DER SPIEGEL



PALÄONTOLOGIE

Das Milliarden-Dollar-Loch

Von Shafy, Samiha

Der Ausbau des Panamakanals macht es Forschern möglich, die Entstehung der Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika zu rekonstruieren.

Geier kreisen hoch über dem Hügel, auf dem Zuleika Mojica steht. Tief unten kriechen Containerschiffe durch das schlammbraune Gewässer - eines nach dem anderen, als gäbe es die Weltwirtschaftskrise nicht.

Dann, plötzlich, ein markerschütternder Knall. Am anderen Ufer des Panamakanals schießt eine rote Staubwolke empor. Mojica, Umweltschutzexpertin der Autoridad del Canal de Panamá (ACP), verzieht keine Miene; sie ist den Krach gewohnt.

Nur die drei Paläontologen, auf die sie an diesem Morgen aufpassen soll, lassen ihren Hammer und die Spitzhacke sinken und schauen gebannt zu, wie der Staub langsam verweht. Mojica lächelt: "Der Hügel da drüben war mal 136 Meter hoch. Im Moment sind es 46 Meter, und am Ende werden es noch 27 Meter sein."

In diesen Tagen knallt es häufig an der nach dem Suezkanal zweitgrößten künstlichen Wasserstraße der Welt. Hunderte Millionen Kubikmeter Boden und Gestein müssen abgetragen werden für die Erweiterung des Kanals, der hier, an der schmalsten Stelle des amerikanischen Kontinents, Pazifik und Atlantik verbindet.

Fünf Prozent aller weltweit gehandelten Güter werden durch den Panamakanal transportiert; zehn Prozent, hofft die ACP, werden es nach dem Ausbau sein. Exakt zum 15. August 2014, dem 100. Geburtstag des Kanals, sollen die neuen Fahrrinnen und Schleusen fertig sein; dann werden auch Containergiganten der "Post-Panamax-Klasse" die 80 Kilometer lange Verbindung zwischen den Ozeanen passieren können.

Für eine Durchfahrt verlangt die ACP im Schnitt 100 000 Dollar. Zehn Prozent trägt der Kanal zum Bruttoinlandsprodukt des Landes Panama bei, das es ohne ihn wahrscheinlich gar nicht gäbe - vor 106 Jahren sorgten die USA für die Unabhängigkeit der kolumbianischen Provinz und sicherten sich so die Kontrolle über die Kanalzone. Erst 1999 zogen die US-Soldaten ab.

5,25 Milliarden Dollar wird der Kanalausbau am Ende gekostet haben. Ganze Hügelketten werden dafür weggesprengt; zurück bleiben klaffende rote Wunden im Urwald - was ein Segen ist für den kolumbianischen Geologen Camilo Montes und seine Mitarbeiter vom Smithsonian Tropical Research Institute (STRI). Denn riesige Flächen werden so freigelegt, und sie bergen Jahrmillionen alte Schätze, von denen sich die Wissenschaftler Antworten erhoffen auf Rätsel der Erdgeschichte.

"Die graben uns hier dieses enorme Milliarden-Dollar-Loch", sagt Montes, ein kleiner, kräftiger Mann mit Dreitagebart und Brille. "Das ist ein einmaliger Glücksfall für die Wissenschaft. Die Kanalverwaltung ermöglicht es uns, Gesteinsschichten zu untersuchen, die wir sonst niemals erreichen würden. Was wir hier finden, könnte unser ganzes Weltbild verändern."

Über 2000 Fossilien haben Montes und sein Team in den vergangenen Monaten entdeckt: versteinerte Baumstämme, bis zu 20 Millionen Jahre alte Krokodil- und Haizähne, Delphinrippen, Schildkrötenpanzer, Gebeine urzeitlicher Lamas, Faultiere und Mastodonten. Montes: "Und das ist erst der Anfang."

Wer verstehen will, wie das kleine Panama das Weltklima beeinflussen konnte, die Meeresströmungen und die Evolution des Lebens auf einem ganzen Kontinent, der muss einige Jahrmillionen in die Vergangenheit zurückblicken - in die Zeit, als zwischen Nord- und Südamerika noch ein Ozean lag.

Vor rund drei Millionen Jahren wuchsen die beiden Kontinente zusammen. Erst dadurch entstand der Golfstrom, der Afrika Trockenheit und Westeuropa milde Temperaturen bescherte. In Amerika wiederum drängten bald massenhaft Tiere und Pflanzen über die Landbrücke. Bären, Tapire, Säbelzahnkatzen, Nabelschweine, Pferde und Kamele wanderten von Norden nach Süden ein - sie stießen auf elefantengroße Faultiere, Ameisenbären und Landvögel mit Schnäbeln wie Äxte, die von Süden her nordwärts zogen.

