23.11.2009

Titel Wahnsinn 2.0

Mit einer exzessiven Geld- und Schuldenpolitik wollten die Regierungen in aller Welt die Krise bekämpfen - und haben so die Grundlage für die nächste geschaffen: An den Finanzmärkten hat sich schon wieder eine Spekulationsblase gebildet. Die Frage ist nicht, ob, sondern wann sie platzt.
Es gibt ein Leben nach dem Tod, zumindest für Berufsspekulanten. John Costas, 52, ist einer von denen, die wiederauferstanden sind.
Im ersten Leben nannte ihn die Finanzwelt ehrfürchtig "den Goldjungen", denn seine Gewinnzahlen glänzten heller als die der Konkurrenz. Früher leitete er für die Schweizer Großbank UBS das Investmentbanking und den hauseigenen Hedgefonds Dillion Read, exotische Finanzprodukte waren seine Spezialität.
Noch bevor in den Zeitungen das Wort Finanzkrise auftauchte, verwandelten sich seine Geldanlagen von exotisch in toxisch. Der UBS-Tochter fehlten plötzlich 350 Millionen Dollar, und sie hinterließ ein hochgiftiges Subprime-Portfolio in Höhe von 4,5 Milliarden Dollar. Die Schweizer Bank leidet noch heute unter den Folgen. Aus dem Goldjungen war ein Pleitier geworden. Costas verlor den Job.
Wer ihn in diesen Tagen im New Yorker Büro seiner neuen Firma PrinceRidge besucht, weiß nicht, was er mehr bewundern soll: den Ausblick auf das gegenüberliegende Rockefeller Center, den feinen Marmorboden, die Kunstschätze an den Wänden, die rund 70 Mitarbeiter, die den Chef umschwirren, oder das Selbstbewusstsein, das Costas schon wieder ausstrahlt.
Es laufe phantastisch, sagt der wiedergeborene Spekulant, und das klingt nicht nach Prahlerei. Er sagt, was ist. Seit 1981 sei er an der Wall Street aktiv. Aber dies, sagt er, sei von allen Zeiten die beste.
Auch an den anderen Finanzzentren der Welt regt sich neues Leben im alten. Das Wort Krise haben die Banker in Shanghai, London, Frankfurt am Main und New York aus ihrem Leben ausgebucht wie eine unvermietbare Immobilie. Es wird wieder gezockt. Es wird wieder gefeiert. Und es wird wieder klotzig verdient.
Und das alles mit den Billionen, die Notenbanken und Regierungen in aller Welt in die Märkte pumpen, um die Folgen der Exzesse der Geldwirtschaft zu lindern.
Inmitten einer noch immer kriselnden Weltwirtschaft scheffelt die Finanzelite erneut Milliarden. Goldman Sachs meldete im vergangenen Quartal bei gegenüber dem Vorjahresquartal verdoppeltem Umsatz einen Gewinn von 3,2 Milliarden Dollar. JPMorgan Chase verdiente allein in diesen gut zwölf Wochen 3,6 Milliarden, Morgan Stanley immerhin noch 760 Millionen. An der Wall Street sind derzeit selbst die Verlierer noch Gewinner.
Vergessen ist die Zeit, da New Yorker Investmentbanker neben ihren Umzugskartons auf der Straße standen. Verdrängt jener Tag, als aufgebrachte Demonstranten den Spekulanten in den Banktürmen entgegenschleuderten: "Ihr Versager, dann springt doch."
Es ist fast, als wäre nichts gewesen. Die alte Gier ist wieder da und die alte Hybris auch. "Ich bin bloß ein Banker, der Gottes Werk verrichtet", sagte Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein kürzlich in einem Interview mit der "Sunday Times".
Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, steht seinem Kollegen Blankfein in nichts nach. Auch die Deutsche Bank erzielt wieder Milliardengewinne, auch Ackermann lässt keinen Fettnapf aus.
Offenbar ahnt Ackermann, dass die jüngste Rallye auf Dauer nicht gutgehen kann. Und doch lehnt er eine Aufspaltung der Banken in kleinere Einheiten ebenso ab wie strengere Eigenkapitalregeln für besonders große Institute. Stattdessen propagierte Ackermann in der vergangenen Woche einen Rettungsfonds für in Not geratene Banken. In diesen Fonds soll nicht nur die Kreditwirtschaft einzahlen, sondern auch der Staat.
Die Gesellschaft, so der Chef der Deutschen Bank, werde möglicherweise akzeptieren müssen, "dass der Staat in systemischen Bankenkrisen der Aktionär der letzten Instanz bleibt". Wenn's gutläuft, hat dieser Aktionär allerdings nichts zu sagen, dann werden die Gewinne an die Investmentbanker verteilt und der Rest an die echten Aktionäre. Aber wenn's schiefläuft, soll wieder der Staat zahlen.
Neue "Moral Hazard"-Anreize würden so geschaffen, fürchtet Jürgen Stark, der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB): Anreize also, die die Banken veranlassen, zu große Risiken einzugehen, weil sie am Ende die Rechnung nicht bezahlen müssen. Die Marktakteure hätten ihr Verhalten bisher nicht wesentlich geändert, meint Stark. Es sei Zeit zu handeln, mahnt er - so wie es auch nach dem Beinahekollaps der Finanzmärkte von den Spitzen der G-20-Staaten versprochen worden war. Und so, wie US-Präsident Barack Obama in New York, ausgerechnet in der Federal Hall, Wall Street Nummer 26, angedroht hatte: "Wir werden nicht zu jenen Tagen rücksichtslosen Verhaltens und unkontrollierter Exzesse zurückkehren, an denen diese Krise ihren Anfang fand. Zu jenen Tagen, an denen viele bloß auf schnelle Beute und aufgeblähte Boni aus waren."
Es rührte sich keine Hand. Der Präsident aber fuhr in die Stille hinein fort: "Deshalb brauchen wir strenge Regeln. Das alte Verhalten, das zur Krise geführt hat, darf keinen Bestand haben. Wir dürfen der Geschichte nicht erlauben, dass sie sich wiederholt."
Das war vor zehn Wochen. Aber es spricht wenig dafür, dass sich die Regierungen wirklich auf neue, strenge Regeln für die Finanzwirtschaft verständigen. Und wenn sie es eines Tages doch schaffen, könnte es bereits zu spät sein.
Denn die Geschichte ist schon dabei, sich zu wiederholen: Wieder gibt es zu viel billiges Geld. Wieder gehen zu viele Leute viel zu hohe Risiken ein. Wieder bildet sich eine Blase, die, wenn sie eines Tages platzt, die Weltwirtschaft zum Absturz bringen kann.
Längst hat sich das anfänglich schlechte Gewissen der Banker verflüchtigt und mit ihm das Schamgefühl, das aufkeimte, als die Kurse fielen und die Banken nach Steuergeld riefen. Als jüngst in der Londoner City in der altehrwürdigen St. Paul's Cathedral eine Diskussionsveranstaltung über die Ethik im Wirtschaftsleben stattfand, proklamierte einer der führenden Investmentbanker das Ende der Bescheidenheit.
