02.11.2009

Titel

Die Nacht der Wildschweine

Von Schnibben, Cordt

Ein großer Plan, ein Komplott oder nur Schusseligkeit? Was ist der Grund, warum Berlin am 9. November 1989 zwischen Gewalt und Euphorie schwebte? Drei Kommunisten waren es, die der wankenden DDR den Rest gaben - getriebene Akteure in einer Mauerkomödie.

Er sitzt in seiner Kanzlei in der Nähe des Leipziger Hauptbahnhofs, im zweiten Stock eines Altbaus aus der Gründerzeit, Gerhard Lauter schaut seine Gesprächspartner immer noch so von unten an, mit gesenktem Kopf, wie vor 20 Jahren. Damals konnte man denken, das ist die Körperhaltung eines Menschen mit schlechtem Gewissen, damals war er Leiter der Pass- und Meldeabteilung der DDR, Spitzenbürokrat eines Systems, das gerade auseinanderflog. Heute ist er Anwalt, und seine Vergangenheit liegt in Klarsichthüllen vor ihm, Politbüro-Vorlagen aus der Zeit des Mauerfalls und Ministerratsbeschlüsse.

Gerhard Lauter, heute 59 Jahre alt, inzwischen grauhaarig, spricht mit der gleichen Präzision und Zurückhaltung eines studierten Kriminalisten über diesen historischen Tag wie damals.

"Eine Episode" nennt er den 9. November, eine Episode, in der er neben Günter Schabowski eine Hauptrolle spielte. Er formulierte am Vormittag des 9. November den Zettel, der die Mauer am Abend einstürzen und die Nachkriegsordnung in Europa zusammenkrachen ließ. In der Nacht wurde er zum Informationszentrum einer führungslosen Macht.

Es ist wie mit dem Tod von John F. Kennedy, dem 11. September in New York oder dem Schuss auf Benno Ohnesorg - Ereignisse, die dem Lauf der Welt eine neue Richtung geben, produzieren immer Mythen, Fragen und Legenden. Welchen Umständen ist es zu verdanken, dass kein einziger Schuss fiel in den stundenlangen Auseinandersetzungen an den Grenzübergangsstellen? Warum waren die Grenzer nicht vorbereitet auf den Ansturm? Was waren die wahren Absichten der DDR-Führung an diesem 9. November? Waren die Geheimdienste - BND, CIA, KGB - wirklich so vollkommen ahnungslos? Hatte Gorbatschow Krenz die Maueröffnung befohlen? War die legendäre Pressekonferenz mit Schabowski eine Inszenierung? War der Zettel mit der neuen Reiseregelung, den Schabowski hervorholte und vorlas, war der ihm tatsächlich vom KGB zugesteckt worden?

In Gerhard Lauters Klarsichthüllen liegen Antworten auf diese Fragen, er ist der Kronzeuge für die Vorgänge im Innenministerium der DDR.

Schabowski weiß, wie es ihm und seinen Genossen aus dem Politbüro passieren konnte, dass die wertvollste Immobilie ihrer Republik umgetreten wurde wie ein morscher Lattenzaun.

Und dann ist da vor allem Harald Jäger, damals Oberstleutnant der Staatssicherheit, an jenem 9. November der stellvertretende Leiter der Passkontrolle an der Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße - wo die Schlagbäume zuerst hochgingen in dieser Nacht.

Jäger wohnt heute außerhalb von Berlin im Örtchen Werneuchen, zusammen mit seiner Frau in einer kleinen Wohnung, in der die Miete niedriger ist als die 500 Euro seiner letzten Wohnung in Berlin-Mitte. Wenn er aus dem Fenster schaut, sieht es aus wie vor dem Mauerfall, gegenüber ein verfallenes Haus, unten auf der Straße grobes Kopfsteinpflaster. Jäger ist inzwischen Rentner, die meisten Tage verbringt er mit seiner Frau in dem Kleingarten, den er kurz vor dem Mauerfall, im August 1989, beantragt hat und nach dem Mauerfall, im Frühling 1990, zugesprochen bekam.

Jäger öffnete - ohne Befehl, ohne Kompetenz - am 9. November eine halbe Stunde vor Mitternacht den Schlagbaum am Berliner Grenzübergang Bornholmer Straße und verhinderte so, dass dieser Tag in einer blutigen Konfrontation endete. Der Stasi-Offizier brach die Regeln eines Systems, das ihn geprägt hatte, er maßte sich an, in den Gang der Dinge einzugreifen. Das taten an diesem Tag auch Günter Schabowski und Gerhard Lauter. Sie funktionierten nicht mehr. Ohne voneinander zu wissen, waren die drei Kommunisten Komplizen eines Komplotts gegen die DDR, von morgens neun Uhr bis nach Mitternacht griff das, was sie taten, ineinander wie das Werk von Verschwörern. Wenn einer von ihnen an diesem Tag anders gehandelt hätte, als er es tat, wäre der 9. November nicht als der Tag des Mauerfalls in die Geschichte eingegangen. Aber sie handelten nicht aus freiem Entschluss, sie waren Getriebene, die handeln mussten, weil Hunderttausende sie zwangen.

Gegen ihren Willen gaben die drei Kommunisten ihrem geliebten Arbeiter-und-Bauern-Staat den Rest, nach Monaten voller Unruhen. Über Ungarn und die CSSR waren immer mehr DDR-Bürger geflüchtet, die Oppositionsgruppe des "Neuen Forums" hatte sich gebildet, auf Montagsdemonstrationen machten sich die Leute Luft, auf der Straße prügelte die Volkspolizei Oppositionelle zusammen, auch in der SED formierte sich Widerstand, am 18. Oktober musste Erich Honecker abdanken, Egon Krenz, als neuer SED-Chef, versprach Reformen, aber am 4. November versammelte sich über eine halbe Million Menschen auf dem Berliner Alexanderplatz, unüberhörbar in ihren Forderungen, am 6. November reagierte die SED mit einem neuen Reisegesetz, es wurde verhöhnt von den Oppositionellen - und dann kam der 9. November.

9. November, 7.00 Uhr, Berlin,

im Stadtteil Hohenschönhausen

Harald Jäger nimmt an diesem Morgen den Dienstwagen, um zur Arbeit zu kommen. Er ist stellvertretender Leiter der Passkontrolleinheit, die nächsten 24 Stunden ist er im Dienst, darum darf er den Dienstwagen benutzen. Seinen gebraucht gekauften Wartburg schont er, lange hat er um ihn gekämpft. Er musste sich an seinen obersten Chef wenden, den Leiter der Hauptabteilung VI der Staatssicherheit, um nicht 18 Jahre lang auf seinen Wartburg warten zu müssen; der General hatte ihm einen gebrauchten verschafft, immerhin, und als der Motor bei der ersten Autobahnfahrt verreckte, hat er ihm einen Kontakt geknüpft, zu einer Wartburg-Werkstatt, geführt von einem IM, und ihm so einen gebrauchten Motor beschafft, immerhin.

Harald Jäger, 45 Jahre alt, seit 25 Jahren bei der Staatssicherheit, führt ein Doppelleben. Seine drei Kinder wissen, dass er am Grenzübergang Bornholmer Straße Pässe kontrolliert, dass er bei der Stasi ist, wissen sie nicht. Jägers Kampfauftrag: an der Grenzübergangsstelle von Ein- und Ausreisenden im freundlichen Gespräch Informationen sammeln über staatsfeindliche Bestrebungen "feindlich-negativer Kräfte". Und weil Jäger das gut kann, freundlich plaudern, und zudem einen offenen Blick hat, ist er im letzten Vierteljahrhundert bis zum Oberstleutnant aufgestiegen und seine "Operativkartei" mit den Erkenntnissen über Tausende West- und Ostdeutsche prächtig angewachsen.

Jäger sieht sich nicht als Schnüffler, sondern als Staatsdiener, der hilft, den Sozialismus, diese wunderbare Idee der Solidarität und Brüderlichkeit, zu verteidigen. Im 40. Jahr der Republik erklärt er sich die großen Probleme der DDR damit, dass das Politbüro in der Hand von Greisen ist.

Allerdings: Jüngeren Kadern, wie dem Berliner Parteichef Günter Schabowski, traut er auch nicht. Der hat auf einer Parteiaktivtagung die 40 000 Mark für den neuen Wartburg zornig verteidigt, Qualität habe nun mal ihren Preis. Am Nachmittag desselben Tages hat Jäger denselben Schabowski auf einer 1.-Mai-Veranstaltung in einem Volvo vorfahren sehen, das hat gereicht, um ihn für ihn unglaubwürdig zu machen.

Knapp 20 Minuten braucht Jäger von der Vierraumwohnung im Plattenbauviertel Hohenschönhausen zur Bornholmer Straße, er ist in "Novemberstimmung", wie er es nennt, es ist morgens noch dunkel und neblig, und vor ihm liegen 24 Stunden Langeweile. Der Donnerstag ist traditionell reiseschwach.

Waldsiedlung Wandlitz, bei Berlin

Gestern hat Günter Schabowski zum ersten Mal vor hundert westlichen Journalisten im Pressezentrum der Hauptstadt vorgeführt, dass er der westlichste aller ostdeutschen Führungskräfte ist. Mit wehnerhaft verschachtelten Sätzen, mit Humor und Selbstironie hat er auf die Journalisten gewirkt, wie ein Kommunist, der froh ist, endlich dem Gefängnis der Funktionärssprache entrinnen zu können. Er hat über den ersten Tag der 10. Sitzung des SED-Zentralkomitees informiert, mit den üblichen Phrasen, aber zwischendurch waren diese ungehörten Formulierungen aufgeblitzt, die ihn schnell zur westlichen Medienhoffnung machten.

