09.11.2009

KARRIEREN

Die Schläferin

Von Osang, Alexander

Angela Merkel hat Amerika mit einer persönlichen Rede über die Wendezeit bewegt. Doch wer war sie damals? Nicht ihre Ausdauer im chaotischen Herbst '89 ist verantwortlich dafür, dass die jetzt mächtigste Frau der Welt Politikerin wurde. Von Alexander Osang

An einem Wochenende im September 1989 traf sich eine Gruppe von DDR-Physikern im Pastoralkolleg Templin, um über ethisch-philosophische Fragen der Naturwissenschaften zu reden. Der Arbeitskreis tagte einmal im Jahr, man diskutierte hinter Kirchenmauern Probleme, die man draußen nicht wahrhaben wollte. Das Thema des Jahres 1989 im Templiner Kolleg hieß: Was ist der Mensch?

Die meisten aus der Gruppe waren Physiker geworden, weil ihnen das die Möglichkeit bot, sich dem Staat zu entziehen, ohne das Land zu verlassen. Sie wollten in Ruhe gelassen werden und dennoch etwas tun. Aber das funktionierte immer weniger. Das Land, in dem sie lebten, zerfiel vor ihren Augen, Zehntausende flüchteten in den Westen, die Parteiführung verharrte im Schock, sie schien gefährlich und angeschlagen. Jetzt, da es zum ersten Mal die Chance gab, wirklich mitzumachen, stellte sich die Frage, was sie denn sein wollten, wenn sie nicht mehr Physiker sein mussten, in einem Staat, dem man sich nicht mehr entziehen musste, womöglich nicht mehr entziehen durfte. Einige der Wissenschaftler am Tisch hatten sich bereits entschieden.

Hans-Jürgen Fischbeck, Physiker an der Akademie der Wissenschaften in Berlin, hatte gerade mit ein paar Freunden Demokratie Jetzt gegründet; Günter Nooke, Physiker aus Forst, würde in sieben Tagen mit 16 Gleichgesinnten in einer Altbauwohnung in Berlin-Mitte den Demokratischen Aufbruch gründen. Die Physiker befanden sich an diesem Wochenende auf dem Sprung in die Politik, sie landeten später in kleineren und größeren Parlamenten, aus denen sie sich inzwischen fast alle wieder zurückgezogen haben.

Diejenige am Tisch aber, die damals schwieg, ist heute Bundeskanzlerin.

Der Herbst '89 ist die letzte unscharfe Phase im Leben der Kanzlerin. Angela Merkel war mehr oder weniger zufällig in die Runde geraten. Sie arbeitete an der Akademie der Wissenschaften in Berlin und besuchte an jenem Wochenende ihre Eltern in Templin. Ihr Vater Horst Kasner leitete das Kolleg, auch ihr Bruder Marcus Kasner, ebenfalls ein Physiker, saß in der Runde, die diesmal kaum über ethisch-philosophische Probleme der Naturwissenschaften stritt, sondern darüber, ob es auch in der DDR einen Platz des Himmlischen Friedens geben könnte. Marcus Kasner und Günter Nooke kannten sich vom Physikstudium und von gemeinsamen Wanderungen in der CSSR. Die Welt war klein damals, manchmal nur so groß wie eine Familie. Erst recht, wenn man von außen darauf schaute, wie Professor Christofer Frey, ein Theologe aus Bochum, der von Anfang der Achtziger an von Kasner ins Kolleg eingeladen wurde.

Der Westprofessor saß am Herbstwochenende 1989 direkt neben Angela Merkel und erinnert sich an eine Frau mit rundem, freundlichem, aber verschlossenem Gesicht. Er kannte sie aus den Erzählungen des Vaters und war erstaunt, wie jung sie wirkte und wie unpolitisch, sagt er. Angela Merkel habe sich überhaupt nicht an den Gesprächen beteiligt, was er heute als strategisches Vorgehen bewertet. Sie habe gewartet, sagt Frey, und als die Männer einmal nackt in einen uckermärkischen See sprangen, habe sie seiner Frau anvertraut: Am meisten störe sie an der DDR, dass es keinen anständigen Joghurt gebe. Alles, was er politisch aus ihr herausholen konnte, war, dass sie es hier im Osten ganz anders machen müssten als in seiner Bundesrepublik.

Es fällt Professor Frey schwer, in der riesigen Weltpolitikerin von heute eine einfache, junge Frau zu erkennen, deren Probleme darin bestanden, H-Milch zu bekommen und Lampenschirme, die nicht auch in allen anderen ostdeutschen Wohnzimmern hingen. Wie konnte sich eine Frau, die sich gerade in Washington beim amerikanischen Volk für die deutsche Einheit bedankt, einst, als es darauf ankam, um Joghurt sorgen? Er scheint enttäuscht zu sein von Angela Merkel, aber es ist nicht klar, ob er von der Kanzerlin enttäuscht ist, von der Frau in Templin oder von der Tatsache, dass eine Frau wie die, die er damals kennenlernte, Kanzlerin seines Landes werden konnte.

Angela Merkel selbst kann sich nicht an das Treffen im Spätsommer 1989 erinnern.

"Wenn Nooke und die andern sagen, ich sei dabei gewesen, wird's wohl so gewesen sein", sagt sie. "Bei meinem Vater war ja immer viel los."

Fast auf den Tag genau 20 Jahre nach dem Templiner Wochenende sitzt sie am Konferenztisch ihres Büros im Kanzleramt. In fünf Tagen sind Bundestagswahlen, übermorgen fliegt sie zum Weltwirtschaftsgipfel nach Pittsburgh, und die kleine silberne Kanne mit ihrem Pfefferminztee ist leer. Das ist die Lage. Ihr gegenüber sitzt Regierungssprecher Ulrich Wilhelm, ein paar Meter weiter hängt ein Kokoschka-Porträt Konrad Adenauers über ihrem Schreibtisch an der Wand wie eine Gedenktafel. Draußen scheint die Sonne auf den Kanzlergarten, die ostdeutsche Vergangenheit liegt im Nebel.

Sie soll über die Zeit reden, in der sie ihr altes Leben verließ und ein neues begann wie so viele ihrer Landsleute damals. Ist es wirklich möglich, dass gesellschaftliche Umbrüche unpolitische Menschen an die Spitze eines Landes spülen?