Wo einst die Trauerfeier für Kriegspremier Winston Churchill stattfand, ergriff nun der Vizechef von Goldman Sachs International und einstige Berater der damaligen Premierministerin Margaret Thatcher, Lord Griffiths, das Mikrofon. Es war eine Gegenrede zu Obama, die durch das Gewölbe der Kathedrale hallte, eine Rede wider den Wandel.
Die Banken hätten keinen Grund sich zu schämen, sagte er. Es sei keineswegs unmoralisch, hohe Bonuszahlungen an die Besten der Besten auszuschütten. Die Gesellschaft sollte endlich lernen, Ungleichheit zu tolerieren. Da wurde es der anwesenden Geld-Elite warm ums Herz. Dass Gier gut sei, hatte sich schon lange keiner mehr zu sagen getraut.
Die Vergangenheit ist zurückgekehrt, die neue Normalität sieht aus wie die alte. Die Banker betrachten sich nicht mehr länger als Geldverwalter und Kreditgeber, sondern wieder als Teil einer weltweiten Risk-Taking-Industry, auch wenn sich gerade erst gezeigt hat, dass sie die Risiken, die sie eingehen, gar nicht tragen können.
Weltweit treiben sie nun wieder die Kurse in die Höhe. Der Aktienindex Dow Jones Industrial, der 30 Spitzenunternehmen der US-Wirtschaft vom Superstar Microsoft bis zum kranken Riesen General Motors repräsentiert, stieg seit seinem Tief Anfang März um knapp 60 Prozent. Der Deutsche Aktienindex stand dem kaum nach. Dabei hat sich die Lage vieler Firmen gar nicht dramatisch verbessert. Der Finanzmarkt führt, wieder mal, ein Eigenleben. Aktienkurse und Wirklichkeit haben sich entkoppelt.
Die deutsche Wirtschaft wird in diesem Jahr ein Minus von fünf Prozent ausweisen. Für das kommende Jahr rechnen selbst Optimisten nur mit einem Anstieg der Wirtschaftstätigkeit von 1,7 Prozent. Wenn man die staatlichen Milliardenhilfen herausrechnet, weiß man, was sich im Innersten der Volkswirtschaft abspielt. Sie zieht sich zusammen.
Die Arbeitslosigkeit steigt in den Industrieländern weltweit weiter an, vor allem in der größten Volkswirtschaft der Welt, den USA. Von den insgesamt 15 Millionen US-Arbeitslosen ist fast jeder zweite seit Ausbruch der Finanzkrise hinzugekommen. Und noch immer verlieren jeden Monat rund 300 000 Amerikaner ihren Job.
Die Investoren aber sind derart üppig mit Geld ausgestattet, dass eine Wirklichkeit eigener Art entstanden ist. Wie in Trance treiben Spekulanten auch die Immobilienpreise schon wieder in die Höhe.
Vor allem Luxusapartments sind nun wieder gefragt. Eine Vierzimmerwohnung mit Blick auf den Central Park in New York etwa soll jetzt 14 Millionen Dollar kosten, 4 Millionen mehr noch als vor einigen Monaten.
Seit Jahresanfang haben die Investoren auch die Rohstoffmärkte wiederentdeckt: Zucker plus 79 Prozent, Kupfer plus 133 Prozent, Zink plus 97 Prozent, Blei plus 146 Prozent, und der Rohölpreis stieg um 112 Prozent.
Früher galten die Rohstoffpreise als Frühindikator der Weltwirtschaft. Doch mit gestiegener Nachfrage in den Fabriken hat dieser Preisauftrieb wenig zu tun, allenfalls mit einer vagen Hoffnung darauf. "Die Marktbewegungen sind nicht mehr konjunkturgetrieben", sagt Andreas Ress, Chefvolkswirt von Unicredit in Deutschland.
Mit jedem erfolgreichen Börsentag schrumpft die Zahl der Ängstlichen, und das Lager der Mutigen und Übermütigen erhält Zulauf. Rund 600 Milliarden Dollar, schätzen Experten, werden allein in den nächsten Monaten zurück in die Finanzmärkte fließen. Wieder bläht sich eine Scheinwelt auf, die mit der realen Wirtschaft nichts zu tun hat - und die deshalb nicht von Dauer sein kann.
"Der Countdown zur nächsten Krise hat begonnen", schlagzeilt die "Financial Times". Der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff hält den Alarm nicht für übertrieben, sondern für geboten: "Die Frage ist nicht, ob diese Spekulationsblase platzt, sondern wann."
Das Geld, das derzeit die Märkte überflutet, stammt aus den Kassen der Regierungen und den Notenpressen der Zentralbanken. Es sollte die Wirtschaft vor dem Kollaps retten: Die Industrienationen legten Konjunkturprogramme und Rettungsprogramme in Billionenhöhe auf, die Notenbanken senkten die Zinsen auf historische Tiefs und überschwemmten die Märkte mit billigem Geld. Die Rechnung ging auf: Die Wirtschaft hat inzwischen wieder Tritt gefasst.
Doch noch schneller haben sich die Spekulanten erholt, der Staat hat für sie die beste aller Welten geschaffen. Die Regierungen nahmen ihnen einen Teil der wertlosen Papiere mit den faulen Hypothekenkrediten ab, sie drängten den Banken billiges Eigenkapital auf, und sie versorgen die Geldhäuser täglich mit Liquidität zu einem Zinssatz nahe der Nulllinie.
Für die überlebenden Banken seien es "die profitabelsten Zeiten, die es jemals gegeben hat", sagt Bill Winters, Chef des Investmentbanking von JPMorgan Chase. Auch Tim Cronin von der Investmentbank Jefferies kann sein Glück kaum fassen: "Alles liegt zum Abgreifen bereit", sagt er.
Viele Konsumenten haben aus der Krise ihre Lehren gezogen, wie man an den Sparquoten ablesen kann. Selbst in den USA, dem Land der vielen Kreditkarten, herrscht neuerdings Genügsamkeit. Auf dem Höhepunkt der Krise landeten durchschnittlich 4,9 Prozent des Einkommens auf dem Sparkonto. Das hat es seit über zehn Jahren nicht mehr gegeben.
Die Rolle des Big Spender aber ist auf den Staat übergegangen. Nicht mehr die Familie aus Nevada und der Single aus Los Angeles treiben den Boom, sondern deren Regierung. Die Unvernunft wurde verstaatlicht.
Die Hauptverantwortlichen dieser Entwicklung sind Amerikas Finanzminister Timothy Geithner, Notenbank-Chef Ben Bernanke und Princeton-Ökonom Paul Krugman, der die Politiker mit der Autorität seines Nobelpreises zu immer neuen Milliardeninjektionen zu überreden versucht.
Zu Beginn der Krise waren staatliche Programme unvermeidlich, um den völligen Zusammenbruch der Wirtschaft zu verhindern. Doch inzwischen ist die Medizin gegen die Krise selbst zur Gefahr für den Patienten geworden.