Frühmorgens beim Frühstück hört Schabowski im Deutschlandfunk die Presseschau, um rüber in den Westen zu horchen. Von der Waldsiedlung Wandlitz, dem Ghetto der Politbürokraten, in der Schabowski mit seiner Familie lebt, bringt ihn der Volvo jeden Morgen ins ZK-Gebäude. Honecker hat die russischen Straßenkreuzer ausgetauscht gegen diese Volvos, damit seine Leute in Autos herumfahren wie ihre westlichen Gegenspieler; ein Mercedes, so Schabowski, roch ihm zu sehr nach Klassenfeind. 45 Minuten braucht sein Fahrer bis ins Zentrum der DDR-Hauptstadt, um zehn Uhr beginnt der zweite Tag der ZK-Tagung, Schabowski soll bald nach Beginn darüber reden, wie die DDR-Medien über Demonstrationen und Massenflucht berichten. Er war sieben Jahre lang ein treuergebener Chefredakteur des "Neuen Deutschland", am Vortag ist er zum Medienverantwortlichen des Politbüros bestimmt worden.

9.00 Uhr, Berlin, Mauerstraße,

Innenministerium der DDR

In Gerhard Lauters Dienstzimmer treffen drei Besucher ein: Oberst Hans-Joachim Krüger und Oberst Udo Lemme, sie sind von Stasi-Chef Mielke geschickt worden; dazu Generalmajor Gotthard Hubrich von der Hauptabteilung für Inneres im Innenministerium. Die Stasi-Obristen haben einen 19-zeiligen Entwurf für das mitgebracht, was die vier in den nächsten Stunden ausarbeiten sollen: eine Regelung für all die DDR-Bürger, die ihr Heimatland für immer verlassen wollen.

Lauter hat den Auftrag am Vortag von Innenminister Friedrich Dickel bekommen. Die Ansage: Beschlussvorlage für den Ministerrat bis morgen Mittag, parallel dem Politbüro vorzulegen, am 10. November sollen Anträge zur Ausreise von DDR-Bürgern direkt in die Bundesrepublik möglich sein. Auch über West-Berlin? Ja, auch über West-Berlin. Warum so dringend? Die Regierung der CSSR will die Grenze zur DDR schließen, weil zu viele DDR-Bürger über die CSSR in die Bundesrepublik fliehen, das belaste die politische Stabilität des Brudervolkes.

Vorab ist Lauter in Gesprächen mit seinen Mitarbeitern zu der Auffassung gelangt, dass eine Regelung ausschließlich für Republikflüchtlinge widersinnig ist. Warum soll der, der sich in der DDR wohl fühlt, nicht auch mal eben über die Mauer gucken dürfen, warum soll man ihn bestrafen dafür, dass er staatstreu ist?

Zu seiner Überraschung widersprechen die Stasi-Offiziere nicht groß, auch sie sind weichgeprügelt durch die täglichen Flüchtlingszahlen, auch sie waren wie Lauter an der Formulierung jenes missglückten Reisegesetzentwurfs beteiligt, der am 6. November veröffentlicht und innerhalb von Stunden zum Gespött der DDR-Bürger geworden war. Es war ein Reiseverhinderungsgesetz, nur 30 Tage im Jahr sollen die DDR-Bürger rausdürfen, jede Reise kann aus nicht überprüfbaren Gründen untersagt werden und Anspruch auf den Umtausch von genügend Westgeld gibt es nicht.

10.00 Uhr, Berlin, im Gebäude des

Zentralkomitees

Der zweite Tag der Beratungen des Zentralkomitees beginnt, Demonstrationen und Massenflucht lassen auch den innersten Machtzirkel des Arbeiter-und-Bauern-Staats erbeben. 40 Jahre lang waren die 213 Mitglieder und Kandidaten des ZK einerseits die zweithöchste Machtinstanz, andererseits waren sie Claqueure des 17köpfigen Politbüros. An diesem 9. November bricht das sorgsam austarierte Machtgefüge auseinander.

Besonders Egon Krenz, der genug Machtinstinkt besessen hatte, Honecker drei Wochen vorher zu stürzen, irrlichtert durch den Tag mit derselben lächelnden Unbedarftheit eines Vico Torriani, mit der er seit seiner Machtergreifung durch die deutsche Revolution tapst. Das Netteste, was man über seine Rolle an diesem 9. November sagen kann: Er geht irgendwann schlafen und lässt die Dinge laufen, die seinen und den Untergang seiner Partei bedeuten.

Jetzt, um kurz nach zehn Uhr morgens, gibt er noch einmal den strengen Herrscher. Er empört sich vor den Mitgliedern des Zentralkomitees darüber, dass die DDR-Medien nicht so ergriffen wie gewohnt vom ersten Tag der ZK-Tagung berichtet haben.

11.00 Uhr, Berlin, Grenzübergang

Bornholmer Straße

Seit der DDR-Staat von innen und außen unter Druck gerät, hat sich auch für Oberstleutnant Jäger der Dienst an der Bornholmer Straße verändert. Der Grenzübergang, einer von sieben in Berlin, liegt im Prenzlauer Berg, von der Stasi als Stadtbezirk von negativ-feindlichen Kräften eingeschätzt, hier wohnen Staatsfeinde, Kirchenaktivisten, Umweltfreunde. Einreisende sind darauf zu überprüfen, ob sie mit dem Ziel herüberkommen, zu solchen Regimegegnern Kontakt aufzunehmen. Und seit Zehntausende DDR-Bürger abgehauen sind, müssen Jäger und seine Leute auch auf die "Maßnahme 210" achten. Das ist das Codewort für alle Republikflüchtlinge, denen die Einreise zu verweigern ist.

Für Jäger eine ganz neue Form von Grenzsicherung. Als die Mauer gebaut wurde, war er, seinen Karabiner im Anschlag, zusammen mit seinem Postenführer auf einen amerikanischen Jeep losgestürzt, der ein paar Zentimeter über die Grenzlinie geraten war; später hatte er mal einen Koch der Schweizer Botschaft erwischt, der auf der Diplomatenspur seine DDR-Freundin im Kofferraum immer wieder in den Westen rein- und rausschleuste; und dann waren nachts immer häufiger die "Wildschweine" an seinem Grenzübergang aufgetaucht, so nennen sie die Verrückten, die mal eben so zur Grenze kommen, ohne Papiere, aber oft mit einer Fahne, und rüberwollen.

Die waren aber alle nichts gegen die tausendfache Grenzverletzung, die seine eigene Partei- und Staatsführung vor fünf Wochen begangen hat: einen Zug voller Republikflüchtlinge von der CSSR über den Dresdner Bahnhof in die BRD zu führen, strafbar nach §213, Strafgesetzbuch der DDR. Das war für alle Grenzer an der Bornholmer Straße der Verstoß gegen all das, für das sie seit Jahrzehnten mit unfreundlichem Gesicht an ihrem Grenzübergang einstehen.

Sogar zu den Campingplätzen in Ungarn waren Jägers Leute in den Sommerferien von Mielke geschickt worden, um Republikflüchtlinge zu observieren. Und nun hatten Mielke und Honecker für diese Leute die Flucht organisiert, mit Waggons der Reichsbahn, das frisst seither an der Dienstmoral der Grenzer.

Die Mauer wird immer durchlässiger, gleichzeitig aber gilt seit Wochen erhöhte Einsatzbereitschaft an der Bornholmer Straße, was für den Leitungsoffizier Jäger bedeutete: immer wieder 24-Stunden-Schichten.

Berlin, Innenministerium,

Arbeitszimmer von Gerhard Lauter

Die vier Reisegesetzexperten haben sich darauf verständigt, ihren Auftrag zu erweitern. Sie fürchten, dass eine Regelung nur für ständig Ausreisende die gereizte Stimmung im Lande weiter anheizen könnte. Der Autoritätsverlust der Oberen aus Partei und Staat ist so weit fortgeschritten, dass die vier Spitzenbürokraten angstfrei und sachbezogen reden. Man müsse Nägel mit Köpfen machen, man dürfe nicht länger Kasperletheater spielen, solche Bemerkungen fallen in der Unterredung, man müsse endlich aufschreiben, wovon man überzeugt sei. Also beginnen sie, den Absatz einzufügen, der am Abend den Strom auf die Mauer auslösen wird: "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden." Und die vier fügen hinzu: "Genehmigungen werden kurzfristig erteilt." Damit die DDR-Bürger nicht befürchten müssen, wochenlang auf das Visum warten zu müssen. Und sie ergänzen einen dritten Satz: "Versagungsgründe werden nur in besonderen Ausnahmefällen angewandt." Damit wollen sie dem Misstrauen entgegenwirken, die generelle Regelung könne durch viele Ausnahmen eingeschränkt werden.

11.20 Uhr, Berlin, im Gebäude

des Zentralkomitees

Während die vier die Verordnungen verfeinern, die Schabowski sieben Stunden später in der Pressekonferenz vorlesen wird, ist der damit beschäftigt, sich vor den Mitgliedern des Zentralkomitees zu rechtfertigen für das kritische Feuerwerk in den DDR-Medien. Er ist nun im Politbüro für die Medien zuständig, er muss aufpassen, dass er nicht zum Prügelknaben wird. Er besänftigt, indem er mitpöbelt, er spricht von "übelsten Methoden des Bodensatzes der westlichen Presse", die inzwischen in DDR-Medien üblich seien, gar von "Entartungen"; aber er warnt auch davor, Journalisten für "die eigentlichen Lumpen" zu halten. Viele Chefredakteure würden zerrieben zwischen dem Druck der Partei und dem Druck der Straße und wollten abgelöst werden; die Medien müssten berichten über Proteste und Demonstrationen, aber eine "uferlos breite Berichterstattung, mit einer Dominanz feindlicher Auffassungen", dürfe es nicht geben.