"Ich war ja nie unpolitisch", sagt Angela Merkel. "Ich war aber lange nicht politisch aktiv. Ich habe zusammen mit meinem Bruder Hauptstädte auswendig gelernt, um uns ein Bild von der großen weiten Welt zu machen", sagt sie, lächelt, strafft sich und rüttelt ihre kindlichen Erinnerungen in eine tragende Formulierung: "Durch den inneren Widerstand zur DDR war das Leben schon viel politischer, als es in einem demokratischen Land gewesen wäre."

Sie erzählt nun von den DDR-Besuchen Helmut Schmidts und Willy Brandts, von der Weizsäcker-Rede im Jahre 1985, und es scheint fast so, als entspannte sich Konrad Adenauer an der Wand ein wenig. Es gibt keine andere Erinnerung an die deutsche Geschichte in diesem Raum als ihn, kein Mauerstück, kein Foto aus den Wendetagen, kein Ampelmännchen, nichts, was irgendwie mit ihrer Vergangenheit zu tun hätte. Man muss an das riesige Gemälde von Willy Brandt im Büro von Wolfgang Thierse denken, dem anderen ostdeutschen Politiker, der es ziemlich weit in der bundesdeutschen Politik gebracht hat. Thierse sitzt gern vor dem Bild, und manchmal hat man den Eindruck, er würde sich am liebsten vollständig in das Gemälde zurückziehen. Es ist kompliziert, in eine Geschichte zu schlüpfen, die gar nichts mit der eigenen zu tun hat. Es ist ein Leben wie in einem Zeugenschutzprogramm.

Sie erzählt, wie Helmut Kohl sie auf einer Amerika-Reise am Anfang ihrer politischen Karriere vor Journalisten fragte, was sie denn damals von ihm gehalten habe, zu DDR-Zeiten. Sie stockte, wurde rot, sie konnte nur an eine große Birne denken, die Karikatur eines Kanzlers. Sie hatte ja nie mit ihm zu tun. Da waren keine Abhängigkeiten, Wünsche oder Bindungen, kein ostdeutsches Mädchen war Kohl-Fan, nicht mal eines, das Kunstpostkarten sammelte und Diktatorennamen auswendig lernte. Wenn es überhaupt einen westdeutschen politischen Helden in ihrer Jugend gab, dann war das Willy Brandt. Sie sagt schnell, wie gut ihr gefallen habe, dass Kohl die Teilung Deutschlands nie akzeptierte. Aber das klingt so, als wolle sie nicht vollständig aus der Rolle fallen.

"Auf welche Traditionen soll sie sich auch berufen?", fragt Michael Schindhelm, der in den achtziger Jahren mit Angela Merkel an dem kleinen Akademieinstitut in Adlershof zusammenarbeitete. "Die Westdeutschen tun immer so, als seien wir in irgendwelchen Massai-Dörfern in Tansania aufgewachsen, aus deren Wurzeln wir unsere Lebenskraft ziehen. Aber bei mir war da nur Leere. Wir hatten keine ostdeutsche Identität. Wolf Biermann hat bei seinem Kölner Konzert pausenlos Hölderlin zitiert, weil er in eine romantische Zwischenwelt geflüchtet ist, die jenseits aller politischen Sphären der DDR lag. Dieses Gefühl der unvollständigen kulturellen und politischen Identität hatten auch wir beide, Angela und ich", sagt Schindhelm.

"Romantische Zwischenwelt?", sagt Angela Merkel und schaut ungläubig. "Ich weiß nicht. Ich habe unter der umfassenden Enge gelitten, darunter, dass man den ganzen Tag irgendwas plappern musste. Der Deutschlandfunk bringt ja jetzt in diesen Tagen morgens immer diese 'Mauersplitter'. Heute ging es um den Erlass von Honecker an die Genossen Kreissekretäre. Wenn ich heute allein diese Sprache höre! Mit der mussten wir uns damals jeden Tag beschäftigen. Ein Wunder, wie man das überhaupt wieder verlernen konnte. Gelitten habe ich darunter, dass von der Tischdecke bis zur Gardine alles hässlich war. Man hat immer nur gedacht, wo kriegste jetzt die nächste vietnamesische Bastmatte her?"

Sie erzählt, wie es sie bedrückte, nach den Leipziger Studienjahren ihr Arbeitsleben in Berlin zu beginnen. Es war Herbst, die Tage wurden kürzer, sie fuhr im Dunkeln los und kam im Dunkeln wieder zu Hause an, kämpfte um irgendwelche Raritäten beim Einkaufen, sagt sie, aß, schlief und fuhr wieder los.

"Da habe ich gedacht, jetzt ist dein Leben zu Ende. Irgendwann ist die Kraft erlahmt." Sie blieb dennoch. Der Westen war nur eine Rückversicherung, sagt sie, wenn es mal ganz schlimm kommen sollte.

Michael Schindhelm sagt, sie hätten sich in einer Art Speicherschlaf befunden. Es ging in ihren Gesprächen und in ihrem Denken nicht pausenlos um politische Verhältnisse, sagt er, und schon gar nicht darum, sie zu verändern. Sie hätten kein aggressiv kritisches Verhältnis zur DDR gehabt, eher ein distanziertes. Sie hielten sich aus dem Glutkern heraus, sagt er. Angela Merkels Lebensgefährte Joachim Sauer beispielsweise sei damals ein Vorbild für sie gewesen, ein Mann, der an der Akademie anerkannt war, ohne irgendwelche politischen Zugeständnisse zu machen. Sauer habe seine kleine Welt mit klassischer Musik ausgestaltet. Die Wagner-Oper als Nische. Die Nische, sagt Schindhelm, war ein Inkubator für ihr heutiges Leben.

Schindhelm hat viel Energie gespeichert in seinem DDR-Schlaf, sie hat ihn aus seinem alten Leben im Zickzackkurs in die Welt geschossen wie einen Harzer Knaller. Er leitete Theater in Nordhausen, Gera und Basel, eine Opernstiftung in Berlin und eine Kulturorganisation in Dubai, im Moment lebt er in Rom und im Tessin. Er blickt aus großer Entfernung auf jene Jahre zurück, er beschreibt sie mit Worten, die er über die Zeit in Stein meißelte.

Jeder pickt sich aus Merkels Leben das, was am besten zu seinem eigenen passt. Und ihr Leben gibt das her. Hans-Jörg Osten erinnert sich an eine junge Frau, die sich eifrig in der FDJ-Gruppe der Akademie engagierte, die er leitete. Sie waren nicht zufrieden, aber auch nicht hoffnungslos, sagt er. Sie organisierten Streitgespräche im FDJ-Studienjahr und waren zusammen Betreuer im Kinderferienlager der Akademie. Er hat geholfen, die Wohnung zu renovieren, die Angela Merkel besetzte, nachdem sie sich von ihrem ersten Mann trennte, und er hat sogar überlegt, sie für seine Partei zu werben, die SED.

