30.11.2009

UMWELT„Das eigene Leben riskieren“

Der neue Greenpeace-Chef Kumi Naidoo über Menschenrechte, Hungerstreiks und seine offene Haltung zur Gentechnik
Naidoo, 44, zählt zur indischen Minderheit Südafrikas. Er kämpfte schon als Jugendlicher gegen die Apartheid, studierte in Oxford und war bisher als prominenter Menschenrechtler bekannt. Seit Mitte November leitet er Greenpeace International.
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SPIEGEL: Herr Naidoo, was hat ein Menschenrechtsaktivist an der Spitze einer Umweltschutzorganisation zu suchen?
Naidoo: Nehmen Sie die Überfischung der Ozeane. Sie bedroht nicht nur viele Tierarten, sondern zerstört auch die Nahrungsgrundlage ärmerer Länder, verletzt also ein Menschenrecht.
SPIEGEL: Anfang des Jahres sind Sie in den Hungerstreik getreten, weil Südafrika das Mugabe-Regime toleriert. Könnten solche Protestformen Ihrer Umwelttruppe neues Leben einhauchen?
Naidoo: Im Kampf für Menschenrechte waren Menschen seit je bereit, ins Gefängnis zu gehen oder sogar ihr Leben zu riskieren. Viel von diesem Geist ist auch bei Greenpeace vorhanden; doch ich will noch mehr dieser Leidenschaft für den politischen Kampf einbringen.
SPIEGEL: Für welches Umweltziel würden Sie in den Hungerstreik treten?
Naidoo: Im Kampf gegen das derzeit drängendste Menschheitsproblem: den Klimawandel. Über radikale Aktionen wie Hungerstreiks haben wir bei Greenpeace kürzlich in der Tat schon nachgedacht. Wenn die Klimakonferenz in Kopenhagen scheitert, dann ist das nicht nur ein Versagen der politischen Kaste, sondern auch unserer Kampagnen. Politischer Kampf ist ein Marathon, der notfalls das ganze Leben dauern kann. Beim Klimawandel allerdings haben wir nicht einmal mehr Zeit für einen Halbmarathon.
SPIEGEL: Greenpeace gehört inzwischen zum Öko-Establishment. Wie wollen Sie mehr junge Menschen begeistern?
Naidoo: Mit jungen Menschen kenne ich mich aus. Ich selbst habe mit 14 meinen politischen Kampf begonnen. Außerdem will ich auch religiöse Aktivisten stärker an uns binden. Bei denen gibt es großen Widerstand gegen die Zerstörung der Schöpfung. Und ich will auch die Menschen im Süden, die heute Armen und Unterdrückten, von unseren Zielen überzeugen.
SPIEGEL: Selbst unter Greenpeace-Aktivisten ist die Nähe zur Industrie umstritten ...
Naidoo: Wir kuscheln doch nicht. Wir packen die Unternehmen hart an, um sie zu einem bestimmten Ziel zu drängen. Coca-Cola haben wir zum Beispiel dazu gebracht, Kühlschränke ohne klimaschädliches Kühlmittel zu verwenden. Das heißt nicht, dass wir Coca-Cola liebhaben.
SPIEGEL: Biologen halten den Walfang nicht mehr für ein vordringliches Problem. Sind Ihre Schlauchbootaktionen gegen Walfangschiffe noch zeitgemäß?
Naidoo: Staaten und Konzerne greifen wir nie ohne guten Grund an. Aber natürlich brauchen auch wir Bilder, um komplexe Botschaften für den normalen Bürger auf einfache Weise aufzubereiten.
SPIEGEL: Die Gentechnik hat den Goldenen Reis hervorgebracht, der unterernährte Kinder mit Vitamin A versorgen und vor der Erblindung bewahren könnte. Was hat ein afrikanischer Greenpeace-Chef dagegen?
Naidoo: Über diese Frage habe ich ein ganzes Wochenende lang nachgedacht. Ich habe keine naturwissenschaftliche Erfahrung, und deshalb will ich auch alle unsere wissenschaftlichen Positionen noch einmal untersuchen. Wir müssen sichergehen, keine neue, richtige Entwicklung zu verpassen.
SPIEGEL: Würden Sie für den Klimawandel sogar den Neubau von Atomkraftwerken propagieren?
Naidoo: Alles ist in Bewegung. Wenn es etwa für die Speicherung von Kohlendioxid plötzlich gute Gründe gibt, wollen wir uns nicht blind stellen. Bei der Atomenergie halte ich eine Kehrtwende aber für extrem unwahrscheinlich. Sie ist und bleibt eine Gefahr für die Menschheit.
INTERVIEW: GERALD TRAUFETTER
Von Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 49/2009
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