12.00 Uhr, Berlin, Innenministerium,

Arbeitszimmer von Gerhard Lauter

Die vier Spitzenbeamten haben sich auf einen Entwurf verständigt. Die beiden Stasi-Obersten haben sich telefonisch von ihrem Vorgesetzten die Einwilligung geben lassen. Lauter diktiert ihn seiner Sekretärin, "Beschlussvorschlag" steht obendrüber, gesperrt geschrieben, darunter als Einleitung: "Zur Veränderung der Situation der ständigen Ausreise von DDR-Bürgern nach der BRD über die CSSR wird festgelegt". Diese Formulierung entspricht dem Arbeitsauftrag vom Morgen. Er bleibt so stehen, aber dann folgt der eingefügte Absatz über die Privatreisen, also die Besuchsreisen. Dann folgen drei Absätze, die sich wieder nur mit Regelungen zur ständigen Ausreise beschäftigen. Ein nicht eindeutiges Papier, das muss man zum Verständnis aller folgenden Missverständnisse festhalten.

Am Ende des Papiers steht der wichtige Satz: "Über die zeitweiligen Übergangsregelungen ist die beigefügte Pressemitteilung am 10. November 1989 zu veröffentlichen." Er steht auf der zweiten Seite der Beschlussvorlage, als einziger Satz, auch das wird später für Verwirrung sorgen.

Lauter ist darauf eingestellt, dass die eigenmächtige Erweiterung ihres Dienstauftrags irgendwo auf Widerspruch stößt, er spürt ein nervöses Bauchgrimmen.

Und dann geht dieses Papier auf seine Reise durch die Bürokratie der Partei- und Staatsführung; ein Exemplar ins Zentralkomitee, gebracht von Lauters Fahrer, ein zweites Exemplar - übers Innenministerium - zum Sitz des Ministerrats in der Klosterstraße. Dessen Büro bereitet das umständliche Umlaufverfahren vor: Bis 18 Uhr müssen alle 44 Minister der DDR der Beschlussvorlage zustimmen, sonst ist sie nicht gültig. Ohne die Genehmigung des Politbüros darf aber dieses Umlaufverfahren im Ministerrat nicht begonnen werden.

12.10 Uhr, Berlin, im Gebäude

des Zentralkomitees

Während der üblichen Raucherpause zeigt Egon Krenz den um ihn herum stehenden Politbüro-Mitgliedern das Reisepapier, nur 8 von 17 sind dabei, auch Schabowski steht nicht in dieser Runde. Zwei Tage zuvor hatte sich das Politbüro schon einmal mit der Regelung der ständigen Ausreise beschäftigen müssen, weil der Ministerpräsident der CSSR mit der Schließung der Grenze gedroht hatte. Da war der Beschluss gefasst worden, dass der "Teil des Reisegesetzes, der sich mit der ständigen Ausreise befasst, durch eine Durchführungsbestimmung sofort in Kraft gesetzt wird" - das war der Auftrag an Innenminister Dickel, der dann am 9. November morgens bei Gerhard Lauter landete.

Das Problem war den Politbüro-Genossen also bekannt. Was nun in der zufälligen Runde von Krenz verlesen wurde, war für sie offensichtlich genau das, was zwei Tage vorher beschlossen worden war. Ob denn die neue Regelung mit den sowjetischen Genossen abgestimmt sei, wird gefragt, denn das war vor zwei Tagen Teil des Beschlusses. Krenz: Ja, das sei abgestimmt.

Berlin, Unter den Linden,

in der sowjetischen Botschaft

Die Zustimmung der Moskauer Staatsführung zur Reiseregelung ist vom Botschafter Wjatscheslaw Kotschemassow telefonisch ins ZK übermittelt worden. Allerdings gehen die Sowjets davon aus, dass sie dem zustimmen, für was sie vor zwei Tagen um Zustimmung gebeten worden sind: Die ständige Ausreise solle nicht mehr über Drittstaaten erfolgen, die DDR-Führung plane deshalb für Bürger, die die DDR für immer verlassen, einen neuen Grenzübergang im Süden unweit vom bayerischen Schirnding, diese Ausreiseordnung solle sofort in Kraft treten, deshalb brauche man schnell eine Entscheidung aus Moskau. Die war bis zum Mittag des 9. November nicht in Ost-Berlin eingetroffen, weil am 7. und 8. November der 72. Jahrestag der "Großen Sozialistischen Oktoberrevolution" gefeiert und am 9. November nachgefeiert wurde. Kotschemassow konnte weder Gorbatschow noch den Außenminister Schewardnadse erreichen, nur der stellvertretende Außenminister ist schließlich zu einem Ja bereit und überschreitet damit seine Kompetenzen. Dass es in dem Ministerratsbeschluss inzwischen um viel mehr geht, um eine generelle Reiseregelung und auch um die Berliner Mauer, ahnt er nicht.

13.45 Uhr, Berlin, im Gebäude

des Zentralkomitees

Letzter Redner im Plenum des ZK vor der Mittagspause ist der DDR-Innenminister Friedrich Dickel, der Chef von Lauter, Mitglied im ZK seit 1967. Er spricht mit bewegter Stimme von den 60 Jahren, die er für die Arbeiterbewegung streitet, vom Kampf in der Weimarer Republik, in der Illegalität, im Spanischen Bürgerkrieg, in der Roten Armee gegen Hitler, in den Gründungsjahren der DDR, schließlich seit 26 Jahren als Innenminister und Chef der Volkspolizei. Sein letzter Kampf: gegen die Republikflüchtlinge und Staatsfeinde, die seit Wochen die DDR kaputtdemonstrieren wollen. Sie bepöbeln "uns", sie zeigen den Vogel, wenn Vopos tanken wollen, sie werfen mit Steinen, sie versengen die Augenbrauen von Grenzern, "mit Kerzen", sie versammeln sich vorm Brandenburger Tor, sie rufen: "Die Mauer muss weg." Dickels Appell: "Diese Grenze ist da, und diese Grenze muss geschützt werden!" Starker Beifall im Plenum.

Dass sein Abteilungsleiter Lauter vor drei Stunden eine neue Reiseregelung in die bürokratische Umlaufbahn der Arbeiter-und-Bauern-Nacht geschickt hat, die die Grenze zum Wackeln bringen wird, weiß Dickel nicht, da er seit fünf Stunden im Plenum des Zentralkomitees sitzt und nicht dem Politbüro angehört.

14.40 Uhr, Berlin, im Amtssitz

des Staatsrats der DDR

Anlässlich einer Kulturausstellung von Nordrhein-Westfalen in der DDR kommt es in der Mittagspause der ZK-Tagung zu einem Treffen zwischen Krenz und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Johannes Rau. Als Rau auf die Reisefreiheit für DDR-Bürger zu sprechen kommt, differenziert Krenz in seiner Antwort zwischen ständiger Ausreise und Privatreise. Wer die DDR für immer verlasse, sei kein Feind, aber ein Egoist, wer als Arzt seine Patienten verlasse, habe nicht deren Wohl im Sinn.

Das eigentliche Problem der Reisefreiheit, also der Besuchsreisen, sei die Geldfrage, man brauche Milliardenbeträge, sonst sei die Reisefreiheit nur eine Scheinlösung.

Hinter diesen staatsphilosophischen Bemerkungen steckt ein geheimer Plan, den das Politbüro verfolgt: die Mauer an die Bundesrepublik zu verkaufen, genauer gesagt die Öffnung der Mauer zu verkaufen. Seit dem Sturz Honeckers und folgendem Kassensturz ist dem Politbüro klar, dass die DDR kurz vor dem Bankrott steht. Seit der Leiter der Staatlichen Planungskommission, Gerhard Schürer, und der Leiter der Kommerziellen Koordinierung, Alexander Schalck-Golodkowski, dem Politbüro den Schuldenstand der DDR offenbart haben, ist das Politbüro auf der Suche nach "drei Milliarden Valutamark über bisherige Kreditlinien hinaus", und zwar sofort, wie es im entsprechenden Beschluss heißt. Durch verbesserte Zusammenarbeit zwischen DDR und BRD könnten "noch in diesem Jahrhundert" Bedingungen geschaffen werden, "die heute existierende Form der Grenze zwischen beiden deutschen Staaten überflüssig zu machen". Voraussetzung allerdings: Vorschläge der BRD zur ökonomischen Unterstützung der DDR, wobei zu berücksichtigen sei, "dass unserem Land in der Zeit der offenen Staatsgrenze ... ein Schaden von ca. 100 Milliarden Mark entstanden" sei.

In Gesprächen mit Vertretern der Bundesregierung, Rudolf Seiters und Wolfgang Schäuble, hatte Schalck-Golodkowski im ersten Schritt für die Lockerung der Reisebestimmungen 300 bis 500 Millionen Mark gefordert, Seiters und Schäuble brachten ins Gespräch, die BRD könne ja die Kosten für die Rückfahrt der DDR-Bürger übernehmen.

15.30 Uhr, Berlin, Grenzübergang

Bornholmer Straße

Ein ruhiger Nachmittag am Grenzübergang, kaum jemand will zu Fuß über die breite, geschwungene Stahlbrücke in die DDR, die Grenzer in den drei Passkontrollhäuschen langweilen sich, auch die beiden Fahndungsoffiziere, die auf 16 Monitore blicken, wissen nicht, wo sie hingucken sollen. Dazu zwölf Pkw-Spuren und zwei Diplomatenspuren - dieser Grenzübergang ist ausgelegt für einen intensiven Reiseverkehr zwischen Ost- und West-Berlin.

Oberstleutnant Jäger sitzt im Zimmer des Lageoffiziers, er will die Ruhe nutzen, um lästigen Papierkram zu erledigen. Er notiert die neuesten Ergebnisse des sozialistischen Wettbewerbs der Grenzer, da werden Fahndungshinweise belohnt. Arbeitspläne und Schulungspläne fürs nächste Jahr würde er auch gern schreiben, aber es fehlen die Vorgaben der SED-Führung. Nach der ZK-Tagung, so ist er vom Vorgesetzten vertröstet worden, werde es so etwas wie Aufbruchstimmung geben, ein Aktionsprogramm.

