09.11.2009

GESTORBENClaude Lévi-Strauss

Claude Lévi-Strauss , 100. Das Bekenntnis am Anfang seines wohl persönlichsten und populärsten Werks, "Traurige Tropen", das er innerhalb von vier Monaten geschrieben hatte, war natürlich ironisch aufzufassen, aber es hätte auch als Stoßseufzer aus der Perspektive des entdeckten "Wilden" stammen können: "Ich verabscheue Reisen und Forschungsreisende." Die erste große Reise führte den jungen französischen Philosophielehrer Lévi-Strauss 1935 nach Brasilien, an die neugegründete Universität von São Paulo; die Neugier des Forschers zog ihn ins Landesinnere, zu den Siedlungen der Caduveo und der Bororo-Indianer. "Brasilien ist die wichtigste Erfahrung meines Lebens", sagte Lévi-Strauss später über diese vier Jahre, die ihn zum Meister der modernen Anthropologie werden ließen. Er ging ganz nah an den Menschen heran und behielt doch den "Blick aus der Ferne", mit dem er hinter der Oberfläche der chaotischen Erscheinungsbilder, dem Dickicht der sichtbaren Wirklichkeit, das unsichtbare Wesen und die bleibenden Strukturen von Gesellschaft, Zivilisation und Kultur entschlüsselte. Der Wert der Ethnologie bestand für ihn darin, dass sie uns eine Vielzahl von Spiegeln vorhält, in denen der moderne Mensch durch die Sitten, Regeln und Gebräuche fremder Völker seine eigenen Mythen erkennt. Auch das "wilde Denken" ist rational, kein Kind des Zufalls, und gehorcht den Gesetzen einer universalen Logik. Als Erforscher der "Mythologica" und Archäologe des Totemismus blieb Lévi-Strauss stets auch Philosoph, Moralist, Literat, Umweltschützer und Kunstliebhaber - der Begründer der "Strukturalen Anthropologie" (so heißt sein 1958/73 erschienenes zweibändiges Hauptwerk) war einer der großen Universalgelehrten des 20. Jahrhunderts. Er erkannte die gleiche Notenlehre in den vielfältigen Melodien der Zivilisation, die einheitliche Grammatik in den unterschiedlichen Ausdrucksformen der Kultur. Das schützte ihn vor dem Hochmut des weißen Mannes, im anderen den Zurückgebliebenen zu sehen. Weil er die Strukturen höher schätzte als die Menschen, die Artefakte mehr als ihre Hersteller, und damit die absolute Autonomie des Subjekts im cartesianischen Sinn bestritt, hat man ihm Antihumanismus vorgeworfen. Die Tragödien seines Zeitalters - Kolonialismus, Faschismus, Kommunismus - hielt er für Ausdrücke des Irrglaubens, dass der Mensch der Herr der Schöpfung sei. Die Verwechslung von technischem und materiellem Fortschritt mit überlegener Zivilisation war für ihn die Erbsünde des westlichen Denkens. Er plädierte demgegenüber für den Respekt vor dem Leben und der Natur in allen Formen. Das Amphitheater des 2006 eröffneten Museums für die Kunst der Naturvölker am Quai Branly in Paris, ein formidabler Publikumsmagnet, trägt seinen Namen. Einige der Objekte, die er in Brasilien und den USA gesammelt hatte und für die er eine "fast körperliche Liebe" empfand, sind dort zu sehen. Vielleicht hätte er gern selbst Fetische und Masken gefertigt; seine Arbeitsweise beschrieb er als die eines "Malers und Bastlers". Claude Lévi-Strauss starb am 30. Oktober in Paris.

DER SPIEGEL 46/2009
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