Als ihre Wege sich kreuzten, gab es ein fürchterliches Fressen und Sterben, aus dem der Norden als Sieger hervorging. Zwei Drittel der südamerikanischen Säugetierarten wurden von den Zuwanderern aus dem Norden verdrängt und ausgetilgt. Umgekehrt fassten in Nordamerika gerade einmal drei Umsiedler aus dem Süden Fuß: das Gürteltier, der Baumstachler und die Beutelratte.

In den Ozeanen bildeten sich unterdessen zwei getrennte Ökosysteme heraus: Auf der karibischen Seite der Landbrücke wurde die See klarer, wärmer und salziger, im Pazifik dagegen trüber, kälter und nährstoffreicher - mit drastischen Folgen für die Tierwelt. Rund 80 der 100 Korallenarten verschwanden; in der Karibik entwickelten sich 40 neue. Keine einzige Art kommt heute in beiden Ozeanen vor.

Panama selbst zählt jetzt zu den artenreichsten Regionen der Erde. Fast tausend verschiedene Vögel wurden hier gezählt, jede zehnte der weltweit bekannten Arten ist vertreten - und damit mehr als in den USA und Kanada zusammen. Hinzu kommen rund 180 Amphibien-, 240 Reptilien- und 220 Säugetierarten, darunter Jaguar, Puma, Gürteltiere, Faultiere, Nasenbären, Brüll- und Klammeraffen. Über 10 000 tropische Pflanzenarten wachsen in den Nebel- und Regenwäldern. In einem einzigen Hektar Wald übertrifft die Artenvielfalt der Bäume diejenige ganz Europas.

"Es gibt so vieles, was wir noch nicht verstehen", klagt Carlos Jaramillo, Paläontologe am STRI, der gemeinsam mit seinem Kollegen Montes das Forschungsprojekt an der Kanalbaustelle leitet. Er sitzt in seinem Büro im ersten Stock eines schmucken weißen Kolonialgebäudes in Panama-Stadt, das wie alle Räume hier bis auf den gefühlten Gefrierpunkt herabgekühlt ist. Das STRI liegt in einem ruhigen, beinah idyllischen Viertel, fernab des Stadtzentrums mit seinen blitzenden Wolkenkratzern, den Banken und Casinos.

"Wie hat sich die Landenge geschlossen?", fragt Jaramillo. "Woher kam Panama, die Landmasse in der Mitte?" Er beugt sich vor, seine Augen funkeln; er stellt nun die großen Fragen seines Fachs: "Wieso waren die Tiere des Nordens denjenigen im Süden so maßlos überlegen? Hat Panamas Entstehung wirklich zu einem Rückgang der Wälder in Afrika geführt? Hat das unsere Vorfahren von den Bäumen herab in die Savanne gezwungen? Hat Panama also die Evolution des Menschen vorangetrieben?" Jaramillo lehnt sich zurück: "Die Kanalerweiterung gibt uns die Chance, all diese Zusammenhänge endlich zu verstehen."

Gemeinsam mit Kollegen aus den USA sucht das STRI-Team nach Antworten nicht nur in Fossilien, sondern auch im Boden selbst. "Es gibt hier ein rätselhaftes Muster", erklärt Montes. "Westlich von Panama, in Costa Rica, Nicaragua und El Salvador, liegt eine wunderschöne Vulkankette. Auf der anderen Seite des Kanals finden wir zwar auch vulkanisches Gestein, aber keinen einzigen Vulkan. Jetzt fragt sich: Woher kommt es? Wie ist es entstanden?"

Verblüffend abwechslungsreich ist der Untergrund am Kanal. Mal karminrot, mal orange, grün, grau, braun oder vulkanisch schwarz: Alle paar Meter wechselt er die Farbe. Das Gestein ist an manchen Stellen krümelig und weich, dann wieder hart und glänzend.

All das gibt den Experten Hinweise darauf, wann und wo die einzelnen Schichten entstanden sein könnten. Vulkanische Gesteine sind bis zu 55 Millionen Jahre alt, die ältesten Sedimentgesteine rund 20 Millionen Jahre. Die Forscher kartieren das Gelände, sammeln Proben und führen paläomagnetische und geochronologische Laboranalysen durch. Die Ergebnisse landen allesamt bei Natalia Hoyos. Die kolumbianische Geologin verbringt die meiste Zeit vor ihrem Computer; sie sieht ein wenig blass aus neben ihren Kollegen, die draußen auf der Baustelle Proben nehmen. "Wir füttern alle Daten in ein Modell der Plattentektonik und verfeinern es beständig", sagt Hoyos, während eine animierte Weltkarte auf ihrem Bildschirm aufpoppt.

