09.11.2009

AUTORENDichtung und Klarheit

Poet, Essayist, Publizist - Hans Magnus Enzensberger, der jetzt 80 wird, ist einer der bedeutendsten deutschen Intellektuellen. Er mischte sich stets ein, radikal, aber nie grimmig.
Er hält es für vollkommen überflüssig, seinen 80. Geburtstag zu feiern. "Da gibt es doch Besseres", sagt er. "Als ob es eine besondere Leistung wäre, geboren zu sein."
Ein Gräuel für ihn, zum Klassiker monumentalisiert zu werden, wie es bei solchen Jubiläen üblich ist, und nichts wäre tatsächlich unangemessener. Über Hans Magnus Enzensberger zu schreiben heißt ja eben nicht, Marmor zu polieren, sondern auf Schmetterlingsjagd zu gehen. Seine überwältigende Produktion besteht aus Wolken von Faltern, zu bunt, zu flatterhaft, zu exotisch, um sie auf ein paar plumpe Kategorien herunterzurechnen. Sie umfasst Hunderte, vielleicht Tausende Gedichte, Essays, Kinderbücher, Filme, Vorträge, Dramen, Libretti, Oratorien, Briefe.
Ein Zugeständnis mag dieser soeben erschienene, zehn Zentimeter dicke Ziegelstein aus dem Hause Suhrkamp mit dem Titel "Über Literatur" sein. Knapp tausend Seiten an Essays, Rezensionen, Polemiken, Selbstbeschreibungen, Vorlesungen, ein Streifzug durch mehrere Jahrzehnte. "Nicht erschrecken", beeilt sich Enzensberger auf den Buchrücken zu schreiben: "Für Unterhaltung ist gesorgt." Es gehe in allem auch "um die freiwilligen und unfreiwilligen Komödien der literarischen Zünfte". Er lässt keinen Zweifel daran, dass er sich nicht allzu ernst nehmen will. Typisch für ebendiese Verspieltheit ist der in dieser SPIEGEL-Ausgabe erstmals gedruckte Text über die ungebetene Alltagspapierflut (Seite 124).
Mit Jürgen Habermas und Günter Grass ist Hans Magnus Enzensberger der im Ausland bekannteste deutsche Intellektuelle. Er ist gleichzeitig der am wenigsten grimmige. Als Habermas im Juni 80 wurde, titelte die "Zeit": "Weltmacht Habermas". Eine Zeile wie Panzerketten. Als Günter Grass 80 wurde, beugten sich die Feuilletons über dessen SS-Vergangenheit. Wie könnte Enzensbergers 80. Geburtstag überschrieben werden? Vielleicht so: Dichtung und Klarheit.
Vielfach vernetzt und polyglott, hat er fast im Alleingang die deutschsprachige Lyrik erneut an die Weltliteratur angekoppelt. Und in allen seinen Gedichten geht es um eines: Gedankenklarheit. An symbolischer Verschlüsselung, an aromatischer Betörung und Schönheit um ihrer selbst willen ist ihm selten gelegen. Schon mit seinem Debütband "Verteidigung der Wölfe" (1957) hatte er sich eindeutig positioniert. Wie er da über die bundesrepublikanischen Weiden herfiel, das war eine unversöhnliche Kampfansage.
Im deutschen Wirtschaftswunder ging es ihm um Randschärfe: "Gelobt sein die Räuber: ihr, / einladend zur Vergewaltigung, / werft euch aufs faule Bett / des Gehorsams. Winselnd noch / lügt ihr ... Ihr / ändert die Welt nicht."
Dass die Welt verändert werden müsse, stand für ihn fest nach der Nazi-Katastrophe. Er gehörte zur Gruppe 47, einer, wie er später schrieb, "halb realen, halb mythologischen" Vereinigung von Autoren, die sich regelmäßig zu Workshops trafen, um sich Texte vorzulesen und diese zu diskutieren. Sicher auch, um Allianzen zu bilden, Manuskripte zu verkaufen, Verträge zu schließen. Lauter Einzelgänger, die sich doch als gesellschaftliche Macht verstanden in den Fünfzigern und Sechzigern, als Opposition zur selbstzufriedenen Konsensgesellschaft.
