02.11.2009

NAHOSTOperation „Obstgarten“

Jagdbomber zerstörten im September 2007 einen mysteriösen Gebäudekomplex in der syrischen Wüste. Das hätte zum Krieg führen können, wurde aber von allen Seiten vertuscht. Handelte es sich um eine Nuklearfabrik? Wer gab das Kommando?
Es ist, als nähme sich die Menschheit hier am großen Fluss eine Auszeit. An diesen Fluten, von denen die Bibel in der Offenbarung prophezeit, sie würden Schauplatz für den Überlebenskampf der Menschheit, für die Schlacht in Armageddon: "Der sechste Engel goss seine Schale über den Strom. Da trocknete sein Wasser aus, so dass den Königen des Ostens der Weg offenstand."
Türkisfarben und träge fließt der Euphrat durch die nordsyrische Provinzstadt Deir al-Sor ("Kloster im Wald"). Bauern bestellen die Felder, in den Suks handeln die Basaris mit Kamelhaardecken, Kardamom und Koriander. Gelegentlich besuchen Archäologen die Region, um in der Umgebung Reste antiker Städte auszugraben; viele Völker haben hier Spuren hinterlassen, Parther und Sassaniden, Römer und Juden, Osmanen und französische Mandatsherren, die erst 1946 abzogen. Deir al-Sor ist die letzte Ausfahrt vor der Einöde. Unmittelbar außerhalb des Ortskerns beginnt schon die weite, menschenleere Wüste. Mit zerklüfteten Bergen, unzugänglichen Tälern. Totes Land.
Aber in der Nacht damals vor zwei Jahren - so flüstern die Menschen in den Teehäusern am Fluss, wenn die Wasserpfeifen glühen und sie sicher sind, dass kein Offizieller zuhört, denn das Thema ist tabu in der staatlich kontrollierten Presse, und sie wissen, dass in diesem autoritären Staat zu große Offenheit gesundheitsschädlich sein kann -, in dieser Nacht, da ist etwas sehr Aufregendes geschehen.
Von einem grellen Blitz, der in der Ferne der Wüste die Nacht erleuchtet hat, sprechen manche in Deir al-Sor. Von einer gigantischen Rauchsäule, die über dem Euphrat stand wie ein drohender Fingerzeig, berichten andere. Verheißungs- und Verschwörungsstorys machen die Runde: Die gottesfürchtigen Alten unter den Gästen im Dschisr al-kabir, dem beliebten Restaurant an der "Großen Brücke", glauben an ein himmlisches Zeichen.
Legenden haben längst überlagert, was der eine oder andere tatsächlich gesehen haben mag. Doch so sehr viel mehr Gesichertes als die "Hinterwäldler" in der Wüste weiß auch die mit modernster Messtechnik ausgestattete, durch Massenmedien vernetzte "fortgeschrittene" westliche Welt nicht. Was in der Nacht zum 6. September 2007 in der Wüste 130 Kilometer von der irakischen Grenze, 30 Kilometer von Deir al-Sor, passiert ist, gehört zu den großen Rätseln der neueren Geschichte.
Die Nachrichtenagentur Sana in Damaskus meldet an diesem Tag um 14.55 Uhr, israelische Kampfbomber hätten den syrischen Luftraum "gegen ein Uhr nachts verletzt", sie seien vom Mittelmeer gekommen. "Unsere Luftwaffe stellte sie und zwang sie zur Rückkehr, nachdem sie einige Munition über Wüstengebiet abgeworfen hatten, ohne Schaden an Menschen und Sachen anzurichten." Nicht der Hauch einer Erklärung dafür, warum ein so aufregendes Ereignis über einen halben Tag lang verschwiegen wurde. "Diese Begebenheit hat nie stattgefunden", zitiert um 18.46 Uhr ähnlich gelassen Israels Staatsradio einen Militärsprecher. Auszug aus dem täglichen Presse-Briefing des US-Außenministeriums, 20.46 Uhr: "Ich habe nur Berichte aus zweiter Hand gehört, die sich widersprechen."
Syrien und Israel, zwei Länder, die seit der Gründung des jüdischen Staates 1948 im Kriegszustand sind, haben ihr seltsames Herunterspielen der Kriegshandlungen weitgehend beibehalten - bis heute. Aber nach und nach sickerte doch durch, dass in dieser Nacht die Kampfpiloten nicht irgendwelche Munition über Niemandsland abgeworfen, sondern gezielt einen geheimnisvollen syrischen Gebäudekomplex in Schutt und Asche gelegt hatten.
War es eine Atomfabrik, in der Wissenschaftler kurz vor der Fertigstellung der Bombe standen? Haben an dieser geheimen syrischen Anlage nordkoreanische, womöglich auch iranische Experten mitgearbeitet? Wann und wie erfuhren die Israelis von dem Projekt, und warum gingen sie mit ihrer Nacht-und-Nebel-Aktion ein so großes Risiko ein? Zielte die Zerstörung des Kibar-Komplexes in Wahrheit Richtung Teheran - eine letzte Warnung an die Iraner, seht her, das war ein Probelauf, mit euren Anlagen werden wir genauso verfahren, solltet ihr nicht einlenken?
Der SPIEGEL hat in den vergangenen Monaten über das Mysterium in der Wüste mit den wichtigsten Politikern und Experten gesprochen: mit Syriens Präsident Baschar al-Assad; mit Israels führendem Geheimdienstexperten Ronen Bergman; mit dem Chef der Uno-Atomwaffenkontrolleure Mohamed ElBaradei; mit David Albright, dem einflussreichen amerikanischen Nuklearexperten. Darüber hinaus aber auch mit Beteiligten, die erst jetzt und unter Zusage der Anonymität bereit sind, ihr Wissen preiszugeben.
Entstanden ist so ein Mosaik, das nicht alle Rätsel löst, aber zumindest zahlreiche Steinchen zum Verständnis des großen Bildes liefert. Zur Einschätzung einer Aktion, die den Nahen Osten verändert hat und deren Schockwellen bis heute nachwirken.
Tel Aviv, ein unscheinbarer Häuserblock zwischen Eukalyptusbäumen: das Hauptquartier des legendären Auslandsgeheimdienstes Mossad, Ende 2001. Im kleinen Garten steht ein Denkmal für die Agenten, die bei Kommandounternehmen hinter feindlichen Linien ums Leben gekommen sind, mehr als 400 sind es bis jetzt, und der graue Marmorstein hat noch viel Platz. Im Hauptgebäude versuchen die Geheimdienstanalytiker, sich ein Bild vom neuen syrischen Präsidenten zu machen.
