeln, doch er sieht gerade nicht aus, als könnte ihn etwas ins Wackeln bringen, während Andrea Nahles im Hintergrund nicht sonderlich glücklich aussieht. Es ist nur eine Momentaufnahme, doch es wird darauf ankommen, dass es auch eine bleibt.

Sie müssen eine belastbare Beziehung entwickeln, auf Augenhöhe, wenn die SPD eine Chance haben soll, sich noch einmal zu erholen. In welcher Form diese Partei künftig existieren wird, hängt zu einem guten Teil davon ab, ob eine 39 Jahre alte Frau und ein 50 Jahre alter Mann zueinanderfinden, Andrea Nahles und Sigmar Gabriel. Das letzte Aufgebot der SPD.

Über die SPD ist in den vergangenen Jahren derart oft gesagt worden, sie stehe nun aber wirklich und endgültig an einem Wendepunkt, dass die Partei und ihre Beobachter nach dem 27. September einen Moment gebraucht haben, um zu begreifen, dass es jetzt so weit ist. Das Ergebnis von 23 Prozent hat an die tiefe Gewissheit gerührt, dass die SPD als Volkspartei zur Ausstattung dieser Republik gehört.

Das ist in etwa die Dimension der Aufgabe von Gabriel und Nahles. Beim Parteitag Ende nächster Woche soll er Vorsitzender werden, sie Generalsekretärin. Er wird Chef, sie seine wichtigste Zuarbeiterin. So sieht es aus, aber so einfach ist es nicht. In der SPD ist nie etwas einfach.

Man hat die beiden in den vergangenen Jahren nicht oft zusammen gesehen. Hannover ist die erste Station ihrer Tour durch die Landesverbände und Bezirke der Partei, Gabriel und Nahles stellen sich vor. Sie reden viel von Demut in diesen Tagen, sie betonen, dass sie Kandidaten seien, nicht der designierte Parteichef und die designierte Generalsekretärin, weil sie zwar vom Parteivorstand nominiert sind, sich zuvor aber in einer Viererrunde mit Klaus Wowereit und Olaf Scholz über die Aufteilung der innerparteilichen Macht verständigt hatten. Die Basis musste das als weiteren Affront empfinden. Nun wollen sie alles richtig machen, unbedingt.

Auch in Hannover betont Gabriel wieder, dass sie Kandidaten seien, bevor er sagt, dass er in der Sitzung sicherlich den einen oder anderen überrascht habe. Kurz danach wird Nahles gefragt: Womit?

"Er überrascht mich täglich positiv."

Gabriel fügt hinzu: "Wir hatten von uns ein möglicherweise etwas unvollständiges Bild."

Das trifft die Sache in etwa so gut, als würden die Beteiligten einer wüsten Kneipenschlägerei im Nachhinein von einer angeregten Podiumsdiskussion sprechen. Nahles und Gabriel, das ging nie zusammen, nur gegeneinander oder aneinander vorbei. Als Nahles im Herbst 2005 Generalsekretärin werden wollte, war Gabriel zunächst eingebunden, fand die Idee am Ende aber doch nicht mehr so gut. Als er im Herbst 2007 ins Parteipräsidium wollte, organisierte sie eine Mehrheit gegen ihn. Er stand mal rechts, mal mittig in der Partei, sie stand stets links. Doch es ging auch um Persönliches, um Rivalität. Während der Phasen, in denen es gut lief, konnte man von einem Nichtverhältnis sprechen.

Schon früh zeichnete sich ab, dass mindestens einer der beiden in der Partei irgendwann ganz oben stehen würde. Weil es aber in ihrer SPD-Generation nicht viele Talente gibt, wäre es Verschwendung gewesen, wenn einer von beiden auf der Strecke geblieben wäre. Es hat deshalb früh Versuche gegeben, die beiden zusammenzubringen, doch daraus ist nichts entstanden. Noch kurz vor der Bundestagswahl, als die Niederlage und damit der Führungswechsel absehbar war, konnte Nahles an die Decke gehen, wenn politische Freunde ihr die Möglichkeit eines Parteichefs Gabriel nahebrachten. Hätte es einen anderen Kandidaten gegeben, sie hätte ihn unterstützt.

Am Abend vor ihrem Auftritt in Hannover war Sigmar Gabriel bei einer SPD-Mitgliederversammlung in Goslar. Andrea Nahles war in Berlin essen, mit Mitgliedern des Netzwerks "Frauenzeiten". Sie kamen aus verschiedenen Richtungen, so wie das immer schon war. Jetzt müssen sie gemeinsam eine Richtung finden.

