30.11.2009

INTEGRATIONDie Reise des jungen Herrn Eke

Vor 21 Jahren wurde Mohammad Eke in Essen geboren. Deutschland war seine Heimat. Dann kam heraus, dass seine Eltern illegal eingereist waren. Eke wurde abgeschoben - nun treibt er verloren durch Istanbul. Ein ganz normaler Fall deutscher Integrationspolitik. Von Jochen-Martin Gutsch
Er sitzt im Flughafen von Istanbul, wie so oft, wenn er nicht weiß, was er anfangen soll mit sich und der Zeit. Ein junger Mann mit einer Tasche.
In der Tasche stecken zwei Handtücher, zwei Jeans, drei T-Shirts, ein Paar Schuhe, eine Jacke und Waschzeug. Dazu ein Englisch-Wörterbuch und eine Mappe mit den Schreiben der Ausländerbehörde. Dazu eine Packung Tabletten, Antidepressiva, ohne die er nachts nicht schläft. Da die Tasche klein ist, klein wie Handgepäck, könnte man ihn für einen Wochenendtouristen halten. Zwei, drei Tage Istanbul. Der Bosporus, der Topkapi-Palast, die Blaue Moschee, ein Spiel von Fenerbahçe. Und dann wieder zurück.
Wahrscheinlich gibt es nichts, was sich Mohammad Eke mehr wünschen würde als eine Rückkehr. In ein Flugzeug steigen, abfliegen, ankommen. Aber das wird schwierig, vielleicht ist es sogar unmöglich. Rückkehr würde ja bedeuten, zurück nach Deutschland, aber dort haben sie in den vergangenen Jahren viel Zeit und Mühe darauf verwendet, ihn loszuwerden und hierher zu bringen. An einem Tag im Sommer hatten sie es geschafft.
Am frühen Morgen des 6. August zwischen zwei und drei Uhr trat Mohammad Eke aus seiner Zelle des Abschiebegefängnisses in Büren. Er hatte nicht geschlafen, er hatte sich vor diesem Moment gefürchtet und ihn zugleich herbeigesehnt während der neun Monate in Abschiebehaft. Männer legten ihm Handschellen an, eine kurze Fahrt begann. Am Flughafen Düsseldorf durchsuchte man Mohammad Eke, seine Kleidung, die Tasche, seinen Körper. Anschließend wurde er zum Flugzeug gefahren, das er als Erster bestieg, vor allen Reisenden. Er setzte sich auf einen Fensterplatz in Reihe 29, neben ihm zwei Männer der Bundespolizei, die die Abschiebung begleiteten. Vor ihm ein Arzt, für den Fall, dass es während des Flugs Probleme geben würde. Ein Suizidversuch womöglich.
Gegen acht Uhr startete Flug TK 1530 der Turkish Airlines mit dem Ziel Istanbul. Ein normaler Linienflug. Eke sah, wie das Ruhrgebiet unter ihm verschwand. Er erinnerte sich an seine bisher einzige Reise ins Ausland, ein Wochenende in Den Haag mit der Fußballmannschaft. Damals war er noch ein Kind gewesen. Jetzt war er 21, saß zum ersten Mal in einem Flugzeug, und die erste richtige Reise seines Lebens war nichts anderes als seine Abschiebung in die Türkei. Ein Land, das er nie zuvor betreten hatte und dessen Sprache er nicht beherrschte. Mohammad Eke blieb ruhig während des Flugs, er saß auf seinem Platz in Reihe 29 wie ein Tourist zwischen all den anderen Touristen.
Im Atatürk-Flughafen von Istanbul wartete ein türkischer Polizist. Die Begleiter aus Deutschland verschwanden. Mohammad Eke verbrachte viele Stunden auf zwei Polizeiwachen, bis man ihm ein Schriftstück in die Hand drückte, das er nicht lesen konnte, aber das wichtig zu sein schien.
Dann war er frei.
Es war längst dunkel, längst Nacht. Eke hatte 50 Euro Handgeld, die er als Abgeschobener bekommen hatte, im Portemonnaie und eine Tasche in der Hand.