Osten redet heute nur noch widerwillig über diese Dinge, weil er befürchtet, eine Fußnote im Lebensbuch der ersten deutschen Bundeskanzlerin zu werden, ein kleiner Widerhaken. Er hat ein eigenes Leben. Er hat in Polen Physik studiert, bevor er an der Akademie anfing, er war zu DDR-Zeiten ein Jahr an einem Institut in Chicago, und als er zurückkam, wollte ihn niemand mehr einstellen, ohne dass er jemals die Gründe erfuhr. Er organisierte die größte Wendedemonstration in Frankfurt (Oder), wo er im Halbleiterwerk untergekommen war. Er ist heute Professor in Hannover. Auch er ist ein Physiker mit Wendevergangenheit, aber als Zeitzeuge ist er nur der Mann, der bestätigen kann, dass Angela Merkel Agitatorin der FDJ-Gruppe war, die er leitete, und nicht Kultursekretärin, wie sie behauptet.

Es gehe ihm nicht darum, Angela Merkel anzugreifen, sagt Osten, er will nur genau sein. Vielleicht freut er sich, dass es ein Propagandist im Westen ganz nach oben schaffen kann, aber er hat die Dinge nicht mehr in der Hand. Alles, was er sagt, gerät in einen Kontext, in dem Agitation und Propaganda klingen wie scharfe Waffen. Es ist weder sein Kampf noch der von Angela Merkel, aber was sollen sie machen.

"Nach meiner Erinnerung war ich Kultursekretärin. Aber was weiß ich denn? Ich glaube, wenn ich 80 bin, weiß ich gar nichts mehr", sagt sie. Ulrich Wilhelm tippt irgendetwas in sein Handy. Nach den letzten Umfragen schmilzt die Mehrheit. Jetzt nur keine Fehler mehr machen, hat er vorhin im Foyer des Bundeskanzleramts gesagt, die kann man nicht mehr ausbügeln.

Ausflüge in ihre Vorwendevergangenheit sind wie Ausflüge auf unregelmäßig zugefrorene Seen. Anfang der neunziger Jahre hat sie in einem Gespräch mit Günter Gaus gesagt, dass sie gern in der FDJ war. Man kann sich das auf alten Videobändern ansehen, aber man glaubt es nicht mehr. Es wirkt heute, 18 Jahre später, wie ein Versprecher, und sie weiß das. An manchen Tagen scheint das Eis schon so dick zu sein, dass man darauf tanzen kann. Vor ein paar Wochen fand eine dieser vielen Wendeveranstaltungen in der Berliner CDU-Zentrale statt. Es gab ein paar Gesprächsrunden mit Schülern, die in der Wendezeit geboren wurden, und ein paar historische Ostfiguren. Hildigund Neubert, die den Demokratischen Aufbruch mitbegründete, war da, die CDU-Politiker Arnold Vaatz und Lothar de Maizière. Angela Merkel rauschte in den Saal, schüttelte ein paar Hände, hielt eine kurze Rede, und dann ging das Licht aus, man sah Bilder von Ruinen, Rosinenbombern, Mauerbau, Stacheldraht, Chruschtschow, Ronald Reagan und dann Fanfaren: Helmut Kohl am Reichstag, Feuerwerk, und Angela Merkel, die erste ostdeutsche Kanzlerin, auf Staatsbesuch. Die deutsche Nachkriegsgeschichte in vier Minuten. Als das Licht wieder anging, war Angela Merkel verschwunden, zur Geburtstagsfeier von Helmut Schmidt. Hildigund Neubert erklärte einer Schülerin aus Pankow das Leben in der Diktatur.

Hildigund Neubert lebte in den Wendejahren zusammen mit ihrem Mann Erhart und ihren drei kleinen Söhnen in einer Wohnung in der Ost-Berliner Wilhelm-Pieck-Straße, die heute Torstraße heißt. Die Wohnung gehörte der evangelischen Kirche, für die Erhart Neubert als Pfarrer arbeitete, und sie ist, wenn man so will, ein historischer Platz. Dort wurde am 1. Oktober 1989 der Demokratische Aufbruch gegründet. 17 Aufrechte versammelten sich in der Wohnung, draußen auf der Straße patrouillierte die Staatssicherheit. Hildigund Neubert war mit den Kindern zu Freunden an den Berliner Stadtrand gefahren, weil sie befürchtete, gemeinsam mit ihrem Mann verhaftet zu werden. Die Kinder waren noch sehr klein damals, sagt sie. Sie sollten nicht beide Eltern auf einmal verlieren. Sie kam spät in der Nacht nach Hause, als die Partei bereits gegründet war, in der zweieinhalb Monate später Angela Merkels politische Karriere beginnen sollte.

Die meisten der 17 Gründungsmitglieder haben Angela Merkel nie getroffen. Sie fühlten sich schon nicht mehr zu Hause im Demokratischen Aufbruch, als sie dazukam. Vielleicht ist das kein Zufall. In den knapp drei Monaten von Oktober bis Dezember '89 entwickelten sich der Demokratische Aufbruch und Angela Merkel aufeinander zu, bis sie füreinander in Frage kamen.

Es wird kaum hell, wenn sie darüber spricht. Es war dunkel, wenn sie zur Arbeit fuhr, und dunkel, wenn sie nach Hause kam. Sie springt auf den zugefrorenen Inseln durch die flüssige, schwarze Zeit. In den Tagen um den 7. Oktober besuchte sie ein- oder zweimal die Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg, sagt sie. Da war ihre Gemeinde, da war ihr Familienkreis, da ging sie auch manchmal zum Gottesdienst, aber nicht oft.

"Zwischen Oktober und Dezember? Tja, ich weiß auch nicht", sagt sie. "Ich war Beobachterin, ich hab dem Braten noch nicht so ganz getraut. Das war nicht meine Sache, so kurz vor Toresschluss noch abzuhauen. Aber ich war noch nicht entschlossen, mich zu organisieren. Ich konnte mich nicht aufraffen, bei den Bürgerbewegungen mitzumachen. Ich bin mal zu Eppelmann in die Samariterkirche gegangen, aus Solidarität, weil man da eben hinging, wenn man mit der DDR nicht konform war."

