09.11.2009

PSYCHOLOGIE

Heiße Gefühle, große Show

Von Thadeusz, Frank

Die Münchner Psychologin Bärbel Wardetzki über das Drama narzisstischer Beziehungen und die öffentliche Selbstdarstellung prominenter Liebespaare

Wardetzki, 57, beschäftigt sich als Psychotherapeutin seit mehr als 20 Jahren mit Essstörungen und Narzissmus.

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SPIEGEL: Frau Wardetzki, Sie haben ein ganzes Buch der "eitlen Liebe" gewidmet**. Was verstehen Sie darunter?

Wardetzki: Das ist eine Form von Liebe, die weniger dem Gegenüber gilt, sondern mehr mir selber. Eine narzisstische Liebe dient der Erhöhung des eigenen Selbstwertgefühls. Deshalb sind die Partner auch oft so schnell austauschbar. Man wundert sich dann: Huch, das soll doch die große Liebe gewesen sein, und jetzt hat er oder sie schon wieder einen neuen Partner?

SPIEGEL: Sind häufig wechselnde Beziehungen nicht eine ganz normale Erscheinung unserer Zeit?

Wardetzki: Wir leben in einer narzisstischen Gesellschaft. Wir putzen unsere glänzende Fassade und werden dahinter immer hohler. Das bereitet narzisstischen Beziehungen sicher den Boden. Beide Geschlechter können sich heute verwirklichen. Niemand muss sich mehr vom anderen abhängig machen.

SPIEGEL: Das ist doch eine höchst erfreuliche Entwicklung! Oder finden Sie es etwa besser, bis zum bitteren Ende in einer unglücklichen Beziehung zu leben, wie das häufig noch bei unseren Großeltern der Fall war?

Wardetzki: Natürlich nicht, aber es geht um die richtige Balance. Vor lauter Möglichkeiten haben wir vergessen, dass es manchmal bereichernder sein kann, zusammen durch Krisen hindurchzugehen, als sich zu schnell zu trennen.

SPIEGEL: Was versteht denn ein Narzisst unter Liebe?

Wardetzki: Liebe wird von narzisstischen Menschen sehr häufig gleichgesetzt mit Manipulation und Ausbeutung. Sie kennen es nicht, dass sie um ihrer selbst willen geliebt werden. Daher haben sie irrsinnig gute Antennen, um herauszufinden, wie sie sein müssen, damit der andere sie mag. Das ist natürlich ziemlich anstrengend.

SPIEGEL: Beschreiben Sie nicht genau jene Paare, die wir so gern im Fernsehen oder in der Klatschpresse bestaunen?

Wardetzki: Ja, sehr häufig. Menschen, die im Rampenlicht stehen, haben natürlich eine sehr ausgeprägte narzisstische Ader, sonst würden sie das gar nicht machen. Denken Sie nur an jemanden wie Oliver Pocher mit seiner neuen Freundin Sandy Meyer-Wölden. Ich habe das Gefühl, da geht es nicht so sehr darum zu sagen: Ich lebe hier meine Liebe still für mich, sondern: Ich teile sie allen mit, damit ich eine Antwort kriege. Ein solches Verhalten hat sicher was Narzisstisches.

SPIEGEL: Das trifft noch stärker sicher auf den Ex-Freund von Frau Meyer-Wölden zu ...

Wardetzki: Sie meinen Boris Becker. Ja, klar. Nehmen Sie nur die Vermarktung der eigenen Hochzeit. Das ist was ganz typisch Narzisstisches. Auf der einen Seite schotte ich mich ab, um es ganz spannend zu machen, und auf der anderen Seite soll die ganze Welt daran teilhaben.

SPIEGEL: Sind narzisstische Paare nicht auch besonders aufregend?

Wardetzki: Ja, weil die Beziehung mit einem narzisstischen Partner sehr lebendig sein kann. Ich vergleiche das mit einem Feuerwerk: heiße Gefühle und große Show, aber das vergeht schnell wieder.

SPIEGEL: Sie beschreiben Narzissten allerdings auch als Kämpfer, die anderen sehr gefährlich werden können.