Im Juli des Vorjahres ist Baschar al-Assad seinem verstorbenen Vater ins Amt nachgefolgt. Der politikunerfahrene Augenarzt, der lange in London gelebt hat und damals erst 34 ist, gilt den Israelis als schwacher Führer. Anders als der "Löwe" Hafis al-Assad, ein skrupelloser Realpolitiker, mit dem es in dessen letzten Lebensmonaten fast noch einen Deal über die von Israel annektierten Golanhöhen gegeben hätte, erscheint Baschar aber wenig berechenbar.
Der Junior versucht nach den Einschätzungen der israelischen Agenten in Damaskus, seine Macht zu konsolidieren, indem er den Scharfmacher gibt. Er liefert den an der Seite Irans im Libanon operierenden Hisbollah-Milizen massiv Waffen für ihren "Befreiungskampf" gegen das "zionistische Regime". Er empfängt hochrangige Delegationen aus Nordkorea. Der Mossad hat keine Zweifel, dass es bei diesen Geheimgesprächen um eine weitere Aufrüstung Syriens geht - Pjöngjang hat schon in der Vergangenheit bei der Entwicklung von Mittelstreckenraketen und Chemiewaffen wie Sarin oder Senfgas Damaskus geholfen. Aber als der israelische Militärgeheimdienst den Kollegen mitteilt, in der Diskussion sei wohl auch ein syrisches Nuklearprogramm, winken die Geheimdienstprofis ab.
Kernwaffen für Damaskus, eine Atomanlage sozusagen vor der Haustür Israels? Das scheint den Experten eine gar zu abenteuerliche Variante.
Und außerdem: Assad senior hat Anfang der Neunziger den pakistanischen "Vater der Atombombe", Abdul Qadir Khan, abblitzen lassen, der ihm auf dem Schwarzmarkt Zentrifugen zur Urananreicherung verkaufen wollte. Den Israelis ist auch genau bekannt, wie aufwendig der Weg zur Bombe ist - schließlich haben sie selbst in den sechziger Jahren längere Zeit dazu gebraucht, um sich an der Weltöffentlichkeit vorbei Uran zu beschaffen und in ihren Geheimlabors von Dimona Kernwaffen zu entwickeln. Um zu verhindern, dass Saddam Hussein dem Beispiel folgte, griffen sie zum äußersten Mittel: In einer Juninacht 1981 sind israelische F-16 unter Bruch des Völkerrechts in den irakischen Luftraum eingedrungen und haben die Atomanlage Osirak bei Bagdad dem Erdboden gleichgemacht.
Gegen den "kleinen" Assad arbeiten die Israelis mit Nadelstichen. Mehrfach bombardiert die Luftwaffe 2003 Stellungen an der syrischen Grenze, im Oktober jagen Kampfbomber im Tiefflug über die Residenz Assads in Damaskus - eine arrogante Machtdemonstration, die auch beim Mossad viele den Kopf schütteln lässt: Wie wird der Gedemütigte reagieren?
Der Bau am Euphrat dürfte um diese Zeit herum in seine erste entscheidende Phase gegangen sein. Der amerikanische Geheimdienst NSA registriert im Frühjahr 2004 eine verdächtig hohe Dichte von Telefonaten zwischen Syrien und Nordkorea, besonders von einem Ort in der nordsyrischen Wüste namens al-Kibar laufen die Drähte heiß Richtung Pjöngjang. Das Dossier landet bei der Einheit "8200", der für Funkaufklärung zuständigen Truppe innerhalb des israelischen Militärs: Sie hat ihre Antennen in den Hügeln bei Tel Aviv aufgestellt. Al-Kibar wird "geflaggt", wie es in der Sprache der Geheimdienste heißt.
Ende 2006 beschließt Israels Militärgeheimdienst, die Briten um eine Meinung zu bitten. Doch so weit kommt es nicht. Fast zeitgleich mit der Delegation aus Tel Aviv trifft in einem Hotel im vornehmen Londoner Kensington-Viertel ein hochrangiger syrischer Regierungsbeamter ein, den der Mossad unter Beobachtung hat - und der sich als unglaublich leichtsinnig erweist. Er lässt seinen Computer im Hotelzimmer zurück. Agenten installieren auf dem Laptop ein Spähprogramm, ein trojanisches Pferd, das heimlich die Daten stiehlt.
Auf der Festplatte finden sich Baupläne, Briefe und Hunderte Fotos. Vor allem die Bilder sind entlarvend. Sie zeigen den Komplex von al-Kibar, in allen Entstehungsstufen. Anfangs - wohl im Jahr 2002, das Material ist nicht datiert - sieht die Baustelle aus wie ein Baumhaus auf Stelzen, mit verdächtigen Rohrleitungen zu einer Pumpstation am Euphrat. Dann ist zu erkennen, wie die Verantwortlichen Betonpfeiler und Dächer hinzufügen, die offensichtlich nur eine Funktion haben: Sie sollen das Gebäude so verändern, dass es von oben unverdächtig aussieht. Am Ende wirkt das Ganze so, als hätte man einem Schuhkarton etwas übergestülpt, eine Art Tarnkappe. Innenaufnahmen zeigen, was wohl wirklich vor sich geht: Arbeit an spaltbarem Material.
Eines der Bilder zeigt einen Asiaten in einer blauen Trainingshose neben einem Araber. Der Mossad identifiziert die beiden schnell, es handelt sich um Chon Chibu und Ibrahim Uthman. Chon ist einer der führenden Männer des nordkoreanischen Atomprogramms, die Experten halten ihn für den Chefingenieur des Plutoniumreaktors Yongbyon; Uthman ist Vorsitzender der syrischen Atomenergiekommission.
Nun herrscht nicht nur bei den Militärspionen, sondern auch beim israelischen Auslandsgeheimdienst Alarmstufe eins: Ministerpräsident Ehud Olmert wird unterrichtet. "Wird der Reaktor bald funktionsfähig sein, besteht Handlungsbedarf?", fragt er nach dem Briefing. Schwer einzuschätzen, murmeln die Experten. Der Premier will noch mehr Informationen, Präziseres, möglichst aus erster Hand.