Mit vielen Leuten in der Berliner Bürgerbewegung konnte sie nichts Richtiges anfangen, das war ihr alles viel zu schwärmerisch, zu pazifistisch, zu links, und sie mochte auch die Radtouren nicht. Als die Mauer fiel, ging sie in die Sauna. Danach lief sie mit dem Kulturbeutel nach West-Berlin, saß mit irgendwelchen fröhlichen Leuten in einem Weddinger Wohnzimmer, aber nur kurz, weil sie ja am nächsten Tag wieder arbeiten musste. Am ersten Samstag nach dem Mauerfall besuchte sie eine Geburtstagsfeier in der Bornholmer Straße, sagt sie, und wunderte sich, dass alle so bekümmert waren, weil nun der Dritte Weg verschüttet war und alle in den Westen rannten. Sie dagegen freute sich von ganzem Herzen über die neuen Möglichkeiten, ärgerte sich, dass Helmut Kohl vorm Schöneberger Rathaus ausgepfiffen worden war, und begriff langsam, dass sie anders tickte als ihre Freunde, sagt sie.

Mitte November fuhr Angela Merkel auf eine Dienstreise nach Polen, danach ging sie auf Parteientour. Sie sah sich die Grünen an, das Neue Forum und besuchte zusammen mit ihrem Akademiekollegen Klaus Ulbricht eine SPD-Veranstaltung in einer Neuköllner Kirche. Ulbricht blieb da hängen, wie sie das nennt, er wurde später SPD-Bezirksbürgermeister von Köpenick. Angela Merkel aber erschien die SPD zu fertig, zu eingefahren, zu langweilig. Sie redeten über Kinderspielplätze und duzten sich, sagt sie. Sie zog weiter, irgendwann, wahrscheinlich Ende Dezember, stand sie in der Marienburger Straße 12 vor einem Laden, in den der Demokratische Aufbruch eingezogen war. Sie kann sich nicht erinnern, wie sie dort hinkam, sagt sie, sie stand einfach da. Es klingt schlafwandlerisch. Man erwacht nur langsam aus so einem langen Speicherschlaf.

Sie ging hinein und fragte einen Mann, ob sie irgendwas helfen könne.

Klar, sagte der Mann.

Sie weiß nicht mehr, wer das war. Sie weiß nur noch, dass er einen Bart trug. Sie setzte sich einen Moment hin und beobachtete den Laden. Das Chaos gefiel ihr, sagt sie. Sie hatte den Eindruck, gebraucht zu werden. Gleich in der ersten Woche besuchte sie eine Vorstandssitzung, die in den Räumen der Volkssolidarität in der Christburger Straße stattfand. Andreas Apelt, der damals zu den Wortführern des Demokratischen Aufbruchs gehörte, erinnert sich, dass sie schweigend und skeptisch in der Ecke saß. Er war sich sicher, dass sie nie wiederkommen würde. Aber sie kam wieder und blieb. Sie kümmerte sich um die neuen Computer, die gerade aus dem Westen eingetroffen waren. Sie packte sie aus und schloss sie an. Das war ihre erste Aufgabe.

"Ich fand die wabernde politische Lage da spannend", sagt sie. "Die waren nicht so entschieden links wie beim Neuen Forum oder bei Demokratie Jetzt. Es gab auch konservative Strömungen. Das ganze Prozedere war nicht so furchtbar basisdemokratisch, es war bodenständiger. Außerdem waren da interessante Personen."

Die interessanten Personen waren neben Andreas Apelt, einem jungen Historiker, der als Friedhofsgärtner arbeitete, und der Berliner Publizistin Daniela Dahn, Friedrich Schorlemmer, ein rhetorisch begabter Pfarrer aus Wittenberg, Rainer Eppelmann, ein kämpferischer, bärtiger Pfarrer aus Friedrichshain, Edelbert Richter, ein Erfurter Pfarrer, der sich mit Marx auskannte, Erhart Neubert, der Pfarrer aus der Wilhelm-Pieck-Straße, und Wolfgang Schnur, ein Dissidentenanwalt mit Krawatte und großer schwarzer Brille, der, wie sich wenig später herausstellen sollte, Informeller Mitarbeiter der Staatssicherheit war.

Das Parteiprogramm stammte vom Marx-Experten Richter, das Statut schrieb Schnur, vermutlich in Abstimmung mit seinem Führungsoffizier.

Auf dem Parteitag des Demokratischen Aufbruchs, der Mitte Dezember in Leipzig stattfand, explodierte die Partei fast. Es waren Fernsehteams und Politiker aus dem Westen da und Delegierte aus Thüringen und Sachsen, die deutlich konservativer waren als die Gründungsväter aus der evangelischen Kirche des Nordens. Sie forderten lautstark, das Wort Sozialismus aus dem Programm zu streichen und dafür die deutsche Einheit als Ziel zu formulieren. Erwin Huber redete irgendwelches Zeug, und Friedrich Schorlemmer stürzte aus dem Versammlungsraum, um in die wartenden Fernsehkameras zu sprechen: Mit dieser nationalistischen Partei habe ich nichts mehr zu tun! In einer wilden Abstimmung wurde Wolfgang Schnur zum Vorsitzenden des Demokratischen Aufbruchs gewählt, seine Stellvertreterin wurde Sonja Schröter, eine junge Ärztin aus Leipzig.

"Ich habe mich einfach gemeldet, so wie ich mich sonst zum Nachtdienst in der Uni-Klinik meldete", sagte Sonja Schröter, die heute Süß heißt und als Psychotherapeutin in Berlin-Wilmersdorf arbeitet.

Sie sitzt in dem kleinen Sprechzimmer, der Teppich zwischen dem Therapeuten- und Patientenstuhl ist grün wie Gras. Sie sagt, dass die Partei plötzlich nach rechts rückte und sie dagegenhalten wollte. Sie hätte fast gewonnen, vier Stimmen nur fehlten, so ein Zufall. So war die Zeit damals. Sie lacht. Einen Moment lang, während draußen der Berliner Feierabendverkehr summt, stellt man sich vor, dass es diese stille Frau mit den dunklen Augen geworden wäre und nicht die abwägende Pastorentochter aus der Uckermark. Aber sie hatte ja kein Telefon, sagt Sonja Süß, sie saß in Leipzig, und sie hörte auch nie auf, Ärztin zu sein. Wahrscheinlich war sie einfach zu früh dabei. Sonja Süß hätte Positionen und Ideale verraten können, die Angela Merkel nie vertreten hat.

