16.11.2009

MENSCHENRECHTELebenslänglich

Können sich Opfer des DDR-Regimes aussöhnen mit Tätern? Im Frauengefängnis Hoheneck wurden politische Häftlinge schlechter behandelt als Mörderinnen. Wegen eines Flugblatts wurde Angelika Kanitz weggesperrt - bis heute fühlt sie sich in Haft. Von Barbara Hardinghaus
Sie kommt im Wintermantel durch das Gate, zieht einen kleinen roten Rollkoffer hinter sich her, sie hat das Flugblatt dabei, das ihr Leben veränderte.
Sie fährt mit dem Wagen über die Autobahn von Dresden in Richtung Chemnitz, sieht die Landschaft an sich vorbeiziehen, den grau verhangenen Himmel, und sagt, dass sie 21 Jahre lang nicht mehr in der Gegend gewesen sei.
Im Hotel an der Oper, gleich gegenüber der Chemnitzer Petrikirche, checkt sie ein; Angelika Kanitz war seit vielen Jahren in keinem Hotel, in keinem Restaurant. Eine halbe Stunde später sitzt sie im Restaurant Scala, im Erdgeschoss des Hotels.
Der Tisch ist eingedeckt mit Silberbesteck, Kanitz trägt eine Bluse mit großem weißem Kragen und glitzernde Ohrringe, sie hat die Fingernägel frisch lackiert, die Lippen rot gemalt. "Es ist der Abschied aus meinem alten Leben", sagt sie.
Am nächsten Morgen wird Angelika Kanitz, 56 Jahre alt, das erste Mal an den Ort zurückkehren, an dem sie als junge Frau litt. Sie wollte frei sein damals, ihre Heimat verlassen, aber sie wurde Gefangene der DDR, eine von rund 200 000 politischen Häftlingen einer deutschen Diktatur.
Sie bestellt ein Rumpsteak und ein Radeberger Pils vom Fass. Sie holt ein Blatt Papier aus ihrer Tasche und sagt: "Das ist das Flugblatt. Dafür habe ich drei Jahre bekommen."
Drei Leute von der Staatssicherheit, zwei Männer, eine Frau, hatten damals, im Februar 1988, an der Tür ihrer Leipziger Wohnung geklingelt, sagten, sie solle sich anziehen, mitkommen, zur Klärung eines Sachverhalts.
Das Verhör an der Dimitroffstraße dauerte 36 Stunden, so lange schwieg Angelika Kanitz. Jemand zeigte auf sie, spät in der Nacht, um halb zwei, und sagte, sie sei die Verfasserin des Flugblatts.
"Alles ausziehen, Beine breit, alle Öffnungen kontrollieren", hörte Angelika Kanitz die Polizisten sagen. Kurze Zeit später stand sie, im Trainingsanzug, mit einem Bündel in der Hand, in einer Zelle des Leipziger Untersuchungsgefängnisses.
Ihren Mann nahmen sie ein paar Tage später fest, den Sohn ein paar Wochen danach. Er war 17 und allein in der Wohnung geblieben, er hatte besoffen mit einem Luftgewehr Gemälde von der Wand geschossen. Die Wohnung an der Lipsiusstraße, 3. Etage, versiegelten die Staatssicherheitsleute, die Katze, Gangster, verhungerte.
Nach vier Monaten folgte der Prozess, nach sieben Monaten kam Angelika Kanitz nach Hoheneck, durch die Fenster eines alten Busses sah sie von weitem die großen, schweren Stahltore des Frauengefängnisses.
Das war der Moment, in dem Angelika Kanitz das erste Mal in ihrem Leben mit Kriminellen zusammenkam, "ein Käfig voller Weiber", sagt sie.
Sie nimmt einen großen Schluck Bier, das Licht im Restaurant Scala ist gedimmt. Angelika Kanitz schiebt das Flugblatt an die Seite und holt noch etwas aus ihrer Tasche, eine alte Cremedose. Sie dreht sie auf, nimmt den Inhalt in ihre Hände. Ein graues Haargummi, ein altes Kartenspiel, geschnitten aus Cabinet-Zigarettenschachteln, bemalt mit dunklem Kajalstift. Es sind die Reste aus dem Leben, von dem sie Abschied nehmen will.
