23.11.2009

STARS„Ich wollte Liebe und Sex“

Der britische Schauspieler Rupert Everett über seine Memoiren, seine Enttäuschung über das Filmgeschäft und seine Rolle als Kino-Schwuler vom Dienst
Everett, 50, wurde 1984 mit dem Internatsfilm "Another Country" berühmt. Den größten internationalen Erfolg hatte der Schauspieler, Sohn eines Offiziers der British Army, mit "Die Hochzeit meines besten Freundes" an der Seite von Julia Roberts. Everett spielt regelmäßig Theater und hat außer seinen Memoiren zwei Romane veröffentlicht.
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SPIEGEL: Mr. Everett, Ihre Erinnerungen "Rote Teppiche und andere Bananenschalen" sind unterhaltsame Anti-Memoiren*. Kein anderer Star würde, so wie Sie, ohne Not all seine Misserfolge und dunklen Seiten ausplaudern. Sind Sie ein Masochist?
Everett: Nein. Ich finde, dass es sowieso nicht klassische Memoiren sind, die ich da verfasst habe. Ich schreibe lieber über andere Leute als über mich. Ich bin so ein bisschen die Leerstelle im Zentrum des Buchs.
SPIEGEL: Eine überaus lebenspralle Leerstelle.
Everett: Ich wollte nur diese außergewöhnlichen Zeiten beschreiben, die ich erlebt habe. Ich denke, jedes Kapitel ist eine Kurzgeschichte in sich.
SPIEGEL: Zum Beispiel die abenteuerliche Geschichte über den brasilianischen Transvestiten aus dem Bois de Boulogne in Paris, der in einem Lieferwagen im Park anschaffte und irgendwann grausam ermordet wurde.
Everett: Ja, ein ganz und gar besonderer Mensch, ein Freund, von dem ich viel gelernt habe. Aber mein Buch ist keine Katharsis, ich wollte mein Leben nicht nachträglich erklären. Ich wollte nur rausbekommen, ob ich all meine Erlebnisse auch beim Schreiben wieder zum Leben bringen könnte.
SPIEGEL: Sind Sie zufrieden?
Everett: Geschrieben wirkt mein Leben glamouröser, als es wirklich war.
SPIEGEL: Wirklich? Sie treten doch als Glamour-Figur auf, als weltberühmter schwuler Filmschauspieler und Freund von Megastars wie Madonna. War der Ruhm ein Lebensziel?
Everett: Nein, vielleicht der Erfolg. Das Beängstigende ist doch, dass man immer wieder Türen öffnet oder schließt und man seinem Leben eine neue Richtung gibt, es aber in dem Moment gar nicht bemerkt.
SPIEGEL: Hatten Sie denn zu irgendeinem Zeitpunkt das Gefühl, überhaupt eine Wahl zu haben?
Everett: Ach, die Leute sind immer besessen von der Idee, etwas für sich wählen zu können, das finde ich unerheblich. Das ist doch ein überholtes Konzept. Wer glaubt, wählen zu können, ist einfach unentschie-
den. Ich habe nur das gemacht, von dem ich auch überzeugt war.
SPIEGEL: Und auch Ihr Coming-out, als Sie plötzlich der einzige schwule Filmstar zu sein schienen, der dazu stand?
Everett: Welches Coming-out? Ich habe gar nichts gemacht oder gesagt. Nur gelebt, wie ich es wollte. Ich zog nach Frankreich. Und da ist es ganz anders als in England, das können Sie mir glauben. Ich war da ein Ausländer, hatte keine Bindungen, das war großartig, Ich hatte dort keinerlei Verantwortung.
SPIEGEL: Und die Sprache? Franzosen mögen keine Menschen, die ihre Sprache nicht beherrschen.
Everett: Das ist wahr, am Anfang sprach ich auch kein Französisch. Aber nach einer Weile war es prima, als ich genug Freunde gefunden hatte und die aufhörten, alles zu übersetzen, da lebt man dann in einer wunderbaren Traumwelt.
SPIEGEL: In der Sie auch noch die abenteuerlichsten Freunde fanden, Prostituierte, Gauner und undurchsichtige Lebenskünstler. Sie mögen es bizarr?
Everett: Die Welt des Films und des Theaters ist letztlich total enttäuschend, lassen Sie sich das gesagt sein. Ich habe meine ganze Kindheit über von dieser vermeintlich wunderbaren Sphäre geträumt, und als ich dann endlich dort landete, musste ich feststellen, wie bürokratisch, bürgerlich, geschäftsmäßig und letztlich militärisch es da zugeht.
SPIEGEL: Das war Ihnen nicht fremd, Ihr Vater war ja einmal Offizier.
Everett: Ich hatte gedacht, beim Theater haben sie dauernd Gruppensex und nehmen Opium und Kokain. Ich wollte ein Leben, wie es die französische Schriftstellerin Colette in ihren Romanen über die Belle Epoque so hinreißend beschreibt, ein Leben voller Drama, Selbstmordversuchen, Liebe und Sex. Ich wollte ein aufregendes Leben. Beim Film findet man das nicht. Es ist so langweilig. Beim Festival in Cannes über den roten Teppich zu laufen ist ungefähr so spannend, wie seine heimische Bankfiliale zu betreten.
SPIEGEL: Warum gab es eigentlich so viele Flops in Ihrer Karriere?
