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FERNSEHEN

Medienrätsel Ossi

Die Ostdeutschen sehen im Fernsehen erheblich mehr Unterhaltungssendungen als die Zuschauer im Westen - und damit auch mehr Privatsender. Von polemischen Mutmaßungen über die geistige Verfasstheit des östlichen Republikteils abgesehen, erklärten Soziologen den Unterschied bislang mit einem ostdeutschen Gefühl politischer Machtlosigkeit, mit dem dünneren bildungsbürgerlichen Zuschauermilieu im Arbeiter-und-Bauern-Staat, das für öffentlich-rechtliches TV empfänglich wäre, oder mit der relativen Abwesenheit - Ausnahme Berlin, Leipzig, Dresden - urbaner Kultur und entsprechender Unterhaltungsangebote. Alles nicht befriedigend. Jetzt lenkt der Leipziger Professor für empirische Kommunikationsforschung, Hans-Jörg Stiehler, 58, die Aufmerksamkeit auf die ostdeutsche Sehtradition. In seinem in der Fachzeitschrift "Psychosozial" veröffentlichten Aufsatz ("Tickt der Osten anders?") verweist Stiehler auf das deutlich höhere Unterhaltungsangebot der beiden DDR-Programme im Vergleich zu ARD und ZDF während der frühen achtziger Jahre. Während der Westen das Publikum mit erzieherisch und künstlerisch wertvollen Fernsehspielen malträtierte, heizte die SED den Kessel Buntes an - nur so glaubte man, dem Westfernsehen Konkurrenz bieten zu können. Mit der Einheit setzte sich das fort: An die Stelle der sozialistischen Unterhalter traten die "Tutti Frutti"-Häschen von RTL und die "Glücksrad"-Feen von Sat.1. Ausgerechnet die Kommerzkanäle als kulturelle Erben der SED - die Wege der Geschichte sind verschlungen.


DER SPIEGEL 47/2009
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