Istanbul, ein "Safe House" des amerikanischen Geheimdienstes, in dem prominente Überläufer betreut und "abgeschöpft" werden, Februar 2007. Ausgerechnet im alten Byzanz, dessen Name jahrhundertelang ein Synonym für Verrat und doppeltes Spiel war, wechselt ein iranischer General die Seiten - ein dicker Fisch, wie er auch CIA und Mossad nur ganz selten ins Netz geht.
Ali Resa Asgari, 63, ein schnurrbärtiger Beau vom Typ Omar Sharif, war in den achtziger Jahren Chef der Revolutionären Wächter im Libanon, wurde Mitte der Neunziger in Teheran Vizeverteidigungsminister. Unter dem relativ liberalen Präsidenten Mohammed Chatami wohlgelitten, fällt der Top-Funktionär nach dem Wahlsieg des Hardliners Mahmud Ahmadinedschad 2005 aus der Gunst. Weil er einige Männer in dessen Umfeld als korrupt gebrandmarkt hat, muss er um mehr fürchten als um seine Karriere - es geht um sein Leben.
Nach Aussagen von Geheimdienstlern ist Asgaris Absprung in den Westen monatelang und akribisch vorbereitet; Amir Farschad Ebrahimi, der 2003 nach Berlin geflohene frühere iranische Medienattaché in Beirut und langjährige Asgari-Bekannte, erzählt dagegen dem SPIEGEL, der General habe sich im zweiten Halbjahr 2006 erst aus Iran, später dann aus Damaskus mit seinem Fluchtwunsch bei ihm gemeldet. Mit Hilfe eines Schleusers sei es gelungen, Asgari nachts über die türkische Grenze zu bringen. Erst in Istanbul will Ebrahimi die CIA informiert, seinen Freund an die Amerikaner "abgegeben" haben.
Ab da decken sich wieder die Versionen: Der Teheraner Insider plaudert wie ein Wasserfall, wird zu einer nachrichtendienstlichen Goldgrube für die Amerikaner und Israelis. Am alarmierendsten finden die Israelis, was General Asgari über Irans Atomprogramm berichtet. Teheran baue neben der im Westen bekannten Urananreicherungsfabrik in Natans eine zusätzliche, geheime Anlage. Und außerdem finanziere Iran wohl ein gemeinsam mit Nordkorea gestartetes hochgeheimes Atomprojekt in Syrien - Genaueres allerdings wisse er leider nicht.
Nach wenigen Tagen fliegen die "Betreuer" den General aus dem relativ unsicheren Istanbul in die sichere Rhein-Main Air Base bei Frankfurt aus. "Ich habe meinen Computer mitgebracht, da ist mein ganzes Leben drin", sagt Asgari seinem Freund Ebrahimi, der ihn für die Amerikaner identifiziert. Noch zweimal meldet sich Asgari bei seinem Fluchthelfer, aus Washington und dann "irgendwo aus Texas". Der Überläufer bittet, doch seiner Frau zu übermitteln, es gehe ihm gut; die iranischen Behörden haben nämlich verbreitet, Asgari sei vom "Mossad entführt und wahrscheinlich umgebracht worden". Dann ist Funkstille. Die amerikanischen Behörden richteten ihrer iranischen Top-Quelle offensichtlich eine neue Existenz ein. Ali Resa Asgari gibt es nicht mehr.
Israels Ministerpräsident Olmert lässt sich regelmäßig über die neuesten Erkenntnisse informieren. Im März 2007 bittet der Premier drei hochrangige Experten aus Politik, Militär und Geheimdienst in seine Residenz an der Jerusalemer Gaza-Straße und schwört sie auf äußerste Vertraulichkeit ein. Das Trio soll ihn in Sachen syrisches Atomprogramm beraten. Olmert will jetzt Ergebnisse - und er weiß, er muss vor einem Angriff die Amerikaner auf seine Seite ziehen. Er braucht zumindest ihr stillschweigendes Einverständnis, wenn er Flugzeuge in Regionen schickt, die nur wenige Dutzend Kilometer von Stützpunkten des Nato-Mitglieds Türkei entfernt liegen.
Im August erstattet Generalmajor Jaakov Amidror als Sprecher des Dreiergremiums seinem Premier Bericht. Er fällt niederschmetternd aus: Während der Mossad zunächst eher zurückhaltend bei der Beurteilung von al-Kibar gewesen war, stellt sich das Dreiergremium nun an die Spitze derer, die von einer existentiellen Bedrohung reden und Ansatzpunkte für eine intensive Kooperation Syriens mit Nordkorea sehen. Auch Querverbindungen zu Iran scheinen belegbar: Mohsen Fachrisade Mahabadi, den Experten als Chef des geheimen "Projekts 111" zur Ausrüstung iranischer Raketen mit Atomsprengköpfen betrachten, hat Damaskus 2005 besucht; Irans Präsident Ahmadinedschad ist 2006 nach Syrien gereist und hat dabei angeblich mit Hilfszusagen von über einer Milliarde Dollar auf Beschleunigung der Arbeiten gedrungen.
Al-Kibar soll demnach ein "Back-up", ein "Ersatzlager", für den noch im Bau befindlichen Schwerwasserreaktor im iranischen Arak sein - die Plutonium-Variante zum Bau einer Bombe, falls es mit der Urananreicherungsvariante nicht klappen sollte. "Assad dachte wohl, er könnte mit seiner Waffe eine nukleare Option für ein Armageddon haben", formuliert sehr kühn Aharon Farkasch, der damalige Chef des Militärgeheimdienstes.
Israels Premier Olmert bewilligt ein hochriskantes Unternehmen: eine Fact-Finding-Mission seiner Agenten auf feindlichem Boden. In einer wolkenreichen Augustnacht 2007 fliegen laut Geheimdienstexperte Bergman israelische Elite-Einheiten mit zwei Helikoptern im Tiefflug über die syrische Grenze, laden in der Wüste von Deir al-Sor ihre Messgeräte aus und nehmen Bodenproben im Großbereich der Anlage al-Kibar. Sie werden von einer Patrouille entdeckt und müssen ihr waghalsiges Unternehmen vorzeitig aufgeben. Der ultimative Beweis steht weiter aus. "Die Auswertung der Proben lieferte Hinweise für die Existenz eines Atomprogramms", heißt es in Tel Aviv aber bei denen, die für eine schnelle Aktion plädieren.