In den Tagen, als Merkel in der Marienburger Straße anklopfte, traf Sonja Süß Helmut Kohl in Dresden. Der Bundeskanzler empfing am Rande seines Riesenauftritts eine Gruppe handverlesener Bürgerrechtler in einem Konferenzraum des Hotels Bellevue. Sonja Süß vertrat zusammen mit Wolfgang Schnur den Demokratischen Aufbruch. Sie sagt, dass Schnur wie elektrisiert von Kohl war. Helmut Kohl brachte die Autorität in den Raum, nach der der schwergestörte Wolfgang Schnur ein Leben lang suchte, sagt Sonja Süß. Er habe den Kanzler regelrecht angehimmelt. Sonja Süß ermahnte Kohl, endlich die Oder-Neiße-Grenze anzuerkennen, Wolfgang Schnur warf sich ihm in die Arme.

Ein IM der Staatssicherheit führte die Partei des Demokratischen Aufbruchs in den Schoß der West-CDU, die händeringend nach einem Partner in Ostdeutschland suchte. Kohl beauftragte seinen Generalsekretär Volker Rühe mit der Brautschau. Rühe aber kannte niemanden im Osten außer Erich Honecker, mit dem er sich Mitte der Achtziger in Berlin getroffen hatte. Er hatte im Palasthotel gewohnt, er hatte den Alexanderplatz gesehen, das Schloss Sanssouci und als Jugendlicher mal gegen eine Mecklenburger Auswahl Handball gespielt.

Der Osten der Bürgerrechtler war ein Dschungel, und Volker Rühe blinzelt heute noch nervös, wenn er sich an die Kontaktaufnahme mit den Wilden erinnert. Er traf sich mit Wolfgang Schnur in irgendeiner Discothek zum Tanzen. Lothar de Maizière, der gerade zum neuen Vorsitzenden der Ost-CDU gewählt worden war, erzählte ihm unentwegt von Militärisch-industriellen Komplexen im Kapitalismus. Das war alles verstörend, fremd und durcheinander. Um ein bisschen Ordnung hineinzubringen, dachte sich Rühe die "Allianz für Deutschland" aus, wo neben DSU und der Ost-CDU auch der Demokratische Aufbruch zur Volkskammerwahl antraten.

Angela Merkel hatte mit alldem nichts zu tun. Im Januar 1990, als sie alle Computer angeschlossen hatte, waren die Gründungsmitglieder, die einen demokratischen Sozialismus wollten, weg und der Demokratische Aufbruch die große Konservative unter den Bürgerbewegungen.

"Angela hat sich die Glaubenskämpfe gespart", sagt Rainer Eppelmann. "Sie hat damals nicht gesagt, was sie wollte, aber das kann man ihr jetzt nicht vorwerfen. Sie hat gemacht, was man ihr gesagt hat. Sie war 'n junget Mädel. Allerdings nicht so jung, wie ick dachte. Ein politisches Gen habe ick nicht gesehen, aber wir waren auch alle sehr mit uns selbst beschäftigt."

Eppelmann sitzt in seinem Büro in der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Berlin-Mitte. Es ist morgens um zehn, aber immer noch nicht richtig hell. Er sagt, dass er nicht viel Zeit habe, ein wichtiger Mittagstermin. Er habe viel zu tun, sagt er. Er mache das alles ehrenamtlich, weil man nie vergessen dürfe, was in diesem Land passiert sei. Er habe Angela Merkel zum 20-jährigen Jubiläum des Schweriner Parteitags vom Demokratischen Aufbruch 2010 eine Einladung geschickt. Das sei jetzt acht Wochen her, sie habe noch nicht mal geantwortet.

"Wir könnten es ohne sie machen, natürlich, aber es wäre eine Geste", sagt Rainer Eppelmann.

"Sie gehörte nicht zu den ersten 500, nicht zu den ersten 5000, nicht zu den 50 000, nicht mal zu den 2 Millionen, die vor dem 9. November auf der Straße waren, um zu sagen: ,Is allet Scheiße.' Is nicht schlimm, aber auch kein Grund, alles zu vergessen. Ich weiß nicht, ob Angela und Thierse den Druck ausgehalten hätten, den wir aushalten mussten."

Als die Gesprächszeit vorbei ist, kommt ein junger Mann mit einer großen Map- pe vorsichtig ins Büro. In der Mappe klebt nur ein kleiner gelber Zettel, auf dem steht, dass der wichtige Mittagstermin ausfällt.

Wie geht's danach weiter?, fragt Eppelmann.

Wir haben erst mal nichts, sagt der junge Mann.

Eppelmann nickt, streicht sich mit den Händen über seine weiche Weste und sagt: "Wir haben uns verbraucht. Im juten Sinne verbraucht."

Angela Merkel kann sich nicht an die Einladung von Eppelmann erinnern. Sie wird ja jetzt, in dem Jahr, das mit deutschen Jubiläen nur so vollgestopft ist, zu vielen Dingen eingeladen. Sie kann nicht zu allem hingehen, und sie glaubt wohl auch nicht, dass sie ihre Karriere auf dem Fundament aufbaute, das Männer wie Eppelmann gossen. Oder zumindest glaubt sie nicht so fest daran wie er. Männer wie Eppelmann und auch Schorlemmer, der heute ganz ähnliche Sachen über sie sagt, kannte sie eigentlich schon als Kind. Von zu Hause.

Friedrich Schorlemmer sitzt in seiner Wohnung in Wittenberg wie ein Ausstellungsstück, zwischen Jugendstiltischchen und Sekretären, auf denen sich Papierberge türmen. Es gibt den alten Plattenspieler und das Radio Rema Andante, die Platten stapeln sich auf dem Fußboden, es gibt die Karaffe mit dem schweren Wein, die bis unter die Decke vollgestopften Bücherregale, die getrennten Zeitungsstapel von "Süddeutscher Zeitung" und "Neuem Deutschland", die er abonniert hat, dazwischen thront der Hausherr, lächelnd, mit lockigem Haar, der die Welt in Gut und Böse einteilt, der lustig ist und charmant und klug und unnachsichtig, wenn es um die Konkurrenz geht. "Eppelmann hat ja ein Buch schreiben lassen", sagt Schorlemmer. "Keine Ahnung, ob das jemand wahrgenommen hat." Zweimal ruft jemand an. Einmal ist es der Weinhändler, einmal jemand, der eine Jubiläumsveranstaltung organisiert, auf der er reden soll. Er hat Angela Merkel später einmal im Rias-Gebäude getroffen, sagt er und lacht. Sie fuhr mit dem Paternoster nach oben, er nach unten. Sie hat sich in der Wende auch von diesen Männern befreit.