Die ersten Wochen schlief er nachts in einer Moschee auf dem Flughafengelände, versteckt in einer Ecke, auf dem Teppichboden, der muffig roch, nach den Füßen der Betenden. Tagsüber ging er rüber zur Abflughalle und schaute den Reisenden nach, wie sie ihre Rollkoffer zogen, vorbei an den gläsernen Kabuffs der türkischen Grenzbeamten. In einem Handygeschäft, das kostenlos Internet anbietet, verfolgte er die Bundesliga-Ergebnisse oder schrieb E-Mails an seine Freundin in Essen. Ansonsten hat er einfach gewartet. Auf eine überraschende Wendung der Geschichte. Auf die Auflösung eines Irrtums.
Denn was konnte es anderes sein? Er war ja kein Krimineller. Er war in Deutschland geboren. Er hatte 21 Jahre, sein ganzes Leben, in Deutschland verbracht. Deutschland war seine Heimat und Deutsch seine Muttersprache. Deutsch mit Ruhrpottsound. Wie also konnte man jemanden abschieben, der so deutsch war wie er?
Die Frage begleitet ihn jeden Tag. Was fehlt, ist eine gute Antwort. Eine Erklärung für seine Geschichte. Vielleicht gibt es aber auch gar keine Erklärung. Keine verständliche, nachvollziehbare. Nur eine komplizierte, deutsche.
Die Ausländerbehörde in Essen ist untergebracht in einem würfelförmigen Neubau, und Jörg Stratenwerth, der Chef, hat sein Büro im vierten Stock. Er ist ein freundlicher, korpulenter Mann von 38 Jahren, der sein Berufsleben hier im Amt verbracht hat. Vor ein paar Monaten ist er zum Behördenleiter aufgestiegen, und auf seinem Tisch liegt jetzt eine Akte, mit deren Hilfe er den Fall Mohammad Eke erklären will. Zwei Sachbearbeiter sitzen noch dabei und Detlef Feige, der Sprecher der Stadt Essen. Vier Mann für eine Geschichte. Dabei ist sie weder besonders groß noch besonders unübersichtlich. Es ist eher so, dass man sich am Ende fragt, warum es die Geschichte überhaupt gibt.
Jörg Stratenwerth schlägt die Akte auf. Alles begann vor 21 Jahren. Am 30. Mai 1988 wurde Mohammad Eke geboren. Damals trug er noch einen anderen Namen: Mohammad Ahmed. Seine Eltern, mit dieser Geschichte wächst er auf, kamen vor seiner Geburt aus dem Libanon nach Deutschland, geflohen vor dem Bürgerkrieg. Sie hatten keinen Pass dabei, deshalb galten sie als Flüchtlinge mit "ungeklärtem Status". Mohammad Ahmed besuchte den Kindergarten, er ging zur Schule, er spielte im Fußballverein und bewunderte den FC Bayern. Er war ein Libanese aus Essen, der besser Deutsch sprach als Arabisch.
Im Jahr 2001 erhielten die Eltern einen Brief von der Ausländerbehörde. Es gebe Hinweise, hieß es, dass sie falsche Angaben über ihre Herkunft gemacht hätten.
Jörg Stratenwerth zieht ein Blatt aus der Akte. Er spricht schnell, Daten, Paragrafen fließen in seinen Sätzen wie Treibgut, aber wenn man alles Wichtige herausfiltert, dann muss es wohl so gewesen sein: Damals, 2001, liefen bundesweit Ermittlungen der Ausländerbehörden. Es gab polizeiliche Sonderkommissionen, die "falsche" Libanesen finden sollten. Vor allem einige tausend Türken, so der Verdacht, waren mit der großen Flüchtlingswelle in den achtziger Jahren als vermeintliche Bürgerkriegsopfer aus dem Libanon nach Deutschland gekommen. Anfang des neuen Jahrtausends führten die Ausländerbehörden DNA-Tests durch, zur Bestimmung von Verwandtschaftsgraden, man suchte auch nach Hinweisen in türkischen Geburtsregistern. Man wurde fündig. Auch bei den Eltern von Mohammad Eke.