Der tiefreligiöse und von seiner Angst vor einem neuen Holocaust geprägte Chef der Expertengruppe gehört zu ihnen. Amidror findet auch Anzeichen dafür, dass die Bautätigkeit an der syrischen Fabrik beschleunigt werden soll. Er berichtet von einem Schiff namens "Gregorio", das im September 2006, aus Nordkorea kommend, in Zypern aufgebracht wurde - mit verdächtigen Röhren für Syrien an Bord. Und Anfang September 2007 legt der Frachter "al-Ahmad" aus Pjöngjang im syrischen Hafen Tartus an, nach Mossad-Informationen mit einer Fracht Uran-materialien.
Von einer unmittelbaren Gefahr für Israels Sicherheit durch al-Kibar spricht niemand. Premier Olmert aber will zuschlagen - trotz der explosiven Situation in der Weltregion, der Irak-Krise, der Auseinandersetzungen im Gaza-Streifen. Olmert informiert Stephen Hadley, den Nationalen Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten. Dann gibt er seinem Generalstab die Vollmacht für eine Bombardierung. Der Countdown für die "Operation Obstgarten" ("Orchard") läuft.
Ramat David, Luftwaffenbasis der israelischen Armee südlich von Haifa und nahe Megiddo, dem Ort der biblischen Endschlacht zwischen Gut und Böse, 5. September 2007. Der Befehl, der den Piloten der Staffel kurz vor 23 Uhr erteilt wird, wirkt wie reine Routine: Sie sollen sich für eine Notfallübung bereithalten. Alle zehn verfügbaren Maschinen, die von den Piloten liebevoll "Raam" ("Donner") genannt werden, steigen in den Nachthimmel. Nehmen Kurs Richtung Westen, hinaus aufs Mittelmeer. So fällt die außergewöhnliche Mobilmachung nicht auf, die hinter den Kulissen stattgefunden hat.
Für drei der zehn Maschinen vom Typ F-15I kommt der Befehl zur Rückkehr. Sieben aber fliegen weiter, Richtung Ost-Nordost - im Tiefflug zu der nahen syrischen Grenze. Dort schalten sie mit ihren Präzisionswaffen eine Radarstation aus, bevor sie nach 18 weiteren Flugminuten die Gegend um Deir al-Sor erreichen. Die Koordinaten des Kibar-Komplexes haben sie da längst in ihren Bordcomputern. Aus der Luft wird der Einschlag gefilmt; wie immer in solchen Fällen stehen die Zeichen auf Overkill, die Zerstörungskraft der Bomben ist weit größer als benötigt. Und ob nur eine Handvoll Wachleute sterben oder mehr, spielt keine Rolle.
Premier Olmert ruft unmittelbar nach der knappen Nachricht ("Ziel zerstört") den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan an, erklärt ihm die Situation - und bittet ihn, er solle Präsident Assad in Damaskus sagen, man werde eine neue Nuklearanlage nicht dulden, allerdings seien weitere Kriegshandlungen nicht geplant. Israel wolle den Fall nicht hochspielen und sei am Frieden mit Damaskus weiterhin sehr interessiert; sollte Assad sich mit Erklärungen zurückhalten, werde er genauso verfahren.
Auf diese Weise beginnt das ohrenbetäubende Schweigen über das Geheimnis in der Wüste. Aber das ist noch längst nicht das Ende der Geschichte - denn es gibt viele, die Licht in das Dunkel bringen. Und andere, die Rache nehmen.
Washington D. C., das unabhängige "Atominstitut", nur einen Kilometer vom Weißen Haus entfernt - und wichtiger als manches US-Ministerium, Ende Oktober 2007. David Albright heißt der Hausherr, der in der Suite 500 des Backsteinbaus residiert. Der Chef bevorzugt khakifarbene Bundfaltenhosen und hochgekrempelte Hemden. Aber so locker sich Albright, 58, im Umgang mit seinen Mitarbeitern gibt: Sie wissen, ihr Vorgesetzter, der Physik studiert hat und im Irak zur Expertengruppe der Uno-Waffenkontrolleure gehörte, hat sein Institut nicht so nebenbei in die Spitzenklasse der Think-Tanks gehievt. Was der Chef sagt, gilt in der Welt der Nuklearforscher als Nonplusultra.
Vier Wochen lang werten Albright & Co. nach den ersten Meldungen über das mysteriöse Syrien-Bombardement Satellitenaufnahmen aus, 25 000 Quadratkilometer sind auf den Computerschirmen zu durchkämmen - dann entdecken sie den zerstörten Gebäudekomplex in der Wüste.
Im April 2008 erhält Albright von der CIA eine überraschende Einladung zu einem Hintergrundgespräch. Geheimdienstchef Michael Hayden präsentiert die von den Israelis aus dem syrischen Computer in London "entwendeten" Bilder (was in Tel Aviv empört, weil es Rückschlüsse auf Mossad-Quellen erlaubt). Albright kann nun die verschiedenen Stadien von al-Kibar vergleichen. Er kennt die Maße und Eigenheiten des Atomreaktors im nordkoreanischen Yongbyon. "Es gibt keine ernsthaften Zweifel mehr, dass es sich in Syrien um einen Atomreaktor handelte", schlussfolgert der Wissenschaftler.
Das merkwürdige Verhalten des US-Geheimdienstes, glaubt Albright, sei nur vor dem Hintergrund des Irak-Desasters zu verstehen. Gebetsmühlenartig hatte die Bush-Regierung damals unter Berufung auf CIA-Informationen die falsche Behauptung wiederholt, Saddam Hussein besitze Massenvernichtungswaffen - nun wollten Amerikas Spione belegen, dass die Gefahr real war. Doch woher kam der Rohstoff Uran, den auch der Schwerwasserreaktor braucht, in welchen Geheimanlagen wurde er verarbeitet? Hatten außer den Nordkoreanern auch die Iraner die Hand im Spiel? Und was passiert da auf den neuesten Bildern vom "Manhattan-Projekt" in der syrischen Wüste - ein Umbau, ein Neubau?