Wardetzki: Dazu werden sie, wenn sie ohne Rücksicht auf Verluste ihre Vorstellungen durchsetzen. Sie können dann sehr destruktiv werden. So wie sie es als Kind an sich selbst erlebt haben. Das geben sie dann weiter. Die leben in dem Bewusstsein: Wenn es sein muss, dann gehe ich über Leichen.

SPIEGEL: Sind Narzissten also vor allem unangenehme Gesellen?

Wardetzki: Da sind sicher Menschen dabei, da sagt man: Auweia, die sind richtig un-

angenehm, sowohl Frauen als auch Männer. Doch drunter verbirgt sich oft eine verletzte Seele, von der man meistens aber nichts erfährt, weil man diesen Menschen gar nicht so nahekommen kann. Sie haben nie eine Bestätigung gekriegt, dass sie so, wie sie sind, in Ordnung sind, sondern mussten von Anbeginn an eine Rolle spielen und funktionieren. Dabei ist die Entwicklung ihrer Persönlichkeit auf der Strecke geblieben.

SPIEGEL: Man hat bei Lektüre Ihres Buches den Eindruck, dass es beim Narzissmus große Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Narzisstische Frauen leiden häufig stark unter Ess-und-Brech-Sucht, während sich die Männer vor allem toll finden.

Wardetzki: Das hat damit zu tun, dass sich Frauen häufiger minderwertig fühlen und Männer eher grandios. Eine schlanke Figur stärkt das Selbstbewusstsein einer Frau. Männer fangen eher an zu trinken oder werden spielsüchtig.

SPIEGEL: Offenkundig trifft es die Frauen härter.

Wardetzki: Nein, sie spüren ihre Probleme nur mehr als viele Männer. Essen und Figur sind immer noch vorwiegend weibliche Themen. Frauen, die unter Essstörungen wie Bulimie leiden, fühlen sich richtig mies. Das versuchen sie zu lösen, indem sie abnehmen, sich dann traumschön finden und bewundern lassen. Aber für solche Frauen gibt es immer nur sehr kurze Phasen des Glücks. Sie können das positive Gefühl nicht halten.

SPIEGEL: Und die Männer?

Wardetzki: Die grandiosen Narzissten denken: Ich bin der Größte! Deren System ist so verfestigt, dass es viel weniger ins Wanken gerät. Sie sind zwar letztlich auch nicht wirklich glücklich, haben sich aber in ihrem Leben eingerichtet, bis die Krise kommt. Die Männer fallen vom Sockel, wenn sie nicht mehr die Größten sind, ihren Job verlieren oder von ihrer Frau verlassen werden.

SPIEGEL: Sind diese Menschen besonders schwierige Patienten?

Wardetzki: Teilweise ja. Denn es geht ihnen zuerst einmal darum: Wer ist hier der Bessere? Sie testen aus, ob sie den Therapeuten standhalten. Andererseits wollen sie auch die beliebtesten Patienten sein. Ich bin mal auf einen Mann gestoßen, da habe ich klar gesagt: Wenn ich den behandeln muss, kündige ich.

SPIEGEL: Leben Frauen ihren Narzissmus auch so drastisch aus?

Wardetzki: Sicher. Ich hab mal eine Therapie mit einer Frau nicht begonnen, weil ich von ihr schon in den Vorgesprächen sehr beschimpft wurde. Das war unerträglich. Einerseits sollte ich ihr sagen, was sie tun soll. Als ich dann aber was gesagt habe, reagierte sie stinksauer und rammte wütend ihre Stilettos in den Teppich.

INTERVIEW: FRANK THADEUSZ

* Boris Becker mit Ehefrau Lilly am Tag nach ihrer Hochzeit im Juni in St. Moritz; Oliver Pocher mit Freundin Sandy Meyer-Wölden im Oktober in Berlin.** Bärbel Wardetzki: "Eitle Liebe". Kösel-Verlag, München; 160 Seiten; 17,95 Euro.

DER SPIEGEL 46/2009
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