16.11.2009

RELIGION120 000 Präsidenten

Im Zentralrat der Juden in Deutschland ist eine Debatte um die Zukunft des Verbands ausgebrochen - und um seine Rolle als moralische Instanz. Die Führungsspitze ist zerstritten, und der Generalsekretär versucht verzweifelt, Aufmerksamkeit zu erregen.
Kramer klagt, die Präsidentin sei schlecht zu erreichen. Graumann meint, sie rufe ihn zu selten an. Korn sagt, sie gehe immerhin auf die 80 zu.
Die Präsidentin hat auf einem Sessel in ihrem Büro in München Platz genommen, vor ein paar Tagen wurde sie 77. Es ist hell bei ihr und still, fast friedlich. Auf dem Couchtisch stehen Croissants, in einer Vase auf der Fensterbank sind cremefarbene Rosen arrangiert. Wenn man sich weit genug nach rechts lehnt, kann man durch die schussfesten Fensterscheiben die kugeligen Türme der Münchner Frauenkirche sehen.
Charlotte Knobloch ist die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern sowie die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Sie ist die Stimme der deutschen Juden, der Überlebenden wie der Zugewanderten, aber schon länger wird darüber geklagt, die Stimme sei zu schwach geworden. Stephan Kramer, Dieter Graumann und Salomon Korn arbeiten wie Knobloch im Zentralrat, Kramer als Generalsekretär, Graumann und Korn als Vizepräsidenten; sie wollen Knobloch loswerden, obwohl sie das netter formulieren. Es gibt eine Debatte über den Zustand des Zentralrats, der obersten Interessenvertretung der Juden in Deutschland. Knobloch, die Präsidentin, hat in ihrem Münchner Büro beschlossen, die Debatte nicht allzu ernst zu nehmen.
Sie sagt: "Ich versuche krampfhaft, Themen nicht an mich herankommen zu lassen, die meinen Optimismus bremsen."
Nach dem Tod ihres Vorgängers Paul Spiegel sagte sie, sie wolle nicht im Amt sterben. Sie legt sich trotzdem nicht fest, ob sie nächstes Jahr erneut kandidiert als Präsidentin. "Aber es ist ja bekannt, wie alt ich bin." Sie wurde 1932 in München geboren, den Holocaust überlebte sie als Mädchen versteckt bei einer Familie in Franken. Seit gut drei Jahren vertritt sie 120 000 in Deutschland lebende Juden, "aber moralisch", sagen Korn und Graumann, ihre Vizepräsidenten, "vertreten wir sechs Millionen". Die sechs Millionen Toten des Holocaust.
Vor kurzem kündigte der SPIEGEL-Autor Henryk M. Broder seine Kandidatur für das Amt des Präsidenten des Zentralrats an. Die Organisation sei in einem erbärmlichen Zustand, sagte er, und Knobloch überfordert. Jedem war klar, dass Broder keine Chance hatte, aber er wollte auch gar nicht Funktionär werden, sondern sich aus einer Mischung von "Eitelkeit, Größenwahn und Lust am Krawall" nur bewerben, wie er zugibt. Den Plan gab er zwar auf, die Unruhe aber blieb. Der Zentralrat ist ihm für die Debatte dankbar, die Präsidentin natürlich ausgenommen.
Knobloch sagt: "Broder hat nur diffamiert."
Sie steht an der Spitze eines Verbands, der seine Mitglieder möglichst stark repräsentieren will, genau wie die Deutsche Bischofskonferenz oder die evangelische Kirche. Der Unterschied ist, dass der Zentralrat inzwischen als inoffizielle Zentralstelle des Wach- und Mahnwesens funktioniert, zuständig für Neonazis bis Islamisten, auch weil die deutsche Öffentlichkeit festgestellt hat, dass es bequemer ist, Bestürzung und Empörung an die Vertreter einer Körperschaft auszulagern, als die Gefühle selbst zu simulieren. Wenn Harald Schmidt einen blöden Witz erzählt, schickt der Zentralrat Briefe. "Die Empörungsmaschine anwerfen", nennt das Graumann.