Wien, Uno-Komplex Wagramer Straße, Sitz der Nukleardetektive von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). Eine eindrucksvolle Ansammlung von Nationalflaggen, die hier im Foyer hängen wie Segel, die auf Rückenwind warten: 150 der 192 Uno-Mitglieder sind Mitglied der IAEA, und fast alle haben den Atomwaffensperrvertrag unterschrieben - nicht unterzeichnet haben ihn die Problemkinder der Nuklearwelt, alle im Besitz der Bombe: Israel, Pakistan, Indien.
Wer wie Syrien oder Iran Mitglied im Club ist, hat das Recht auf Unterstützung bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie. Und er ist verpflichtet, Atomwaffen abzubauen und ihre Verbreitung zu verhindern (die "Bombenbesitzer") beziehungsweise auf ihre Entwicklung zu verzichten (die "Habenichtse"). Das alles zu überprüfen ist Aufgabe der IAEA. 2200 Mitarbeiter, Jahresetat knapp 300 Millionen Dollar. Das hört sich eindrucksvoll an und ist doch ein Klacks, wenn denn stimmt, was Politiker weltweit übereinstimmend verkünden - die größte Gefahr für die Menschheit bestehe darin, dass Atomwaffen in die Hände erpresserischer Diktatoren oder Terroristen fallen könnten.
IAEA-Generaldirektor Mohamed ElBaradei, 67, seufzt beim SPIEGEL-Gespräch in seinem Wiener Büro im Mai 2009, als er die Bilanz seines Lebens zieht. Manchmal, gesteht der oberste Atomwaffenkontrolleur, habe er sich wie Sisyphos gefühlt, wie die tragische Gestalt aus der griechischen Mythologie, die immer einen Stein den Berg hinaufhievte, der ihr dann, kurz vor dem Gipfel, vor dem Erfolg, wieder entgleitet. Immer wieder hat ElBaradei, Friedensnobelpreisträger 2005, darauf hingewiesen, dass seine Organisation am Tropf der Mitgliedsländer hänge. Die Nukleardetektive können zwar ausschwärmen und an jedem Ort mit ihren hochsensiblen Prüfgeräten einen "atomaren Fingerabdruck" nehmen, aber sie brauchen natürlich den Zugang zu den Reaktoren. Libyen hat in der Vergangenheit Sorgen gemacht. Heute geht es um Nordkorea, um Iran, die üblichen Verdächtigen. Und nun also auch um Syrien - die Story aus der Wüste kam über die IAEA wie ein Schock.
"Was die Israelis getan haben, war ein Bruch des Völkerrechts. Wenn sie Erkenntnisse über eine illegale Nuklearanlage besaßen, hätten sie uns umgehend informieren müssen", sagt ElBaradei, der erst aus der Presse von den dramatischen Entwicklungen erfuhr. "Als alles vorbei war, sollten wir im Schutt nach Beweisen suchen - eine fast unmögliche Aufgabe."
Doch da hat er seine Leute unterschätzt. Im Juni 2008 besucht ein IAEA-Expertenteam die zerstörte Kibar-Anlage. Die Syrer haben dem Drängen der Waffenkontrolleure nachgegeben, allerdings auch alles dafür getan, dass Spuren verwischt waren. Sie haben sämtliche Trümmer der zerbombten Anlage weggeschafft, das ganze Areal zubetoniert. Sie erklären, es habe sich um eine konventionelle Waffenfabrik gehandelt, nichts Nukleares, nichts Anmeldepflichtiges. Und Ausländer hätten nicht die Hand im Spiel.
Die IAEA-Fachleute sammeln akribisch Bodenproben, wischen mit Spezialtüchern über kleinste Reste noch vorhandener Einrichtungsgegenstände oder Rohre. Die Muster schicken sie in die IAEA-Speziallabors von Seibersdorf bei Wien. Dort werden sie ultrasensitiven Isotopen-Analysen unterzogen - wenn etwas mit verdächtigem Uran in Verbindung gekommen ist, bleibt das nicht verborgen. Und es ist. Etwas sehr Verdächtiges sogar.
In ihrem Gutachten spricht die IAEA von "einer signifikanten Anzahl anthropogenischer (das heißt: chemisch bearbeiteter) Uranpartikel, die nicht Syriens bisher deklariertem Material entsprechen". Die syrischen Behörden können sich das nur als Folge der israelischen Bombardierung erklären, ein Zusammenhang, den die IAEA "wenig wahrscheinlich" nennt.
In ihrem neuesten Bericht vom Juni 2009 fordert die IAEA von Damaskus unmissverständlich die Erlaubnis für eine weitere Inspektionsreise mit Zugang zu "drei weiteren syrischen Anlagen", die im Zusammenhang mit al-Kibar gestanden haben könnten. "Die Merkmale des Komplexes einschließlich der Kühlwasserkapazitäten ähneln stark denen eines Atomreaktors, was dringend Aufklärung erfordert", fügt ein IAEA-Experte hinzu - im vorsichtigen Uno-Speak kommt das einer Verurteilung gleich.
"Syrien gewährt uns nicht die Transparenz, die wir verlangen", sagt ElBaradei zornig. In seinem Büro hängt das Bild, das zu seiner Stimmungslage zu passen scheint, "Der Schrei" heißt das Werk des norwegischen Malers Edvard Munch, das einen zutiefst verstörten Menschen zeigt. ElBaradei glaubt nicht, dass er mit den Atom-Verdächtigen zu sanft umgeht, wie ihm die Bush-Regierung immer wieder vor allem in Bezug auf Iran vorwarf. Die IAEA werde wohl bald die Genehmigung für eine neue Inspektionsreise in Syrien bekommen. Hofft er.
Der Gastgeber wird dann ein anderer sein. Der freundliche Brigadegeneral Mohammed Sulaiman, 49, Assad-Vertrauter und verantwortlich für "sensible Sicherheitsfragen" aller Art, kann nicht mehr präsidieren. Er steht ebenso im Fadenkreuz seiner Verfolger wie Imad Mughnija, 46. Die Israelis halten den Kommandeur der Hisbollah für den Inbegriff des Terrors, den schlimmsten Drahtzieher des Terrors in Nahost: Er hat den blutigen Angriff auf das amerikanische Hauptquartier in Beirut in den Achtzigern und auf jüdische Einrichtungen in Argentinien in den Neunzigern zu verantworten, Hunderte Unschuldige sterben dabei; er gilt auch als "Erfinder des Selbstmordattentats" und ist tief im iranischen Machtapparat verwurzelt.