Jetzt ginge es darum, die Schulden zu begrenzen, die Liquidität wieder einzufangen, die Zinsen langsam wieder zu erhöhen - um so der wachsenden Spekulation den Nährboden zu entziehen
Doch Krugman lehnt schon die Frage, ob die Gesellschaft sich die milliardenschwere Verschuldung leisten könne, mit schneidender Stimme ab. Das sei die falsche Frage, belehrt der Professor jeden, der ihm zu widersprechen wagt. Der Staat müsse stützen, stimulieren, Schulden machen, koste es, was es wolle. Und dann stimmt er die Fanfare aus dem Obama-Wahlkampf an: "Yes, we can!"
Die US-Notenbank, die nicht über dieselbe Unabhängigkeit verfügt wie die Europäische Zentralbank, folgt diesem Ruf. Notenbank-Chef Bernanke, 55, der von Präsident Obama vor kurzem für eine zweite Amtszeit verpflichtet wurde, wirkt mit seinem Vollbart, den schwarzen Knopfaugen und dem dunkelblauen Anzug, den er bei öffentlichen Auftritten meist trägt, wie der Inbegriff des Seriösen. Dabei hat die Notenbank unter ihm ein finanzpolitisches Lotterleben begonnen.
Die Weltwirtschaft wird von Bernanke mit Dollar-Scheinen geflutet. So billig war das Schuldenmachen - und damit das Spekulieren - noch nie. Eine Verschuldung in dieser Größenordnung hat es in den USA zu Friedenszeiten noch nicht gegeben. Für 300 Milliarden Dollar kaufte Bernanke allein Staatsanleihen des US-Finanzministeriums auf. Rund eine Billion Dollar gab die Notenbank aus, um Hypothekenkredite zu übernehmen.
Mit so viel Geld sieht selbst ein eben noch maroder Immobilienmarkt plötzlich wieder gesund aus. Nachdem die Häuserpreise in den USA durchschnittlich um ein Drittel gefallen waren, klettern die Preise seit Mai wieder nach oben.
Während die Notenbank jeden Tag weitgehend wertlose Immobilienkredite aufkauft und die Zinsen für neue Hauskäufe niedrig hält, schießt die Regierung jedem Erstkäufer einer Immobilie eine 8000-Dollar-Steuergutschrift dazu. So ist im Häusermarkt der USA eine Scheinwelt entstanden. Alles sieht nach Aufschwung aus, weil der Staat die Marktkräfte ausgeschaltet hat.
Weitere 250 Milliarden Dollar darf Bernanke noch für strukturierte Immobilienkredite ausgeben. Im März soll das Programm auslaufen. Viele Investoren fürchten nichts mehr als die Rückkehr zur Marktwirtschaft. Die Branche hofft auf weitere Staatshilfen.
Zumindest an der Politik des billigen Geldes soll sich auf absehbare Zeit nichts ändern. Um aufkeimende Panik zu dämpfen, versicherte die Notenbank nach einer zweitägigen Sitzung Anfang November: "Die Zinsen werden für eine längere Zeit außergewöhnlich niedrig bleiben."
Etliche Experten zogen zwar die Stirn in Falten. Es bestehe das Risiko, die Notenbank könne die Wirtschaft "überstimulieren", schrieb das "Wall Street Journal".
Doch die Finanzbranche hört solche Festlegungen der Notenbank gern. Die Spekulanten leben nun mal von billigem Geld wie Graf Dracula von Blut. Nie zuvor in der modernen Wirtschaftsgeschichte hatte die Finanzindustrie einen derartig ungehinderten Zugriff auf die Staatsfinanzen. "Man muss wirklich kein Genie sein, um sich quasi umsonst Geld vom Staat zu leihen und damit eine Heidenkohle zu verdienen", sagt Joe Perella, lange Chef der Investmentbank-Abteilung von Morgan Stanley und heute Chef einer New Yorker Investmentbank. Wer auf Nummer sicher gehen will, kauft mit dem billigen Geld der Notenbanken die weit höher verzinsten Anleihen des Staates.
Das Sonnenschein-Szenario wird für die Banker noch dadurch aufgehellt, dass sich derzeit nirgendwo ein Gegenentwurf zum Kasino-Kapitalismus anbietet. Selbst im aufstrebenden China wird Amerika nicht kritisiert, sondern kopiert.
Wenn es in China eine Angst gibt, dann die, eine Spekulationswelle zu verpassen. Auch deshalb schob die KP-Führung, kaum dass sich die Investoren wieder unternehmungslustig zeigten, noch einen weiteren Roulettetisch auf den Finanzmarkt: die Spezialbörse ChiNext in Shenzhen.
Nach Vorbild der Hochtechnologiebörse Nasdaq an der Wall Street sollen sich junge Firmen hier mit Kapital vollsaugen. Die Führung, die mit hohen Funktionären zum Börsenstart erschienen war, machte deutlich, dass China nicht nur Plastikpuppen und Billigautos bauen will, sondern nun auch in die Sphäre der Hochfinanz vorstößt. Einige Kurse der neuen 28 ChiNext-Werte verdreifachten sich gleich am ersten Tag. Mehrfach musste der überhitzte Handel ausgesetzt werden.
Fondsmanager Tian Rencan, 48, zeigt vom 37. Stock eines Wolkenkratzers auf das dunstverhangene Finanzviertel Pudong in Shanghai hinunter. Nebenan wird gerade das Fundament für den höchsten Büroturm Asiens gegossen. Die vermögende Privatkundschaft kann hier oben jene Zukunft besichtigen, von der sie in Gestalt von Aktienfonds ein Stück erwerben soll.
Tian spricht über die Spekulationslust seiner Landsleute wie der Vater über den pubertierenden Sohn. Die üblichen Aktienfonds seien vielen Chinesen zu langweilig, die Kunden seien hungrig nach Risiko, was soll man da tun? Er zieht die Schultern hoch. "Wir wollen sie ja zu einem langfristigen Anlagehorizont erziehen, aber viele Chinesen sind eben Spielernaturen", sagt Tian. Er lächelt dabei. Es ist unklar, ob er über die Kunden lächelt oder aus Stolz über seine eigenen Einsichten.
Wer eine schärfere Regulierung fordert, gilt jedenfalls an den Finanzplätzen Shanghai und Hongkong als Spielverderber. Die Lobbyisten der Wall Street und der Londoner City wiederum nutzen die chinesische Risikofreude, um vor strengeren Regeln in Amerika und Europa zu warnen. Die Finanzindustrie würde nicht sicherer, nur chinesischer werden, sagen sie.
Das Arbeitsplatzargument sticht, zumindest in den Augen vieler Politiker. Amerika und Großbritannien haben in den achtziger und neunziger Jahren ihre traditionsreiche Industrie weitgehend aufgegeben und sind nun abhängig von den Banken. Knapp 30 Prozent aller US-Unternehmensgewinne stammten 2008 aus dem Finanzgewerbe. Geht es der Londoner City schlecht, leidet ganz England.