Es ist kurz vor elf Uhr am nächsten Morgen, als Angelika Kanitz, nach 21 Jahren, wieder vor den großen, schweren Toren steht. Es nieselt. Ein Hausmeister schließt die Türen auf, das macht er für Besucher, seit die Haftanstalt im Jahr 2001 schloss. Alles sieht so aus, als wäre das gestern gewesen, ein Gefängnis ohne Gefangene, die Türen der Zellen stehen offen, die Betten leer, ein dunkles Skelett.
Angelika Kanitz hatte ihr Bett weit oben in der alten Burg. Der Mond schien nachts darauf, sie schlief zusammen in einer Zelle mit acht Frauen. Sie sah in weiße, fahle Gesichter, sah ausgemergelte Frauen, schmale zahnlose Körper, 20, 30 in einer Zelle. Sie umgriffen ihre braunen Becher, als hinge ihr Leben daran, tranken schwarzen Tee den ganzen Tag, sie berauschten sich, tranken Haarfestiger und etwas, das sie an Rotwein erinnerte, ein Gemisch aus Brot, Wasser, Marmelade.
Andere schluckten Besteck, um ins Krankenhaus zu können, oder Nadeln, weil sie hofften, eine der Nadeln würde wandern, bis zu ihrem Herzen vielleicht. So endete ihr Traum von der Freiheit, in einem Verlies voller gebrochener Menschen.
20 Jahre nach dem Mauerfall beschäftigt sich Deutschland mit der Frage, wie mit solchem Unrecht, das in der DDR hunderttausendfach geschah, umgegangen werden soll.
Politiker wie Matthias Platzeck in Brandenburg fordern die Aussöhnung mit den alten DDR-Eliten. Platzeck, der Bürgerrechtler war, führt sein Land in ein rot-rotes Bündnis mit Leuten, die damals für die Staatssicherheit gespitzelt haben. Die Grenzen zwischen Opfern und Tätern verschwimmen. Geht das schon?
Es ist eine Debatte, wie es sie immer gibt, nachdem eine Diktatur untergegangen ist. Nicht sofort, aber doch irgendwann geht es darum zu verzeihen, um weitermachen zu können, nach vorn zu schauen, anstatt immer nur zurück.
Aber was ist mit denen, die nicht verzeihen wollen und nicht vergessen können?
Was ist heute, 20 Jahre später, mit dem Unrecht, das Menschen in Justizvollzugsanstalten wie Hoheneck erlebten, in denen keine Unterscheidung getroffen wurde zwischen Mörderinnen und Frauen, die einfach nur frei sein wollten und ein Flugblatt druckten wie Angelika Kanitz?
Angelika Kanitz war ein fröhliches Mädchen mit dunklen, langen Zöpfen, wuchs auf in Leipzig, zusammen mit ihrer Mutter, die Dolmetscherin war, in einer Altbauwohnung im Musikerviertel, 50 Quadratmeter, 36 Mark. Am Morgen lief Angelika Kanitz in die Schule, am Nachmittag zum Pionierhaus.
Das erste Mal wunderte sie sich über ihr Land, als sie während des Vietnam-Kriegs ihr Taschengeld abgeben sollte für die Opfer der Schlachten. Sie wollte das nicht und musste sich deshalb in der Schule an die Wand stellen, sie bekam eine Rüge vom Direktor.
Das zweite Mal wunderte sie sich über ihr Land, als sie Polizistin werden wollte. Sie durfte das nicht, sie sollte stattdessen chemisch-biologische Assistentin werden. Sie brach die Lehre bald ab, wurde schwanger mit sechzehn. Sie wurde Mutter und arbeitete in guten Restaurants, in Barthels Hof und in Auerbachs Keller. Mit Ende zwanzig wollte sie am Wochenende frei haben und wechselte in eine Kneipe am Johannisplatz, in Pragers Biertunnel.
Dort kostete der Sauerbraten drei Mark, ein Bier 40 Pfennig, dorthin kamen die Arbeiter aus dem Stahlwerk und erzählten von ihrer Arbeit. Angelika Kanitz setzte sich zu ihnen auf die Bank und hörte zu.
Sie lief nach Feierabend in die Wohnung an der Lipsiusstraße, 3. Etage, setzte sich zu ihrem Mann vor den Fernseher, zusammen sahen sie hinüber in den Westen. Sie sahen Ariel und Klementine, Volkswagen, Milupa und Männer, die es sich leisten konnten, ihre Frauen zu Hause am Herd stehen zu lassen.