Der Raum des Lageoffiziers ist die Kommandozentrale der Grenzübergangsstelle, vom Telefonpult läuft ein direkter Draht zum Operativen Leitzentrum in Schöneweide.

16.00 Uhr, Berlin, im Gebäude

des Zentralkomitees

Um 15.30 Uhr hat die ZK-Tagung wieder begonnen, eine halbe Stunde später ergreift Krenz das Wort, um die Mitglieder des ZK abweichend von der Tagesordnung darüber in Kenntnis zu setzen, "dass es ein Problem gibt, das uns alle belastet: die Frage der Ausreisen". Die CSSR beschwere sich über die DDR-Flüchtlinge, wenn die DDR die Grenze zur CSSR schließe, bestrafe man alle. "Was wir auch machen in dieser Situation, wir machen einen falschen Schritt", mit diesen Worten kündigt er an, was er dann vorliest: den Entwurf von Lauter mit der Überschrift: "Beschluss zur Veränderung der Situation der ständigen Ausreise von DDR-Bürgern nach der BRD über die CSSR".

Alles, was Krenz sagt, klingt nicht so, als habe er begriffen, dass dieses Papier etwas anderes sagt als das, was das Politbüro vor zwei Tagen in Auftrag gegeben hat. Er redet so, als enthielte das Papier nur das, was obendrüber steht ("Ständige Ausreise") und nicht auch den Passus, den Lauter eingefügt hat ("Privatreisen"). Anderthalb Stunden vorher hat er gegenüber Rau die Gewährung von Reisefreiheit an ökonomische Vorleistungen der BRD geknüpft, und jetzt trägt er eine Regelung vor, die Reisefreiheit gewährt ohne ökonomische Bedingungen. Für die ZK-Mitglieder klingt das, was Krenz ihnen vorträgt, wie eine Durchsage auf dem Bahnhof: Zukünftig fahren die Züge mit den Flüchtlingen nicht mehr über die CSSR, sondern die können jetzt direkt in die Bundesrepublik rüber. Die Genossen, so geben viele später zu, verstehen nicht, dass diese Zeilen das Ende des "antifaschistischen Schutzwalls" bedeuten.

Nur zwei melden sich zu Wort, der Kulturminister - er möchte die Formulierung "zeitweilige Übergangsregelung" streichen, das erwecke den Eindruck, als wolle man die neue Regelung bald wieder abschaffen - und der Innenminister Friedrich Dickel, er möchte nicht, dass das Ministerium des Innern die Regelung bekanntgibt, sondern das Presseamt des Ministerrats.

Ja, ergänzt Krenz, macht der Regierungssprecher.

17.00 Uhr, Berlin, Innenministerium,

Arbeitszimmer von Gerhard Lauter

Den ganzen Nachmittag über hat Lauter mit seinen Mitarbeitern an den Durchführungsbestimmungen für die Reiseregelung gearbeitet. Die Visaerteilung haben sich die Experten so vorgestellt, dass vom 10. November an jeder DDR-Bürger, der einen Pass hat, zur örtlichen Meldestelle gehen und ein Visum beantragen kann.

Mit dem Stasi-Oberst Lemme, am Vormittag einer der vier Verfasser, telefoniert Lauter mehrfach, ob es irgendwelche Reaktion aus dem Politbüro oder aus dem Ministerrat gebe, möglicherweise Änderungswünsche am Text, aber beide haben nichts gehört.

Am späteren Nachmittag liegt das Fernschreiben an die Dienststellen mit den Durchführungsregelungen versandfertig bereit, Lauter wartet auf die Freigabe. Dem Ministerrat hat Lauter vorgeschlagen, den Beschluss über die Reiseregelung mit einer Sperrfrist "vier Uhr morgens" zu versehen, dann hätten die DDR-Bürger frühmorgens beim Frühstück durch das Radio von den neuen Reisemöglichkeiten erfahren und zu den Meldestellen gehen können. So weit der Plan.

17.45 Uhr, Berlin, im Gebäude des

Zentralkomitees

Schabowski war bei der Beratung des Beschlusses zur ständigen Ausreise nicht im Plenum des Zentralkomitees, er ist damit beschäftigt, außerhalb des Sitzungssaals mit Journalisten über den Verlauf der ZK-Tagung zu diskutieren und ihnen Kontakte zu gewünschten Gesprächspartnern zu machen.

Bevor er zur täglichen Konferenz ins Internationale Pressezentrum aufbricht, drückt ihm Krenz während der laufenden Debatte im ZK-Plenum sein Exemplar des Ministerratsbeschlusses in die Hand, handschriftlich sind zwei Formulierungen verändert. Er solle den Beschluss auf der Pressekonferenz verkünden. Mit einer Handbewegung macht Krenz vier Fehler: Die Einspruchsfrist gegen den Beschluss ist noch nicht abgelaufen, nicht alle der 44 Minister haben schon zugestimmt. Zum zweiten war auf seinen Vorschlag hin im ZK festgelegt worden, dass der Regierungssprecher die Regelung verkündet, es ist ja ein Ministerratsbeschluss. Zum dritten, und das ist der folgenreichste Fehler: Am Ende des Beschlusses, auf Seite zwei, steht, er solle am 10. November bekanntgemacht werden, damit alle Dienststellen, besonders die Grenzübergangsstellen, informiert werden können. Vorhin hat Krenz diesen Punkt im Plenum vorgelesen, nun hat er ihn offenbar vergessen und schickt Schabowski ins Verderben. Viertens: Er drückt das Papier einem Mann in die Hand, der noch auf dem Informationsstand vom 7. November ist - bei den beiden Beratungen seither, im Politbüro und im Plenum, war er nicht anwesend.

18.53 Uhr, Berlin, Internationales

Pressezentrum in der Mohrenstraße

Die Pressekonferenz ist fast vorbei, als Schabowski im überfüllten Saal das Wort einem Journalisten erteilt, der rechts von ihm vorm Podium sitzt. "Entschuldigen Sie, jetzt Sie, jetzt erst mal der italienische Kollege!" Riccardo Ehrman von der italienischen Nachrichtenagentur Ansa fragt: "Glauben Sie nicht, dass es war ein großer Fehler, diesen Reisegesetzentwurf, das Sie haben jetzt vorgestellt vor wenigen Tagen?"

Es folgt die verwirrendste und folgenreichste Verkündung einer neuen staatlichen Verordnung in der Geschichte internationaler Pressekonferenzen. Sie dauert acht Minuten, ist mit 30 Ähs gespickt, provoziert 14 hörbare Zwischenfragen und Dutzende unhörbare und lässt so viel unklar, dass Journalisten in den folgenden Stunden über diese Verkündung ständig neue Nachrichten absetzen können, die schließlich nur noch wenig damit zu tun haben, was in diesem Beschluss formuliert ist.

Schabowski erklärt, "dass man aus dem Entwurf des Reisegesetzes den Passus in Kraft treten lässt, der die ständige Ausreise regelt, also das Verlassen der Republik". Das ist das, was am 7. November im Politbüro beschlossen wurde als Auftrag an das Innenministerium. Durch Nachfragen irritiert, blättert Schabowski in seinen Unterlagen, zieht eine Seite heraus (auf der zweiten Seite steht "am 10. November zu veröffentlichen") und sagt dabei: "Also, Genossen, mir ist das hier also mitgeteilt worden, dass eine solche Mitteilung heute schon verbreitet worden ist. Sie müsste eigentlich in Ihrem Besitz sein." Er geht also davon aus, dass die Journalisten den Beschluss schon kennen, offenbar hat er im Gespräch mit Krenz diesen Eindruck gewonnen.

Dann liest er - sehr schnell - vom Blatt Lauters Absatz ("Privatreisen") vor. Wann tritt das in Kraft?, wird er gefragt. Schabowski blättert, schaut dabei hilfesuchend nach rechts, wo zwei ZK-Mitglieder sitzen. "Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich" (blättert weiter in seinen Papieren), findet die Seite mit dem Satz "10. November" nicht.

Dann Frage, Antwort, Frage, Antwort. Berlin-West? Er guckt nach im Papier, ja, auch Berlin-West. In diesem Moment, räumt er später ein, sei ihm durch den Kopf geschossen: "Hoffentlich wissen die Sowjets davon, dieses Ding berührt ja den Viermächtestatus, verflucht."

Schließlich, am Ende der Konferenz, das Eingeständnis: "Ich drücke mich nur so vorsichtig aus, weil ich nun in dieser Frage nicht, also, ständig auf dem Laufenden bin, sondern kurz, bevor ich rüber kam, diese Information in die Hand gedrückt bekam." Das ist entwaffnend ehrlich. In den Wochen und Monaten danach räumt Schabowski ein, das Papier von Krenz weder im ZK noch im Auto gelesen zu haben, später behauptete er, es durchgelesen zu haben.

Nach der Pressekonferenz erklärt er dem NBC-Reporter Tom Brokaw im Interview, wie er selbst das verstanden hat, was er in den acht Minuten erklärt hat: "It is no question of tourism. It is a permission of leaving GDR." Es geht nicht um Tourismus, es ist die Erlaubnis, die DDR zu verlassen.

18.54 Uhr, Berlin, Grenzübergang

Bornholmer Straße

Oberstleutnant Jäger hat Mühe, Schabowskis Worten zu folgen. In der Kantinenbaracke sitzen 20 Mann an den Tischen, er sitzt allein am letzten freien Tisch, im Zwiegespräch mit vier halben Brötchen. Der alte Schwarzweißfernseher steht in der anderen Ecke, nur Jäger versucht, die Worte der Pressekonferenz zu verstehen. "Sofort ... unverzüglich ... Berlin-West." "Was redet der denn da?", brüllt Jäger durch den Raum. Alle Gespräche verstummen, die Grenzer starren den Diensthabenden an.

