16.11.2009

GEHEIMDIENSTELiebesgrüße aus Pristina

Im Prozess gegen einen BND-Agenten geht es um Betrug, einen schwulen Liebhaber und den Verrat von Staatsgeheimnissen. Dem Dienst droht eine Blamage.
Der Blitzeinsatz lief ruhig und professionell, ganz wie es sich im Agentenmilieu gehört. Schnell und entschieden griffen sich zwei Zivilbeamte im März 2008 einen Pendler auf dem S-Bahnhof Großhesselohe nahe München. Sie durchsuchten den Mann vom Oberkörper bis zu den Schuhen auf Waffen, dann legten sie ihm Handschellen an, führten ihn zu einem vor dem Bahnhof wartenden Zivilfahrzeug und rasten davon.
Die Umstehenden staunten nicht schlecht, auch deshalb, weil einige den Festgenommenen kannten. Es war ihr Kollege Anton K., der wie sie bei einer besonderen "Firma" arbeitete, nur etwa zehn Fußminuten vom Bahnsteig entfernt: dem Bundesnachrichtendienst (BND).
Ab diesem Mittwoch wird der Fall vor dem Münchner Oberlandesgericht verhandelt. Vor den Augen der Öffentlichkeit tut sich damit ein Krimi auf, den jeder Geheimdienst der Welt am liebsten unter der Decke halten würde.
Angeklagt ist Anton K., ein langjähriger BND-Agent, samt seinem Dolmetscher. Es geht um Geld und Geheimnisverrat; aber auch Liebe, Sex und eine betrogene Ehefrau sind Teil der schillernden Story, die in zwielichtigen Milieus im Kosovo spielt. Kurz, es handelt sich um ganz großen Stoff; ein Drama, das vielleicht ins Kino oder in die Bestsellerlisten gehört, wird nun vom Generalbundesanwalt aufbereitet.
Der Prozessausgang ist ungewiss, nur ein Verlierer ist schon absehbar: der BND. Wenn die Anklage gewinnt, ist dem Dienst über Jahre ein Agent aus dem Ruder gelaufen, ein Karriere-Schlapphut hätte dann beim Kosovo-Einsatz im Liebesrausch Staatsgeheimnisse verraten. Ein Freispruch allerdings wäre für die Pullacher Behörde mindestens ebenso peinlich - dann hätte sie sich spektakulär in der Verfolgung ihrer Mitarbeiter verrannt.
Begonnen hat alles am 21. Februar 2005, als Anton K. seinen Kosovo-Dienst in Pristina aufnahm. Offiziell sah sich der ehemalige Berufssoldat dort als Diplomat des Auswärtigen Amtes um. Sein tatsächlicher Auftrag aus Pullach aber war brisanter: K. sollte ein zuverlässiges Quellennetz aufbauen - ein anspruchsvoller und gefährlicher Job, gerade im Kosovo.
K. nahm sich eine Wohnung im vornehmen Diplomatenviertel der Stadt, seine Frau und Kinder ließ er in Süddeutschland zurück. Er veränderte sein Äußeres, anders als zu seiner Bundeswehrzeit trug er nun schulterlanges Haar, zog in Flip-Flops und Polohemd durch die Stadt.
Wenige Wochen später einer der ersten Erfolge: K. telefonierte in einem Straßen- café im schwäbischen Dialekt mit der Heimat, als ihn ein junger Mann ansprach, in ebenfalls perfekt süddeutschem Akzent. Murat A., damals Mitte 20, Einzelhandelskaufmann, ein eher unscheinbarer Typ mit blond-braunen Haaren, der sich Afrim nannte, mazedonisch-albanischer Herkunft, aber aufgewachsen in Offenburg.
Afrim schien der perfekte Dolmetscher zu sein, K. stellte einen entsprechenden Antrag in Pullach, der nach einer Sicherheitsüberprüfung zügig genehmigt wurde. Fortan arbeitete auch Murat A. offiziell für das Auswärtige Amt.
Die beiden Männer verliebten sich, Afrim zog bei Anton ein. Der BND-Mann hätte das melden müssen, er tat es nicht. Unbemerkt lief die Beziehung rund zwei Jahre weiter, geschäftlich wie privat. Der Bundesnachrichtendienst war mit der Arbeit von K. zufrieden, Anfang 2007 verlängerte er dessen Einsatz bis 2009.