Angelika Kanitz träumte vom Westen, und in der Kneipe flüsterte sie anderen ihre Träume zu. Sie dachte, auch sie könne etwas verändern, auch im Kleinen funktioniere so etwas: Sie wollte sterbende Bäume gegen neue ersetzen, aber man ließ sie nicht. Im Jahr 1987, da war Angelika Kanitz 33 Jahre alt, stellte sie ihren ersten Ausreiseantrag.
Sie lief oft hinunter zum Briefkasten, die Treppen des Altbaus hinab, aber es kam kein Brief, der ihr die Freiheit brachte. Sie wollte bei Aldi einkaufen, sie wollte ihre Meinung sagen dürfen und nach Griechenland fahren.
1988 dann, als immer mehr Bürger die DDR verlassen wollten und auf die Straße gingen, lief auch sie hinüber an die Nikolaikirche und stellte sich mit den anderen auf zur Demonstration.
"Jeder wünschte sich etwas anderes", sagt Kanitz. Sie schrieb "Freiheit" auf ihre Plakate.
Sie fragte sich, ob das schon alles war. Dann setzte sie sich zu Hause an den Küchentisch. Nach einer Viertelstunde hatte sie das Flugblatt geschrieben. Eine kleine Serviererin aus Pragers Biertunnel rief zu einer Demonstration auf, die friedlich sein sollte, für alle Ausreisewilligen, am 1. Mai 1988 um 14 Uhr am Brandenburger Tor in Berlin.
Es dauerte zwei Tage, um eine Schreibmaschine zu finden und eine Freundin, die den getippten Zettel vervielfältigte, erst 20-, dann 100-mal.
"Was ist ein Staat ohne sein Volk - NICHTS", hatte Angelika Kanitz geschrieben. Es dauerte zwei Wochen, da klingelte es an der Tür, drei Leute von der Staatssicherheit, zwei Männer, eine Frau. Angelika Kanitz kam nach Hoheneck.
30 Prozent der ungefähr 400 Frauen in Hoheneck waren politische Gefangene, der häufigste Grund ihrer Inhaftierung: versuchte Republikflucht. Das waren junge Frauen mit großer Sehnsucht, die von Grenzsoldaten aus dem Kofferraum gezogen worden waren; die zu Nummern, zu Strafgefangenen ohne Namen, wurden, zu Fällen wie Angelika Kanitz.
Oder Manuela Polaszczyk, die 20 war und durch die Ostsee schwimmen wollte; sie war eine gute Schwimmerin. In Boltenhagen stieg sie ins Wasser, sah das Patrouillenboot, es näherte sich, sie schwamm zurück, am Strand warteten Soldaten.
Oder wie Dorit Schröder, damals 29, verheiratet, Mutter von zwei Mädchen. Jemand hatte der Staatssicherheit gesagt, sie wolle fliehen, sie holten sie zu Hause ab. Dorthin kehrte sie nicht mehr zurück.
In Hoheneck arbeiteten die drei Frauen unter einem Dach, Dorit Schröder nähte neue Uniformen aus alten Uniformen. Angelika Kanitz nähte Bettwäsche für westdeutsche Versandhäuser. Sie nähte langsam, sie war im Widerstand. Warum sollte sie dem Staat helfen? "Warum näht ihr so schnell? Wollt ihr denn nicht mehr in den Westen?", fragte sie andere Frauen. Auf dem Hofgang, beim Gottesdienst, nuschelte sie ihnen zu, "ihr seid doch Menschen, warum lasst ihr euch das gefallen?"
Sie begann, einen Plan zu entwickeln.
Angelika Kanitz erinnerte sich daran, was sie ganz oben auf ihr erstes Flugblatt geschrieben hatte, "Aktion für friedliche Ausreise", AFFA. Alle in Hoheneck könnten sich diese vier Buchstaben auf die Schläfen schreiben, das war die Idee. Fünf Frauen machten mit.
Die Erste von ihnen stellten die Wärter stundenlang unter die kalte Dusche, dann schlugen sie zu. Ihre Schreie hörte Angelika Kanitz über die Flure bis in ihre Zelle.