Jäger stürmt aus der Kantine, hinüber ins Lagezimmer, ruft auf der Direktleitung seinen Vorgesetzten Rudi Ziegenhorn an, in der Hauptabteilung VI der Staatssicherheit an diesem Abend für die Passkontrolleinheiten zuständig. "Hast du den Quatsch von Schabowski auch gehört?", fragt der. "Ja eben, deshalb rufe ich Sie ja an", sagt Jäger. "Was ist denn jetzt los?" - "Ja, nichts", sagt er, "was soll denn sein?" - Jäger: "Na ja, Sie haben es doch selber gehört!" - "Na eben", sagt er, "das geht ja gar nicht."

18.54 Uhr, Berlin, sowjetische Botschaft Unter den Linden

Der Gesandte, Igor Maximytschew, verfolgt im Botschaftsgebäude Schabowskis seltsamen Auftritt vor der internationalen Presse. Er kennt ihn, Schabowski ist mit einer Russin verheiratet und spricht gut Russisch. Maximytschew ist erst verblüfft, dann zornig. Zwei Tage lang ist es zwischen der DDR-Regierung und der Botschaft hin und her gegangen um die Frage der ständigen Ausreise und der Einrichtung eines neuen Übergangs Richtung Bayern. Nun ist von West-Berlin die Rede und einer Reisefreiheit für alle DDR-Bürger, das ist etwas vollkommen anderes. Botschafter Kotschemassow meldet sich telefonisch, will eine Einschätzung von Maximytschew. Vielleicht haben Krenz und Genossen auf direktem Weg, vielleicht über die Stasi, Kontakt mit der sowjetischen Parteiführung aufgenommen und in letzter Minute die neue Regelung abgestimmt?

Warschau, Gästehaus der polnischen

Regierung

Seit dem Nachmittag ist Bundeskanzler Helmut Kohl zum offiziellen Besuch in Polen. Sein Berater Horst Teltschik hat noch am Morgen die Einschätzung des BND zur Lage in der DDR überprüft. "Die Geheimdienste hatten nicht die geringsten Hinweise. Wenn wir etwas geahnt hätten, dann wäre der Bundeskanzler nicht nach Warschau gereist." Zwei Tage vorher hat allerdings der DDR-Gesandte in Bonn den zuständigen Abteilungsleiter im Bundeskanzleramt darüber informiert, dass die DDR beabsichtige, den Teil des Reisegesetzes in Kraft zu setzen, der sich mit ständiger Ausreise befasst.

Kurz vor der Abfahrt zum abendlichen Staatsbankett bekommt Kohl einen Anruf aus Bonn und hört von Schabowskis Pressekonferenz.

20.00 Uhr, Hamburg, Redaktion

der "Tagesschau"

Seit 19.03 Uhr melden die Nachrichtenagenturen, was ihre Journalisten aufgeschnappt haben aus Schabowskis widersprüchlichen Verkündigungen. Reuters und dpa stellen das "Ausreisen" für DDR-Bürger heraus, Associated Press interpretiert die neuen Bestimmungen als "Grenzöffnung" und eröffnet damit den Wettbewerb unter den Journalisten, wer dem, was Schabowski gesagt hat, die größte Wucht verleihen kann.

Die "Aktuelle Kamera" im DDR-Fernsehen verkündet um 19.30 Uhr: "... können Privatreisen nach dem Ausland ohne besondere Anlässe beantragt werden." Um 19.41 Uhr meldet dpa nun: "Die DDR-Grenze zur Bundesrepublik und nach West-Berlin ist offen." Um 20 Uhr beginnt die "Tagesschau" daraufhin mit der Schlagzeile "DDR öffnet Grenze". Der Reporter, der über die Pressekonferenz berichtet, kommentiert in seinem Beitrag: "Also auch die Mauer soll über Nacht durchlässig werden."

Der "Tagesschau" liegt inzwischen auch eine ADN-Meldung vor. ADN, die staatliche Presseagentur, hatte die Pressemitteilung des Innenministeriums auf dem Schreibtisch, allerdings mit Sperrfrist vier Uhr, 10. November. Günter Pötschke, Generaldirektor, entschied in Absprache mit dem Regierungssprecher Meyer, sich nach Schabowskis Pressekonferenz nicht mehr daran zu halten. Meyer: "Der muss total verrückt sein." Pötschke: "Was machen wir denn nun?"

Pötschke ist Mitglied im Zentralkomitee, er war dabei, als Krenz den Zettel an Schabowski gab. Im April 2009 überraschte der Italiener Riccardo Ehrman, jener Journalist, der während der Pressekonferenz Schabowski die erste Frage stellte, mit der Nachricht, er sei von Pötschke gebeten worden, die Frage nach der Reiseregelung zu stellen. Wenn das stimmt, dann traute Pötschke seinem Medienchef Schabowski möglicherweise zu, die Verkündung der Reiseregelung zu vergessen. Schabowski hatte sich jedoch auf seinem Spickzettel für die Pressekonferenz weiter unten notiert: "Text Reiseregelung".

20.30 Uhr, Berlin, Theater im

Palast der Republik

Lauter sitzt mit seiner Frau im Theater, "Reineke Fuchs" von Goethe. Von Schabowskis Erzählungen hat er nichts mitbekommen. In seinem Büro liegen die Fernschreiben bereit, die alle Dienststellen im Land genauestens über die neue Reiseregelung informieren können. Um vier Uhr, wenn die Sperrfrist abgelaufen ist, will er ins Büro fahren und sie abschicken.

20.30 Uhr, Berlin, Grenzübergang

Bornholmer Straße

Schon kurz nach Schabowskis Konferenz waren die ersten Neugierigen am Grenzübergang aufgetaucht, sie hielten aber Distanz vom Schild mit der Aufschrift: "Grenzgebiet". Unter den Grenzern machte der Satz die Runde: "Bald kommen sie, die Wildschweine." Nach 20 Uhr war die Menge schnell angewachsen, und sie war auch immer näher gerückt, auf die Grenzanlagen zu. Nicht aggressiv, vorsichtig, die neue Freiheit austestend. Die ganz vorn standen, verwickelten die Grenzer in Gespräche, fragend, was die neue Regelung denn bedeute. Jäger hatte seine Leute angewiesen, alle zu vertrösten, sie müssten erst ein Visum beantragen. Gegen halb neun stehen Hunderte vor dem Schlagbaum.

Jäger steht nun vorn vor der ersten Reihe der Ungeduldigen, die fordernder werden. Mit lauter Stimme versucht er, sie zu beruhigen: "Genosse Schabowski hat eine neue Reiseregelung verkündet, aber man braucht dafür eine Genehmigung. Die bekommen Sie bei der Volkspolizei, nicht hier."

Das Echo aus der Menge: "Sofort, hat er gesagt" - "Unverzüglich".

Ein Streifenwagen der Volkspolizei fährt vor, Jäger erwartet, dass die Polizisten genaue Instruktionen haben. Im Gespräch erfährt er, dass die genauso ratlos sind. Aber über den Lautsprecher des Streifenwagens geben sie Auskunft: "... es ist nicht möglich, Ihnen hier und jetzt die Ausreise zu gewähren." Zum ersten Mal lautes Gejohle und Proteste, Jäger zieht sich in sein Postenhäuschen zurück. Und beobachtet, wie nach ein paar Minuten ein großer Teil der Menschen abzieht, in Richtung Arminplatz, dort ist eine Wache der Volkspolizei. Jägers Hoffnung: Vielleicht öffnet die Meldestelle nun, um Schnell-Visa auszustellen.

Doch nach zehn Minuten sind alle Wildschweine wieder da, noch lauter und wütender als vorher, sie sind auf den nächsten Morgen vertröstet worden.

20.20 Uhr, Berlin, im Gebäude des

Zentralkomitees

Während Schabowski die Welt mit seinen Verkündungen in Aufruhr brachte, während die Ost-Berliner sich in immer größerer Zahl den sieben Grenzübergängen nähern, beraten die ZK-Mitglieder im "Haus der tausend Fenster", wie es genannt wird, über die Zukunft des Sozialismus. Es ist der Sound der Kaderpartei, der sich durch die Diskussionsbeiträge zieht, Schuldzuweisungen, Selbstkritik, Anschuldigungen, Ausflüchte, alles weit entfernt von dem, was die Leute beschäftigt, die sich auf die Schlagbäume zubewegen.

Einer der Redner wird konkret, Günter Ehrensperger, Leiter der ZK-Abteilung Planung und Finanzen, er macht allen klar, dass die DDR seit 16 Jahren über ihre Verhältnisse lebt und kurz vor der Pleite steht. Empörung im Plenum und die Forderung, den Diskussionsbeitrag auf keinen Fall zu veröffentlichen. "Dann laufen uns die letzten Leute weg", brüllt einer durch den Saal. "Wir schockieren die ganze Republik", schickt Krenz hinterher.

Um 20.45 Uhr machen sich die meisten ZK-Mitglieder auf den Heimweg durch das von Gerüchten brodelnde Ost-Berlin. Sie erfahren zum Teil unterwegs durch Gespräche oder dann durch Telefonate von dem, was die Reiseregelung und die Pressekonferenz Schabowskis ausgelöst haben.

21.00 Uhr, Berlin, Grenzübergang

Bornholmer Straße

"Wir wollen rüber, wir wollen rüber." Die Leute vor Jägers Grenzern werden lauter. Die Offiziere sind ratlos, Jäger versucht immer wieder, seinem Vorgesetzten Ziegenhorn in der Stasi-Zentrale den Ernst der Lage klarzumachen. Der gibt ihm seit zwei Stunden immer denselben Befehl. Schick die Leute zurück, sie sollen morgen wiederkommen.