Die Börsenplätze in Asien sind längst zu Rivalen geworden. Seit über zehn Jahren verlagert sich das Finanzgeschäft aus den USA in Richtung Hongkong und Shanghai. In diesem Jahr fanden 40 Prozent aller Neueinführungen von Aktien in China statt. Eine Studie der US-Beratungsfirma Grant Thornton macht dafür auch das zunehmend komplexer werdende Regelwerk der USA verantwortlich.
So fließt denn das weltweite Investorengeld weiterhin in ein Finanzsystem, das sich kaum verändert hat. Der Ruf nach strengerer Kontrolle und mehr Sicherheitsgarantien steht zwar jeden Tag in der Zeitung, aber noch nicht im Gesetzblatt.
Ungebremst wächst so die neue Spekulationsblase heran, womöglich größer und gefährlicher als alle Blasen zuvor.
Wer Blasen in ihrem Kern verstehen will, muss nur zur Universität nach Princeton fahren, 60 Kilometer vom New Yorker Finanzviertel entfernt. Wie unterm Mikroskop schaut dort Wei Xiong, 34, auf die Teilnehmer der globalen Märkte. Er ist Professor am "Bubble Laboratory" ("Wall Street Journal"), das einst von Bernanke gegründet wurde, bevor der zur US-Notenbank wechselte.
Xiong interessiert sich weniger für die Preise der Aktien, als für die Menschen, die diese kaufen.
Strömen sie zahlreicher als gewöhnlich, steigt das Handelsvolumen. Die Blase bläht sich auf. Sind die Käufer ungebildet, unerfahren und einkommensschwach, wächst das Risiko, dass sie platzt, so seine Erkenntnis. Während der Internetblase wurden Technologiewerte dreimal so häufig gehandelt wie andere Aktien.
Professionelle Händler, sagt Xiong, könnten eine Blase verstärken und davon profitieren, aber sie nicht allein bilden. Der Immobilienboom sei entstanden, weil Millionen Menschen plötzlich mit Hypotheken zocken wollten. Am Rohstoffmarkt seien schon wieder Anzeichen für eine Blasenbildung erkennbar.
Helfen strengere Gesetze? Xiong wiegt den Kopf. Die entscheidende Frage sei die, ob der Mensch lernen will, sagt er schließlich. Er erzählt von seinem Bruder in China, den er im vergangenen Frühjahr vor dem bevorstehenden Absturz der dortigen Börse gewarnt habe. Der bedankte sich freundlich - und zockte weiter.
Auch heute treffen die Warnungen, die von Experten geäußert werden, vielfach auf taube Ohren. "Es ist ein wenig beängstigend, wie schnell die Leute vergessen", sagt Investmentbanker Cronin. Und selbst der neue alte Goldjunge Costas betont: "Der Markt ist schizophren." Im Moment witterten alle die großen Möglichkeiten, trotz der ungelösten Probleme und Risiken.
Zur Schizophrenie gehört auch, dass der Handel mit Derivaten wieder auf Hochtouren läuft: Jene komplizierten Finanzprodukte, die erst den Boom befeuert hatten und später dann den Absturz beschleunigten, sind wieder chic.
1100 Banken handeln heute in den USA mit Swaps, Futures, Optionen und all den anderen komplexen Finanzprodukten. Anders als vor sechs oder neun Monaten sei ein enormer Aufschwung im Derivatehandel festzustellen, sagt Investmentbanker Costas. Die gefürchteten CDOs werden ebenfalls wieder angeboten, also jene exotischen Finanzprodukte, die im Innern oft jede Menge fauler Immobilienkredite beherbergen.
Die neuen Verkäufer der hochriskanten Papiere sind die alten, vorneweg die Experten der New Yorker Citigroup. Über 25 Milliarden Dollar hatte die amerikanische Regierung in den Bankgiganten stecken müssen, um sein Überleben zu sichern. Nun wird dort der Wahnsinn 2.0 gestartet.
Die Experten der Citigroup haben in der Krise gelernt, aber offenbar die falsche Lektion: Sie dürfen alles riskieren, so ihre Erfahrung, und sie werden nie bestraft. Der Staat ist ihre Rückversicherung. Es gebe an den Finanzmärkten keine Todesstrafe für Leichtsinn, klagt der deutsche Bankenaufseher Jochen Sanio.
Die Banker an der Wall Street arbeiten seit Monaten an dem ehrgeizigen Ziel, selbst die alten, hochgiftigen Wertpapiere doch noch loszuschlagen. Immer noch liegt ein Teil dieser toxischen Papiere in den Depots der Banken.
Sie haben einen flotten Namen gefunden für das neue alte Risikopapier. Das Jeton für das Finanzkasino heißt jetzt Re-Remic, kurz für "Resecuritization of Realestate Mortgage Investment Conduit".
Die alten, unverkäuflichen Wertpapierpakete wurden dafür aufgeschnürt und die darin enthaltenen Hypotheken neu sortiert. Die vermeintlich guten bekamen - wieder mal - das Gütesiegel Triple A der Rating-Agenturen. Eine neue Runde im Spiel der Spekulanten kann beginnen.
Man kann das einen Skandal nennen oder, wie Investmentbanker Cronin, "ein glänzendes Geschäft". Seine Bank hat bereits Re-Remics im Wert von zehn Milliarden Dollar neu verpackt. Der Umfang des gesamten Resecuritization-Marktes wird derzeit auf 660 Milliarden Dollar geschätzt.
"Ich bin wirklich schockiert, wie wenig sich geändert hat", sagt Ed Yardeni, lange Jahre Investmentstrategie-Chef der Deutschen Bank. Er berät heute Investoren.
"Das sind Produkte, die komplexer und noch undurchsichtiger sind als ihre Vorgänger, die CDOs", warnt auch Dennis Kucinich, Kongressabgeordneter und Mitglied des Finanzreformausschusses in Washington. "Was sollte die Re-Remics davon abhalten, wieder das ganze System an den Rand des Abgrunds zu fahren?"
Der Chef der britischen Finanzaufsicht, Adair Turner, kam kürzlich eigens nach Washington gereist, um der Obama-Regierung das Ausmaß des modernen Kasino-Kapitalismus vor Augen zu führen. Er hatte seinen Gesprächspartnern im Finanzministerium eindrucksvolle Zahlen mitgebracht:
* In den siebziger Jahren war der Wert aller Währungsgeschäfte und aller Auslandsinvestitionen doppelt so groß wie der Wert des realen Handelsvolumens. Heute übertrifft die Währungsspekulation den Handel um das 20fache.
* Der Wert aller Zinsderivate betrug 1995 erst 18 Billionen Dollar, heute dagegen sind es 400 Billionen Dollar. Obwohl das globale Weltinlandsprodukt sich in dieser Zeit nur verdoppelt habe, habe sich das ausstehende Volumen der Zinsspekulationen verzwanzigfacht.
