02.11.2009

CHINADer kluge Herr Shiluode

Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder reist immer wieder gern nach China. Dort nutzt er seine Kontakte, um deutschen Unternehmern zu helfen.
Mit einer Stunde Verspätung - dem Privileg der wirklich Wichtigen - gleiten neun schwarze Limousinen in den Uferpark am Yangtze. Die Empfangsdamen in hochgeschlitzten Kleidern lächeln und hauchen "Willkommen", Leibwächter reißen Wagenschläge auf - endlich ist er da, der große Freund Chinas.
Wuhan, die Neun-Millionen-Stadt in Zentralchina, empfängt Ex-Kanzler Gerhard Schröder, 65, fast so, als ob er noch im Amt wäre. An diesem Sonnabend Ende Oktober ist er gekommen, um die "Deutsch-Chinesische Promenade" zu eröffnen, eine Art Wanderzirkus, mit dem deutsche Firmen, Künstler und Experten seit zwei Jahren von Metropole zu Metropole ziehen, um ihre Kontakte zu China zu stärken. Tagsüber reden sie in Seminaren über "nachhaltige Urbanisierung", abends spielen sie im örtlichen Stadtpark Akkordeon, Elektropop und Heavy Metal.
Schröder, ganz Staatsmann, lobt an diesem Abend die Chinesen für ihre "5000jährige großartige Zivilisation". Stolz könne das chinesische Volk sein auf das, was es in den 60 Jahren seit der Gründung der Volksrepublik geleistet habe. Vom nahen Denkmal glänzt rot-gold der große Mao herüber.
Die rund 3000 Zuschauer finden solche Worte ganz prima, einige Mädchen in der vorderen Reihe kreischen sogar, als wäre der Herr aus dem fernen Deutschland ein kantonesischer Popstar mit schmalen Hüften und gegelten Haaren.
Dabei ist Schröder für die deutschen Veranstalter eigentlich nur eine Notlösung. Das chinesische Protokoll verlangt Prominenz und Titel, damit sich ein Provinzfürst für eine solche Veranstaltung überhaupt in Bewegung setzt. Doch deutsche Minister oder Ministerpräsidenten waren wegen der Koalitionsverhandlungen in Berlin unabkömmlich. Also fragten sie Schröder, und der sagte gern zu - wie immer.
Denn China ist sein Metier, in China kennt er sich aus. Die Chinesen nennen ihn einen "alten Freund des chinesischen Volkes", so ehren sie nur wenige ausländische Politiker. Schröder gewann zum ersten Mal die Herzen der KP-Genossen, nachdem Nato-Jets 1999 aus Versehen die chinesische Botschaft in Belgrad bombardiert hatten. Als erster westlicher Politiker reiste er damals nach Peking und entschuldigte sich.
Später besuchte er China öfter als andere europäische Regierungschefs, und die Mandarine schätzen Treue, zumal Schröder auf seinen Visiten die Menschenrechte nie allzu laut anmahnte. Stattdessen plädierte er dafür, das EU-Waffenembargo gegen China aufzuheben.
Und gute Kontakte können nie schaden. Nach seiner Abwahl 2005 verdingte sich der Altkanzler nicht nur bei Nord Stream, einem Unternehmen, das die deutsch-russische Pipeline durch die Ostsee bauen will. Auch beim Schweizer Ringier-Verlag ist er unter Vertrag.
Dessen Verlagschef Michael Ringier konnte Schröder im März 2006 das Entree zum für Propaganda (und damit das Verlagswesen) zuständigen Politbüro-Mitglied Li Changchun verschaffen. Schröder durfte mit Ringier im Gefolge einfach durch die Tür marschieren und war seither mit dem Schweizer oft in China.
In Wuhan steht ein freundlicher Schwarzwälder mit weißem Haarkranz bei den Honoratioren vor der Bühne. Martin Herrenknecht, 67, bohrt seit Jahren mit gigantischen Maschinen U-Bahn-Tunnel für Chinas Metropolen. "Schröder ist ein toller Typ", sagt er, "der ist für uns Mittelständler ideal. Der hat gute Kontakte. Man muss eben öfter nach China kommen." Letzteres ist ein kleiner Seitenhieb auf Angela Merkel, mit der die Chinesen ihre Schwierigkeiten haben, weil sie den Dalai Lama empfangen hat.
Herrenknecht hat selbst blendende Verbindungen. Aber er weiß: Die muss man in China pflegen, und wer mit einem ehemaligen Bundeskanzler anreist, löffelt mit Provinzgouverneuren und Oberbürgermeistern Haifischsuppe und nicht mit Abteilungsleitern. Und da ist noch ein wichtigerer Aspekt: "Wenn man so hoch angebunden ist", sagt Herrenknecht, "dann können sie einen nicht abzocken."