Hinter den Leuten stauen sich inzwischen Autos einen Kilometer lang auf der Bornholmer Straße bis zur Schönhauser Allee. Ihnen stehen 52 bewaffnete Grenzer gegenüber. "Wenn wir schießen, dann hängen wir am Laternenpfahl", sagt der an der Bornholmer Straße diensthabende Grenztruppenkommandant später. Seit April haben sie die Anweisung, Konflikte ohne Waffengebrauch zu lösen. "Einzige Ausnahme", so Jäger, "wenn das eigene Leben bedroht ist." Noch mal Anruf bei Ziegenhorn. "Jäger, ich kann dir keine Entscheidung mitteilen, ich hör ja von oben auch nichts." Jäger löst, in Sorge um das Wohl seiner Leute und verlassen von seinen Vorgesetzten, den "stillen Alarm" aus, das bedeutet, etwa 50 bis 60 Grenzer rücken zusätzlich an.

21.37 Uhr (Berliner Zeit), Washington,

im Weißen Haus

US-Präsident Bush will eine Stellungnahme zu den Vorgängen in Berlin abgeben und lässt eine Gruppe von Journalisten ins Oval Office. In den Stunden vorher haben er und Außenminister Baker vor allem Fernsehen geguckt, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Später wird er sich beklagen: "Es gab zu diesem Zeitpunkt nicht eine einzige Vorinformation, dass die Mauer fallen würde, auch nicht ein Blatt Papier der Geheimdienste."

Bush hat sich eine Deutschlandkarte bereitgelegt, zur besseren Orientierung. Er gibt eine Erklärung ab, die einen der Journalisten zu der Frage provoziert, ob er nicht in Hochstimmung sei? "Ich bin kein emotionaler Typ." Wie begeistert sind Sie? "Ich bin zufrieden."

Die Informationen sind Bush zu dünn, und er will die Russen nicht provozieren. Die US-Truppen in Berlin sind in Alarmzustand versetzt worden. Bushs Sicherheitsberater Brent Scowcroft sagt später: "Wir wussten einfach nicht, was da in Ost-Berlin vorgegangen war. Wir mussten auf einen heftigen Militärschlag gefasst sein."

21.45 Uhr, Berlin, im Gebäude des

Zentralkomitees

Krenz versucht, Gorbatschow zu erreichen, in Moskau ist es kurz vor Mitternacht. Die sowjetische Zentrale, so Krenz, sei nicht mehr bereit gewesen, eine Verbindung herzustellen. "Ich hätte sicher eine Verbindung bekommen, wenn ich gesagt hätte, wir stehen kurz vor einem Krieg."

21.45 Uhr, Mainz, Redaktionsgebäude

des ZDF

Im "heute journal" wird seltsamerweise kritisiert, die neue Regelung gelte nur für Ausreisewillige. Es wäre besser, "wenn verkündet worden wäre, dass jeder DDR-Bürger mit seinem Reisepass über die Grenze gehen kann und auch wieder zurück".

Der Bundeskanzler, immer noch zu Gast in Polen, erklärt im Interview, er sei zu Hilfen für die Flüchtlinge bereit. "Geht das noch, Herr Bundeskanzler?", fragt der Interviewer Peter Voß. "Können wir sie noch aufnehmen?"

21.50 Uhr, Berlin, Grenzübergang

Bornholmer Straße

Seit einigen Minuten wenden Jägers Leute die "Ventillösung" an: Die besonders wilden Wildschweine sollen aus der Menge vorn am Schlagbaum und an den Zäunen herausgepickt und in den Westen gelassen werden. Auf dem Foto ihres Ausweises soll ein Passkontrollstempel allen Grenzern bedeuten: "Achtung, illegal ausgereist, nicht wieder einreisen lassen." Wer so einen Stempel auf oder neben das Foto bekommt, der soll gleichzeitig in der Fahndungskartei erfasst werden.

Das ist also nun das Ergebnis von Jägers stundenlanger Forderung nach Befehlen: Die Stasi bürgert alle aus, die mal eben in West-Berlin vorbeischauen wollen. Jäger ist das recht, Hauptsache, er hat eine Weisung. Vor 20 Minuten, nachdem er wieder bei Ziegenhorn gedrängelt hatte, war er von seinem Vorgesetzten zum Zeugen eines Gesprächs mit dessen Vorgesetzten gemacht worden. Der hatte ihn zuhören lassen, als er mit der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße telefonierte. "An der Bornholmer Straße wird es bedrohlich, sagt Jäger." - "Kann der das denn überhaupt beurteilen, oder hat der nur Angst?"

Aber kurz darauf war die Ventillösung ersonnen. Die ersten Protestführer sind nun auf dem Weg in den Westen, zur Tarnung sollen die Grenzer auch ein paar weniger Laute rüberschicken.

22.00 Uhr, Waldsiedlung Wandlitz,

bei Berlin

Schabowski, der sich nach der Pressekonferenz gleich nach Wandlitz hat herausfahren lassen, bekommt einen Anruf von einem Genossen der Berliner SED-Bezirksleitung. Der ist in der Wohnung eines Bekannten, nahe der Bornholmer Straße. Hunderte hätten sich vor dem Grenzübergang versammelt und wollten raus. Schabowski ist sauer. Aber auf wen? "Verdammte Sauerei, wieder mal Pannen in der Übermittlung." Er sagt seinem Mitarbeiter, er solle ihn auf dem Laufenden halten.

Berlin, Unter den Linden, im Wohntrakt

der sowjetischen Botschaft

Weil Igor Maximytschew, der sowjetische Gesandte, die Vorgänge an der Mauer im Westfernsehen verfolgt, sorgt er sich. Ihm dämmert langsam, dass das alles keinem Plan folgt. "Man spürte, wie mit jeder Viertelstunde die Spannung stieg, die Gefahr war sehr groß, dass jemandem die Nerven durchgehen", sagt er später. In Moskau Alarm schlagen? Dort ist es jetzt tiefe Nacht, nach einem langen Tag des Nachfeierns der Oktoberrevolution. Wen erreicht er jetzt? Wer jetzt wach ist, will sich wichtig machen, trifft vielleicht im Übereifer eine gefährliche Entscheidung.

Von der KGB-Dependance in Berlin-Karlshorst gehen Eilmeldungen nach Moskau, werden aber erst am nächsten Morgen beantwortet, dann aber mit dem sich ständig wiederholenden Befehl nach neuen Lageberichten. An diesem Abend sind die Berliner KGB-Leute nicht von ihren Verbindungsoffizieren bei der Staatssicherheit informiert worden über Schabowskis Konferenz und die Folgen, sondern aus den Fernsehsendungen.

Botschafter Kotschemassow ist schlafen gegangen, hat sich mit einem Schlafmittel aus der Schusslinie genommen.

22.00 Uhr, Berlin, im Stadtteil

Lichtenberg

Als Lauter mit seiner Frau vom Theaterabend nach Hause kommt, empfängt ihn sein Sohn mit den Worten: "Du sollst mal deinen Innenminister anrufen, der hat ein paarmal nach dir verlangt. Und im Übrigen ist die Grenze auf." Lauter muss nicht mehr telefonieren, er bleibt im Mantel, eilt zu seinem Trabi und fährt ins Innenministerium.

22.30 Uhr, Berlin, im Gebäude des

Zentralkomitees

Zwei ZK-Mitglieder, Helmut Koziolek und Eberhard Heinrich, sind noch auf der Politbüro-Etage im ZK-Gebäude, sie haben bis eben an den letzten Formulierungen des SED-Aktionsprogramms gefeilt. Als sie gehen, treffen sie im Flur einen verwirrt wirkenden Egon Krenz. "Was soll ich denn nur machen?", habe der Parteichef geklagt, "es kann doch nicht um eine Grenzschließung gehen!" Ein anderes ZK-Mitglied erreicht Krenz telefonisch, will wissen, was los sei, der aber meint, er verstünde selbst nicht, was passiert sei.

22.30 Uhr, Berlin, Grenzübergang

Bornholmer Straße

Die Ventillösung hat zunächst für Beruhigung gesorgt am Grenzübergang. Jäger hat drei Schalter aufgemacht, die Glücklichen müssen in eine Schleuse, die hinten durch eine Fahrstuhltür wieder verschlossen wird. Es ist tatsächlich eine Fahrstuhltür aus Metall, die per Knopfdruck geöffnet und geschlossen werden kann - die Erfindung eines Sicherheitsoffiziers, für die Jägers Leute eine Neuererprämie bekamen.

Die Erfindung wird nun genutzt, um die Lauten von den Stillen zu trennen, aber je länger die Grenzer selektieren, je mehr sie durch die Schleuse lassen, desto lauter werden die Stillen. "Tor auf! Tor auf!"

Längst ist Jäger damit beschäftigt, die durch den stillen Alarm anrückenden Grenzer zur Sicherung der wichtigen Punkte des Grenzübergangs einzuteilen: Operativbereiche, Dienstbaracke, Fahndungskartei, Lagepult, alles muss abgesichert werden gegen Übergriffe.

22.30 Uhr, Berlin, Innenministerium,

Arbeitszimmer von Gerhard Lauter

Auf der Fahrt mit seinem Trabi ins Innenministerium ist Lauter durch den Kopf gegangen, was mit der Beschlussvorlage von heute Morgen schiefgegangen sein kann. Nachdem er den Wachtposten seinen Dienstausweis gezeigt hat, betritt er menschenleere Gänge - die Hauptabteilung Pass- und Meldewesen hat nachts keine Diensthabenden. Als er sein Büro erreicht, sieht er die 24 grünen Lampen seiner Telefonanlage leuchten. Aus allen Teilen der Republik wollen Vopos, Stasi-Offiziere und Bezirkschefs wissen, was es auf sich hat mit diesem Reisebeschluss. Einer der ersten Anrufer: Die US-Botschaft in Ost-Berlin will - in Deutsch - Aufklärung.

