02.11.2009

ARBEITSMARKT

Das kleine Wunder

Von Dettmer, Markus; Dohmen, Frank; Hawranek, Dietmar; Tietz, Janko

Der Exportweltmeister Deutschland ist vom Zusammenbruch der weltweiten Märkte besonders hart betroffen. Doch die befürchtete Massenarbeitslosigkeit blieb bislang aus. Arbeitsmarktpolitiker vieler Länder fragen sich: Wie hat Deutschland das geschafft?

Die Bundesrepublik hat der Kurzarbeit viel zu verdanken, unter anderem eine Hochzeit.

Beim rheinland-pfälzischen Mittelständler Schneider liefen Anfang des Jahres die Geschäfte schlecht. Das Unternehmen, das Linsen, Filter und Objektive herstellt, entließ dennoch keine Mitarbeiter. Es schickte 230 Kollegen erst einmal in die Kurzarbeit, unter anderem Dirk Christian, einen technischen Leiter der Endmontage.

Christian nutzte die freie Zeit. Der 33-Jährige renovierte seine Wohnung und vor allem: Christian heiratete. "Die Kurzarbeit hat Entlassungen verhindert", sagt Christian, "da trifft man solche Lebensentscheidungen wie eine Heirat natürlich unbefangener."

1,1 Millionen Kurzarbeiter gibt es zurzeit in Deutschland. Menschen wie Christian, für die es nicht genügend Arbeit gibt, die aber dennoch nicht entlassen werden. Sie bleiben tage- oder wochenweise zu Hause, erhalten dennoch zwischen 80 und 90 Prozent ihres Gehalts, weil die Bundesagentur für Arbeit einen Zuschuss zahlt.

Die Gruppe der Kurzarbeiter hat ihren Anteil daran, dass der gerade erst ernannte neue Arbeitsminister Franz Josef Jung am vergangenen Donnerstag eine erstaunliche Entwicklung kommentieren konnte: Mitten in der schärfsten Wirtschaftskrise des Landes, die zu dramatischen Auftragseinbrüchen in den Schlüsselindustrien führt, steigt die Arbeitslosigkeit gegenüber dem Vorjahr gerade mal um einen halben Prozentpunkt. "Die aktuellen Zahlen", sagte Jung, "machen Mut."

3,2 Millionen Menschen sind als arbeitslos registriert. Anfang des Jahres hatten viele für diesen Herbst noch bis zu 5 Millionen Arbeitslose prophezeit.

Die deutschen Zahlen sind vor allem im internationalen Vergleich beeindruckend. Obwohl der wirtschaftliche Einbruch in Deutschland so stark war wie in kaum einem anderen Industrieland, stieg die Arbeitslosigkeit nur moderat. In anderen Ländern wie den USA, Frankreich und Spanien war es genau umgekehrt: Die Wirtschaft schrumpfte zwar, die Arbeitslosigkeit aber explodierte geradezu. In den USA verloren binnen Jahresfrist über fünf Millionen Menschen ihren Job. In Frankreich und Spanien sieht die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt ebenfalls trostlos aus (siehe Grafik).

Arbeitsmarktpolitiker und Gewerkschafter vieler Staaten interessieren sich mittlerweile für den deutschen Weg durch die Krise, der bislang auffällig erfolgreich ist. Dabei hatten auch hierzulande viele einen schwarzen Herbst vorhergesagt. "Es müsste schon ein Wunder geschehen, damit wir nicht in Richtung fünf Millionen Arbeitslose laufen", sagte der Berliner Ökonom Michael Burda. Es gab eine "Drohkulisse, dass die Unternehmen nach der Bundestagswahl zu weitreichenden Entlassungen schreiten werden", sagt Bosch-Chef Franz Fehrenbach, doch das werde "zumindest im befürchteten Maße nicht stattfinden". Auch IG-Metall-Chef Berthold Huber sagt: "Bis jetzt gibt es die prognostizierte Entlassungswelle nicht."