Schröder schweigt über seine Privatgeschäfte; mitunter reagiert er so empfindlich, als ob jemand wieder behauptet hätte, er töne sich seine Haare. Die Nichtregierungsorganisation LobbyControl ließ er abmahnen, weil diese berichtet hatte, er sei Berater des chinesischen Außenministeriums.
So ganz falsch war das allerdings nicht, denn Chinas Diplomaten hatten ihn am 14. Mai 2007 um Mithilfe gebeten, ihr altes Botschaftsgebäude in Bonn-Bad Godesberg in ein Gesundheitszentrum für traditionelle chinesische Medizin umzuwandeln. Sogar eine Ernennungsurkunde zum Berater überreichten sie damals dem "Bundeskanzler Schröder".
"Der ist ja andauernd hier, der fährt in Städte, von denen noch niemand etwas gehört hat. Ständig bekommen wir Anfragen des Personenschutzes", sagt ein deutscher Diplomat in Wuhan.
Acht Besuche notierte die chinesische Presse seit März 2006, doch oft scheint Schröder unbemerkt unterwegs zu sein. Wenige Tage vor Wuhan hat er beispielsweise in der Millionenstadt Xuzhou ein deutsch-chinesisches Forschungszentrum für Energie und Umweltschutz im Bergbau eingeweiht, dann war er kurz in Peking, von dort aus ging es ins 6000 Kilometer entfernte St. Petersburg und wieder zurück über Shanghai nach Wuhan.
Schröder ist sich nicht zu schade, gegen gutes Geld sogar bei einem ostchinesischen Herrenausstatter vorbeizuschauen. Die Textilfirma Fapai in Wenzhou hatte ihn im November 2007 engagiert, um eine Antwort auf die Frage zu erhalten: "Wie etabliert man eine internationale Marke?"
Der kluge "Herr Shiluode", wie er bei den Chinesen heißt, wusste auch das: "Qualität ist der wichtigste Faktor", belehrte er die örtlichen Schneider. Zweitens brauche man "talentierte Leute" und schließlich "nachhaltige" Produkte.
"Das war der teuerste Vortrag, den Wenzhou jemals erlebt hat", staunte die "Wenzhou-Handelszeitung" einen Tag später und kalkulierte, dass jedes Wort, das Schröder über die Lippen kam, ungefähr 100 Euro gekostet haben muss.
Nach dem Wuhan-Termin reist Schröder schon am Sonntagvormittag wieder ab. Doch zunächst lobt er auf einem Symposium im Renaissance-Hotel noch einmal seine chinesischen Gastgeber ("Die ökologische Modernisierung des Landes hat begonnen."). Dann startet er in Herrenknechts Privatjet vom Typ Cessna 525A Citation Richtung Chengdu, der Hauptstadt Sichuans.
Dort bewirbt sich Herrenknecht um Verträge für neue U-Bahn-Linien, Schröder will behilflich sein. "Wir krallen uns jetzt hier fest", kündigt der Schwarzwälder an.
In Chengdu schicken die Stadtväter ihm einen schwarzen Mercedes 600. Fünf weitere Limousinen, besetzt mit Leibwächtern und Protokollbeamten, eskortieren ihn ins Hotel Shangri-La. Im Foyer lässt sich ein älterer Herr erschöpft in einen Sessel fallen. Er trägt einen hellen Strohhut mit kleiner Feder. Ex-Botschafter Lu Qiutian ist vom Pekinger Protokoll abgestellt worden, Schröder auf dieser Reise zu begleiten.
Der kommt soeben vom Mittagessen aus dem Restaurant Shang-Palast. Lu springt hektisch auf. "Jetzt fahren wir zu den Pandas", ruft er. "Heute Abend sind der Provinzgouverneur und der Oberbürgermeister dran." Schröder wird an diesem Tag seine Gastgeber noch mit dem Ausruf entzücken: "Wir alle lieben Pandas!"
Am nächsten Morgen wartet Herrenknecht in der Eingangshalle auf seinen prominenten Helfer. Schröders Bemühungen seien ganz uneigennützig, beteuert der Unternehmer. "Er verlangt nichts. Ich weiß auch nicht, warum er das für mich macht."
Aber in der Welt der Bohrmaschinen und Gas-Pipelines, in der Herrenknecht und Schröder zu Hause sind, kreuzen sich immer wieder mal die Wege, irgendwann kann man sich vielleicht revanchieren - etwa in Russland, wo Schröder viele hohe Freunde hat und Herrenknecht mit zwei Tochterfirmen vertreten ist.
Dann startet die Cessna mit den beiden in die südliche Provinzhauptstadt Kunming. Auch dort will der deutsche Mittelständler U-Bahn-Tunnel bohren, auch dort wartet der Gouverneur.
Für Herrenknecht ist nach Kunming Singapur die nächste Station. "Nachtflug", sagt er, "Linienmaschine." Schröder darf seinen Jet nehmen, direkt nach Hannover. ANDREAS LORENZ
Von Andreas Lorenz

DER SPIEGEL 45/2009
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