16.11.2009

POPAus der Sicht des Täters

Rammstein am Ziel: Das neue Album „Liebe ist für alle da“ der ostdeutschen Brachialrocker hat die Jugendschützer auf den Plan gerufen.
Die Nachricht erreichte die Band während der Vorbereitung auf ihre Europa-Tournee, die sie von Portugal aus durch die großen Hallen des Kontinents führt. Vom Spitzenplatz der deutschen Charts weg war Rammsteins neues Album "Liebe ist für alle da" von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf den Index gesetzt worden; ab Mittwoch voriger Woche durfte es nur noch gegen Vorlage des Ausweises an Volljährige verkauft werden. Schöner Zufall, dass in Berlin zur gleichen Zeit die Feierlichkeiten zum Jubiläum der Maueröffnung anliefen. Denn der Fall Rammstein ist auch ein Stück über die Kunst im wiedervereinigten Deutschland.
Den Videoclip zur ersten Single "Pussy" hatte der Bannstrahl der Behörde zuerst getroffen, ein Porno-Video, das anscheinend die Bandmitglieder mit verschiedenen Porno-Darstellerinnen beim Sex zeigt. Nun ging es um den Song "Ich tu dir weh" und ein Foto aus dem CD-Booklet. Das Bild und der Text würden Gewalt und Sadomasochismus propagieren, so die Begründung: "Bisse, Tritte, harte Schläge / Nadeln, Zangen, stumpfe Säge / Wünsch dir was, ich sag nicht nein / Und führ dir Nagetiere ein."
Pflichtschuldig empörte sich die Band. "Wir sind erstaunt, wie viele Leute immer noch Angst vor Rammstein haben. Aber wir sind auch bestürzt", sagte Keyboarder Christian Lorenz und verglich die Bundesrepublik mit der DDR: "Wenn Meinungsfreiheit in der BRD bedeutet, dass Nazis unbehelligt ,Ausländer raus' brüllen dürfen, unsere Platte hingegen aus dem Verkehr gezogen wird, sind wir nicht viel weitergekommen." Nun werden volksverhetzende Neo-Nazi-CDs in der Bundesrepublik meist richtig verboten und nicht nur für Käufer unter 18 Jahren gesperrt. Trotzdem beklagte Lorenz wie ein Dissident im Widerstand gegen die Obrigkeit einen massiven Eingriff in die Bürgerrechte.
Dabei überrascht eher, dass es 14 Jahre gedauert hat, bis eine Platte von Rammstein in Konflikt mit den Jugendwächtern kam. Denn die Band balanciert seit den ersten Tagen in ihrem Ost-Berliner Proberaum auf dem schmalen Grat, der die Freiheit der Kunst vom Schutz der Jugend trennt. Inzest, Kannibalismus, Nekrophilie, Sadismus, Koketterie mit NS-Ästhetik - kein Thema, mit dem sich Ärger machen lässt, hat das Sextett ausgelassen. Dass sie nun ausgerechnet mit dem uralten Schwulenwitz von den Meerschweinchen, die sich Schwule angeblich so gern einführen, geschafft haben, was ihren Songs über den Kannibalen von Rotenburg, ihr Leni-Riefenstahl-Video und den Inzestliedern versagt blieb, ist für die Profi-Provokateure fast ein wenig kränkend.
"Liebe ist für alle da" schnellte nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz, in Österreich, Dänemark, Tschechien, Finnland und Holland an die Spitze der Charts. In Frankreich reichte es für Platz 2, in England für Platz 16, in den USA für Platz 13. Das Album ist ein Welterfolg, niemand sonst nahm Anstoß.
Dennoch markiert das Verbot den Höhepunkt der Laufbahn von Rammstein. Der Staat, über dessen angebliche Weichheit sich die Bandmitglieder gern lustig machen, diese Bundesrepublik, in der nur das Geld zähle und alle anderen Werte dem Kapital untergeordnet seien, ist aufgeschreckt und hat die Tabuverletzer endlich ernst genommen.
Es ist ja ein Allgemeinplatz, dass die Freiheit, die der Mauerfall eröffnete, von vielen ostdeutschen Künstlern auch als Problem empfunden werden musste. Wo es keine Verbote gibt, kann man sich an nichts mehr reiben. Aus dieser Reibung schöpfte aber ein guter Teil der ostdeutschen Kulturproduktion ihre Energie. Jetzt funktionieren die alten Codes nicht mehr, die Komplizenschaft mit dem Publikum in der Opposition gegen das Regime ist dahin.