Für die bislang überraschend positive Entwicklung gibt es Erklärungen. Eine davon ist die Kurzarbeit, die in den vergangenen Jahren stufenweise von 6 auf 24 Monate erhöht wurde. Zudem hatte die Große Koalition die Firmen ab dem siebten Monat Kurzarbeit komplett von den Sozialbeiträgen für die Mitarbeiter entlastet.

Die Arbeitszeitverkürzung für 1,1 Millionen Kurzarbeiter entspricht umgerechnet aber nur 335 000 Vollzeitjobs. Selbst ohne Kurzarbeit hätte die Arbeitslosigkeit kaum die einst befürchteten Höhen erreicht.

Es sind vor allem Vereinbarungen zwischen Gewerkschaften, Betriebsräten und Konzernchefs, die Deutschland bislang ein relativ sanftes Abbremsen ermöglichten. Arbeitszeitkonten und Beschäftigungsbündnisse verschaffen deutschen Konzernen eine einmalige Flexibilität. Bei vielen Unternehmen gilt: Im Boom leisten die Belegschaften Überstunden und erhalten dafür nicht mehr Lohn, sondern eine Gutschrift auf dem Arbeitszeitkonto. In der Krise kommt der Ausgleich. Sie beziehen dann weiterhin ihr reguläres Gehalt, obwohl sie weniger arbeiten.

Manche Unternehmen haben sich so gut auf einen drohenden Abschwung vorbereitet, dass sie auch einen bislang kaum vorstellbaren Zusammenbruch ihres Geschäfts relativ gut überstehen. Die Lastwagensparte des Daimler-Konzerns, in der weltweit über 70 000 Mitarbeiter beschäftigt sind, kann in diesem Jahr nur noch halb so viele Lkw verkaufen wie 2008 - und musste in Deutschland dennoch keine Mitarbeiter entlassen.

In seinem "Worst-worst-Szenario" hatte Daimler-Vorstand Andreas Renschler die Lastwagensparte frühzeitig auf einen Absatzeinbruch von 30 Prozent vorbereitet. Der Unternehmensteil, der besonders anfällig für konjunkturelle Schwankungen ist, sollte beim nächsten Abschwung nicht gleich in die roten Zahlen stürzen.

Daimler stellte für die Lkw-Produktion im Boom, der bis 2008 dauerte, kaum neue Mitarbeiter ein. Die Belegschaft fuhr Sonderschichten und sammelte auf den Arbeitszeitkonten bis zu 300 Überstunden pro Mitarbeiter an. Seit die Wirtschaftskrise den Lastwagenabsatz halbiert, arbeitet die Belegschaft weniger. Jetzt stehen die Arbeitszeitkonten im Minus.

Für einen Teil der Belegschaft wurde zudem Kurzarbeit eingeführt. Für einen anderen Teil vereinbarten Vorstand und Betriebsrat eine Arbeitszeitverkürzung um 8,75 Prozent mit entsprechenden Lohneinbußen. Zudem setzt der Konzern in seinen deutschen Lkw-Werken jetzt rund 1700 befristet Beschäftigte und Leiharbeiter weniger ein.

Daimler produziert Lastwagen auch in Asien, Nord- und Südamerika. Vorstand Renschler kennt die Vor- und Nachteile der Standorte. In Japan und den USA hat Daimler Mitarbeiter entlassen. In Deutschland sind solche harten Einschnitte auch für das nächste Jahr nicht geplant. Renschler sagt: "Hier gibt es die größte Flexibilität."