Und jetzt besitzt der Mossad Informationen, dass dieser Mughnija plant, den Angriff auf al-Kibar zu rächen - mit einem Attentat auf eine israelische Botschaft - entweder in Baku, in Kairo oder in Amman.
Damaskus, Gebäudekomplex der syrischen Atomenergie-Kommission (AECS) im Diplomatenviertel Kafar Sussa. Besucher sind nicht willkommen. "Bitte kontaktieren Sie die Postfachadresse 6091", wimmelt ein Pförtner ab. Auch eine E-Mail-Anschrift existiert (atomic@aec.org.sy). Aber Anfragen an beide Adressen bleiben unbeantwortet. Kein Wunder, glaubt man Experten. Die vermuten nämlich, dass in dem unscheinbaren Komplex die Fäden eines geheimen Atomwaffenprogramms zusammenlaufen.
Ausgerechnet in dieser Straße hat am 12. Februar 2008 Imad Mughnija alias "der Fuchs" seinen Mitsubishi Pajero geparkt, während er einen Empfang in der nahen iranischen Botschaft besucht. Ein seltener Auftritt des Schattenmanns, der sonst öffentliches Erscheinen meidet. Mughnija weiß sich an diesem Abend allerdings unter Freunden. Anwesend sind Hamas-Chef Chalid Maschaal und der syrische General Sulaiman, die er von zahlreichen Treffen in Teheran und den Hisbollah-Zentren des Libanon kennt.
Kurz nach halb elf trinkt Mughnija ein letztes Glas frischgepressten Orangensaft. Dann küsst "der Fuchs" den Gastgeber, den neu installierten iranischen Diplomaten Ahmed Mussawi, nach Landessitte auf beide Wangen und verlässt die Party. Mughnija ist "wahrscheinlich der fähigste Gegenspieler, mit dem wir es je zu tun hatten", sagt der frühere CIA-Agent Robert Baer, der lange seine Spuren verfolgte. Der Terrorist weiß, dass er auf der Todesliste des Mossad die Nummer eins ist; er kennt die Kopfprämie, die vom FBI auf ihn ausgesetzt wurde: fünf Millionen Dollar. In Syrien aber fühlt er sich vergleichsweise sicher, ebenso wie in Beirut und Teheran, wohin er regelmäßig pendelt.
Die Detonation zerstört den Geländewagen völlig, der Körper Mughnijas wird zerrissen, er ist sofort tot. Die Spreng-
ladung ist aber offensichtlich so professionell berechnet, dass nahe Gebäude kaum in Mitleidenschaft gezogen werden. Der Terroristenchef bleibt in dieser Damaszener Nacht das einzige Opfer.
Wer immer die Tat begangen habe, "die Welt ist ein besserer Ort ohne diesen Mann", lässt die amerikanische Regierung tags darauf durch Außenamtssprecher Sean McCormack verlauten. Die Hisbollah nennt Mughnija einen "Märtyrer" und schwört den "Zionisten" Rache, sie hat keinen Zweifel, wer für den Tod verantwortlich ist. Israels Regierung bestätigt weder eine Verwicklung in die Liquidierung, noch dementiert sie.
Beim Mossad aber kann man sich vor Stolz kaum bremsen. Geheimdienstexperte Usi Mahnaimi darf verbreiten, israelische Agenten hätten die Kopfstütze des Fahrersitzes ausgebaut und mit einem Gemisch gefüllt, das bei Berührung detoniert. Geheimdienstfachmann Bergman kann sogar die Reaktion beteiligter Israelis schildern. "Schade um den schönen neuen Pajero", sagt einer.
Tartus, mittelalterliche Hochburg des Templerordens an der syrischen Mittelmeerküste, fünf Monate später. In dieser Hafenstadt am Mittelmeer, 160 Kilometer nordwestlich von Damaskus, hat einst der mysteriöse Frachter "Hamed" angelegt, mit seiner angeblichen Zementladung aus Nordkorea. Hier, an einem Strandabschnitt 13 Kilometer nördlich der mittelalterlichen Stadtmauern, besitzt General Sulaiman ein Wochenendhaus, etwas abseits des luxuriösen Strandresorts Rimal al-Sahabija. Im Sommer kommt er fast jeden Freitag zum Aktenlesen, Ausspannen und Schwimmen. An diesem ersten Augustwochenende 2008 muss sich Präsident Assads graue Eminenz besonders viele Papiere mitgenommen haben - in den nächsten Tagen will er, an der Seite seines Chefs, zu einem Geheimbesuch nach Teheran fliegen.
Wie immer fährt Sulaiman in einem gepanzerten Wagen von Damaskus nach Tartus. An seinem Chalet warten weitere Bodyguards. Sie lassen ihn nie aus den Augen, selbst wenn er ins Wasser geht, wird er eskortiert. Nach Mughnijas Ermordung mitten auf einer belebten Straße von Damaskus herrscht Alarmstufe eins - der General, der gegenüber der Weltgemeinschaft als oberster Regimebeauftragter in Atomfragen agiert, gilt als besonders gefährdet.
Das Meer ist ruhig an diesem Morgen. Vor der Küste kreuzen Yachten, nichts Verdächtiges in Tartus, wo man Boote für Ausflüge zu der vorgelagerten Insel Arwad mit ihren Fischlokalen chartern kann und wo sich Syriens Geldadel gern mal auf einen Segeltörn begibt. Eine besonders schnittige Yacht nähert sich dem Strand bis auf 50 Meter, nicht nahe genug, als dass sich die Leibwächter Sorgen machten, als ihr Boss sich anschickt, ins Meer zu springen.
Die Schüsse hat niemand gehört, sie werden vermutlich aus schallgedämpften Präzisionsgewehren abgegeben. Aber sie kommen eindeutig von der Wasserseite. Sie treffen Sulaiman in den Kopf, in die Brust, in den Nacken. Der General stirbt, ohne dass seine Bodyguards noch irgendetwas für ihn tun könnten. Die Yacht mit den Scharfschützen dreht ab und verschwindet in internationalen Gewässern.