In einem Text von 1967, verfasst unter dem Eindruck der beim Ausbruch der Studentenrevolte schon brennenden Straßen in West-Berlin, besichtigt Enzensberger, der mittlerweile den Georg-Büchner-Preis erhalten hatte, die alten Schlachtfelder. Er mustert die Mehrdeutigkeit der literarischen Erzeugnisse aus jenen Tagen, abfällig, und vermisst ihre "politische Kohärenz". Etwa zur gleichen Zeit zerbrach seine Freundschaft mit Uwe Johnson, in dessen Wohnung Enzensbergers Bruder Ulrich die Kommune 1 einlogiert hatte. Der spannende Briefwechsel mit Johnson erschien gerade im Suhrkamp-Verlag.
Die meisten Schriftsteller hatten sich zunächst den Sozialdemokraten zugewandt, doch nachdem diese 1966 mit der CDU koaliert hatten, radikalisierte sich die studierende Jugend und mit ihr Enzensberger. Er schrieb: "In der Tat, was auf der Tagesordnung steht, ist nicht mehr der Kommunismus, sondern die Revolution."
Sein "Kursbuch", mit dem er der Apo die theoretischen Fahrpläne zu liefern versuchte, fehlte vor keiner Mensa, in keinem Soziologieseminar. Dass seine dialektischen Feuerwerke ein paar Jahre später in die dumpfen Tötungsprotokolle der RAF abgesickert waren, gehört zur Tragik - und zum Versagen - engagierter Intellektueller, wenn sie als ideologische Vordenker genommen werden. Habermas nannte ihn damals einen "zugereisten Harlekin am Hof der Scheinrevolutionäre".
In seinem letzten Gedichtband "Rebus" schreibt Enzensberger, unter dem Titel "Das System", selbstkritisch dazu: "Wir hatten keine Ahnung, / waren viel zu dumm, / um es zu verstehen, / und viel zu intelligent, / um ihm zu entkommen".
Er reiste zur Zuckerrohrernte nach Kuba, lieferte sarkastische Berichte über den Steinzeit-Sozialismus und war kuriert. Enzensberger änderte seine Haltungen wieder und wieder, griff oft daneben, alles im hellen Tageslicht. In vielen seiner Gedichte aus den mittleren und späteren Jahren scheint er den Kopf zu schütteln über die frühen Jahre, ohne allerdings auf sein Recht zum Irrtum verzichten zu wollen.
Als Essayist war Enzensberger der Zeitdiagnostiker der Republik, umkämpft ganz sicher, aber von unbestrittener Klugheit und Autorität. Er analysierte sarkastisch "Die Sprache des SPIEGEL" und erhielt von Rudolf Augstein prompt das Angebot, eine regelmäßige Kolumne ebendort zu schreiben. Was er annahm.
Er rezensierte den Neckermann-Katalog. Er liebte die vertrauten "Einzelheiten", um aus ihnen das Ganze zu dechiffrieren. Nachdem er 1975 die Herausgeberschaft des Kursbuchs abgegeben hatte, wandte er sich erneut der Lyrik zu, mit der Melancholie und der Verve eines heimkehrenden Liebhabers, der sich zu lange in kalten Regionen aufgehalten hat.
Mit dem Band "Mausoleum" (1975) besang er in 37 langzeiligen Balladen skeptisch das, was wir Fortschritt nennen. Eine lyrische Erkundung vom Range T. S. Eliots in "The Waste Land", voller kryptischer Verweise, eine Geheimschrift der Moderne, mit der er Renaissance-Gelehrte, fragwürdige Helden und Trickbetrüger zusammenband. Che Guevara war da genauso zu finden wie der Entfesselungskünstler Houdin, der "Virtuose der Täuschung", den Enzensberger sagen lässt: "Ununterscheidbar / der Fortschritt des Schwindels vom Schwindel des Fortschritts".