"Sie kommt aus einem protestantischen Pastorenhaushalt. Da redet der Pfarrer am Frühstückstisch, aber am Ende entscheidet seine Frau, was gemacht wird", sagt Hans-Christian Maaß, der zu den wenigen Bonnern gehörte, die die DDR kannten.

Maaß wuchs in einem ostdeutschen Pfarrhaus auf, wurde als junger Mann in die Stasi-Haft gesteckt, 1974 in den Westen freigekauft und arbeitete im Herbst 1989 als Sprecher des CSU-Verkehrsministers Jürgen Warnke in Bonn. Im Dezember führte Maaß seinen Minister zum Laden des Demokratischen Aufbruchs in der Marienburger Straße. Die zerschossenen Fassaden in Prenzlauer Berg, die bärtigen Männer, die qualmenden Autos; CSU-Minister Warnke fühlte sich, als sei er ins Herz der Finsternis gereist. Er war aufgeregt wie ein kleiner Junge und dankbar, das alles erleben zu dürfen. Maaß wurde Ostexperte der CDU. Er organisierte für den ostdeutschen Nachwuchs Politikseminare in West-Berlin, und Angela Merkel war eine seiner eifrigsten Schülerinnen.

Wahrscheinlich kam ihr die Führung des Demokratischen Aufbruchs anschließend noch dilettantischer vor. Als der fahrige Wolfgang Schnur einen Termin mit Bonner Journalisten vergessen hatte, sagte sie ihm, dass eine richtige Partei auch einen richtigen Pressesprecher brauche.

Dann machen Sie das, sagte Schnur.

Können Sie das einfach so festlegen?, fragte sie.

Selbstverständlich, sagte Schnur und rannte weiter.

Es war ihre erste Funktion, das politische Leben griff nach ihr, und sie beriet sich mit ihrem Mann, Joachim Sauer, ob sie weitermachen sollte.

"Er hat mir zugeraten", sagt sie. "Er hatte die Sorge, dass wieder nur die Leute, die früher in der Politik waren, alles übernähmen. Er hat gesagt: ,Mach mal.' Es war klar, dass er von uns beiden der leidenschaftlichere Wissenschaftler war."

Das war der erste, grobe Plan. Ein Familienplan. Du machst das. Ich mach das. Jeder, was er kann. Dann sehen wir weiter. Als feststand, dass es im März freie Volkskammerwahlen geben würde, ließ sich Angela Merkel von der Akademie der Wissenschaften vorübergehend freistellen.

Wenige Tage vor der Wahl tauchte bei Volker Rühe im Bonner Adenauer-Haus ein Journalist auf und erklärte, dass Wolfgang Schnur IM der Staatssicherheit sei. Er bat Rühe, das für sich zu behalten. Ha, ruft Rühe, für mich behalten! Drei Tage vor der Wahl! Er informierte sofort Helmut Kohl. Kohl rief Eberhard Diepgen von der Berliner CDU an und forderte den offiziellen Rücktritt von Schnur. Diepgen fuhr mit seinen Kollegen Thomas de Maizière und Bernd Neumann ins Berliner Hedwig-Krankenhaus, in das sich Schnur zurückgezogen hatte, um den DA-Vorsitzenden zum Rücktritt zu bewegen.

"Schnur war regelrecht erleichtert", sagt Thomas de Maizière. "Er bestand sogar darauf, die Rücktrittserklärung persönlich zu schreiben. Es war ein Vormittag, so gegen neun oder zehn, für zwölf beriefen wir eine Sitzung der Fraktion des Abgeordnetenhauses der West-Berliner CDU ein. Das war natürlich ein Fehler, es hätte was im Osten stattfinden müssen. Aber so weit haben wir damals nicht gedacht."

De Maizière sitzt in seinem Büro im Kanzleramt und lächelt entrückt. Er kann sich nur vage daran erinnern, dass Angela Merkel damals bei der CDU-Sitzung dabei war. Seltsam, jetzt ist sie seine Chefin. Sie hat ihn hierhergeholt auf ihre Etage im Kanzleramt, und in ein paar Wochen wird sie ihn zum Innenminister machen. Damals war sie eine unscheinbare Frau in einem verschossenen Rock, die einfach sitzen blieb, als Diepgen aus dem Krankenhaus gerauscht kam und rief: "Jeder, der hier nicht hergehört, raus!"

Sie hat viel gelernt an diesem Tag, sagt Angela Merkel. Sie kann kaum reden vor Lachen, wenn sie erzählt, dass sie an jenem Morgen ein Pressefrühstück organisiert hatte, in dem das Verhältnis des Demokratischen Aufbruchs zur europäischen Frage dargestellt werden sollte. Sie muss immer wieder aufhören, so komisch findet sie sich selbst, wenn sie sich beschreibt, damals, so ohnmächtig, so unverhältnismäßig. Die Maus und Europa. Mitten in ihr Frühstück platzte die Nachricht von Schnurs Rücktritt. Sie hatte Schwierigkeiten, Eppelmann ans Telefon zu bekommen, der ja plötzlich zum ersten Mann der Partei geworden war. Wenn sie durchkam, brüllte Eppelmann nur, er lasse sich von den Westlern gar nichts sagen. Und in den Westen fahre er sowieso nicht. So fuhr sie. Am Nachmittag dann gab es eine Pressekonferenz im Haus der Demokratie. Der Ansturm war gigantisch. Angela Merkel begriff zum ersten Mal, worauf sie sich wirklich eingelassen hatte.

Sie rief ihren Mann an, um sich beruhigen zu lassen. Sie besprachen, was sie sagen würde. Bei der Pressekonferenz hatte sie sich wieder halbwegs im Griff, Eppelmann saß blass neben ihr. Sie ist ihm nicht positiv aufgefallen, aber auch nicht negativ, sagt Thomas de Maizière. Das war schon was für einen Ostler.

Angela Merkel war in diesem Moment Teil einer Entscheidung, die ganz tief und ganz oben im Westen getroffen worden war. Sie war, noch bevor der Osten zum ersten Mal frei gewählt hatte, Rädchen eines gesamtdeutschen Politikgetriebes. Womöglich haben sie deswegen an sie gedacht, als sie eine stellvertretende Pressesprecherin für die erste frei gewählte Volkskammer suchten. Es gibt verschiedene Versionen, und am Ergebnis ihrer Partei kann es nicht gelegen haben. Der Demokratische Aufbruch bekam bei den ersten freien Wahlen der DDR 0,9 Prozent. Angela Merkel erinnert sich nur noch, wie sie in der Wahlnacht von einer Party zur anderen taumelte und wie scheußlich sie die weißen Schuhe vom Bauernpartei-Vorsitzenden Günther Maleuda fand, der im Palast der Republik den Wahlsieg der CDU feierte.