Sie stammten, das stand nach einem DNA-Test bald fest, nicht aus dem Libanon. Sie stammten aus dem Südosten der Türkei, der entlegenen Provinz Mardin, wo Arabisch gesprochen wird. "Die Eltern legten dann zwar libanesische Registerauszüge vor. Aber die waren dilettantisch gefälscht", sagt Stratenwerth.
"Die Lüge", sagt Mohammad Eke in einem Café. Er spuckt die Worte aus wie einen vergifteten Bonbon. Die Lüge teilt sein Leben in zwei Identitäten. Plötzlich war er ein Türke. Aus Mohammad Ahmed wurde Mohammad Eke. Er schämte sich für seine Eltern, er schämte sich vor seinen Freunden, denn wie sollte er ihnen erklären, dass er mit einer gefälschten Biografie gelebt hatte, in einem libanesischen Märchen? Die Lüge griff auf sein Leben über. Sie setzte schnell und automatisch all die Dinge in Gang, die ihn am Ende hier in Istanbul stranden ließen.
Mohammad Eke redet mit leiser Stimme. Er trägt Jeans, T-Shirt, sein Gesicht ist das eines Jungen. "Ich bin durcheinander", sagt er. "Ich weiß nicht, was oder wer ich bin. Ich weiß nicht, ob ich Sunnit bin oder Schiit. Ich habe keine Geschichte. Keine, die ich kenne." Sein Vater, sagt er, habe auch nach Aufdeckung der Lüge nie erzählt, woher die Familie kommt. Die Vergangenheit blieb im Dunkeln. Mohammad Eke zog sich zurück auf das Einzige, was unanfechtbar zu sein schien. "In meinem Herzen bin ich deutsch", sagt er. Aber auch das führt zu Problemen. Es gibt kein altes Leben. Und noch kein neues.
Seit über drei Monaten ist er in Istanbul. In dieser Zeit hat er sich nicht groß bewegt. In der Innenstadt ist er selten, weil es dort zu gefährlich sei, sagt er, zu viele Diebe und Betrüger. Die Döner, das ist ihm aufgefallen, seien trockener als in Deutschland, "wenig Fleisch und wenig Salat", sagt er. Mit der türkischen Mentalität komme er nicht zurecht, die Türken seien geizig und unfreundlich, vielleicht liege es aber auch daran, dass er kein Türkisch spreche. Der beste Ort in Istanbul sei jedenfalls der Flughafen. "Hier gibt es Internet, da kann ich mich ablenken", sagt Mohammad Eke. "Und alles ist überwacht."
Im Oktober 2002 wurde seine Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr verlängert. Er war jetzt ausreisepflichtig, so wie auch seine Eltern, seine Geschwister. Im April 2005 gab es den ersten Versuch, die Familie abzuschieben. Er scheiterte, die Eltern waren an diesem Tag nicht zu Hause, sondern auf einer Familienfeier in Bremen. Anschließend tauchte der Vater monatelang unter. Die Mutter war überfordert, die Ausländerbehörde ließ per Gerichtsbeschluss einen Vormund für die sechs minderjährigen Kinder bestellen. Die Einschläge kamen näher.
Am 20. September 2005, einem Dienstag, umstellten Polizisten erneut das Haus. Diesmal lief alles nach Plan. Die Eltern, die jüngeren Geschwister wurden festgenommen und in die Türkei abgeschoben. Nur Mohammad Eke war nicht dabei. Er verbrachte diesen Abend, die Nacht, im Haus seines älteren Bruders. Ein Zufall, mehr nicht. Am nächsten Morgen erfuhr er vom Verschwinden seiner Familie.
Die Wohnung war leer.