Everett: Flops sind wichtig. Hinterher stellte sich immer heraus, dass die erfolglosen Filme mir für die Zukunft die besten Möglichkeiten eröffneten. Auch dass ich nicht heterosexuell bin, war für mich eine glückliche Fügung.
SPIEGEL: Für einen Schwulen hatten Sie aber reichlich viele Affären mit Frauen, etwa mit Ihrer Kollegin Béatrice Dalle oder mit Paula Yates, der damaligen Frau von Bob Geldof.
Everett: Wenn man jung ist, kann man Sex mit allem Möglichen haben. Wenn man in den Zwanzigern ist, dreht sich Sex doch eigentlich ums Ausprobieren, um die Neugier.
SPIEGEL: Sie geben immer den coolen, geistreichen Zyniker. Auch im Buch. Aber eine Stelle ist plötzlich ganz anders. Da beschreiben Sie mit sehr viel Wärme den Tod Ihres Hundes Mo. Für Menschen entwickeln Sie dieses Gefühl nur selten.
Everett: Ich schreibe, glaube ich, wenigstens über einen Menschen ähnlich gefühlvoll, über meinen ehemaligen langjährigen Lebensgefährten.
SPIEGEL: Wie haben eigentlich Madonna etwa oder Julia Roberts, mit der Sie Ihren bekanntesten Film, "Die Hochzeit meines besten Freundes", gedreht haben, auf Ihr Buch reagiert?
Everett: Berühmte Leute haben keine Zeit zu lesen, die blättern in Magazinen, höchstens. Ich schreibe ja nicht wirklich schlimme Sachen.
SPIEGEL: Finden Sie? Ihre Telefonstreiche, bei denen Sie wildfremde Leute auf den Arm genommen haben, waren bestenfalls infantil.
Everett: Ach, es macht so viel Spaß. Man braucht am Anfang nur eine falsche Verbindung.
SPIEGEL: Und den Mut zur Lüge.
Everett: Mut? Braucht man nicht, man kennt die Leute doch gar nicht, die man veräppelt. Heute geht das ja alles nicht mehr, mit diesen digitalen Nummern, die man sofort zurückverfolgen kann. Ach, es gibt eben keine Romantik mehr im Leben.
SPIEGEL: Heute gibt es Chat-Rooms.
Everett: Die hasse ich. In so was habe ich mich noch nie aufgehalten. Twitter, Facebook, all das, ich mag das nicht.
SPIEGEL: Das ist ja wohl eher eine Altersfrage. Sie sind jetzt 50.
Everett: Altwerden ist nichts für Waschlappen, da hatte Bette Davis schon recht. Aber 50 ist noch in Ordnung.
SPIEGEL: Haben Sie zu tun?
Everett: Ich kann mich nicht beklagen. Im Moment geht es mit mir gerade wieder aufwärts. Ich habe sehr viel Theater in New York gespielt, habe Filmangebote. Ich möchte endlich auch mein Oscar-Wilde-Projekt realisieren, aber ich bekomme kein Geld dafür zusammen.
SPIEGEL: Wilde-Filme gibt es doch schon. Was ist Ihre Story?
Everett: Es geht um seine letzten schlimmen Jahre in Paris. Eine traurige Geschichte. Er war ja so berühmt, aber nach seinem Knastaufenthalt auch berüchtigt. Er hatte kein Geld, einige Menschen spuckten ihn auf der Straße an, manche verlangten, dass man ihn in Restaurants nicht bediente.
SPIEGEL: Ein Wilde ohne Witz und Eleganz.
Everett: Nicht ganz. Er hatte ja noch auf dem Totenbett Esprit: "Ich sterbe, wie ich gelebt habe - über meine Verhältnisse", das ist doch wunderbar. Mein Lieblingssatz kurz vor dem Ende ist aber ein anderer: "Mit dieser Tapete lebe ich in einem Kampf um Leben und Tod. Einer von uns beiden muss gehen."
SPIEGEL: Wie viel Geld brauchen Sie für Ihren Film?
Everett: Acht Millionen Pfund, vielleicht reichen auch sechs oder sogar fünf.
SPIEGEL: Wäre Ihre Karriere anders verlaufen, wenn Sie nicht schwul gelebt hätten?
Everett: Wahrscheinlich wäre ich erfolgreicher gewesen.
SPIEGEL: Obwohl Sie auch viele Heteros gespielt haben, sind Sie in der öffentlichen Wahrnehmung jetzt der Schwule, der immer die Schwulen spielen muss.
Everett: Mir bleibt wohl nichts anderes übrig. Ist doch in Ordnung.
SPIEGEL: Sean Penn verkörperte im Film den amerikanischen Schwulenaktivisten Harvey Milk so überzeugend, dass er in diesem Jahr einen Oscar dafür bekam. Wäre etwas erreicht, wenn ein offen Schwuler einen Hetero darstellen würde und dafür den Oscar bekäme?
Everett: Die Welt lässt sich nicht dadurch verändern, dass irgendjemand irgendeine Rolle in einem Film spielt. Die Zeiten sind vorbei, in denen Kino und Theater eine Art Spiegel der Gesellschaft waren.
INTERVIEW: JOACHIM KRONSBEIN
* Rupert Everett: "Rote Teppiche und andere Bananenschalen". Aus dem Englischen von Teja Schwaner. Verlag Gustav Kiepenheuer, Berlin; 492 Seiten; 18,95 Euro.
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 48/2009
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