Graumann ist Jahrgang 1950, er gehört zur ersten Generation der in Deutschland lebenden Juden, die den Holocaust selbst nicht erlebt haben. Vor gut drei Jahren wurde er Vizepräsident und gilt als möglicher Nachfolger von Charlotte Knobloch. Er kritisiert, der Zentralrat erscheine brummig, moralinsauer und besserwisserisch. Graumann sagt: "Wir müssen raus aus dieser schrecklichen Opferrolle. Wir müssen deutlicher machen, wofür wir sind, nicht wogegen."
Es ist eine harte Kritik an der Präsidentin, die aus München alle drei bis vier Wochen eine Mitteilung zum Thema Holocaust-Leugnung, NPD-Verbot oder Kriegsverbrecher aus dem Zweiten Weltkrieg verschickt. Knobloch beschäftigt sich schon lang mit diesen Themen. Man kann darüber streiten, ob ihre Mitteilungen schön geschrieben sind, aber Graumann findet sie im besten Fall altbacken.
Kramer, der Generalsekretär, schreibt in Berlin ebenfalls Briefe und Pressemitteilungen. Er trifft sich mit Politikern, spricht mit Muslimen, organisiert Podiumsdiskussionen. Charlotte Knobloch hat den Eindruck, dass Kramer häufiger in den Zeitungen auftaucht als sie, obwohl sie die Präsidentin ist. Kramer hat 20 Leute in der Berliner Verwaltung des Zentralrats, "inklusive Telefonistinnen". Wenn Knobloch über Kramer spricht, nennt sie ihn nur "den Herrn Generalsekretär". Sie sagt, er habe enorme Verwaltungsaufgaben zu erledigen, müsse sich um die Gemeinden kümmern und viele Sitzungen vorbereiten. Von seiner Rolle als Ersatzpräsident sagt sie nichts.
Kramer macht aus seiner Sicht, was Knobloch nicht kann oder nicht will: Debatten anstoßen, reden, diskutieren. Kramer versucht auch vorauszusehen, was sein Gegenüber als Nächstes sagt, um zu vermeiden, dass er seinen Monolog unnötig lange unterbrechen muss. Er redet tief versunken aus einem schwarzen Ledersessel in seinem Büro in Berlin-Mitte.
"Ich sehe mich als Hintergrundmanager mit einer Funktion nach außen, ich will gar nicht sagen als Vordenker, als Visionär, als einer, der über den Tellerrand hinausschaut. Ich habe natürlich auch eine Innovationsfunktion nach innen, ich bin der vierte Mann im Zentralrat. Bei tagesaktuellen Fragen versuche ich, entweder die Präsidentin oder einen der Stellvertreter zu erreichen, selbstverständlich nicht jedes Mal, wenn ein Journalist anruft und fragt, da hat irgendwo 'ne Fahne gebrannt, was sagen Sie dazu, Kramer. Wir sind im Vorstand meistens einer Meinung, obwohl ich gegen das NPD-Verbot bin und Graumann dafür. Und um Ihr nächstes Stichwort aufzugreifen: Ja, Holocaust-Leugnung muss ein Straftatbestand bleiben."
Hinter ihm hängen Porträts von George Bush senior, von Peter Struck und Angela Merkel, die Wand ist voll mit Fotos. Kramer schüttelt meistens Hände und blickt wie jemand, der von den Großen lernen will. Im Regal liegt eine Schirmmütze mit dem Aufdruck "Air Force One", der Maschine des US-Präsidenten. Kramer ist der Mann mit der Funktion nach außen. Der Weltdiplomat.
Er hat keine jüdischen Vorfahren, obwohl er intensiv geforscht hat, nachdem ihn Freunde immer wieder irrtümlich für einen Juden hielten. Seine Familie ist protestantisch und stammt aus dem Siegerland, Kramer beschreibt sich aber selbst als "Suchenden". Nach dem Abitur studierte er Jura in Bonn, arbeitete für Bundestagsabgeordnete und landete über eine Bewerbung bei der Jewish Claims Conference, die für Entschädigungen von Holocaust-Opfern kämpft. 1999 holte ihn Zentralratspräsident Ignatz Bubis als seinen persönlichen Referenten.