Mohammad Eke, verwirrt, ängstlich, überlegte, was er tun könnte. Er war noch immer in Deutschland, das war das Positive. Er war 17 Jahre alt und seit ein paar Stunden elternlos. Er entschied, zur Ausländerbehörde zu gehen. Wahrscheinlich würde man dort bereits auf ihn warten. Und vielleicht würde man ihm sogar eine Chance geben, jetzt, wo er die Abschiebung verpasst hatte, zurückgeblieben irgendwie, ein in Essen geborener Junge, der ja, so sah er die Sache, nach all der Zeit längst ein deutscher Junge war.
Im Amt saß er im Zimmer einer Sachbearbeiterin. Auch der Vormund war dabei. Mohammad Eke konnte nicht abgeschoben werden, nicht sofort, er war minderjährig und der genaue Aufenthaltsort der Eltern unbekannt. Zunächst, so wurde entschieden, sollte er in ein Aufnahmeheim kommen. Ins Essener Hermann-Friebe-Haus. Er war jetzt Mohammad Eke, das Heimkind.
Jörg Stratenwerth, der Chef der Ausländerbehörde, sagt, zu diesem Zeitpunkt sei noch alles offen gewesen. Die ganze Geschichte. Unter gewissen Voraussetzungen hätte Mohammad Eke bleiben können. "Grundsätzlich war er natürlich ausreisepflichtig, ganz klar."
Aber war Mohammad Eke nicht längst ein Deutscher? Sozusagen ein faktischer Inländer? Reichten 17 Jahre nicht aus?
Stratenwerth schüttelt den Kopf. Identitätstäuschung, sagt er. Die Lüge der Eltern müsse sich Mohammad Eke zurechnen lassen. So sei es deutsches Recht.
Es ist der Moment, an dem die Geschichte juristisch wird. Sogar staatspolitisch. Das Leben von Mohammad Eke wird jetzt vermessen am "öffentlichen Interesse, den Zuzug von Ausländern zu regeln", wie es später in einem Gerichtsurteil heißt.
Stratenwerth blättert durch die Akte. Er hat Mohammad Eke nie getroffen, aber letztendlich ist es ein Standardfall. Rund 1800 ähnliche Fälle gibt es allein in Essen. Türkische Eltern, die bei der Einreise täuschten und sich als Libanesen ausgaben. Kinder, die in Deutschland aufwuchsen, 10, 15, 20 Jahre lang. Und am Ende die Frage: Dürfen sie bleiben, müssen sie gehen?
Stratenwerth sagt, dass alles von den "erbrachten Integrationsleistungen" abhänge. So will es das Aufenthaltsgesetz. "Je mehr jemand integriert ist, umso größer sind seine Chancen." Die Abschiebung kann dann, rechtlich gesehen, als unzumutbar eingestuft werden. Es ist eine Ermessensentscheidung. Die Ausländerbehörde hat einigen Spielraum.
Für Mohammad Eke begann damit eine Art Prüfung. Ein Integrationstest.
Er wird ihn nicht bestehen.
In der Akte von Mohammad Eke sind ein paar kriminelle Zwischenfälle vermerkt. Schwarzfahren, Fahren mit einem frisierten Mofa, ein Diebstahl, Unterschlagung, weil er für 70 Euro eine geliehene Playstation verkauft hatte. Nichts Großes. Jugendzeugs. "Das war alles kein Hindernis", sagt Stratenwerth. Mohammad Eke, das war die Forderung, sollte sich an die Anweisungen des Vormunds halten. Er sollte im Heim leben, er sollte zur Schule gehen. Er sollte auf diese Weise seine "Integrationsleistungen" unter Beweis stellen.
Im Hermann-Friebe-Haus wurde Mohammad Eke nach wenigen Tagen als vermisst gemeldet. Er wollte kein Heimkind sein. Er besuchte, wie vorgesehen, ein Projekt, das sich "Ausbildung und Beschäftigung für jugendliche Asylbewerber" nannte. Nach einem halben Jahr tauchte er auch dort nicht mehr auf. Den Kontakt zum Vormund brach Mohammad Eke ab. Am 9. Juni 2006, wenige Tage nach seinem 18. Geburtstag, meldete ihn die Ausländerbehörde nach unbekannt verzogen ab und schrieb ihn zur Festnahme aus. Er war jetzt volljährig, abschiebefähig und illegal.