Zu sehen ist, wie zunächst vereinzelt vulkanische Inseln südwestlich von Nordamerika aus dem Pazifik auftauchen. Langsam wandern sie nordostwärts und stranden schließlich am Festland des Kontinents. Stück um Stück wächst so von Norden her eine Landzunge, die schließlich, Jahrmillionen später, zur Landbrücke wird: Nach rund 100 Millionen Jahren der Isolation ist Südamerika wieder mit einem anderen Kontinent verbunden.

"Unsere Daten stützen die Theorie, dass Panama schon vor rund 20 Millionen Jahren als Halbinsel mit Nordamerika verbunden war", sagt Geologe Montes. Dieses Modell, so Montes, könnte auch erklären, warum die Tiere aus dem Norden diejenigen im Süden verdrängten: "Sie konnten sich schon vor der Schließung der Landenge ungestört den Lebensbedingungen in den tropischen Regenwäldern von Panama anpassen, während die südamerikanische Fauna in dieser Zeit heftigen geologischen und klimatischen Umwälzungen unterworfen war."

Gründlich wie an kaum einem anderen Fleck ist zudem die heutige Artenvielfalt des Landes erforscht - auch das ist dem Kanal zu verdanken. Anfangs hatten sich die Forscher nur für die krankheitsübertragenden Stechmücken interessiert, die die Bauarbeiter damals plagten. Heute studieren sie das Sozialverhalten von Ozelots, die Echoortung von Fledermäusen oder die Paarungsrituale von Fröschen. Unlängst entmystifizierten sie auch das Braunkehl-Faultier: In freier Wildbahn schläft es kürzer als bislang vermutet, es sind keine 16 Stunden am Tag, sondern unter 10.

Über 300 000 Bäume auf Barro Colorado führen die Forscher einzeln Buch, alle fünf Jahre wird Maß genommen, seit fast 30 Jahren. "Als wir anfingen, wusste man praktisch nichts über all diese exotischen Baumarten und ihr Zusammenleben", sagt Joe Wright, ein US-Biologe, der seit 20 Jahren am Waldzensus mitarbeitet. Er hat Bäume entdeckt, die über ein halbes Jahrhundert als Winzlinge überdauern können, wenn ihnen der Platz zum Wachsen fehlt. "Die Dynamik des Regenwaldes ist erstaunlich", sagt er. Die Artenzusammensetzung ändere sich ständig.

"Barro Colorado ist der einzige Ort in den Tropen, wo man jede Pflanze und jeden Käfer identifizieren kann, weil all diese Informationen hier seit 100 Jahren gesammelt werden", sagt Wright. Ohne den Kanal aber, meint der Biologe, gäbe es all die Pracht womöglich gar nicht mehr. Denn die ACP wisse sehr wohl, dass der Kanal ohne die wasserspeichernde Wirkung der angrenzenden Wälder immer wieder trockenfallen könnte. Deshalb sei sie daran interessiert, diese in guter Verfassung zu halten.

Auf dem Causeway de Amador, einer künstlichen Landzunge vor Panama-Stadt, die die Amerikaner einst mit dem Aushub des Kanals anlegten, wird seit ein paar Jahren an einem Museum gebaut: dem Museo de la Biodiversidad, entworfen von Star-Architekt Frank Gehry.

Von der "Brücke des Lebens" soll die Ausstellung erzählen, mit abenteuerlichen Formen und Farben, Installationen und raumfüllenden Filmprojektionen, bei denen sich die Besucher abwechselnd vorkommen sollen wie Fische im Meer, Affen im Wald oder Vögel in der Luft. Ende nächsten Jahres ist die Eröffnung geplant.

Líder Sucre, der Museumsdirektor, sitzt in einem kühltruhenkalten Konferenzraum in einer alten Baracke nahe der Baustelle. Eigentlich will er über seine Vision für das Museum reden, aber dann ruft der Tourismusminister an. Er möchte Ideen sammeln für die Rede des Staatspräsidenten vor der Uno-Vollversammlung; es soll um Panamas erdgeschichtliche Bedeutung gehen.

"Sie können sich das so vorstellen, Herr Minister: Als unser Land geboren wurde, mussten sich alle Lebewesen der Erde anpassen", diktiert Sucre und macht eine Pause. "Denken Sie zum Beispiel an die Vorfahren der Zebras in Afrika. Die mussten damit klarkommen, dass es plötzlich viel trockener wurde. Die Wälder gingen zurück, die Savanne breitete sich aus, und das alles geschah wegen Panama." Wieder eine Pause.

Dann sagt der Direktor: "Ganz recht, Herr Minister, so kann man es formulieren: Unser Land hat die Welt verändert!"

SAMIHA SHAFY


DER SPIEGEL 47/2009
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