In den USA können Unternehmen in einigen Bundesstaaten wie New York oder Kalifornien das Instrument der Kurzarbeit nutzen. Wer etwa in den Niederlanden oder in den meisten osteuropäischen Ländern sein Arbeitspensum einschränken muss, erhält keinerlei staatlichen Ausgleich. In Griechenland und Italien ist die finanzielle Unterstützung auf die saisonale Kurzarbeit beschränkt, wenn Hotels oder Restaurants im Winter geschlossen haben. Industriearbeiter profitieren davon nicht. In Österreich, der Schweiz, Spanien oder Frankreich sind die Bestimmungen den deutschen Gesetzen am ähnlichsten. Aber nur Österreich folgt dem deutschen Vorbild und zahlt das Kurzarbeitergeld bis zu 24 Monate lang.

Außerdem kann hierzulande jedes fünfte Unternehmen die Arbeitszeiten der Auftragslage anpassen, Überstunden ansammeln und bei Auftragsmangel kürzer arbeiten lassen. In Frankreich nutzen nur 12 Prozent aller Firmen diese Maßnahme, in Großbritannien 10, in Spanien 7 und in Italien 6 Prozent.

Betriebsvereinbarungen über flexible Arbeitszeiten sind im Ausland oft nicht möglich. In Brasilien, in Frankreich und Spanien beispielsweise gibt es meist mehrere, untereinander zerstrittene Gewerkschaften. Eine blockiert fast immer. In der Krise hat die Firmenleitung dann kaum eine Alternative zu Entlassungen.

Dass in Deutschland viele Unternehmen mit allen Mitteln versuchen, ihre Stammbelegschaft zu halten, hängt auch mit den Erfahrungen aus dem vorangegangenen Aufschwung zusammen. Plötzlich fehlten Facharbeiter.

Unternehmen wie die Schneider-Werke in Bad Kreuznach aber sind auf Experten angewiesen. Schneider stellt seine hochwertigen Objektive nicht nur für Kameras oder Kinoprojektoren her, sondern auch für das Maut-Erfassungssystem und die Nasa. "Wenn wir entlassen hätten", sagt Schneider-Chef Josef Staub, "würden wir die Facharbeiter bei einem späteren Aufschwung nicht wieder finden."

Zuerst bauten die Mitarbeiter ihre Zeitkonten ab, auf denen sie bis zu 200 Überstunden angesammelt hatten. Dann wurden viele in Kurzarbeit geschickt, nur die Mitarbeiter in der Entwicklung und im Vertrieb nicht. Die Ingenieure sollten in der Zeit des Stillstands die Produkte verbessern und die Verkäufer umso aggressiver um Aufträge werben. Vor allem in Asien, so Staub, sei das gelungen.

Schneider kam bislang auch deshalb um Entlassungen herum, weil sich die Belegschaft in einem anderen Punkt sehr flexibel zeigt: Sie arbeitet dort, wo es noch genügend zu tun gibt. Manche Mitarbeiter ließen sich von Bad Kreuznach ins Werk Dresden versetzen, andere von Göttingen nach Bad Kreuznach. Wer keine Beschäftigung hatte, ging auf Schulungen, die von der Arbeitsagentur mitfinanziert wurden.

Jetzt ziehen die Aufträge wieder an. Im Oktober wechselten 180 Mitarbeiter, unter ihnen der frischverheiratete Dirk Christian, von der Kurzarbeit wieder zurück zur Vollzeitbeschäftigung.

Für Fälle wie den des Mittelständlers Schneider passt das Instrumentarium der Kurzarbeit perfekt. In anderen Unternehmen können auch Kurzarbeit und Arbeitszeitkonten Entlassungen nicht verhindern.

Der Autozulieferer Karmann beispielsweise entlässt die Hälfte seiner Mitarbeiter. Das Unternehmen steckt im Insolvenzverfahren. Wenn der VW-Konzern es nicht noch übernimmt, verlieren alle verbliebenen 1600 Mitarbeiter ihren Job.

ThyssenKrupp strich im gerade abgelaufenen Geschäftsjahr 13 000 Stellen. Im neuen Geschäftsjahr sollen es nach internen Planungen sogar noch mehr werden. Bis September 2010 sollen weltweit weitere 20 000 Stellen abgebaut werden, rund 10 000 davon in Deutschland. Frei werdende Stellen werden nicht mehr besetzt, Betriebsteile verkauft oder geschlossen.