Rückblickend, sagt Mohammad Eke, war das vielleicht ein Fehler. Damals erschien es ihm als die einzige Chance. Er traute der Behörde nicht, der Behörde, die seine Eltern und Geschwister abgeschoben hatte. Er traute seinem Vormund nicht.
Über zwei Jahre lebte er unentdeckt. Er trieb durch Essen, wo er bei Freunden unterschlüpfte. In Bremen wohnte er bei seiner Schwester, die einen deutschen Pass hat. Mohammad Eke spielte Fußball in verschiedenen Vereinen, er trainierte Kinder, er verdiente ein bisschen Geld. In der Jugend, das erzählt er gern, spielte er eine Weile bei Rot-Weiß Essen, zusammen mit Mesut Özil. Ein Türke wie er und heute ein deutscher Nationalspieler.
Am späten Nachmittag des 7. November 2008 gab Mohammad Eke auf. Polizisten hatten die Autowerkstatt des Bruders in Essen umstellt. Mohammad Eke lief rüber zum Notausgang, eine letzte Chance. Als er die Tür öffnete, warteten zwei Polizisten, die Pistole im Anschlag.
"Ich war fast froh, als sie mich schnappten", sagt Mohammad Eke. "Ich dachte: Jetzt lässt sich alles klären. Ich dachte wirklich, sie sagen: Es war unser Fehler, du kriegst natürlich 'ne Chance."
Er sieht noch immer überrascht aus. Er öffnet seine Tasche und holt ein paar Papiere raus. Bestätigungen von deutschen Fußballvereinen, bei denen er spielte, ein Schreiben des Petitionsausschusses des Landtags von Nordrhein-Westfalen, eine Bescheinigung über ein Betriebspraktikum bei BMW in Essen, seine Bordkarte vom Abschiebeflug im August. Vergilbende Schnipsel aus einem wackligen deutschen Leben.
Mohammad Eke verließ die Hauptschule nach der 9. Klasse. Seine Eltern sprachen kaum Deutsch. Um die Ausbildung der elf Kinder kümmerten sie sich wenig. Wenn man Mohammad Eke fragt, welchen Beruf die Eltern hatten, womit sie Geld verdienten, sagt er, "mit nichts". Eine Großfamilie, die von Sozialhilfe lebte. Was kann man von ihm verlangen, als "Integrationsleistung"?
Fragt man Mohammad Eke, ob er denkt, dass er integriert sei, sagt er, dass er nicht genau weiß, was das Wort bedeutet. Wahrscheinlich weiß das niemand so genau. Lässt sich Integration vermessen? Mohammad Eke spricht Deutsch wie ein Deutscher. Er ist nicht kriminell. Er ist kein schlechter Kerl. Das ist, wenn man so will, seine Integrationsleistung. Muss man mehr von ihm verlangen? Oder gibt es auch eine deutsche Integrationsleistung? Eine Verantwortung für jemanden, der 21 Jahre in Deutschland gelebt hat?
Am 8. November 2008 wurde Mohammad Eke in die Abschiebehaftanstalt in Büren gebracht. In einer Sechs-Mann-Zelle, drei Doppelstockbetten, verbrachte er die ersten Wochen. Nach zwei Monaten erhielt er die Erlaubnis, im Gefängnis zu arbeiten, als Reinigungskraft. Der Gefängnisarzt verschrieb ihm bald ein Antidepressivum, weil Mohammad Eke keinen Schlaf fand. Manchmal fielen ihm Haare aus, er hielt dunkle Büschel in der Hand, was der Gefängnisarzt und auch er selbst auf Stress zurückführten.
Zweimal wurde Mohammad Eke während seiner neunmonatigen Haftzeit zum türkischen Konsulat gebracht, wo er die Beantragung eines türkischen Passes mit der Begründung ablehnte, dass er "in Deutschland geboren und damit deutscher Staatsangehöriger" sei. Seine Schwester in Bremen besorgte ihm Rechtsanwälte, die Klagen gegen die Abschiebung anstrengten. Er hoffte jetzt auf die deutschen Gerichte.
Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen stellte in einem knappen Beschluss am 14. Januar 2009 fest: "Gegen die fehlende Integration spricht schon der bewusste illegale Aufenthalt nach dem Untertauchen im Bundesgebiet, der deutlich erkennen lässt, dass der Antragsteller eine Integration in die deutsche Rechtsordnung von seinen Interessen abhängig machen will." Weiter urteilte der Richter, "dass es einen fairen Ausgleich zwischen dem öffentlichen Interesse, den Zuzug von Ausländern zu regeln, und dem Privatinteresse des Antragstellers auf Verbleib im Bundesgebiet entspricht, dass der Antragsteller in die Türkei zurückkehrt".
Die Anwälte legten Beschwerde ein vor dem Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen. Am 5. Juni wurde sie von den Richtern zurückgewiesen. Eine Verwurzelung in die "hiesigen Verhältnisse", die eine "Abschiebung in die Türkei unzumutbar erscheinen ließe", könne nicht festgestellt werden. "Im Übrigen hat der Antragsteller mit dem seit Juni 2006 illegalen Aufenthalt im Bundesgebiet dokumentiert, schwierige Lebenssituationen meistern zu können."
Mohammad Eke rannte gegen eine Wand. Er stellte ein Gesuch bei der Härtefallkommission, das keinen Erfolg hatte. Am 9. Juli beschloss das Bundesverfassungsgericht, die Verfassungsbeschwerde "des Herrn Mohammad Eke" nicht zur Entscheidung anzunehmen. Der Rechtsweg in Deutschland war ausgeschöpft. Mohammad Eke war mittlerweile 21 Jahre alt. Die Einzigen, die seine Abschiebung noch hätten verhindern können, waren Jörg Stratenwerth und die Ausländerbehörde in Essen. Aber das taten sie nicht.
Stratenwerth schließt die Akte von Mohammad Eke. Seit fast 15 Jahren arbeitet Stratenwerth hier im Amt, er hat all die deutschen Debatten zum Thema Integration miterlebt. Asylmissbrauch, EU-Beitritt der Türkei, doppelte Staatsbürgerschaft, Green Card, Leitkultur. Deutschland, so heißt es jetzt, sei ein Einwanderungsland. Vielleicht ist es Realität, vielleicht ein Wunsch. Stratenwerth weiß auch nicht so genau. Er macht die Gesetze ja nicht. Er vollzieht sie nur. Stratenwerth hat sauber und korrekt gearbeitet. Draußen vor dem Fenster hängt matter deutscher Herbst.
"Die Möglichkeit war da", sagt Stratenwerth. "Sein Fehler war, die Ausbildung abzubrechen, unterzutauchen. Die Konsequenzen muss er jetzt tragen."
Es klingt wie die Pflicht zu früher Reife, der Mohammad Eke nicht genügte. Nach einer Forderung, die man an einen deutschen Jugendlichen, aus ähnlichen Verhältnissen kommend, so nie richten würde. Nicht mit den gleichen Konsequenzen.
Mit Jörg Stratenwerth kann man über alles reden, man kann ihn auch fragen, wer Verantwortung trägt für Mohammad Eke. Deutschland, das Land, in dem er geboren wurde; oder die Türkei, ein Land, in dem er nie war. "Rechtlich ist die Türkei für ihn verantwortlich", sagt Stratenwerth, der auch Jurist ist. "Emotional gesehen gehört er vielleicht nach Deutschland. Aber völkerrechtlich ist er Türke."
Ein völkerrechtlicher Türke.