Sigmar Gabriel muss an diesem Sonntagmorgen erst einmal den Weg zum Rittergut in Veltheim (Ohe) finden, ohne sich die Schuhe allzu schmutzig zu machen, der kurze Weg vom Auto dorthin ist schlammig. Im Innenhof stehen eine Hüpfburg, ein Bier- und ein Würstchenstand, außerdem gibt es Kuchen zum zehnten Jubiläum der örtlichen Jugendfeuerwehr.

Der Landrat des Kreises Wolfenbüttel ist bereits begrüßt, auch der stellvertretende Landrat, ebenso der Bürgermeister. "Aaaaah ja, unser Umweltminister Sigmar Gabriel ist auch eingetroffen", sagt da der Herr mit dem Mikrofon. Gut möglich, dass man das sonst gar nicht bemerkt hätte.

Sigmar Gabriel ist nicht besonders groß, vor allem aber kann er sehr unprätentiös auftreten, wenn er das will. Jeder Landespolitiker hätte hier beim Feuerwehrfest vermutlich mehr Gewese um sich gemacht, doch Gabriel reiht sich ein, schüttelt hier eine Hand, klopft da eine Schulter.

Nach dem Landrat spricht Gabriel. "Wir sind den Feuerwehrleuten viel schuldig", sagt er, ihre Aufgabe sei es, "wenn's richtig schwierig wird, sich selbst in die Bresche zu werfen" und dabei möglicherweise "Schaden zu nehmen an der Gesundheit und im Zweifel auch das Leben zu lassen. Es gibt nichts Großartigeres". Eine halbe Minute später sagt er: "'N Onkel, der was mitbringt, ist besser als 'ne Tante, die Klavier spielt." Man solle ihm die Bankverbindung der Jugendfeuerwehr aufschreiben.

Er kann beides, durch Pathos Emotionen wecken und Nähe vermitteln durch Jovialität. Das wirkt nicht aufgesetzt, sondern echt, weil das hier letztlich die Welt ist, aus der er sich aufgemacht hat, aus kleinen Verhältnissen ganz nach oben. Er hat die Fähigkeit, nicht Gast von Feuerwehrfesten zu sein, sondern ein Teil davon. Das unterscheidet den echten Volkstribun vom Wahlkampf-Händeschüttler.

Wäre er ein Fußballer, würden Sportreporter über ihn sagen, er sei komplett. Er kann reden wie sonst keiner in seiner Partei, kann analysieren, komplexe Sachverhalte verstehen und dann alltagstauglich übersetzen, zu einfachen Botschaften machen, wie er das zuletzt im Wahlkampf tat, als seine ratlose Partei mit wachsender Begeisterung zusah, wie er kunstfertig eine Anti-Atom-Kampagne führte.

Von jeder dieser Eigenschaften trägt Gabriel aber auch die Kehrseite in sich. Es ist der Hang, rhetorisch zu überdrehen, aus der Analyse sofort Aktion folgen zu lassen, zu schnell zu sein für alle um ihn herum, letztlich auch für sich selbst. Und das Bewusstsein der eigenen Stärke lässt ihn auf Dauer niemanden neben oder gar über sich dulden. Vor allem dies dürfte es kompliziert machen für Andrea Nahles.

Der Unstete, der Unberechenbare sei gereift in den Jahren als Umweltminister, so verbreitet es sein Umfeld. Doch Menschen ändern sich ja nicht grundlegend und schon gar nicht innerhalb weniger Jahre. Während der Pressekonferenz in Hannover hat Gabriel gesagt: "Ich musste heute darauf hinweisen, dass es keinen neuen Sigmar Gabriel gibt. Es gibt auch keinen Sigmar 2.0. Es gibt allerdings Sigmar und Andrea." Nahles sagte: "Uiuiuiuiui." Aber auch sie weiß, dass Zusammenhalt die einzige Chance der beiden ist.

Sie reden viel in diesen Tagen, und wenn man beiden glauben darf, vollzieht sich da gerade eine Annäherung in rasanter Geschwindigkeit. Doch sie können sich noch nicht vertrauen, sie beäugen sich. In Gabriels Lager legt man Wert darauf, dass er demnächst Chef sei und sie seine Generalsekretärin. Nahles' Leute sprechen lieber von einer Art Doppelspitze. Jedenfalls haben sie eine Arbeitsteilung gefunden, bei der sie sich nicht ständig in die Quere kommen können. Gabriel soll die SPD nach außen öffnen, Nahles die Parteistrukturen erneuern. So sauber allerdings wird das nicht immer zu trennen sein.

Sie sind weit gekommen, jeder für sich, und sie wollen weiterkommen, jeder für sich. Von jetzt an aber brauchen sie dafür zugleich den anderen, denn weiter geht es nur, wenn sie Erfolg haben, gemeinsam. Für den Moment sieht es aus, als hätten sie das begriffen.