* Die täglichen Geschäfte mit Öl-Optionen entsprachen 1990 an den größten Handelsplätzen noch ungefähr dem Wert des tatsächlich produzierten und konsumierten Öls. Heute übersteigt das Spekulationsvolumen den tatsächlichen Wert der Ware um das Zehnfache.
Das Finanzgeschehen habe sich von der Wirklichkeit gelöst, sagt Turner, es besitze aber die Kraft, die Werte anderer Industrien und ganzer Völker zu zerstören.
Die Krise, sagt er, sei nicht nur eine Krise einzelner Banken, sondern auch eine Krise des intellektuellen Denkens. Unsere Vorstellung, dass Preise wichtige Infor-mationen transportieren, dass Märkte sich rational verhalten und sich im Falle von Irrationalität selbst korrigieren, all das sei in Frage gestellt. Nur wer sich diese bitteren Wahrheiten zumute, werde bei der Suche nach Lösungen erfolgreich sein können.
Das Weiße Haus und auch das US-Finanzministerium hörten dem Mahner zu, aber es fehlt der politische Wille, aus dem Gehörten Schlussfolgerungen zu ziehen. Der amerikanische Staat lässt die Banken gewähren - auch weil er froh ist um jedes faule Wertpapier, das nicht er, sondern andere aufkaufen. Jedes neue Geschäft, und sei es noch so makaber, ist der Regierung willkommen. Es hilft ihr, sich wieder aus der Bankenwelt zurückzuziehen. So bilden Staat und Spekulanten derzeit eine Zugewinngemeinschaft. "Wir dürfen nicht zurückkehren zum alten Wirtschaftszyklus, in dem immer wieder Spekulationsblasen entstehen und platzen", sagte Obama zwar immer wieder, zuletzt am vorvergangenen Freitag beim Staatsbesuch in Tokio. Doch diesen Worten folgten bisher keine Taten.
Die Obama-Regierung fordert im Gegenteil die Regierungen der G-20-Staaten hinter den Kulissen auf, sich nur ja nicht zu früh aus dem Wirtschaftsleben zurückzuziehen. Jeder weiß ja: Die Wirtschaft läuft wieder, aber sie läuft auf zwei Krücken. Sie wird gestützt durch die Zins- und durch die Haushaltspolitik der Staaten.
China ist derzeit Amerikas Musterschüler und wurde daher beim Staatsbesuch Obamas in Peking auch entsprechend belobigt. Keiner hat das Geld so energisch in die Märkte gepumpt wie die von der KP Chinas geführte Regierung.
In diesem Jahr erhöhten die staatlichen chinesischen Banken ihre schon zuvor großzügige Kreditvergabe um rund 150 Prozent. Die staatlichen Betriebe werden regelrecht genötigt, die Gelder abzurufen.
Weil es an ausreichend rentablen Investitionsprojekten auch in China derzeit fehlt, lenken sie den Geldfluss in ihrer Not auf die Immobilien- und Aktienmärkte um. Viele Firmenchefs sind zu Spekulanten wider Willen geworden.
Den Amerikanern ist alles recht, was nach Erholung und Aufschwung aussieht. Verpönt ist, wer das Geld zu zaghaft unter die Leute bringt. Der Sparsame ist neuerdings der Schuldige.
Die Folge des munteren Geldausgebens: "Das Risiko, jetzt die Basis für künftige Blasenbildung auf den Finanzmärkten zu legen", sagte der neue Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble jüngst im Bundestag, dürften wir "nicht aus den Augen verlieren". Nur so ließen sich neue Krisen verhindern. Mit derartigen Aussagen macht sich Schäuble in den Hochburgen des Turbokapitalismus, also vor allem in den USA und in England, verdächtig. Zwar tönt sein Ruf nach einem koordinierten Ausstieg aus den kostspieligen Konjunkturmaßnahmen auch in diesen Staaten, allein: "Wann der richtige Zeitpunkt dafür gekommen sein könnte", so ein deutscher Regierungsvertreter, "darüber wird lange und heftig diskutiert." Amerikaner und Engländer jedenfalls sehen die Voraussetzungen dafür eher später als früher. Dann aber, so die Befürchtung bei den Deutschen, droht die nächste Krise.
Kanzlerin Angela Merkel hatte schon früh ihre Zweifel an der wundersamen Geldvermehrung der Notenbanken und den teuren Konjunkturprogrammen geäußert. Der Kanzlerin fehle es wohl an intellektueller Beweglichkeit, keilte Ökonom Krugman umgehend zurück.
Merkel schickte einen Emissär ins Weiße Haus, um die Obama-Truppe zu besänftigen. Im Büro von Obamas Wirtschaftsberater Laurence Summers erläuterte der Abgesandte der Kanzlerin den deutschen Beitrag zur Krisenbekämpfung. Die Amerikaner hatten ihn als zu verzagt kritisiert.
Nun bekam Summers die Feinheiten des deutschen Sozialstaats erläutert. Denn von Kurzarbeitergeld bis Frühpensionierung federn die Sozialkassen hierzulande die Krise ab. Diese "automatischen Stabilisatoren" müsse man zu dem vom Bundestag beschlossenen Konjunkturpaket dazurechnen, insistierte der Emissär. Am Ende dieser Rechnung steht ein Deutschland, das Vergleichbares leistet wie Amerika.
Die von allen Industriestaaten gestarteten Programme, die sich von der Abwrackprämie bis zum Straßenneubau erstrecken, helfen, das derzeitige Börsenwunder nach Kräften zu befeuern. Sie stützen die geschrumpfte private Nachfrage und erzeugen Wachstumsraten auf Pump. Die wiederum werden von den Börsianern als Aufschwungsignale gedeutet.
So hofft man das Klima zu verändern. Konsumenten sollen zum Kauf angereizt und Kleinanleger zurück in das Kasino gelockt werden. "50 Prozent der Wirtschaftspolitik sind Psychologie", wusste schon Ludwig Erhard, der Mann des Wirtschaftswunders.
Die andere Hälfte der Wirtschaftspolitik besteht derzeit aus Schulden. Rund 1,5 Billionen Dollar - also rund das Dreieinhalbfache eines deutschen Bundeshaushaltes - haben die Staats- und Regierungschefs der 20 größten Wirtschaftsnationen bisher bereitgestellt, um den Aufschwung zu kaufen.
Am teuersten war er in den USA, wo die Obama-Regierung sagenhafte 841 Milliarden Dollar in die daniederliegende Volkswirtschaft pumpt. Europa investiert rund 600 Milliarden Dollar an Steuergeldern.
Die Konjunkturpolitik ist auch deshalb so teuer, weil außer China kein Staat über derartige Summen verfügt. Die Staatskassen sind seit langem schon leer. Das Geld muss also erst auf den Finanzmärkten beschafft werden.
Wenn die Zinsen wieder steigen, sitzen die westlichen Regierungen in der Schuldenfalle. Im Jahr 2012, so die jüngste Haushaltsprojektion aus dem Schäuble-Ministerium, müssen die Deutschen rund die Hälfte ihrer Lohnsteuer für Zinszahlungen an die Banken überweisen.