Vielleicht kann er ja arbeiten, sagt Stratenwerth, um etwas Versöhnliches einzubringen. Einen Lichtblick. "Mit seiner sprachlichen Qualifikation, Deutsch und Arabisch, hat er in der Türkei doch super Chancen." Eine Rückkehr wird wohl eher schwierig. Er könnte heiraten, eine Deutsche oder jemanden mit Aufenthaltstitel. "Vor der Einreise müsste er dann aber die Abschiebekosten begleichen", sagt Stratenwerth. Die Abschiebekosten trägt der Abgeschobene. Bei Mohammad Eke komme eine Menge zusammen, sagt Stratenwerth. Neun Monate Haft. Dazu die Flugkosten für ihn selbst, die zwei Begleiter und den Arzt. Die Kosten für ärztliche Gutachten. "Rund 20 000 Euro werden es schon sein", sagt Stratenwerth.
M. S. wäre zur Heirat bereit. Sie ist 23 Jahre alt und die Freundin von Mohammad Eke. Ein schmales Mädchen mit Abitur, türkischen Eltern und deutschem Pass. "20 000 Euro", sagt sie. "Wo sollen wir die hernehmen?" Sie ist Steuerfachgehilfin im zweiten Lehrjahr. Im August, gleich nach der Abschiebung, besuchte sie Mohammad Eke in Istanbul. Es waren seltsame Tage, sie hatte für ihn gedolmetscht, sie zogen durch die Straßen, sie sprach von der Schönheit der Stadt, dem Meer, der Wärme, sie fühlte sich bald wie eine türkische Reiseführerin, und er sagte nur: "Ich fühle mich hier verloren."
Mohammad ist ihre erste Liebe. Sie könnte zu ihm in die Türkei gehen, aber sie möchte dort nicht leben. Deutschland sei ihre Heimat. Manchmal, sagt M. S., vergleiche sie sein Leben und ihres. Sie kann keinen Unterschied erkennen. Sie wurden beide in Essen geboren. Sie wuchsen beide in Essen auf. Aber irgendwann bekam sie einen deutschen Pass. Und Mohammad wurde abgeschoben.
Deutschland, die Heimat, muss ihr in solchen Momenten vorkommen wie ein rätselhaftes, undurchsichtiges Land.
Im Flughafen von Istanbul überlegt Mohammad Eke, wo er schlafen könnte heute Nacht. Die letzten Wochen verbrachte er in Esenyurt, einem Istanbuler Stadtteil, in dem er tagsüber in einer kleinen Bäckerei die Fladenbrote vom Mehl entstaubte. Abends schlief er bei Shekmus, einem Bäcker, der holpriges Arabisch sprach. Die Wohnung war muffig und dunkel, sie schliefen auf dreckigen Matratzen. Aber es war okay, ein fester Ort. Später sagten sie ihm dann, die Bäckerei müsse bald schließen. Der Verkauf laufe schlecht. Vielleicht stimmte das. Vielleicht brauchten sie auch nur einfach keinen Brotentstauber aus Deutschland, der nicht mal Türkisch spricht.
Zu seinen Eltern hat Mohammad Eke keinen Kontakt, seit ihrer Abschiebung nicht, damals im September 2005. Er kann ihnen die Lüge nicht verzeihen. Er hat jetzt einen türkischen Personalausweis, aus praktischen Erwägungen, aber keinen türkischen Pass, weil das ein weiterer Schritt wäre in ein türkisches Leben, dem er sich bisher erfolgreich verweigert.
Wenn es der einzige Weg nach Deutschland ist, sagt Mohammad Eke, wird er heiraten, mit 21 Jahren. Nur um dorthin zurückzukehren, wo er schon immer war.
Er steht auf, es ist fast Mitternacht, vielleicht schläft er bei Shekmus, dem Bäcker. "Um die Türkei kennenzulernen, müsste man vielleicht zwei, drei Wochen bleiben, sich alles angucken und so", sagt Mohammad Eke. Er spricht wie ein Tourist.
Er geht durch den Flughafen, Ankunftshalle, es ist nicht ganz klar, wohin. Ein junger Mann mit einer Tasche in der Hand .
Aus rechtlichen Gründen wurde dieser Artikel nachträglich bearbeitet .
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 49/2009
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Die Reise des jungen Herrn Eke

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