Unter Paul Spiegel, Bubis' Nachfolger, wurde Kramer zum Geschäftsführer gewählt, Kramer war gerade dabei, zum Judentum zu konvertieren. Vor fünf Jahren wurde er Generalsekretär, diskutierte immer häufiger mit Schülern über Juden und Nazis, übernahm Termine für Paul Spiegel und warf sich begeistert in die neue Rolle. "Manchmal hat Paul Spiegel angerufen und gefragt, Kramer, wo stecken Sie denn jetzt schon wieder?" Kramer hat das als Kompliment gespeichert.
Vor gut drei Jahren wurde Charlotte Knobloch Zentralratspräsidentin. Kramer fühlt sich immer noch als Ersatzpräsident, als der bessere Manager, wacher, schneller, schlauer als Knobloch, die oft nicht erreichbar ist, wenn er anruft. Am liebsten hätte er jemanden, der zuhört, wenn er Vorschläge macht. Er guckt in seinem Sessel wie ein Chef, der sich zur Geduld mit einer Angestellten zwingen muss. "Frau Knobloch ist eine gewählte Präsidentin." Kramer seufzt. "Wir müssen mit dem arbeiten, was wir haben."
Kramer ist nicht sehr geschickt darin, die Wirkung seiner Worte vorherzusagen. Im Januar bezichtigte er den Bundestagspräsidenten der Lüge, es ging um die Frage, ob die Bundestagsverwaltung davon wusste, dass der Zentralrat der Gedenkfeier zur Befreiung von Auschwitz aus Protest fernbleiben wollte; Kramer musste sich später entschuldigen. Er legte den Ministerpräsidenten Oettinger und Wulff den Rücktritt nahe; Wulff hatte von einer "Pogromstimmung" gegen Manager gesprochen, Oettinger machte den verstorbenen NS-Marinerichter Hans Filbinger zum Gegner des Nationalsozialismus. Kramer erhielt für die Rücktrittsforderungen viel Spott. Vor kurzem rückte er den ehemaligen Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin in die Nähe von Adolf Hitler. Sarrazin hatte über "Kopftuchmädchen" und über Türken und Araber gelästert, die in Berlin leben. Auch für den Hitler-Vergleich musste sich Kramer entschuldigen.
Er ist jetzt vorsichtiger geworden und spricht bei Formulierungen, die ihm heikel erscheinen, die Anführungszeichen mit. "Fakt ist, der Zustand von Berlin ist nicht sehr fröhlich. Wir haben Probleme, und wir müssen darüber sprechen, auch über Türken und Araber, in Anführungszeichen. Sarrazin hat allerdings zur Stigmatisierung von Muslimen beigetragen. Hier geht es um Grundprinzipien der Gesellschaft, da kann ich nicht still bleiben." Stille macht Kramer unruhig. "Ich hätte Sarrazin nicht mit Hitler, Göring und Goebbels vergleichen sollen, ja, das war ein Fehler. Göring und Goebbels hätten völlig gereicht."
Kramer ist unberechenbar, aber zugleich unverzichtbar, weil er der Einzige im Vorstand des Zentralrats ist, der für seine Arbeit bezahlt wird und rund um die Uhr erreichbar ist. Die Präsidentin und die beiden Vizepräsidenten arbeiten ehrenamtlich.
Salomon Korn hat ein Bild für das Verhältnis zwischen Kramer und Knobloch, ein Bild aus dem Wilden Westen. Die Siedler in Amerika mussten ihre Claims verteidigen, sagt Korn, und wenn sie es nicht taten, verloren sie Boden und Macht an Eindringlinge. Knobloch habe ihren Claim gegen Kramer nicht verteidigt.
Korn liebt das gebildete Gespräch, er ist kein Polarisierer wie Kramer, sondern ein Vermittler. Wenn ihn Gedanken plagen, telefoniert er nicht mit der "Bild"-Zeitung, sondern verfasst Essays. Er hat sich in seinem Büro in Frankfurt am Main ein Glas Sprudel eingeschenkt. Neben seinem Amt als Vizepräsident ist Korn der Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main, er engagiert sich für die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg und ist Ehrenprofessor des Landes Hessen. Korn wurde 1943 in Polen geboren, er studierte in Berlin und Darmstadt Architektur und im Nebenfach Soziologie. Er sagt, wenn sich das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland normalisiere, werde auch der Zentralrat unwichtiger. "Normalisierung heißt auch Marginalisierung. Irgendwann wird auf uns vermutlich nicht mehr im selben Maß wie zuvor gehört werden."