Es ist ein Nachmittag im Universitätsclub Bonn, Andrea Nahles ist zur Gründungsfeier der Annette-Kuhn-Stiftung gekommen, es geht darum, ein "Haus der Frauengeschichte" zu errichten. Nahles soll ein Grußwort sprechen, doch erst einmal muss sie im Foyer auf einen Hocker steigen und sich hinter die Attrappe eines roten Kleides stellen, das von der Decke hängt. Eine Kunstaktion soll das sein, sie heißt "Die rote Königin", Andrea Nahles steigt auf den Hocker, ihr Kopf schaut oben aus dem Kleid heraus, die Künstlerin fotografiert sie. Nahles lächelt gequält, "bisschen wie im Karneval hier", sagt sie.

Sie weiß genau, dass sich viele Menschen hämisch darüber freuen würden, sie auf einem Foto als rote Königin zu sehen. Für eine Frau ihres Alters hat sie erstaunlich viele Gegner, was schlicht daran liegt, dass sie schon lange eine öffentliche Figur ist und immer sehr eindeutig war in ihren Positionen. Genau wie Gabriel hat sie ihr Etikett. Sie ist die linke Strippenzieherin.

Das mit dem Strippenziehen ist richtig, es gibt an der SPD-Spitze wohl niemanden, der in dieser Partei so gut vernetzt ist und derart viele Leute kennt. Das Etikett links stimmt zwar im Grundsatz noch, doch seit einiger Zeit hat sie sich bemüht, ein bisschen mittiger zu erscheinen. Sie hat gegen die Gesundheitsreform der Großen Koalition gestimmt, ansonsten aber hat sie die Reformpolitik der vergangenen Jahre zwar immer wieder kritisiert, doch letztlich die Parteiräson darübergestellt. Sie redet inzwischen auch anders, moderater.

In ihrer Umgebung sagen sie, das habe mit Reife zu tun, ganz ähnlich, wie es Gabriels Leute über ihn erzählen. Doch letztlich ging es für die ehemalige Juso-Vorsitzende, ehemalige Linkensprecherin und heutige stellvertretende Parteichefin Andrea Nahles darum, konsensfähig zu werden in der SPD, genau wie für den ehemaligen Pop-Beauftragten Sigmar Gabriel. Als rücksichtslose Egomanin wurde sie gebrandmarkt, nachdem sie 2005 den Sturz des damaligen Parteichefs Franz Müntefering ausgelöst hatte. Heute ist sie rehabilitiert, genau wie Gabriel. Vorerst. Alles weitere hängt von ihnen ab.

Andrea Nahles beginnt ihr Grußwort mit einer Anekdote: Ein Freund habe sie am Morgen angesprochen auf ihre violette Hose und ihr violettes Sakko, das sie zum violetten Top trägt. "Ah, bist du heute in ASF-Farben unterwegs", habe der Freund gesagt, was jede hier im Saal verstehen dürfte, weil ASF für die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen steht. "Da hab ich dem gesagt: Nee, das ist jetzt modern." In den Stuhlreihen lachen sie.

Es folgt eine etwas wirre Begründung dafür, warum es unbedingt ein Haus der Frauengeschichte geben sollte. Es ist keine strukturierte Ansprache, es wirkt, als redete sie drauflos. Das hat durchaus Charme, und doch könnte man auf den Gedanken kommen, dass Frau Professor Kuhn das Grußwort vielleicht besser einem wie Sigmar Gabriel überlassen hätte. Den aber hätten die Frauen im Saal wahrscheinlich nicht so gern am Rednerpult gesehen.

Andrea Nahles und Sigmar Gabriel können unterschiedliche Dinge, vor allem aber kann jeder von den beiden Milieus ansprechen, die der jeweils andere nicht erreicht. Die Lage der Partei ist erschreckend, doch aus der Addition ihrer beider Fähigkeiten ergibt sich eine Chance. Sie müssen nur addieren wollen, und vor allem müssen sie die Geduld mitbringen, auf Ergebnisse zu warten.

Der gemeinsame Auftritt in Hannover ist vorbei, die Pressekonferenz ist absolviert. Gabriel ist schon die Treppe heruntergelaufen, er will zu seinem Wagen, zur Party für seine Wahlhelfer in Wolfenbüttel-Schladen. Nahles kommt, sie will sich verabschieden, sie muss ihren Zug nach Frankfurt bekommen. "Mach's gut", sagt er, und sie wünscht gute Fahrt. Sie wollen in verschiedene Richtungen, es gibt keine Umarmung, kein Küsschen. Doch immerhin stehen sie in diesem Augenblick beide am Fuß der Treppe. Auf Augenhöhe. CHRISTOPH HICKMANN

* In der Maske beim Fernsehsender N24.

DER SPIEGEL 45/2009
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