Die harten Einschnitte sind auch die Folge einer falschen Unternehmensplanung. ThyssenKrupp hatte sich auf eine lang anhaltende Wachstumsphase eingestellt. "Alles im Unternehmen wurde über Bedarf ausgeweitet", sagt ein Top-Manager. Mit der Krise aber brach die Nachfrage nach Stahl und nach Schiffen ein. Im abgelaufenen Geschäftsjahr wird ThyssenKrupp voraussichtlich einen Verlust von knapp einer Milliarde Euro ausweisen.

ThyssenKrupp-Manager sagen, es gebe Bereiche wie den von Schwellenländern beherrschten Containerschiffbau, in denen Deutschland nicht mehr wettbewerbsfähig sei. Er soll geschlossen werden. Es mache keinen Sinn, solche Unternehmensteile mit Kurzarbeit künstlich am Leben zu erhalten. Deshalb werde die Zahl der Kurzarbeiter von 49 000 auf 20 000 mehr als halbiert.

Dagegen protestieren Betriebsräte wie Bruno Fischer von ThyssenKrupp Gerlach, einer Konzerntochter, die Autohersteller beliefert. Fischer will die 950 Arbeitsplätze in Homburg mit Kurzarbeit bis Ende 2010 sichern, um abzuwarten, ob sich die Auftragslage wieder erholt. Die Geschäftsleitung dagegen will 350 Stellen streichen, 150 am liebsten sofort. Der Betriebsrat sagt: "Notfalls lassen wir den Streit eskalieren."

Die Entwicklung bei ThyssenKrupp zeigt, dass die aktuell guten Zahlen der deutschen Arbeitslosenstatistik nur eine Momentaufnahme sind. Sie belegen keineswegs, dass Deutschland in dieser Krise das Schlimmste schon hinter sich hat.

BASF-Chef Jürgen Hambrecht sagt, der Umsatzeinbruch bei seinem Konzern liege immer noch bei 20 bis 25 Prozent. Es wird Jahre dauern, bis der Konzern das Niveau des Jahres 2008 wieder erreicht hat. "Wir sind noch nicht durch", so Hambrecht.

Alle Mittel, die Deutschland bislang vor stark steigenden Arbeitslosenzahlen bewahrten, wirken nur eine begrenzte Zeit. Arbeitszeitkonten und Kurzarbeit können einen Abschwung überbrücken. Aber sie ersetzen keine vollen Auftragsbücher.

Noch halten die Brücken. Unternehmen können die Stammbelegschaft ein oder zwei Jahre weiterbeschäftigen. Wenn der Absatz dann nicht anzieht, kommen sie am Arbeitsplatzabbau nicht vorbei.

Für die nahe Zukunft verbreitet die Bundesagentur für Arbeit vorsichtigen Optimismus. Keiner ihrer Frühindikatoren weist darauf hin, dass demnächst Entlassungswellen zu befürchten sind. Intern rechnet die Nürnberger Behörde in den kommenden Monaten saisonbereinigt nur mit einem leichten Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Doch Frank-Jürgen Weise, der Chef der Bundesagentur, warnt. "Wir federn die Krise mit viel Geld ab", sagt er. Fünf Milliarden Euro werden in diesem Jahr allein für Kurzarbeit ausgegeben. Fünf Milliarden für ein kleines Wunder auf dem Arbeitsmarkt, das allerdings nur eine begrenzte Halbwertszeit hat.

Es sei doch "völlig klar," sagt der Chef der Arbeitsagentur, "die richtige Belastung kommt erst im nächsten Jahr."

MARKUS DETTMER, FRANK DOHMEN,

DIETMAR HAWRANEK, JANKO TIETZ


DER SPIEGEL 45/2009
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