Deutschland hat hohe Erwartungen an den Zentralrat, vielleicht liegt darin das Problem. Der Verband habe schon 1950 die Rolle als moralische Instanz zugewiesen bekommen, sei diesem Anspruch aber kaum gerecht geworden, sagt der Historiker Michael Wolffsohn. Die KZ-Überlebenden und die jüdischen Flüchtlinge aus dem Osten waren nach dem Krieg damit beschäftigt, die Hölle zu verarbeiten, die Trümmer zu beseitigen und für ihre Kinder zu sorgen. "Man musste mit einer minimal dünnen Personaldecke eine maximale Aufgabe erfüllen", sagt Wolffsohn. Kein Präsident sei intellektuell gewesen, Ignatz Bubis nicht, Charlotte Knobloch schon gar nicht, was man Bubis, Knobloch und dem Zentralrat auch nicht vorwerfen könne.
Nach der Wende kamen Zehntausende Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Die Alteingesessenen sind heute in der Minderheit. Sa-
lomon Korn sagt, ausschlaggebend für die Wahl von Knobloch sei gewesen, dass sie Holocaust-Überlebende ist. Man versucht jetzt, sie schnellstmöglich auf würdige Art loszuwerden, heißt es im Zentralrat.
Korn kennt die Wirkung von Worten, er wägt ab, streut oft "vermutlich" und "womöglich" ein, so dass man am Ende nicht sagen kann, wo er selbst steht. So gesehen ist das Amt des Vizepräsidenten ideal. Michel Friedman sagt: "Als Präsident des Zentralrats musst du auch mal der ,bad guy' sein können in Deutschland." Korn wurde mehrfach gefragt, ob er Präsident werden wolle, aber er wollte nicht der "bad guy" sein.
Friedman reißt ein Streichholz an, hält es an eine Zigarre. Er sagt, der Zentralrat habe 120 000 Mitglieder, von denen sich 120 000 als die besseren Präsidenten fühlten. Er kennt Knobloch, Korn und Graumann von früher, als er selbst im Präsidium saß. Er sagt: "Dieses Führungstrio ist zu schwach, um Politik zu machen. Das sind keine politischen Köpfe. Die drei haben auch keine Lust, große Debatten zu führen." Friedman hat als Vizepräsident große Debatten geführt - "FDP, Möllemann, Antisemitismus" -, aber am Ende war die größte Debatte Friedman selbst, wegen der Prostituierten und des Kokains.
Bevor das mit dem Koks passierte, war Friedman fast drei Jahre lang Vizepräsident, es gab eine klare Rollenverteilung zwischen ihm und Präsident Paul Spiegel. Spiegel war der präsidiale Versöhner, Friedman der Provokateur. "Das war so besprochen." Sie hatten eine Pingpong-Strategie, immer hin und her, sagt Friedman und wischt mit dem Handrücken einen Batzen Asche vom Tisch, der beim Hin und Her von der Zigarre gefallen ist. Er sagt, der Zentralrat stelle die wichtigen Fragen nicht mehr. Wie lassen sich die russischen Juden integrieren? Wie deutsch sind die Juden? Wie deutsch wollen sie sein, wie deutsch sollen sie sein?
Charlotte Knobloch hat darüber vor kurzem laut nachgedacht, später konnte man lesen, sie wolle den Zentralrat der Juden in Deutschland umbenennen in "Zentralrat der deutschen Juden". Es gab Widerstand, worauf Knobloch mitteilte, sie sei falsch interpretiert worden. Die große Debatte, die Friedman vom Zentralrat fordert, war zu Ende, bevor sie begonnen hatte. Die Präsidentin tauchte ab.
Friedman sagt, der Zentralrat werde sich noch weiter entpolitisieren. Womöglich hält er sich genau wie Kramer für den besseren Präsidenten, aber Friedman sagt, er denke momentan nicht darüber nach. Man müsse ihm Zeit lassen. Zehn Jahre vielleicht. CHRISTOPH SCHEUERMANN
* Salomon Korn, Charlotte Knobloch, Dieter Graumann mit dem Präsidenten des Deutschen Fußball-Bunds Theo Zwanziger (2. v. r.).
Von Scheuermann, Christoph

DER SPIEGEL 47/2009
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