22.42 Uhr, Hamburg, Redaktion der

"Tagesthemen"

Die "Tagesthemen" beginnen an diesem historischen Abend später als sonst, nicht wegen der Maueröffnung, sondern weil das DFB-Pokalspiel 1. FC Kaiserslautern gegen 1. FC Köln in die Verlängerung geht. Der Moderator Hanns Joachim Friedrichs spricht die berühmten Sätze: "Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind. Der Reiseverkehr in Richtung Westen ist frei. Die Tore in der Mauer stehen weit offen."

Zu dem Zeitpunkt stimmt das noch nicht, als die Redaktion live zur Invalidenstraße schaltet, steht der Reporter vor dem immer noch geschlossenen Grenzübergang. Aber die Worte des Moderators sind stärker als die Bilder. "Tore weit offen", Zigtausende in Ost- und West-Berlin machen sich auf den Weg, durch die Tore zu stürmen.

23.00 Uhr, Berlin, Unter den Linden, im

Wohntrakt der sowjetischen Botschaft

Der Gesandte Maximytschew sieht die "Tagesthemen" mit Erleichterung, von Schüssen oder Prügeleien ist nicht die Rede. Die vergangenen Stunden seien für ihn die dramatischsten Momente seiner Diplomatenzeit gewesen, wird er später sagen. "Keiner der DDR-Offiziellen hat uns angerufen, und wir konnten niemanden von ihnen ans Telefon bekommen. Wir hatten den Eindruck, dass die ganze Führung der DDR wie vom Erdboden verschluckt war."

Waldsiedlung Wandlitz bei Berlin

Der zweite Anruf von seinem Mitarbeiter verdirbt Schabowski endgültig den Abend. An der Bornholmer Straße stehen Tausende vor dem Grenzübergang und wollen raus. Schabowski lässt seinen Volvo kommen und sich in die Stadt fahren.

Warschau, im Palais Radziwill

Bundeskanzler Kohl wird von seinem Regierungssprecher so gut es geht informiert. Kohl: "Wir standen in diesem Moment außerhalb dieser Ereignisse, wir fühlten uns quasi wie auf einem anderen Stern."

23.10 Uhr, Berlin, Grenzübergang

Bornholmer Straße

Während immer mehr DDR-Bürger durch die Fahrstuhltürschleuse in den Westen ziehen, kommen die ersten von ihren Westtrips zurück. Darunter auch ein Ehepaar, ihr Bild im Pass ist gestempelt, sein Bild nicht. Jäger guckt die Frau an, schmächtig, sie weint, will nach Hause zu ihren Kindern. Aber eigentlich ist sie jetzt ausgebürgert. Jäger lässt sie wieder einreisen und befiehlt seinen Leuten: "Alle dürfen einreisen, alle!"

Die Ventillösung, das merkt Jäger in dem Moment, ist keine. Er ruft alle wichtigen Offiziere in das Leiterzimmer der Dienstbaracke. Da er von oben keine Anweisungen bekommt, will er sie einbeziehen. Es gibt drei Alternativen: abwarten, das kann dazu führen, dass bald die Ersten durch den Druck der Nachrückenden an den Zäunen verletzt werden, vielleicht um sich schlagen, in Panik geraten. Oder NVA-Truppen anfordern, ihnen die Entscheidung überlassen und riskieren, dass durch den Aufmarsch der Bewaffneten die Lage außer Kontrolle gerät. Oder: die Schlagbäume hoch, die Leute rauslassen, unkontrolliert.

Jäger guckt in die Runde. "Ausreisen lassen?" Alle sind stumm. "Schießen lassen?" Sie gucken entsetzt. Keiner will einen Rat geben und Verantwortung teilen.

Berlin, Grenzübergang Bornholmer

Straße, am Schlagbaum

Seit zwei Stunden treibt sich Marcus Hahn jetzt am Grenzübergang herum. Der 22-Jährige, Buchhalter beim "Berliner Aufzug- und Fahrtreppenbau", hatte Schabowskis Pressekonferenz bei seiner Mutter in Friedrichshain gesehen, er dachte, da muss man sicher einen Antrag stellen, das dauert, sie sagte, probier es mal, und deshalb ist er dann später, als er Zigaretten kaufen wollte, zum Grenzübergang geschlendert. Hahn musste ein bisschen drängeln, zu dem Zeitpunkt hielten die Leute noch Abstand zu den Grenzern. Einige wollten unbedingt rüber, andere wollten wie er nur gucken.

Die Stimmung war bestens, hat ihn angesteckt, er lief in seine Wohnung und holte seine Freundin, die schon schlief. "Zieh dich an, wir müssen raus, irgendwas passiert noch." Er hatte keine Angst, dass die mit Knüppeln kommen. Die Menge wuchs schnell. "Da stellen wir uns nicht an", maulte seine Freundin. Sie haben sich vorgedrängelt, die Leute waren lustig, brüllten "Macht auf", die Stimmung war nicht angespannt.

Die Grenzer haben Einzelne herausgewinkt, die durften dann rüber. "Ich hab gedacht, so geht das doch nicht weiter."

23.25 Uhr, Berlin, Grenzübergang

Bornholmer Straße

Oberstleutnant Jäger ist verzweifelt. Seit 21 Uhr sind die Leiter der Passkontrolleinheiten aller Berliner Übergänge in der Hauptabteilung VI in Berlin-Treptow beisammen, seit über drei Stunden hat Jäger von oben nichts gehört außer Durchhalteparolen. Später erfährt er, dass dort Generalmajor Fiedler, jener General, der ihm - immerhin - seinen gebrauchten Wartburg-Motor besorgt hat, die Runde in Ruhe wiegte mit dem Satz: "Wie ich meine Berliner kenne, gehen die um 23 Uhr ins Bett."

Es ist 30 Minuten nach 23 Uhr, und wo sind die Berliner? Sie stehen, 20 000 Mann hoch, vor Jägers Schlagbaum und brüllen: "Tor auf, Tor auf!" Und was macht Jäger nun? Lässt alle Stempel, Zählkarten, Visaformulare, Fahndungskarten in den Safe schließen und brüllt seinen Leuten zu: "Macht den Schlagbaum auf!" Und sein Kollege gibt Meldung an den Vorgesetzten: "Wir fluten jetzt!"

Und Marcus Hahn? Steht ganz vorn am Schlagbaum, seine Freundin hinter ihm, hält sich an seiner Jacke fest. Als die Offiziere vor ihm den Schlagbaum nach innen führen, wird er von den Leuten nach vorn gedrückt, hält sich mit einer Hand am Schlagbaum fest, um nicht zu fallen, wird von der Menschenmenge weitergetrieben, immer tiefer in den Grenzübergang hinein, mit der ausdauernden Kraft eines Tsunami ergießt sich der stundenlang, jahrelang, jahrzehntelang aufgestaute Wille von Zehntausenden über die breite Stahlbrücke nach Westen.

Marcus Hahn erwartet, auf irgendeine Kontrolle zu treffen, auf Grenzer, auf Formulare, aber er trifft auf zwei grinsende Männer in dunkelgrüner Uniform, die ersten Westpolizisten. Er bleibt stehen und macht, was ihm seine Mutter geraten hat: Wenn du irgendwo bist, wo du noch nie warst, musst du erst mal die Luft einatmen, weil es anders riecht. Ja, es riecht anders.

23.40 Uhr, Berlin, Innenministerium, Arbeitszimmer von Gerhard Lauter

Für Lauter setzt sich aus den Anrufen, die im wilden Takt sein Telefonpult zum Leuchten bringen, langsam ein Puzzlebild der auslaufenden Republik zusammen. Die Diensthabenden im Innenministerium und bei der Staatssicherheit haben keinen Überblick und stellen Anrufe zu ihm durch, und so wird er zum Auge inmitten der Blindheit. Keiner, so ist sein Eindruck, trifft zentral Entscheidungen, es ist ein wildes Durcheinander von Einzelentscheidungen.

Die Berliner Grenzübergangsstellen sind alle kurz nach Mitternacht offen. Nachdem Oberst Ziegenhorn von Jäger erfahren hatte, dass an der Bornholmer Straße die Schlagbäume oben sind, hat er - nach Rücksprache mit Gerhard Niebling, dem "Leiter der Zentralen Koordinierungsgruppe Flucht/Übersiedlung" der Stasi - die anderen sechs Grenzübergänge angewiesen aufzumachen. Von Krenz oder Mielke, so Niebling später, gab es vorher keine Weisung zur Grenzöffnung. Es ist eine Nacht ohne zentrale Befehle, so Niebling, weder der Nationale Verteidigungsrat noch der Generalsekretär, der Stasi-Chef, der Innenminister noch der Verteidigungsminister versuchen, Herr der Lage zu werden.

23.50 Uhr, Berlin, Grenzübergang

Heinrich-Heine-Straße

Schabowski ist bei seiner Tour durchs freiheitstrunkene Ost-Berlin an der Heinrich-Heine-Straße angekommen, an der Bornholmer Straße war kein Durchkommen zum Grenzübergang. Alles ist offen, die Berliner kommen und gehen wie vor 30 Jahren. Als er mit seinem Volvo vorfährt, tritt ein Stasi-Mann in Zivil auf ihn zu und spricht zackig den coolsten Satz dieser Nacht. "Keine besonderen Vorkommnisse."

23.50 Uhr, Berlin, Grenzübergang

Bornholmer Straße

Die Grenzer stehen einzeln herum oder laufen ziellos zwischen den Menschen auf dem Gelände ihres Grenzübergangs umher. Jäger zieht es zur Operativbaracke, sie steht abseits, sie war am Beginn seines Grenzdienstes das einzige Gebäude am Übergang. Er will sich sammeln, die letzten Stunden verarbeiten. Als er die Baracke betritt, trifft er auf einen Hauptmann und einen anderen Offizier. Dem einen laufen Tränen übers Gesicht, der andere sitzt im Vernehmungsraum und wird von Weinkrämpfen geschüttelt.

