09.11.2009

ETHIK„Das vertieft die Gräben“

Der Stammzellforscher Jürgen Hescheler, 50, über die Skandalpredigt des Kölner Erzbischofs Joachim Meisner, in der dieser die Evolutionstheorie mit der Nazi-Ideologie verglichen hatte
SPIEGEL: Sie sind selbst praktizierender Katholik. Fühlen Sie sich als Wissenschaftler in Ihrer Kirche gut aufgehoben?
Hescheler: Ja, ich kann meinen Glauben und meine wissenschaftliche Tätigkeit gut verbinden. In meiner Schulzeit auf einem Gymnasium der Herz-Jesu-Missionare habe ich die katholische Kirche als Stätte der Toleranz kennengelernt. Für mich ist es wichtig, Wissenschaft und Kirche zusammenzubringen. Die Aussagen von Kardinal Meisner vertiefen die Gräben nun leider wieder.
SPIEGEL: Meisner kritisiert, Evolutionsbiologen betrachteten den Menschen nur als Träger seiner Gene - ähnlich wie die Nazis im einzelnen Menschen nur den Träger des Erbguts seiner Rasse sahen ...
Hescheler: Diese Kritik überrascht mich. In der Diskussion um embryonale Stammzellen ist es doch gerade die Kirche, die den Beginn des Lebens an einem rein genetischen Prozess festmacht, nämlich der Verschmelzung zweier Vorkerne in der Eizelle - und deswegen die Forschung in diesem Bereich ablehnt. Es sind eher wir Stammzellforscher, die argumentieren, dass nicht nur die genetische Grundausstattung den Menschen ausmacht, sondern auch seine weitere Entwicklung nach der Einnistung in der Gebärmutter.
SPIEGEL: Ist die moderne Wissenschaft eine Bedrohung für die Kirche, weil sie Phänomene enträtselt, die man sich einst nur mit der Existenz einer höheren Macht erklären konnte?
Hescheler: Die Wissenschaft dringt in der Tat in Bereiche vor, die früher mystifiziert waren. Aber gerade deshalb ist es so wichtig, die Erkenntnisse aus der Molekularbiologie mit dem modernen Menschenbild, aber auch mit dem Menschenbild der Kirche zusammenzubringen. Da müssen beide Seiten aufeinander zugehen.

DER SPIEGEL 46/2009
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