Ein weiteres großes Versepos gelang ihm mit dem "Untergang der Titanic" (1978), einer in wechselnden Tonarten und Stilformen kreisenden apokalyptischen Komödie, in der die gesellschaftliche Ordnung noch einmal zum Thema wird: Die Passagiere der ersten Klasse rudern vor den Ertrinkenden davon. Unterbrochen wird das von Gesängen wie "Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern" oder kalauernden Zurufen: "Grüß die Kinder, und erkälte dich nicht." Enzensberger selbst hat die "Titanic" - wenn es denn unbedingt eins geben soll - einmal als sein dichterisches Hauptwerk bezeichnet.
Mit den "Politischen Brosamen" von 1982 ruft Enzensberger zum "Ende der Konsequenz" auf, ein Essay, der als Satire auf den Talkshow-Betrieb beginnt ("Wie die Sendung hieß, habe ich vergessen: Kultur-Klappe? Denk-Disco? Sozio-Flipper"), um dann den "Umstürzler" abzuwatschen, "der, ganz in Leder, um seine Planstelle kämpft": "Je serviler die Abhängigkeit von Moden, desto lauter der Ruf nach grundsätzlichen Überzeugungen." Das klingt, als wäre es gestern geschrieben.
Drei Jahre später erfüllte sich Enzensberger den bibliophilen Traum schlechthin: Er würde nur noch solche Bücher herstellen, die er selbst gern zur Hand nähme. Gemeinsam mit dem Nördlinger Buchkünstler Franz Greno entwarf er die "Andere Bibliothek", Kostbarkeiten mit Bleisatz und ledernem Rückenschild und Lesebändchen. Die Auswahl traf er ohne Rücksicht auf den Markt. Sie entsprach den eigenen Vorlieben, von Ernst Moritz Arndt über Lukian bis William Makepeace Thackeray. Er entdeckte W. G. Sebald, Irene Dische (siehe Seite 126), Christoph Ransmayr und andere, und wer ihn in seiner Wohnung in Schwabing besucht, sieht sofort - diese Bücherwand ist gleichzeitig sein liebstes Kunstwerk.
Mit einem letzten verlegerischen Kraftakt beendete er nach 20 Jahren seine Herausgeberschaft: Da publizierte er die dreibändige Humboldt-Ausgabe, schwerleibige Atlanten des Geistes, der Himmelsvermessung und der Naturbeobachtung, und das Publikum nahm sie nur aus einem einzigen Grund an: Sie waren von Enzensberger herausgegeben.
In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich Enzensberger immer wieder eingemischt, mit Essays zur europäischen Migration, zum Typus des islamischen Selbstmordattentäters, zur Intervention im Kosovo und im Irak (beide Male dafür). Daneben beschäftigte er sich mit Opernlibretti, mit Poesie-Maschinen, mit Übersetzungen - und mit Fragen der theoretischen Mathematik.
In dem schmalen Bändchen "Fortuna und Kalkül" legte er jüngst "Zwei mathematische Belustigungen" vor. Über die "Goldbachsche Vermutung" aus dem Jahr 1742 weiß er: "Sie ist für alle Werte bis zu einer Größenordnung von 1018 verifiziert, aber ebenso wie die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis weder bewiesen noch widerlegt worden."
Das ist Enzensberger pur. Für sein Lehrbuch "Zahlenteufel", einen Bestseller, hatte er folgerichtig einen Preis der deutschen Mathematiker-Vereinigung erhalten. Kein Zweifel: Wenn es den Begriff des Universalgenies in der deutschen Literatur noch geben sollte, käme ihm Hans Magnus Enzensberger, lächelnd, sehr nahe.
In seiner Bewunderung für Alexander von Humboldt, den Schmetterlingsfänger, hat er in diesem Jahr bei einem Bankett des Bundespräsidenten ein verstecktes Selbstporträt abgeliefert. Anlass war die Jahrestagung des Ordens Pour le Mérite.