Weiße Schuhe mit grauen Socken. Allein für deren Verschwinden lohnte sich der ganze Kampf.

Matthias Gehler glaubt, dass Angela Merkel ihr altes Leben endgültig hinter sich ließ, als sie ihm schrieb, dass sie das Angebot, stellvertretende Regierungssprecherin zu werden, annehme. Gehler wurde ihr Chef. Er war Mitte dreißig und hatte ein bewegtes Leben hinter sich. Er war Theologe, Liedermacher, er hatte Bibeln in die Sowjetunion verschickt und arbeitete seit dem Ende der achtziger Jahre als Redakteur des CDU-Zentralorgans "Neue Zeit", wo er zuerst das Treptower Konzert von Bob Dylan rezensiert hatte und später dem künftigen Ministerpräsidenten Lothar de Maizière auffiel. Gehler kannte Angela Merkel nicht, sie machte einen aufgeweckten Eindruck, aber sie zögerte, sagt er. Sie wollte erst mal nach London fahren und nachdenken.

Gehler wartet in einem Café Unter den Linden, er ist zur Funkausstellung nach Berlin gekommen, denn er arbeitet heute im Erfurter Landesfunkhaus des MDR, wo er nach dem Ende der DDR unterkam. Schon nach ein paar Wochen als Regierungssprecher war klar, dass Gehler keine große Politikkarriere machen würde. Die effiziente, direkte Art seiner Stellvertreterin zeigte seine Schwächen. Er brauchte zu lange, um zum Punkt zu kommen, sagen die Kollegen von damals. Angela Merkel hinterging ihn nicht, sie war besser, und womöglich ist er deshalb so fest davon überzeugt, dass ihr neues Leben in seiner Abteilung begann. Er ist von der Besten geschlagen worden, immerhin.

Gehler hat den Brief dabei. Mit runden, kippligen Mädchenbuchstaben steht da: "Sehr geehrter Herr Gehler, nach kurzem Überlegen und Rücksprache mit meinem Vorsitzenden nehme ich das Angebot, stellvertretender Regierungssprecher werden zu können, dankend und gerne an." Sie hat sogar die Uhrzeit notiert, als sei sie sich ihrer historischen Entscheidung bewusst gewesen. Wenn Gehler recht hat, kann man ganz genau sagen, wann Angela Merkels neues Leben begann. Am 9. April 1990, 20 Uhr.

"London?", sagt Angela Merkel. "An London kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß noch, dass ich mit meinem Mann nach Sardinien gefahren bin, als die Vereidigung der Volkskammer war. Ich hab denen gesagt, dass ich es nicht machen kann, wenn ich zur Vereidigung dabei sein muss. Das kann man sich heute auch nicht mehr vorstellen. Aber ich wollte unbedingt nach Sardinien."

Sie bezweifelt, dass ihr neues Leben in der Pressestelle der Volkskammer begann. Sie hatte ja immer noch den Schreibtisch in der Akademie, sagt sie. Es gab immer noch einen Weg zurück, aber der wurde immer länger. Sie leckte Blut. Sie flog mit Lothar de Maizière nach Moskau und Washington. Sie nahm an den Zwei-plus-Vier-Gesprächen teil, sie saß mit Thomas de Maizière am Katzentisch, als der Ostler Günther Krause und der Westler Wolfgang Schäuble den Einigungsvertrag verhandelten. Sie verkaufte die Politik der Männer, und wahrscheinlich verstand sie dadurch immer besser, wo deren Schwächen lagen.

Sie war oft von der Laune der anderen abhängig, der Kerle. Krause, de Maizière, Gehler, Diestel, sie schienen Politik manchmal zu spielen wie Räuber und Gendarm. Thomas de Maizière war ziemlich herrisch, Maaß sagte ihr dauernd, was sie machen soll. Dazu kamen die ganzen kleinen, emsigen Westpraktikanten. Es war oft laut, hektisch und unberechenbar. Gehler träumte von seinen Kinderkonzerten und sang manchmal ein paar Strophen aus seinem Repertoire. Lothar de Maizière spielte auf dem Weg zum Mittagessen gelegentlich auf einer imaginären Bratsche und rief, dass er endlich wieder ein richtiges Leben wolle. Sie hatte nicht immer den Eindruck, dass alle das wirklich als Aufgabe für sich angenommen hatten. Das störte sie.

Lothar de Maizière lächelt, als er das hört. Als er in die Politik ging, hat er seiner Kollegin in der Kanzlei gesagt: Roswitha, halt meinen Schreibtisch frei. Ick komme wieder.

Die Volkskammer-Zeit ist nur noch eine Anekdote, die er ständig poliert wie eine alte Taschenuhr. Manchmal hat man den Eindruck, er singt die Geschichten, die er von damals erzählt. Es sind Balladen, in denen Gorbatschow und Bush vorkommen, Kohl und Tausende Tonnen Getreide, die er kostenlos an die Sowjetunion verschickte. Er zitiert Gysi, Moses und Bonhoeffer und immer wieder Gorbatschow, den er Mischa nennt, den faulen Bären.

Und Angela Merkel?

"Einmal, 1990, hab ich sie mit nach Moskau genommen und gesagt: Angela, du sprichst Russisch. Geh raus, und frag die Leute, wie die Lage ist."

Und was haben die Leute gesagt?

"Sie sagten: Stalin hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen, Gorbatschow ist dabei, ihn zu verlieren."

Lothar de Maizière ist ein feiner, weiser Mann, der sich eingerichtet hat zwischen seinen Büchern, Erinnerungen, Drucken und anderen Andenken aus der wichtigsten Zeit seines Lebens. Sein Büro sieht völlig anders aus als das von Angela Merkel. Es ist warm, gemütlich und ein wenig verschusselt. Es gibt Dokumente aus der Wendezeit und Bücher von Helmut Schmidt, Egon Krenz sowie Kai Diekmann. Manchmal kommt seine alte Hündin Lisa herein, die aussieht wie Theo Waigel, und einmal erscheint de Maizières Friseur, ein älterer, gutgelaunter Herr mit Handgelenktäschchen, und sagt hallo. "Dit war ein mehrfacher DDR-Meister im Schaufrisieren", sagt de Maizière und leckt sich über die Zähne.