Sie selbst kam in eine Arrestzelle unten im Keller, es gab Kaffee und Brot, ohne Tageslicht. Es hieß, sie solle zehn weitere Jahre bekommen, wegen Revolte, wegen Republikflucht.
Die Wärterinnen mochten die politischen Gefangenen nicht, die Kriminellen waren ihnen lieber. "Nazi-Schwein", so sei sie von einer Politischen genannt worden, sagt Christine Menzel. Sie habe überlegt und geantwortet: "Wenn du deinen Arsch schneller über die Grenze gekriegt hättest, wärest du drüben gewesen und nicht hier." Christine Menzel war zuständig für 150 Strafgefangene, ihre laute Stimme lässt ahnen, wie es damals klang in den langen Gängen von Hoheneck. Das Gefängnis liegt nur ein paar Kilometer von ihrer Chemnitzer Wohnung entfernt.
Auf dem Tisch steht eine Kanne mit kaltem Tee, ein Teller mit Keksen, eine Zeitschrift liegt aufgeschlagen daneben, die "Schöne Woche", eine Geschichte über Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit.
"Ich lese viel, löse Kreuzworträtsel, mache Handarbeiten", sagt Christine Menzel. Sie ist 63 Jahre alt, eine kräftige Frau mit roten kurzen Haaren.
Kannten Sie die Namen der Strafgefangenen?
"Nein, das waren zu viele."
Wie sprachen Sie sie an?
"Strafgefangene. Strafgefangene, heraustreten!"
Christine Menzel ließ sie heraus aus den Zellen, wartete, bis alle draußen waren, schloss wieder ab, brachte die Frauen zum Essen, zum Arzt, zur Staatssicherheit, sieben Jahre lang.
Am Abend fuhr sie zurück nach Hause, sie war Mitte dreißig, lebte allein, sie fuhr von der Arbeit nach Hause, schlief, fuhr wieder los.
"Strafgefangene, heraustreten!"
Nach Hoheneck, sagt sie, habe sie nicht gewollt. Sie hatte die Schule nach der achten Klasse verlassen, sie lernte Spinnerin in einer Textilfabrik, wollte Polizistin werden und kam in die Meldestelle. Sie stellte Pässe aus und zog sie wieder ein, sie bearbeitete die Reiseanträge von westdeutschen Besuchern.
Einer der Besucher, erzählt sie, habe ihr eines Tages ein Geschenk machen wollen, ein Zentimetermaß zum Ausziehen. Sie habe es angenommen und wurde strafversetzt in die Haftanstalt.
Sie hatte Schießen gelernt, in Hoheneck stieg sie auf von der Polizeimeisterin zur Polizeiobermeisterin, trug eine blaue Uniform, einen Knüppel in der Hosentasche, der ihr tiefe Löcher in den Saum bohrte.
"Ich habe die Befehle ausgeführt, es war normale Arbeit, die lief wie am Fließband", sagt Christine Menzel.
Mussten Sie Befehle ausführen, hinter denen Sie nicht standen?
"Nein. Eigentlich nicht. Ich habe nie zugeschlagen, nur einmal, als mich eine Strafgefangene angriff."
Hatten Sie Kontakt zu den Strafgefangenen?
"Persönliche Gespräche waren nicht gestattet, aber wir hatten ja auch Lebenslängliche. Mit denen, also mit den Normalen, den Kriminellen, haben wir uns trotzdem manchmal unterhalten."
Welche Unterschiede gab es zwischen politischen und kriminellen Strafgefangenen?
"Mit den Kriminellen hatte ich kaum Hudelei. Mit den Politischen dafür mehr. Die glaubten ja, ich wäre schuld daran, dass sie da waren."
Manchmal, da gerieten die Kriminellen und die Politischen in den dunklen Gängen aneinander; Manuela Polaszczyk, die zwei Jahre und vier Monate bekommen hatte, weil sie durch die Ostsee flüchten wollte, prügelte sich, "mal gingen andere Gefangene dazwischen, mal das Personal. Kriminelle hatten immer Recht. Politische waren Fußabtreter für jeden, nicht nur für die Wärterinnen", sagt sie. Sie stand als politische Gefangene mit den kriminellen Gefangenen nie auf einer Stufe.