Die syrischen Autoritäten verschweigen den Mord der Öffentlichkeit tagelang. Dann folgen dürre Erklärungen über das "gemeine Verbrechen". Der General sei "bei Tartus erschossen aufgefunden worden", heißt es. Kein Wort über eine Yacht, keine Erwähnung der Einschusswinkel. In Damaskus blühen die Spekulationen. Sulaiman sei den Kabinettskollegen zu mächtig geworden, es könnte sich um einen innersyrischen Machtkampf handeln, vermuten westliche Diplomaten. Sulaiman sei für Assad nach dem Desaster mit der zerbombten Anlage und der Mughnija-Ermordung zur Belastung geworden und auf seinen Befehl ausgeschaltet worden, streuen die Kritiker des Präsidenten im Westen. Am wahrscheinlichsten gilt Experten, dass die Israelis auch hinter dieser hochprofessionell durchgeführten Liquidierung stehen.
General Sulaiman, den sie wegen seines europäischen Aussehens auch den "Importierten" genannt haben, wird zwei Tage nach seiner Ermordung in seinem Heimatdorf Draikisch begraben - unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Präsident Assad schickt seinen jüngeren Bruder Mahir zu der geheimen Trauerfeier. Er selbst tritt seine geplante Teheran-Reise an. Diese Souveränität muss er zeigen, wie erschüttert er in seinem Inneren auch sein mag.
Können Bombenangriffe und Exekutionskommandos gegen tatsächliche oder vermeintliche Terroristen den Nahen Osten weiterbringen? Verstehen Araber und Israelis wirklich nur die Sprache der Gewalt, wie so viele in Tel Aviv jetzt sagen? Hat das Feuerwerk über dem Kibar-Komplex unter Missachtung aller internationalen Regeln Syriens Präsidenten zur "Vernunft gebracht" oder seine Position weiter verhärtet?
Und was bedeutet das alles für eine mögliche iranische Atombombe?
Kommandounternehmen "Obstgarten" und die Folgen - eine Bilanz. "Bei der bombardierten Anlage handelte es sich um eine konventionelle Militäranlage", beharrt Syriens Präsident Assad beim SPIEGEL-Gespräch Mitte Januar 2009 in seinem Palast über Damaskus. "Wir hätten zurückschlagen können - aber dann wären wir in eine israelische Falle getappt." Und die Uranspuren? "Vielleicht haben es die Israelis abgeworfen, um uns genau in diesen Verdacht zu bringen." Damaskus wolle nicht Atommacht werden, glaube auch nicht, dass Iran nach der Bombe strebe. "Syrien ist gegen die Verbreitung von Nuklearwaffen. Wir wollen einen kernwaffenfreien Nahen Osten, Israel eingeschlossen."
Assad zeigt sich empört über die Kriegsführung der Israelis im Gaza-Streifen, er hat die geheimen Friedensverhandlungen mit dem Feind, vermittelt von den Türken, bis auf weiteres ausgesetzt. Aber mehr als deutlich ist auch: Da will einer heraus aus der Ecke der weltpolitischen Schmuddelkinder, Assad möchte mit den USA und Europa ins Gespräch kommen.
Im Herbst 2009 stehen die Zeichen zwischen Damaskus und dem Westen auf Tauwetter - was eher auf das Konto amerikanischer Konzessionen als auf israelische Bomben zurückzuführen sein dürfte. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hat Assad im Elysée empfangen und die Normalisierung der Beziehungen nur von einer provokant formulierten Bedingung abhängig gemacht: "Beenden Sie die atomare Waffenzusammenarbeit mit Iran!" Und in der ersten Oktoberwoche durfte der syrische Vizeaußenminister Faisal Makdad zu Gesprächen mit seinem Amtskollegen nach Washington fliegen. Mit dem ausdrücklichen Segen Washingtons versuchte dann in Damaskus auch der König Saudi-Arabiens, Assad einen Schwenk ins gemäßigte Lager schmackhaft zu machen.
Präsident Barack Obama wird wohl demnächst wieder einen US-Militärattaché und dann auch einen Botschafter nach Damaskus schicken. Syrien könnte von der amerikanischen Liste terrorunterstützender Staaten gestrichen werden (auf der es sich gemeinsam mit Iran, Kuba und Sudan befindet). Assad werden Milliardenhilfen sowie Hochtechnologie-Transfers in Aussicht gestellt - Syriens Präsident weiß, dass er langfristig wohl nur so seine marode Wirtschaft auf die Beine bringen kann.
Die Beziehungen zwischen Damaskus und Teheran haben sich in den vergangenen Wochen deutlich verschlechtert. Westliche Geheimdienste berichten, die iranischen Machthaber zwängen Syrien, die erheblichen Lieferungen von Uran, die sie nach der Zerstörung ihres Atomprogramms ja nicht mehr brauchten, vollständig und ohne Kompensation zurückzuschicken.
Die neuesten Nachrichten aus Damaskus, der Stadt, in deren Nähe laut Überlieferung einst Saulus zu Paulus wurde: Assad überlegt sich nach SPIEGEL-Informationen eine sensationelle politische Aktion. Gesprächspartnern aus Pjöngjang gegenüber soll er eine Offenlegung seines bisherigen "nationalen" Nuklearprogramms angedeutet haben - ohne die Zusammenarbeit mit seinen nordkoreanischen und iranischen Partnern zu enthüllen. Von einer vergleichbaren "Beichte" in Sachen Atom hat Libyens Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi international erheblich profitiert.
Die Reaktion auf den Versuchsballon kam prompt und fiel sehr harsch aus: Pjöngjang schickte einen hochrangigen Regierungsvertreter nach Damaskus, der in einem solchen Fall jede Kooperation in Sachen Chemiewaffen aufkündigen wollte. Noch schärfer soll Teheran reagiert haben. Said Dschalili, enger Vertrauter des Religionsführers und führender Atom-Unterhändler, habe einen Brandbrief des Ajatollahs Ali Chamenei mitgebracht: "unakzeptabel, Ende der strategischen Allianz, schwerste Belastung der Beziehungen".
Assad sei zurückgezuckt, melden die Geheimdienste - vorläufig. Aber er suche nach Möglichkeiten, selbst mit dem israelischen Hardliner-Premier Benjamin Netanjahu ins Geschäft zu kommen. Dabei will er weder die Kontakte zur Hisbollah noch nach Teheran ganz aufgeben und wird für eine mögliche Anerkennung Israels und eine Mittlerrolle gegenüber Iran einen sehr hohen Preis verlangen: die Rückgabe des gesamten Golan.