Humboldt, so führte Enzensberger aus, fasziniere durch seinen Ehrgeiz ebenso wie durch die diplomatische Raffinesse, mit der er seine Ziele umzusetzen verstand. Dazu sein kosmopolitischer Geist. Seine politische Unabhängigkeit. Und seine nie versiegende Neugier.
Nein, nicht feiern. Stattdessen ein paar letzte Worte, die er Edmund Wilson entlehnt hat: "Schon aus Gründen seines erstaunlichen Alters" möchte er nicht mehr: "Manuskripte lesen, Vorworte oder Einleitungen schreiben, Klappentexte verfassen oder seine Bücher für Personen signieren, die ihm unbekannt sind."
Und dies noch: "Es ist für einen Schriftsteller kein Vergnügen, seine eigenen Texte auszulegen, Aufrufe zu unterschreiben oder auf Verlangen politische Stellungnahmen abzuliefern." Mit anderen Worten: Lasst mich in Ruhe.
MATTHIAS MATUSSEK
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 46/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AUTOREN:
Dichtung und Klarheit

Video 04:27

Deutsche Muslime nach Christchurch Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?

  • Video "US-Demokrat zum Mueller-Report: Amerikaner haben ein Recht auf die Wahrheit" Video 01:25
    US-Demokrat zum Mueller-Report: "Amerikaner haben ein Recht auf die Wahrheit"
  • Video "Morddrohungen gegen britische Abgeordnete: Verräter müssen geköpft werden" Video 02:52
    Morddrohungen gegen britische Abgeordnete: "Verräter müssen geköpft werden"
  • Video "Gelächter bei Tusk-Rede zu Brexit: In der Hölle gibt es viel Platz" Video 01:22
    Gelächter bei Tusk-Rede zu Brexit: "In der Hölle gibt es viel Platz"
  • Video "Fußball-Star Goretzka zum Rassismus-Vorfall: Mit viel Mut dagegen vorgehen" Video 01:00
    Fußball-Star Goretzka zum Rassismus-Vorfall: "Mit viel Mut dagegen vorgehen"
  • Video "Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord" Video 02:13
    Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord
  • Video "Mays Auftritt beim EU-Gipfel: Es kam zu tragikomischen Szenen" Video 02:41
    Mays Auftritt beim EU-Gipfel: "Es kam zu tragikomischen Szenen"
  • Video "Wolkenformation: Ein Mädchen am Horizont" Video 00:34
    Wolkenformation: Ein Mädchen am Horizont
  • Video "Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell" Video 02:20
    Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell
  • Video "Kurioser Torjubel: Torschütze stellt Anzeigetafel selbst um" Video 01:01
    Kurioser Torjubel: Torschütze stellt Anzeigetafel selbst um
  • Video "Illegaler Schiffsfriedhof in Griechenland: Der Kampf mit den Wracks" Video 04:52
    Illegaler Schiffsfriedhof in Griechenland: Der Kampf mit den Wracks
  • Video "Aufregung im Netz: Mysteriöser Lichtstreifen über Los Angeles" Video 00:51
    Aufregung im Netz: "Mysteriöser Lichtstreifen" über Los Angeles
  • Video "Hitze in Australien: Koala-Bär flüchtet ins Auto" Video 00:59
    Hitze in Australien: Koala-Bär flüchtet ins Auto
  • Video "Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf" Video 01:39
    Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf
  • Video "Drohnen-Achterbahn: Skateboarden im verlassenen Spaßbad" Video 01:30
    Drohnen-Achterbahn: Skateboarden im verlassenen Spaßbad
  • Video "Kaum erforschtes Phänomen: Mammatus-Wolken am aktiven Vulkan" Video 01:20
    Kaum erforschtes Phänomen: Mammatus-Wolken am aktiven Vulkan
  • Video "Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?" Video 04:27
    Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?