"Als Politischer warst du Staatsfeind. Du warst nichts wert. Das bekamst du jeden Tag zu hören und zu spüren, von den Gefangenen und auch vom Personal, das den Knüppel rausholte und dorthin schlug, wo es kaum Spuren hinterließ, auf weiche Stellen."
Die Politischen, das waren für viele der Wärterinnen von Hoheneck die Undankbaren. Christine Menzel verstand die Menschen nicht, die das Land verlassen wollten.
Sie sagt, sie habe nie daran gedacht, das Land zu verlassen. Sie habe gern in der DDR gelebt, da habe sie kostenlos in die Schule gehen können, eine Ausbildung machen können, da habe Freizeit noch kein Geld gekostet.
"Den Lebenslänglichen gegenüber entwickelte man ja irgendwann doch ein Herz", sagt sie und meint Menschen wie Heidemarie Rudzik, die einen Rentner tötete, um an sein Erbe zu kommen. Die ihm ein Kabel mit zwei aus Kupferlitze bestehenden Stromleitern von hinten unter die linke Achsel geschoben hat, die ihm den Oberarm festklebte und den Strom fließen ließ, drei Minuten und 45 Sekunden. Die in Hoheneck eine Zelle für sich allein hatte, mit einem Fenster und einer Schreibmaschine.
Christine Menzel wurde nach der Wende Leiterin in einem Internat für behinderte Jugendliche.
In dieser Zeit etwa hatte sie Post aus Dresden bekommen, es liege ein Ermittlungsverfahren gegen sie vor, sie habe Strafgefangene körperlich misshandelt. Sie sagt, sie sei ein paar Monate unruhig gewesen, aber dann sei nichts mehr gekommen.
Gab es Unrecht in Hoheneck?
"Das ist relativ", sagt sie. "Wenn ich in einem Staat lebe, in dem ich nicht über die Grenze kann, weil an der Grenze geschossen wird, kann ich das nicht machen und muss entsprechend bestraft werden."
"Die Schließerinnen haben provoziert", sagt Manuela Polaszczyk, "die hatten ihre Psycho-Spielchen. Wenn man darauf nicht angesprungen ist, haben die andere kriminelle Gefangene auf einen gehetzt."
Angelika Kanitz ist noch vor dem Fall der Mauer in den Westen gekommen, sie war, weil sie widerspenstig war, als Gefangene unbequem geworden, die Bundesregierung zahlte für sie, 96 000 Mark in Erdöl.
Am 2. Dezember 1988 saß Angelika im Sommerkleid, mit Sommersandalen, im Zug Richtung Westdeutschland. Sie hielt eine Plastiktüte in der Hand mit einem Ei, einem Apfel, einer Scheibe Brot und ihrer Fahrkarte, Karl-Marx-Stadt-Gießen.
Sie sah aus dem Fenster, rollte still über die Grenze, dachte daran, nun alles hinter sich zu haben, das Gemäuer, die Zellen, Frauen wie Christine Menzel.
Als Angelika Kanitz in Gießen angekommen war, bekam sie neue Kleider, eine warme Jacke, feste Schuhe. In Miltenberg am Main fand sie eine Arbeit und eine schöne Wohnung mit Blick über die Weinberge. Die Mauer fiel, und ihr Mann reiste ihr hinterher.
Es sah so aus, als würde alles so kommen, wie er es ihr geschrieben hatte, als sie im Gefängnis war. Alles werde schön, das waren seine Worte.
Nach einem Jahr aber fuhr Angelika Kanitz nach Leipzig, sie sah ihre Akte ein, 500 Seiten, las, jemand habe sie ausspioniert, habe ihre Freunde ausspioniert.
Es war ihr Mann, "IM Alfred", der das bis heute bestreitet.
Sie nahm einen Koffer, den Hund, den Hundekorb und machte sich auf den Weg nach Flensburg zu ihrer besten Freundin Heidi. Sie arbeiteten zusammen, sie wohnten zusammen, trugen Freundschaftsringe. Gingen aus. An einem Abend war Angelika Kanitz mit dem Ehemann ihrer Freundin allein, sie saßen am Tresen, tranken.
"Wusstest du, dass die Heidi euch auch ausspioniert hat?", fragte der.
Bei Dorit Schröder war es auch jemand aus der Familie, "IM Hans".