"Als ich Ministerpräsident der DDR wurde, wog ich 65 Kilogramm, am Ende meiner Amtszeit 51", sagt er und lacht, denn nun kommt's: "Jetzt wiege ich 75."

So kann man die Wendezeit auch beschreiben. Ein abgeschlossenes Stück Zeit mit einer Pointe hintendran. Angela Merkel aber fühlte irgendwann, dass sie das nicht wollte. Sie wollte weitermachen. Sie sagt, dass sie die Geschichte jahrelang als ständige, gesetzmäßige Entwicklung zu etwas Höherem begriffen hat. Irgendwann machte ihr ein Akademiekollege klar, dass das DDR-Ideologie war. Aber ganz wird man das ja nie los. Sie wollte es besser machen. Sie konnte das auch. Sie musste nicht abhängig sein von den Kerlen. Sie bewarb sich um ein Bundestagsmandat und räumte ihren Schreibtisch in der Akademie. Von da an gab es kein Zurück mehr.

"Das war der Punkt, als mein neues Leben begann", sagt sie. "Wenn Sie ihn denn unbedingt wissen müssen."

Gab es denn irgendeinen speziellen Anlass, einen Auslöser?

"Ach nein", sagt sie, und dann erzählt sie, wie sie eines Tages ihr Büro verließ und auf dem Gang fast mit einer aufgeregten Sekretärin zusammenstieß, die ein Glas zu Günther Krause trug, der ganz dringend nach einem Schnaps verlangt hatte. Vielleicht war das der Punkt, an dem sie beschloss, mit dem begabten aber maßlosen Krause auch das letzte Stück Osten hinter sich zu lassen. Vielleicht kann man es auch nicht so genau sagen, aber eine vorbeieilende Sekretärin mit einem Schnapsglas ist eigentlich ein schönes Bild für einen Neuanfang.

Am 31. August 1990, auf der letzten Hauptausschusssitzung des Demokratischen Aufbruchs, bat Angela Merkel ein letztes Mal einen Kollegen aus ihrem alten Leben um einen Gefallen. Sie fragte Hans Geisler, einen Chemiker aus Dresden, der gerade in den CDU-Vorstand gewählt werden sollte, ob er sie auf einem Abendempfang vor dem CDU-Parteitag in Hamburg Helmut Kohl vorstellen könnte. Klar, sagte Geisler. Am 2. Oktober 1990, einen Tag vor der deutschen Wiedervereinigung, führte er sie zum Bundeskanzler und stellte sie vor.

Dann zog er sich zurück.

Nur ein einziges Jahr war vergangen seit dem September-Wochenende in Templin, an dem Angela Merkel zufällig und unbeteiligt auf dem Pastoralkolleg ihres Vaters herumsaß, das sich eigentlich die Frage gestellt hatte: Was ist der Mensch?

Sie hatten keine Zeit, die Frage zu beantworten. Bis heute nicht. Nie. Sie probieren es aus. Marcus Kasner ist Physiker in Frankfurt am Main. Sein Vater ist im Ruhestand. Günter Nooke ist über den Umweg Bündnis 90 schließlich auch bei der CDU gelandet. Er hat eine Menge Dinge versucht. Er war im Brandenburger Landtag und bei der Treuhand, im Moment kümmert er sich im Auswärtigen Amt um Menschenrechte. Er sitzt in einem dunklen Büro an einem endlosen Flur. Aber er hat eine Espressomaschine und kann jederzeit eine Nadel in die Weltkarte über seinem Sofa stecken und da hinfliegen, um sich dort die Menschenrechtssituation anzugucken. Er wirkt nicht unzufrieden, nur ein bisschen grummelig. Hans-Jürgen Fischbeck saß ein paar Jahre lang für das Bündnis 90 im Berliner Stadtparlament und hat kurz nach dem Millennium mit seiner Frau und zehn anderen Mitstreitern eine Kommunität in der Uckermark gegründet, die versucht, dem internationalen Finanzkapital etwas entgegenzusetzen. Die Idee ist, dass man Leistungen miteinander austauscht, die über ein eigene Währung miteinander verrechnet werden. Die Währung heißt Oderblüte. Hans-Jürgen Fischbeck ist für das Heizen zuständig. Es läuft noch nicht so richtig, auch weil die beiden Physiotherapeutinnen, die sich beteiligen wollten, gerade im Streit ausgeschieden sind. Aber Fischbeck ist guten Mutes, er weiß, dass es so nicht weitergehen kann.

Professor Frey aus Bochum erinnert sich noch, wie sie alle zusammen am 24. September 1989 in die Templiner Kirche gingen. Der Superintendent hielt die Predigt, er begann mit den Worten: Israel ist 40 Jahre durch die Wüste gewandert. Die Menschen in der Kirche sahen sich an, sie murmelten zustimmend, weil sie das als Analogie auf die 40-jährige DDR-Herrschaft verstanden.

"Angela Merkel aber zeigte nach meiner Erinnerung keine Regung", sagt Frey.

Sie hat lange und tief geschlafen, aber jetzt ist sie wach.

"Meine Entscheidung, in die Politik zu gehen, ist wirklich den chaotischen Umständen geschuldet", sagt Angela Merkel. "Ich glaube nicht, dass ich unter den Verhältnissen des Westens Politikerin geworden wäre. Da wäre ich vielleicht Lehrerin geworden oder Dolmetscherin. Es ist einfach so viel passiert, so schnell und so überraschend."

Was also ist der Mensch?

Angela Merkel steht auf, streicht sich die Jackettschöße glatt, die Zeit ist um. Sie muss weiter. Pittsburgh, die Wahlen, der Sieg, die Koalitionsverhandlungen, die Kabinettsbildung, das Finanzpaket, Afghanistan, die große Rede vor den beiden amerikanischen Häusern, als erste deutsche Kanzlerin, die Opel-Krise, das Mauerfalljubiläum und dann das der deutschen Einheit und dann weiter, immer weiter in die Geschichte. Manchmal scheint es, als sei Angela Merkel eine Verkörperung der Umstände. Die Wende als Mensch sozusagen. Eine Frau, die eher über die Zeit beschrieben werden kann, in der sie lebte, als über die Dinge, die sie tat. Wie ein Stein, den jemand in einen Fluss geworfen hat.


DER SPIEGEL 46/2009
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