Auch in Amerika werden die Risiken der heutigen Politik erst sichtbar, wenn man in die Zukunft schaut. Eine Budgetprojektion bis zum Jahr 2030, aktuell vorgelegt vom Peterson Institute in Washington, zeigt das Ausmaß der eingegangen Finanzverpflichtungen.
Kommt es zu keinen drastischen Kürzungen bei den Ausgaben oder Steuererhöhungen, steigt die Auslandsverschuldung von heute 3,5 Billionen auf dann 50 Billionen Dollar. Im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt beträgt die Verschuldung der USA im Ausland heute rund 25 Prozent und würde dann auf 140 Prozent hochschnellen. Allein um die ausländischen Schulden bedienen zu können, müssten die USA im Jahr 2030 sieben Prozent ihrer jährlichen Wirtschaftsleistung an die Gläubiger weiterreichen.
Die normale Bevölkerung wäre vom Wachstum der Wirtschaft damit praktisch ausgeschlossen. Die sozialen Konflikte würden angeheizt. "Tilgungszahlungen in dieser Höhe", sagt der Autor der Studie, Fred Bergsten, "bedeuten eine ernsthafte Erosion des amerikanischen Lebensstandards."
Eine Vielzahl von Ökonomen vermutet angesichts der sich abzeichnenden Haushaltslage, dass die amerikanische Regierung den einfachen Ausweg suchen wird: Inflation. Sie entwertet zwar Sparguthaben und Arbeitseinkommen, lässt aber zugleich auch den Schuldenberg der Regierung schrumpfen.
Für die Bundesbanker in Frankfurt ist das eine Schreckensvision. Die Rechnung, davon sind die Herren im zwölften Stock der Notenbankzentrale überzeugt, kann nicht aufgehen. Die Inflationsspirale, einmal in Gang gekommen, lasse sich nicht kontrollieren. Schon der ehemalige Bundesbank-Präsident Otmar Emminger hatte Ende der siebziger Jahre gewarnt: "Wer mit der Inflation flirtet, wird von ihr geheiratet."
So sieht es auch Joachim Fels, der Londoner Chefvolkswirt von Morgan Stanley. "Angesichts der derzeitigen und noch kommenden wirtschaftlichen und finanziellen Probleme" und angesichts all des Geldes, das Notenbanken und Regierungen derzeit in die Wirtschaft pumpten, sollten die Bürger das Risiko einer Hyperinflation - einer rasend schnell fortschreitenden Geldentwertung, wie sie Deutschland Anfang der zwanziger Jahre Jahre erlebt hat - "nicht ignorieren", warnt Fels.
Von der Regierung unabhängige Experten in den USA teilen diese Sorgen. "Könnte Amerika pleitegehen?", fragte jüngst Robert J. Samuelson, der Wirtschaftskolumnist des Nachrichtenmagazins "Newsweek". Seine Antwort: Es sei erstmals in der US-Geschichte vorstellbar, dass einer der beiden Grundpfeiler der Finanzpolitik - dass Gläubiger weiter US-Schuldtitel kaufen und die US-Regierung weiter dafür zahlt - zusammenbreche.
"Think America is unsinkable?" - "Denken Sie, Amerika ist unsinkbar?", hieß es jüngst in der ganzseitigen Anzeige einer privaten Anti-Schulden-Initiative. Im Bild war der Ozeanriese "Titanic" zu sehen.
Die Obama-Regierung mag solche Warnungen nicht, weil sie zur weiteren Verunsicherung auf den Kreditmärkten führen. Denn die Regierung wird schon heute ihre Staatsanleihen nicht mehr ohne Stützungskäufe der Fed zu akzeptablen Preisen los.
Chinesen und Japaner kaufen zwar weiter, aber nicht in dem benötigten Umfang. Die Investoren sind misstrauisch geworden. Schon seit Monaten tritt daher Bernanke als der beste Kunde der Regierung auf. Die Bilanz der Notenbank hat er vor allem durch Käufe von US-Staatsanleihen innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt. Damit ist die Federal Reserve eines der am schnellsten wachsenden Unternehmen der USA.
Noch dreister treibt es nur die Bank of England. Noch vor kurzem war sie stolz auf ihre Unabhängigkeit. Mittlerweile kauft sie blind Schuldverschreibungen der Regierung auf. Ein Viertel aller ausstehenden Staatsschulden befindet sich bereits in den Händen der Notenbank.
Auch die Europäische Zentralbank ist kein unbedingter Hort der Stabilität mehr. Seit Anfang Juli kaufte sie Pfandbriefe im Wert von bisher 21 Milliarden Euro auf, um den Immobilienmarkt zu stützen. Die Geldmenge im Euro-Raum steigt, obwohl diesem Anstieg kein vergleichbarer Warenwert gegenübersteht.
Anfang 2002 waren Euro-Geldscheine im Wert von 225 Milliarden im Umlauf. Am 6. November dieses Jahres zirkulieren nach einer aktuellen EZB-Statistik Euro-Scheine im Wert von 773 Milliarden. "In den guten alten Zeiten mussten sich die Kreditinstitute gegenseitig überbieten, um an unser Geld zu kommen", erzählt ein hochrangiger EZB-Mitarbeiter. Er meint die Zeit vor der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008. Die 6600 Banken in der Euro-Zone erhielten Kredit meist nur für eine Woche, drei Monate waren längstens erlaubt.
Jetzt ist alles anders. Die EZB drängt den Banken ihr Geld regelrecht auf. Sie können so viele Milliarden bekommen, wie sie nur wollen. Die Laufzeit der Kredite wurde bis auf ein Jahr erhöht. "Unkonventionelle Maßnahmen" nennen das die Zentralbanker. Man merkt ihnen an, dass ihnen nicht wohl dabei ist.
Den Bundesbankern, die sich von jeher einer strengen Stabilitätskultur verpflichtet fühlen, sind die Methoden der EZB zu aggressiv. "Ein fortgesetztes Leben am Liquiditätstropf der Notenbanken ist keine Handlungsoption für eine nachhaltige Zukunft", sagt Bundesbank-Chef Axel Weber. Die Notenbanken müssten ihre Nähe zur Politik wieder durch Distanz ersetzen.
Vor der Krise wussten die Zentralbanker genau, wie viel Geld für das Funktionieren einer Volkswirtschaft gebraucht wurde. Sie speisten wie die Ingenieure eines Wasserwerks die benötigte Liquidität in den Kreislauf. Doch in der Krise horteten die Banken die billige Liquidität. "Sie füllten ihre Schwimmbäder und Vorratslager", sagt ein Zentralbanker.
Die zunächst zögerlichen Geschäftsbanken riefen das billige Geld ab, auch wenn sie nicht so recht wussten, wohin damit. Im Juni saugten die Kreditinstitute von der Frankfurter Notenbank Einjahreskredite in Höhe von 442 Milliarden Euro ab.