Rammstein, sechs ostdeutsche Musiker, die in der DDR in verschiedenen Underground-Bands spielten, haben aus der gefühlten Folgenlosigkeit des kulturellen Aufbegehrens im Kapitalismus ein erfolgreiches Geschäftsmodell abgeleitet. Das Prinzip ist ganz einfach: Sex und Gewalt in einen dadaistischen Schraubstock zwingen (am gelungensten wohl in "Pussy" mit Zeilen wie "Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr"), Gitarrenkrach und Synthesizerlärm draufschichten und die Texte von tief unten den Rachen heraufgurgeln.
"Neue Deutsche Härte" nannte sich das Genre, als es Mitte der Neunziger aufkam. Keine Nazis zu sein, aber dafür gehalten zu werden - diese Ambivalenz kontrastierten sie mit Songs über all die anderen schlimmen Dinge des Lebens. Sie sangen meist aus der Sicht des Täters, und wenn ihnen vorgehalten wurde, die Amokläufer von Littleton hätten Rammstein gehört, duckten sie sich weg: Wir waren's nicht! Ist doch nur Kunst! Kann man so oder so sehen!
Es ist die wahrscheinlich größte Leistung der Band, dieses ebenso zynische wie lustige Doppelspiel so lange durchgehalten zu haben. Der Provokateur braucht das Tabu genauso wie die Freiheit, es verletzen zu dürfen.
Bei allem Spott, mit dem sie über die liberale Bundesrepublik herziehen: Selbstverständlich machen Rammstein im Westen Musik, die sie im Osten nie hätten machen können. Sie hatten Erfolg, wie sie ihn im Osten nie hätten haben können. Und reisten durch die Welt, wie es jeder DDR-Band verwehrt geblieben wäre. Ohne Mauerfall hätten Rammstein ihr Kasperletheater der Grausamkeiten nie so überzeugend aufführen können.
So wurden die Rammstein-Jungs die ästhetische Rache Ostdeutschlands am Westen. Gestählt durch den Kampf gegen die ostdeutschen Behörden, verkörperten sie die deutschen Bösewichter, die es im verweichlichten Westen so nicht mehr zu geben schien. Dass sie mit diesem Konzept das popkulturelle Unbewusste der westlichen Welt, in dem ja bis heute die Deutschen für das Böse zuständig sind, erfolgreich ansprechen konnten, ist der Treppenwitz ihrer Geschichte. Ostdeutsche Fans können sich mit der Haltung identifizieren, es dem System mit seinen eigenen Mitteln zu zeigen ("So bekämpfe ich das System. Ich nehme denen das Geld weg", sagte Rammstein-Mitglied Lorenz unlängst in einem Interview). Westdeutsche zieht die scheinbar mannhafte Rebellenpose des Wir-lassenuns-den-Mund-nicht-Verbieten an. Der Rest der Welt gruselt sich wohlig, wenn die Berliner als Heavy-Metal-Siegfriede Bühnenaufbauten mit Feuereffekten in Brand stecken ("Music to invade Poland to", schrieb ein kanadisches Internetmagazin).
Erfolgreicher als jede andere deutsche Band konnten Rammstein so den Eindruck vermitteln, sie würden mit ihrer Musik die Grenzen der Kunst überschreiten und ins wirkliche Leben hineinwirken. Dabei ist das nur eine uralte Strategie von Subkulturen, bekannt von links- und rechtsradikalen Bands, aus Gangsta- und Porno-Rap. Auch Falco (dessen Stück "Jeanny", das mit der Gewaltphantasie an einem Mädchen spielte, auch ohne Indizierung von Radiostationen boykottiert wurde) verfolgte sie oder die Punkband Die Ärzte, die sich Themen wie Sodomie und Inzest annahm.
Als Die Ärzte 1987 indiziert wurden, hätte das fast ihr Ende bedeutet. Rammstein dürfte die Zensur nur einige Verkaufserlöse auf dem Heimatmarkt kosten. Nichts, was man im Ausland nicht ausgleichen kann. TOBIAS RAPP
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 47/2009
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