Doch dann meldete sich übers Telefon die Ehefrau beim BND. Im Weihnachtsurlaub Ende 2007 war es zum finalen Streit mit ihrem Mann gekommen. K. habe seine Lebensversicherung von ihr auf seinen Dolmetscher überschrieben, meldete sie der Behörde; mit einem Schreiben der Versicherung konnte sie das auch beweisen.
Strittig ist seitdem, worin genau die Verfehlungen liegen - abgesehen davon, dass der Agent und sein Dolmetscher ihre private Beziehung dem Arbeitgeber hätten melden müssen. Sind sie nur "Bauernopfer" einer schwulenfeindlichen Behörde, wie ihre Anwälte behaupten?
Oder steckt mehr in dem Fall, geht es tatsächlich um den Verrat von Staatsgeheimnissen? Und wieso löste der Geheimdienst seine Probleme nicht intern, wie es der geübte Thriller-Leser erwarten würde?
Stattdessen beantragte der BND beim Generalbundesanwalt ein Ermittlungsverfahren und beorderte seine beiden Angestellten, Agent und Dolmetscher, unter einem Vorwand nach München zurück, wo beide verhaftet wurden. K. auf dem Bahnsteig des S-Bahnhofs Großhesselohe, Afrim im Hotel. Schon am nächsten Tag kamen beide wieder frei, offenkundig reichte das belastende Material nicht aus.
Die beiden Männer lösten ihre Wohnung im Kosovo auf und zogen gemeinsam in die Nähe von Stuttgart, wo sie in ihrem neuen Domizil auf ihren Prozess warten, unterbrochen von einer zweiten, diesmal 40-tägigen Untersuchungshaft im vergangenen Frühjahr.
Für das Oberlandesgericht München wird es ein schwieriges Verfahren, die Richter müssen sich einarbeiten in die komplizierten Lebensverhältnisse sowohl des Kosovo als auch der Geheimdienstwelt. Im Mittelpunkt stehen die Treffen K.s mit seinen Quellen. Berichte über solche Informantengespräche gehen normalerweise über gesicherte Netzwerke direkt an den BND.
Der Agent, so der Vorwurf des Generalbundesanwalts, habe seinem Lebensgefährten derlei geheime Berichte "zugänglich gemacht". Außerdem soll er ihm "nachrichtendienstlich schützenswerte" BND-Interna über Personen und Strukturen sowie ein Dokument mit geheimen Erkenntnissen eines europäischen Partnerdienstes weitergegeben haben, offenkundig handelt es sich dabei um den britischen. Mal habe er die Infos schlicht ausgeplaudert, mal auf einem Laptop geöffnet, mal "im Schlafraum" überlassen.
Mindestens genauso schwerwiegend sind die Anschuldigungen gegen Murat A., der sich Einblicke in "den gesamten Quellenbestand der BND-Residentur im Kosovo" verschafft haben soll. Der Dolmetscher habe Kontakte zur Organisierten Kriminalität gepflegt, außerdem habe er auch mit albanischen und mazedonischen Nachrichtendiensten zu tun gehabt. Der Vorwurf der falschen Abrechnung von insgesamt 14 700 Euro für angebliche Verdienstausfälle erscheint dagegen weniger gravierend. Dass Afrim das geheime Material an Dritte weitergegeben habe, wird von der Anklage gar nicht erst behauptet.
Der BND wollte sich auf Anfrage zu dem Fall nicht äußern.
Nach Ansicht der Verteidiger von Anton K. und Murat A. sind die Vorwürfe "absurd". Bei den inkriminierten Informantengesprächen sei A. als Dolmetscher ohnehin dabei gewesen, das Dokument des Partnerdienstes sei offen überreicht worden und enthalte nichts Geheimnisvolles. Den angeblichen Kontakt zur Organisierten Kriminalität erklärt A.s Anwalt Christian Stünkel als Auftrag des BND-Manns K.: Murat A. sollte demnach Informationen über eine stadtbekannte Milieugröße in Tetovo einholen. Im Übrigen habe sein Mandant bis zur ersten Verhaftung geglaubt, für das Auswärtige Amt zu arbeiten. Seine angeblichen Tätigkeiten für örtliche Geheimdienste seien bislang "bloße Behauptungen des Bundesnachrichtendienstes".
"Der Kern der Affäre ist derart lächerlich", sagt K.s Verteidiger Sascha Jung, "dass es uns schleierhaft ist, warum der Bundesnachrichtendienst den mit seinem Vorgehen verbundenen Schaden sehenden Auges in Kauf nimmt."
JOHN GOETZ, MARCEL ROSENBACH
Von John Goetz und Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 47/2009
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