Früher oder später werden die Gelder ihren Weg auf die Aktien-, Immobilien- und Rohstoffmärkte finden. Mit einer exzessiven Ausweitung der Geldmenge haben noch stets Hyperinflationen begonnen, sagt Fels, "verursacht von Regierungen, die die Zentralbanken anweisen, ihnen bei der Finanzierung ihrer Ausgaben zu helfen".
Die Notenbanker kennen die Gefahr. Aber können sie diese auch bannen?
Notenbank-Chef Bernanke hatte kürzlich eine Gruppe hochkarätiger Ökonomen zum Abendessen in die rundum verglaste Kantine der Notenbank geladen. Die Tische waren mit Herbstblättern und brennenden Kerzen dekoriert.
Bernanke wollte beruhigen. Er sprach zu seinen Gästen wie ein Seelsorger. Man habe alles im Griff, sagte er. Die Rezession sei "rein technisch gesehen" beendet. Man habe die Weltwirtschaft vom Abhang, den sie hinunterzufallen drohte, wegziehen können.
Die Experten aber fragten nach den Kosten dieser Weltenrettung. Bernanke lächelte gequält. Er hatte eine Folie mitgebracht, die er nun an die Wand projizierte. "Exit-Strategie" stand darauf. Mehr nicht. Bernanke versicherte, dass die Notenbank sich wieder zurückziehen werde. Dass das viele Geld wieder eingesammelt würde. Dass alles wieder gut werde.
Aber wie und wann, das sagte er nicht. Amerika hat den Ausweg noch nicht gefunden. Und immer mehr Menschen zweifeln daran, dass es ihn noch finden wird: Der Goldpreis steigt und steigt - weil das Vertrauen in die Währungen, vor allem in den Dollar, schwindet. Kürzlich kaufte die indische Zentralbank 200 Tonnen Gold aus dem Bestand des Internationalen Währungsfonds (IWF), um die Abhängigkeit des Landes vom Dollar zu verringern.
Die Notenbanken wissen nicht, wie sie die Geldmenge wieder in den Griff kriegen sollen, und die Regierungen können sich nicht auf strengere Regeln für die Finanzwirtschaft verständigen - obwohl alle wissen, dass Investmentbanken, die so groß sind, dass der Staat sie nicht pleitegehen lassen darf, ein Risiko für die Allgemeinheit darstellen. Diese Banken werden erst leichtsinnig, dann übermütig, am Ende sind sie gefährlich.
Aber heute sind die Investmentbanken größer, als sie es je zuvor waren. Der Staat müsste sie zerschlagen. Doch er traut sich nicht. Er hat sie ja gerade erst gerettet.
Eigentlich müssten die Banken wenigstens durch ein deutlich höheres Eigenkapital für die nächste Krise vorsorgen. Das würde die Sicherheit im Weltfinanzgefüge erhöhen. Aber es würde auch die Gewinne schmälern. Also ist es nicht mehr sonderlich beliebt.
Im Grunde ist auch ein Nachdenken über eine Verlangsamung der internationalen Geldströme dringend geboten. Der Londoner Börsenaufseher Turner brachte deshalb eine Transaktionssteuer ins Gespräch, die Tobin-Tax.
Die ist nach ihrem Erfinder James Tobin benannt, einem 2002 verstorbenen US-Ökonomen, der das oberste Gremium der Notenbank beriet und in Yale lehrte. Er wollte die Spekulation dämpfen, zumindest dann, wenn sie eine Gefahr für Wohlstand und Arbeitsplätze darstellt.
Zwar gibt es gegen die Tobin-Steuer erhebliche Bedenken, berechtigte wie unberechtigte. Doch die Diskussion darüber und mögliche Alternativen haben derzeit keine Chance. Der britische Premier Gordon Brown, der sich Turners Überlegungen zu eigen gemacht hatte, wurde von den USA und einer wütenden Reaktion aus der Londoner City zum sofortigen Rückzug gezwungen.
Wie groß der Widerstand gegen Veränderungen des Systems ist, hat auch der IWF-Chef erfahren. Dominique Strauss-Kahn ist kein Ideologe, viele in der Sozialistischen Partei Frankreichs nennen ihn sogar einen Rechten. Er kann eindrucksvoll nachweisen, dass hohe Bonuszahlungen nicht etwa ein moralisches Problem sind, sondern ein ökonomisches.
Sie verführen. Sie machen gierig. Sie lassen die Gewinne wachsen, aber das Verantwortungsgefühl des Einzelnen schrumpfen. "Es nützt ja nicht viel, wenn Politiker und Akademiker ihre Lehren aus den Ereignissen ziehen", sagt Strauss-Kahn, "aber diese den jungen Händler nicht erreichen."
Über 200 Millionen Dollar riskieren die Händler von Goldman Sachs schon wieder pro Tag. Wenn sie richtigliegen, werden sie reich. In diesem Jahr lagen sie oft richtig. Goldman Sachs hat deshalb 17 Milliarden Dollar als Boni- und Gehaltszahlungen zurückgestellt, weit über hundert Milliarden werden die großen Investmentbanken und Hedgefonds in diesem Jahr an ihre Mitarbeiter ausschütten.
Die Europäer, vor allem auch die Deutschen, drängen die USA zum schnellen Handeln. Die Spekulationsblase wird größer. Der Übermut steigt. Das Risiko erneuter Verwerfungen auf den Weltmärkten ist zur realen Gefahr geworden.
Nur wenn sich Wall Street ändert, ändert sich die Welt. In New York werden die Spielregeln gesetzt, die dann auch für London, Paris und Frankfurt gelten.
Doch die Amerikaner finden nicht mehr die Kraft, dem als richtig Erkannten zum Durchbruch zu verhelfen. Mit feurigem Blick sprechen sie vom Primat der Politik, aber das ist kaum mehr als eine Pose. Die Finanzindustrie in den USA wird von der Finanzindustrie regiert, nicht vom Finanzminister. "Die neue Finanzregulierung wird größtenteils ein Witz sein", sagt der ehemalige Deutsch-Banker und Investment-Experte Ed Yardeni. Wall Street sei wieder mächtig genug, die Sache totzutrampeln.
Rund 200 Millionen Dollar hat die Finanzindustrie in diesem Jahr für Lobbying ausgegeben, über 2000 bezahlte Helfer verteilten in Washington die Dollar-Schecks. "Der Widerstand der Finanzbranche gegen mehr Regulierung ist bestens organisiert", sagt Tim Adams, unter George W. Bush hoher Beamter im Finanzministerium. Er weiß, wovon er spricht. Er ist nun Chef einer großen Beratungsfirma mit vielen Klienten aus der Wirtschaft.
Würde sich Wall Street nur auf die Republikaner stützen, wäre das derzeit keine allzu große Hilfe. Deshalb haben Goldman Sachs und die anderen Investmentbanken beizeiten auch in die Demokraten investiert.
Goldman Sachs sagt, die Firma habe "eine lange Tradition des öffentlichen Dienstes. Viele unserer Mitarbeiter sind in wichtige Regierungsposten gewechselt, und ihre Leistungen machen uns alle stolz".