10. November, 0.15 Uhr, West-Berlin,

Ku'damm

Marcus Hahn ist auf seiner Expedition ins Land, das anders riecht, mit seiner Freundin bis zum Ku'damm vorgestoßen. In der U-Bahn hierher hat sie keiner angesprochen, der Ku'damm ist nicht so hell, wie er gedacht hat, richtig hell ist nur McDonald's.

Von einem Mann hat er sich Kleingeld erbettelt und seine Mutter angerufen. Sie schlief schon. "Wie isses, wie isses?" - "Ja, ganz okay, wir kommen aber wieder." Und dann in Frankfurt seinen Vater angerufen. Der hat sofort seinen Jazzkeller dichtgemacht und ist nach Berlin gefahren.

4.00 Uhr, Berlin, Innenministerium, Arbeitszimmer von Gerhard Lauter

Auf Radio DDR I muss Lauter das Schweigen der DDR-Führung übertönen. In einem Interview erklärt er denen, die jetzt noch oder wieder wach sind, wie das eigentlich gedacht war mit der Reiseregelung. Um diese Uhrzeit sollte die Sperrfrist ablaufen, jetzt sollte die neue Reiseregelung bekanntgegeben werden. Lauter versucht, die DDR-Bürger in die Meldeämter zu schicken, einen Pass beantragen, ein Visum beantragen, aber seinen Worten ist anzuhören, dass er nicht so recht daran glauben mag.

Später am Morgen setzt sich Lauter auch noch ins Studio des DDR-Fernsehens, mit tiefschwarzen Augenringen, zerwühlten Haaren und nervösem Blick übernimmt er, in das freundliche Chaos wieder die Ordnung der Reiseregelung zu bringen. Er könnte zum Symbolbild des Neuanfangs werden, aber er sitzt da als letzter Mann eines zerfallenen Regimes.

6.30 Uhr, Berlin, Ueckermünder Straße

Der Wecker klingelt in der Wohnung von Marcus Hahn. Um zwei Uhr ist er aus dem Land des neuen Geruchs zurückgekehrt, hat den Grenzer gegrüßt mit den Worten "Bin wieder da", und der hat zurückgelächelt. 300 Meter vom Grenzübergang Bornholmer Straße entfernt hat er sich dann in sein Bett gelegt.

Er geht um sieben Uhr zur Arbeit, er ist einer der wenigen, die an diesem Morgen arbeiten wollen beim "Berliner Aufzug- und Fahrtreppenbau" in Pankow. Und kehrt nach zwei Stunden zurück ins Bett.

9.00 Uhr, Berlin, Haus des

Zentralkomitees

Die lange Nacht des Schweigens endet auch am Morgen nicht: Krenz und die anderen Politbüro-Mitglieder äußern sich nicht zum Mauerfall, als die Tagung des Zentralkomitees fortgesetzt wird. Zunächst keine Rechtfertigung, keine Kritik, kein Wort. ZK-Mitglied Gerhard Schürer, der Leiter der Plankommission, redet, als gäbe es noch etwas zu planen, dabei ist ihm klar, wie er später eingesteht, dass die Maueröffnung ohne Gegenleistung es der DDR unmöglich macht, "als Staat weiter zu existieren". Die Öffnung sei nicht Absicht des Politbüros gewesen, und auch den ZK-Mitgliedern war nicht klar, dass durch die neue Regelung "in der Nacht die Mauer fällt". Früher habe jeder "Grenzübergang der DDR hundert Millionen gebracht, durch den 9. November habe die DDR 63 neue Grenzübergänge geschaffen, ohne zu kassieren", diese Rechnung der historischen Nacht machte Hans Modrow später vor Stasi-Generälen auf.

Am Morgen des 10. November findet die Abrechnung nur in kleiner Runde statt, "wer hat uns das eingebrockt?", stöhnt Krenz, "wer hat das Ding mit West-Berlin verbrochen?", mosert Mielke.

Eine Nacht lang sind die Wildschweine hin- und hergerast zwischen Ost- und West-Berlin, machten Kohl, Bush, Gorbatschow und Krenz zu ohnmächtig staunenden, schlafenden Zuschauern, nun greifen die Mächtigen wieder zu. Sie schicken Depeschen und Telefonate um den Erdball, sie versuchen eine Sprache zu finden für die Anarchie der Nacht, sie lenken den Irrtum wieder in diplomatische Bahnen, sie machen aus dem Irrtum die deutsche Einheit.

Für alle Kommunisten war diese Nacht eine Tragödie, für alle anderen ein Geschenk des Irrtums, und für Genießer eine Komödie. "Eins, zwei, drei" nannte Billy Wilder seine Komödie, die er drehte, als die Mauer gebaut wurde. "Drei, zwei, eins" ist die Fortsetzung, gedreht in einer Nacht, mit drei Hauptdarstellern, einer Handvoll Nebendarstellern und Hunderttausenden Komparsen, die eigentlich Hauptdarsteller sind.

Was diese Geschichtslektion so komisch macht, ist die Kette der Ereignisse, die ausgelöst wird durch ein paar heruntergehaspelte Sätze auf einer Pressekonferenz ("Privatreisen können beantragt werden, Genehmigungen werden kurzfristig erteilt"), die eigentlich keinen Menschen auf den Gedanken bringen können, einen DDR-Bürger schon gar nicht, er dürfe die Grenze stürmen. Der unbeabsichtigte Fall der Mauer, so hat es der gründlichste Mauerforscher der Republik, der Berliner Historiker Hans-Hermann Hertle, zusammengefasst, "entstand durch ein Zusammentreffen von unkoordinierten Entscheidungen der SED-Spitze, falschen Situationsdefinitionen der West-Medien, spontanen Entschlüssen von Fernsehzuschauern und Radiohörern sowie Ad-hoc-Entscheidungen der Grenzsicherungsorgane"*. Mit anderen Worten: Es war nicht unbedingt Schwarmintelligenz, die in dieser Nacht ein Regime stürzte, es war ihr Gegenteil.

Lauter, Schabowski, Jäger, die drei planlosen Komplizen dieses Putsches, sind sich in den vergangenen 20 Jahren gelegentlich über den Weg gelaufen. Lauter blieb im Innenministerium der DDR, solange es das noch gab, er blieb auch der SED treu, solange es die noch gab. Er wurde Mitglied in der Schiedskommission der Partei und soll-

te die Verfehlungen des alten Politbüros untersuchen.

So kam es, dass er an einem Januarsamstag zu Gericht saß über den Mann, der ihn am 9. November um den Schlaf gebracht hat. Schabowski wurde ausgeschlossen aus der Partei, die er zu retten versucht hatte.

Lauter musste sich nach dem Tag der Einheit in die freie Marktwirtschaft stürzen, wanderte durch viele Gesellschaften mit beschränkter Hoffnung, mit beschränkter Haftung, landete als Berater bei einer Fluggesellschaft, konnte sich irgendwann eingestehen, dass seine Chefs nicht nur kein kanadisches Geld hatten, sondern überhaupt keins, und musste dann die letzten Stewardessen entlassen.

Heute betreibt Lauter zusammen mit seiner Frau die Kanzlei Lauter & Lauter in Leipzig, sie sind spezialisiert auf Arbeitsrecht, Sozialrecht, Hartz IV.

Den Absturz aus dem Olymp der DDR überlebte Schabowski, indem er sich als Kronzeuge denjenigen zur Verfügung stellte, die er vorher "Klassenfeinde" genannt hat. Er versuchte, ihnen seine Irrtümer zu erklären, und da man davon nicht leben kann, landete er, der journalistische Strippenzieher der SED, als Blattmacher bei dem Anzeigenblatt "Heimat-Nachrichten" im hessischen Rotenburg. 1995 wurde ihm der Prozess gemacht wegen der Mauertoten, er bekam drei Jahre, 1999 musste er ins Gefängnis, im Jahr 2000 wurde er begnadigt.

Was hat Oberstleutnant Gerhard Jäger vom Grenzübergang Bornholmer Straße gemacht mit der neuen Reisefreiheit? Ist zunächst auf die Insel Bornholm gereist, später nach Norwegen und Österreich, nie nach Paris, Städte mag er nicht und Mallorca schon gar nicht.

8000 Mark Abfindung hat er bekommen, als der neue deutsche Staat die Dienste der Stasi-Leute nicht mehr brauchte; als Zeitungsverkäufer hat der Oberstleutnant dann gearbeitet, später als Eisverkäufer, zuletzt als Wachhabender, erst für 5,50 Euro die Stunde, dann für 4,60 Euro. Seine Frau: lange arbeitslos, seine Enkel: inzwischen auch. "Arbeitslosigkeit gehört zum Kapitalismus", das hat ihn nicht überrascht.

Dass Deutschland vereinigt ist und die DDR seit 19 Jahren Geschichte, das wissen alle drei zu schätzen, wenn auch nicht gleichermaßen. Schabowski, der gefallene Bonze, ist der Radikalste, er hätte sich gewünscht, dass die SED verboten worden und eine intensivere Auseinandersetzung mit ihren Untaten möglich gewesen wäre.

Die Finanzkrise, so sieht es Jäger, hat all das bestätigt, was er früher in den Marxismus-Kursen gehört hat. An der sozialen Marktwirtschaft findet er bemerkenswert, dass er nun als Rentner mehr Geld bekommt, als er in die Rentenkasse eingezahlt hat. Sein Herz schlage immer noch links, aber sein Kopf sage ihm, dass Reichtum für alle utopisch ist.

Und Lauter, der am Morgen des 9. November durch einen dreizeiligen Absatz in einer Ministerratsvorlage seine DDR ins Wanken brachte? Will nicht den Sozialismus zurück, der an diesem Tag unterging, aber ist Mitglied im Leipziger Stadtvorstand der Partei "Die Linke".

CORDT SCHNIBBEN

* Hans-Hermann Hertle: "Chronik des Mauerfalls". Ch. Links Verlag, Berlin; 358 Seiten; 16,90 Euro.

DER SPIEGEL 45/2009
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Titel:
Die Nacht der Wildschweine