Bei Manuela Polaszczyk, der Schwimmerin, war es ihr Vater, der von einem Westbesuch nicht zurückgekommen war, zu dem sie wollte, der alles für sie war, "IM Paul".
Sie hat das vor ein paar Monaten erst erfahren, es war ein Zufall, weil Manuela Polaszczyk Teil eines Films wurde, den SPIEGEL TV für den Sender Vox drehte über das Gefängnis Hoheneck. "Eingesperrt, um frei zu sein - das geheime Frauengefängnis der DDR", so heißt der Film, in dem Polaszczyk vor der Kamera in den Akten ihres Vaters liest und das erste Mal die ganze Wahrheit erfährt.
"Ich gebe mir den Decknamen Paul", liest sie und auch Quittungen ihres Vaters, "für gute operative Arbeit erhielt ich von einem Mitarbeiter des MfS einen Betrag von 50,- M. (Fünfzig)".
Angelika Kanitz fühlte sich auch im Westen weiter von der Staatssicherheit und der Vergangenheit verfolgt, sie hatte den Mann und die beste Freundin verloren und machte sich wieder auf den Weg, das dritte Mal. Sie zog in eine kleine Wohnung mit Toilette und Kochnische und übernahm eine Kneipe.
Eines Nachts fuhr sie mit dem Wagen nach Hause, da sah sie im Scheinwerferlicht ein Wahlplakat, abgebildet war Gregor Gysi, er lächelte.
Angelika Kanitz hielt an, setzte das Warnblinklicht, riss die Pappe herunter, trat sie und den Mann, der sie immer weiter anlächelte und dachte: "Du bist ihnen nicht entkommen, sie haben dich eingeholt."
Ein paar Wochen später verließ sie Deutschland und ging nach Kliplev - ein kleiner Ort gleich hinter der dänischen Grenze. Dort wohnt sie in einem weißen Haus mit rotem Dach. Im Sommer zieht sie um in einen Wohnwagen, der am Meer steht, zwischen den Dünen, wo der Himmel weit ist, wo sie Nachbarn hat, die sie nicht grüßt.
"13 Jahre wohne ich da, und die Leute wissen nicht, wie ich heiße", sagt Angelika Kanitz. Sie hat keine Familie, keine Freunde, sie geht in kein Hotel, in kein Restaurant. Sie lebt mit vier Hunden.
Sie hat oft Angst, zu hohen Blutdruck, sie knirscht nachts mit den Zähnen. Sie möchte, dass ihre Haftschäden anerkannt werden, darum kämpft sie. Es sind acht Gutachten erstellt worden in acht Jahren, mehr ist nicht passiert. "Matthias Platzeck? Was hat der denn schon erlebt? Wenn der mit den SED-Opfern ganz hinten in der Schlange beim Sozialamt stehen würde, wäre er dann für Versöhnung?"
Sie sagt, sie wünsche sich mehr Verurteilungen statt Versöhnung. Nach der Wende begann Deutschland, das SED-Unrecht aufzuarbeiten. Am Ende gab es 75 000 Ermittlungsverfahren und 105 000 Beschuldigte. Zu Freiheitsstrafen verurteilt wurden 580, ohne Bewährung 46.
Zurück in Hoheneck, dem Ort, an dem Angelika Kanitz ihr Unrecht erlitt, soll sie Abschied nehmen, das hat ihr Therapeut ihr so geraten. Sie geht die Treppen hinunter, sie schreitet langsam in den Hof, der Boden ist nass, Laub klebt daran, um sie herum stehen die Mauern, die hohen roten Fassaden, die sie einschlossen.
Sie macht eine Runde, so, wie sie es früher tun musste, sie bleibt stehen, legt den Kopf in den Nacken, ruft, schreit, es hallt: "Seht her, ich bin als Siegerin zurückgekommen."
Dann weint sie leise.
Am Nachmittag fährt sie zum Flughafen, fliegt zurück nach Hamburg, nimmt den Zug bis Flensburg, das Taxi bis Kliplev. Das Flugblatt hat sie mitgenommen.
Sie hat Abschied genommen.
Sie geht am Morgen in den Wald, sucht Beeren und Pilze, fährt im Boot hinaus auf die Förde und wirft Netze aus.
Von Barbara Hardinghaus

DER SPIEGEL 47/2009
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