Das stimmt. Entgegen dem landläufigen Vorurteil ist bei Goldman Sachs Geld nicht alles. Erst wer sich auch politisch bewährt hat, gilt als echte Größe. So wie Henry Paulson, der einst Firmenchef war und dann Bushs Finanzminister wurde. In der Finanzkrise reichte er zehn Milliarden Dollar als Soforthilfe an seine Ex-Kollegen aus.
Die Liste der Goldman-Sachs-Politiker und -Spitzenbeamten ist lang. Jon Corzine war früher Boss des Investment-Giganten, bevor er sich zum Gouverneur von New Jersey wählen ließ. Phil Murphy hatte mit 50 Jahren genug vom Geldverdienen. Danach half der ehemalige Goldman-Top-Manager den Demokraten im Wahlkampf. Nun residiert er als Botschafter Obamas in Berlin.
Das große Vorbild für viele Goldman-Mitarbeiter aber ist Robert Rubin, die graue Eminenz der US-Geldelite. Der ehemalige Bankchef und spätere Finanzminister hat ein Leben lang zwischen Wall Street und der Hauptstadt Washington gependelt.
Goldman Sachs ist "eine politische Organisation, die sich als Investmentbank tarnt", sagt Christopher Whalen, Geschäftsführender Direktor von Institutional Risk Analytics. Auch Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz kritisiert die auffällig enge Verflechtung: "Amerika hat eine Drehtür. Die Leute gehen von der Wall Street ins Finanzministerium und zurück. Das prägt das Denken."
In Obamas Washington hat sich daran wenig geändert. Im Finanzministerium herrscht heute Timothy Geithner, auch er ein Rubin-Schüler. Der aktuelle Stabschef von Geithner, Mark Patterson, ist ein ehemaliger Goldman-Sachs-Mitarbeiter. Er war bis vor dem Wahlsieg Obamas Washington-Lobbyist der Investmentbank.
Als der Versicherungskonzern AIG vor dem Kollaps stand und die Regierung mit 85 Milliarden Dollar einsprang, suchte das Finanzministerium einen neuen Boss für den Mega-Versicherungskonzern. Die Wahl fiel auf Edward Liddy - zuvor bei Goldman Sachs im Verwaltungsrat.
Selbst der neue Direktor der amerikanischen Börsenaufsicht, Adam Storch, kommt von Goldman Sachs. Bis vor sechs Wochen arbeitete er in der Risikoüberwachung der Investmentbank.
Die engsten Mitarbeiter des Präsidenten kennen ebenfalls die Vorzüge der Bankenwelt, die in der Vergangenheit vor allem dann bereitstand, wenn die politische Karriere in der Sackgasse steckte.
Als Obamas heutiger Stabschef Rahm Emanuel ein paar Jahre überbrücken musste, bevor er für das Repräsentantenhaus kandidierte, heuerte er bei der Investmentfirma Wasserstein Perella & Co. an. Das Intermezzo machte ihn zum Millionär.
Gene Sperling, derzeit hochrangiger Berater im US-Finanzministerium, sammelte allein vergangenes Jahr 887 727 Dollar von Goldman Sachs ein - für "Beratung", zum Beispiel darüber, wie die Bank armen Frauen auf der Welt mit Spenden helfen kann. 158 000 Dollar kassierte er für Reden von anderen Finanzfirmen, etwa der Citigroup.
Obama-Berater Summers erhielt 2007 und 2008 vom Hedgefonds D. E. Shaw Vergütungen von insgesamt 5,2 Millionen Dollar. Summers' Arbeitszeit: ein Tag pro Woche.
Das ließ dem Mann, der nun maßgeblich für Wohl und Wehe der Wall Street verantwortlich ist, viel Zeit für Reden - beispielsweise an der Wall Street: JPMorgan Chase, Citigroup, Goldman Sachs, Lehman Brothers und Merrill Lynch entlohnten ihn dafür im Jahr vor Antritt der Regierung Obama mit 2,7 Millionen Dollar. Allein ein Auftritt bei Goldman Sachs im April brachte Summers 135 000 Dollar als Honorar ein.
Die Bankbosse stoßen in den für sie wichtigen Ministerien und im Weißen Haus dank ihrer Landschaftspflege immer auf alte Bekannte - und auf offene Ohren. Seit seinem Amtsantritt hat Finanzminister Geithner mehr als 80-mal mit Bankgrößen telefoniert oder konferiert, wie sein veröffentlichter Terminkalender ausweist.
22-mal sprach er allein mit dem Goldman-Sachs-Chef Blankfein. An einem hektischen Abend im Mai rief Geithner erst Blankfein an, dann James Dimon, Boss von JPMorgan Chase. Zwischendurch telefonierte er mit Obama, danach wieder mit Dimon.
Zwischendurch meldete sich Xavier Becerra, ein demokratischer Abgeordneter, der im wichtigen Budgetausschuss des Repräsentantenhauses sitzt. Der Parlamentarier wurde nicht durchgestellt. Er hinterließ eine Nachricht.
Wenn man die USA mit der gleichen analytischen Kühle wie Russland betrachten würde, sagt James Galbraith, Sohn des legendären Kennedy-Beraters John Kenneth Galbraith, würde man nicht umhinkommen, von der Herrschaft eines Oligopols aus Politikern und Bankern zu sprechen. Die Mächtigen an der Wall Street und in Washington seien nicht weniger eng verflochten als Premier Wladimir Putin und die Magnaten des russischen Rohstoffimperiums.
Gerade deshalb hatten viele in Europa auf eine einvernehmliche Lösung gesetzt. Nähe kann auch hilfreich sein. Weil Staat und Firmen auf eine funktionierende Finanzwirtschaft angewiesen sind, hätte man sich eine Reform des Geldwesens vorstellen können.
Zunächst sah es sogar so aus, als sei die Zeit der Nachdenklichkeit gekommen. IWF-Chef Strauss-Kahn erinnert sich noch an ein Abendessen auf Einladung des damaligen US-Finanzministers Henry Paulson. Die Investmentbank Lehman Brothers lebte noch, aber Bear Stearns atmete schon flach. Da meldete sich einer der Top-Banker der Wall Street zu Wort: "Herr Finanzminister, wir sind zu gierig gewesen. Deswegen brauchen wir strengere Regeln, um unsere Gier zu zähmen."
Aber das ist nun auch schon wieder mehr als zwölf Monate her und damit eine Ewigkeit. Das erste Opfer der neuen Spekulationswelle war die Nachdenklichkeit.
CHRISTOPH PAULY, WOLFGANG REUTER,
GREGOR PETER SCHMITZ, THOMAS SCHULZ,
GABOR STEINGART, WIELAND WAGNER
Von Pauly, Christoph, Reuter, Wolfgang, Schmitz, Gregor Peter, Schulz, Thomas, Steingart, Gabor, Wagner, Wieland

DER SPIEGEL 48/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.