Hat die Operation "Obstgarten" die Iraner beeindruckt, verstanden sie es so, wie es von den Israelis wohl auch gemeint war: als letzte Warnung an Teheran?
Die Iraner haben sich nicht erst seit dem israelischen Angriff auf Syrien im wahrsten Sinn des Wortes eingegraben und lassen inzwischen einen großen Teil ihrer Zentrifugen zur Urananreicherung in unterirdischen Schächten laufen. Nicht einmal mit bunkerbrechenden Superbomben, deren baldige Bereitstellung gerade das Pentagon wegen "dringenden operativen Bedarfs" angefordert hat, werden Anlagen wie die in Natans ganz zu zerstören sein.
Die Amerikaner - oder die Israelis - müssten schon wochenlang Angriffe fliegen und mehr als ein Dutzend bekannte Nuklearanlagen zerstören, um das iranische Atomprogramm für mehr als ein paar Monate zurückzuwerfen - kein Vergleich zum irakischen Osirak oder zum syrischen al-Kibar. Sie könnten sich auch nach einer so umfassenden und von Gegenschlägen bedrohten Operation nicht sicher sein, alle wichtigen Anlagen ausgeschaltet zu haben. Erst im September überraschte Teheran die Welt mit dem Eingeständnis, bei Ghom eine bis dato unangemeldete Urananreicherungsfabrik gebaut zu haben.
Das Kommando "Obstgarten" hat nur eines erreicht: Falls die Iraner geplant haben sollten, in Syrien ein atomares "Ersatzlager" zu bauen, eine Plutoniumfabrik in Reserve, so ist daraus nichts geworden. Die Zeit ist aber eher auf Teherans Seite. Schon heute besitzen die Machthaber wohl die "Breakout-Capacity", die Möglichkeit und die Fähigkeit, wenn gewünscht mit dem Bau einer Kernwaffe zu beginnen: Iran ist auf der Schwelle zur Atommacht.
Und Syrien? Nichts deutet darauf hin, dass Damaskus sein Spiel mit dem Feuer wieder aufnehmen will oder kann. Auf den Trümmern der Anlage al-Kibar ist jetzt tatsächlich eine konventionelle Fabrik entstanden. Der Zugang zu ihr ist gesperrt, "Sicherheitsgründe", heißt es in Deir al-Sor lapidar bis heute, an der Straßensperre nahe dem großen Fluss und dem Wüstendorf Tibnar.
Türkisfarben und träge fließt der Strom, den Mose in der Bibel den Israeliten als Teil ihres heiligen Landes versprochen hat, was viele radikale Israelis bis heute so ernst nehmen wie einen Grundbucheintrag: "Jede Stelle, die euer Fuß berührt, soll euch gehören - vom Strom, dem Euphrat, bis zum Meer im Westen." Und von dem der Prophet Mohammed gesagt haben soll: "Der Euphrat enthüllt seine Schätze freiwillig. Wer immer diese Schätze sieht, soll sich nicht an ihnen vergreifen."
* Vor dem Porträt ihres getöteten Kommandeurs Imad Mughnija.
Von Erich Follath und Holger Stark

DER SPIEGEL 45/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 45/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

NAHOST:
Operation „Obstgarten“

Video 01:01

US-Fahndungsvideo Streit zwischen Autofahrer und Biker eskaliert

  • Video "US-Fahndungsvideo: Streit zwischen Autofahrer und Biker eskaliert" Video 01:01
    US-Fahndungsvideo: Streit zwischen Autofahrer und Biker eskaliert
  • Video "Chronik des Brexits: Wie sich die Briten gleich drei Mal verzockten" Video 02:45
    Chronik des Brexits: Wie sich die Briten gleich drei Mal verzockten
  • Video "Mysteriöses Phänomen: Würden Sie in diesem Fluss schwimmen?" Video 01:08
    Mysteriöses Phänomen: Würden Sie in diesem Fluss schwimmen?
  • Video "Revolutionäre Technik: Ein Aufzug, der ganz ohne Seil auskommt" Video 01:06
    Revolutionäre Technik: Ein Aufzug, der ganz ohne Seil auskommt
  • Video "OOCL Hong Kong: Weltgrößtes Containerschiff läuft größten britischen Hafen an" Video 00:43
    OOCL Hong Kong: Weltgrößtes Containerschiff läuft größten britischen Hafen an
  • Video "Ein Jahr Brexit-Abstimmung: Breaksit for One" Video 03:06
    Ein Jahr Brexit-Abstimmung: Breaksit for One
  • Video "Gewitter in Berlin: Blitze schlagen in Fernsehturm ein" Video 00:51
    Gewitter in Berlin: Blitze schlagen in Fernsehturm ein
  • Video "Zynische Trump-Rede: Wir bauen die Mauer aus Solarmodulen" Video 01:30
    Zynische Trump-Rede: "Wir bauen die Mauer aus Solarmodulen"
  • Video "Völlig verladen: Bagger vs. Lastkahn" Video 01:00
    Völlig verladen: Bagger vs. Lastkahn
  • Video "Videoanimation zum G20-Gipfel: Das sind Hamburgs neuralgische Punkte" Video 02:04
    Videoanimation zum G20-Gipfel: Das sind Hamburgs neuralgische Punkte
  • Video "Zweisitziger Hubschrauber: Riesendrohne zum Selberfliegen" Video 01:30
    Zweisitziger Hubschrauber: Riesendrohne zum Selberfliegen
  • Video "Annäherung an Regierungsmaschine: Russischer Kampfjet drängt F-16 der Nato ab" Video 01:07
    Annäherung an Regierungsmaschine: Russischer Kampfjet drängt F-16 der Nato ab
  • Video "Game of Thrones: Neuer Trailer zu Staffel 7 veröffentlicht" Video 01:50
    "Game of Thrones": Neuer Trailer zu Staffel 7 veröffentlicht
  • Video "US-Polizist freigesprochen: Dashcam-Video von tödlichen Schüssen veröffentlicht" Video 01:27
    US-Polizist freigesprochen: Dashcam-Video von tödlichen Schüssen veröffentlicht
  • Video "Der Fall Otto Warmbier: Video soll Plakat-Diebstahl zeigen" Video 01:49
    Der Fall Otto Warmbier: Video soll Plakat-Diebstahl zeigen