30.11.2009

DEBATTE„GEHT'S NOCH OHNE PSYCHIATER?“

DARF MAN, SOLL MAN, MUSS MAN ISRAEL KRITISIEREN? EIN STREIT DER SPIEGEL-REPORTER ERICH FOLLATH UND HENRYK M. BRODER
Lieber Kollege Broder,
zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit haben Sie auf Ihrer Website einen Kommentar von mir mit einem Gegenkommentar gewürdigt. Das ehrt. Erlauben Sie mir aber doch einige Anmerkungen zu Ihren jüngsten Ausführungen. In guter alter Polemiker-Manier unterstellen Sie mir nämlich Behauptungen, die ich nicht gemacht habe, um diese dann krachend zu widerlegen. Und Sie unterschlagen Differenzierungen, die ich vorgenommen habe, um diese dann mit Vehemenz einzufordern.
Sie beklagen meine "Äquidistanz" zum iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad und dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu. Sie behaupten weiterhin, ich reduzierte den Nahost-Konflikt auf einen "Clash zweier Egomanen". Sie prangern an, ich hielte den iranischen Präsidenten und den israelischen Premier für "Auserwählte". Dabei will ich überhaupt nichts an Ahmadinedschads schlimmen Drohungen "wegdebattieren". Das alles ist Quatsch. Die Politik der jetzigen rechtsgerichteten Jerusalemer Regierung zu kritisieren bedeutet aber doch etwas ganz anderes und nützt, denke ich, dem Land mehr als das undifferenzierte Beklatschen jeder Netanjahu-Zumutung.
Was ist denn bloß mit dem selbstironischen, die jüdischen Rechtsaußen früher kritisch begleitenden Broder passiert, dem Mann, der "Die Irren von Zion" geschrieben hat? Warum, lieber Kollege, verteidigen Sie inzwischen sogar einen Politiker wie den rassistischen Scharfmacher Lieberman, von dem Sie doch auch wissen müssten, dass er eine Schande im israelischen Außenamt ist? Diesen Mann, der nach eigenen Aussagen "palästinensische Gefangene im Toten Meer ertränken" und den Assuan-Staudamm sprengen wollte. Weshalb soll nur ein Israeli wie beispielsweise der Historiker Tom Segev sagen dürfen, was wir doch alle empfinden, die wir dieser Tage sehenden Auges durch Israel reisen, nämlich dass das Land selbstmörderisch nach rechts rückt, dass die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid der Palästinenser ständig wächst, dass von Liebermans Partei "Fremdenhass geschürt" wird?
Mit Ihrer Polemik zu meinen Texten kann ich leben. Wenn aber Leute im Umfeld Ihres Blogs mich einen "blutrünstigen Schreibtischtäter" oder einen "antisemitischen Schmierfink" nennen und fordern: "Schickt den Bastard in die Hölle" - dann sind die Grenzen deutlich überschritten.
Was könnte ich Ihnen, lieber Henryk Broder, androhen, falls Sie nun zum Serientäter werden und mich noch ein drittes Mal auf Ihrer Website "Achse des Guten" zum Bösewicht stempeln? Mir fällt nur eines ein: Ich kündige in meiner Eigenschaft als blutrünstiger Schreibtischtäter an, Ihnen keine Krawatte mehr zu leihen - wie ich es unlängst auf der Frankfurter Buchmesse noch tat, als Sie an meine Zimmertür klopften. Dann sind Sie aufgeschmissen. Aber es muss ja nicht so weit kommen.
Mit freundlichen Grüßen Erich Follath
Lieber Herr Follath,
nach ein paar umtriebigen Tagen komme ich jetzt dazu, Ihren Brief in Ruhe zu beantworten, weil ich von der Richtigkeit des Spruches "Klarheit vor Einheit" überzeugt bin.
Natürlich lesen Sie Ihren Text anders, als ich ihn gelesen habe. Das ist Ihr gutes Recht. Mein gutes Recht ist es freilich, zwischen Ihren Zeilen zu lesen. Da ist die ewige deutsche Sorge darüber zu erkennen, ob denn die Israelis die Lehren aus der Geschichte wirklich gelernt hätten. Als es Scud-Raketen auf Tel Aviv regnete, äußerte sich diese Sorge in der Aufforderung, nicht zurückzuschießen, das könnte die Situation eskalieren lassen und zu einem Krieg führen.
Damals wie heute wurde ganz selbstverständlich angenommen, es sei gute alte jüdische Tradition, sich nicht zu wehren. Denn die Welt mag tote Juden und ist bereit, ihnen Mahnmale zu widmen, nimmt es ihnen aber übel, wenn sie sich nicht dem Weltfrieden zuliebe aus der Geschichte verabschieden wollen.
Sie fragen: Was ist denn bloß mit Broder passiert? Ich sag es Ihnen gerne. Es gibt jetzt zum ersten Mal seit dem Sechstagekrieg eine existentielle Bedrohung für Israel. Sie machen nun den Vorschlag, Ahmadinedschads genozidale Phantasien "metaphorisch" zu verstehen, und wundern sich anschließend darüber, dass ich Ihnen nicht folgen kann.
Ich habe mir in der Tat früher gewünscht, die Israelis mögen über Nacht aus den besetzten Gebieten abziehen und die Palästinenser sich selbst überlassen. Seit dem Abzug aus Gaza weiß ich, dass dies nicht möglich ist. Auch Sie, lieber Herr Follath, könnten dann nicht mehr nach Israel fliegen, weil der Tel Aviver Flughafen in Reichweite der selbstgebastelten Raketen liegen würde, die aus Kalkilja und Tulkarem abgefeuert würden. Reicht das als Antwort auf Ihre Frage, was mit mir passiert ist?
Sie mögen "Bibi" Netanjahu nicht? Kann ich verstehen. Sie finden Lieberman einen Widerling, der Israels Ansehen schadet? Ich bin ganz Ihrer Meinung. Aber warum sagen Sie es dann nicht? Warum verstecken Sie sich hinter Tom Segev? Ist der unfehlbar? Oder nur Ihr Alibi-Jude?
Ich erkläre Ihnen auch gerne, warum Israel nach rechts gerückt ist. Als Bibi gewählt wurde, war Ahmadinedschad schon vier Jahre im Amt. Vier Jahre lang bekamen die Israelis mit, wie er mit Europa, den USA und der Uno Katz und Maus spielte, wie immer neue Sanktionen angedroht wurden und wie er derweil sein atomares Potential ausbaute, während verkommene "Experten" wie Udo Steinbach erklärten, Europa habe keinen Grund, sich bedroht zu fühlen. Bibi ist die Reaktion auf Mahmud, nicht umgekehrt.
Es ist mehr als fies, lieber Herr Follath, wenn Sie mich einem "Umfeld" zurechnen und dafür verantwortlich machen, was in diesem Umfeld passiert. Ich hab davon weder etwas gehört noch was gelesen. Auch nicht die Ausfälle gegen Sie.
Es wäre mir ein Leichtes, Ihnen mit gleicher Münze heimzuzahlen und Ihnen ein paar Links zu rechtsradikalen und antisemitischen Blogs zu schicken, die von Ihrem Brief an Lieberman ganz begeistert waren. Ich tue es nicht, weil ich Sie für die Idiotien anderer nicht haftbar mache. Sie haben damit mir gegenüber weniger Skrupel.
Das muss doch nicht sein, lieber Kollege, für die Krawatten-Hilfe werde ich Ihnen ewig dankbar sein. Wenn Sie mal ein paar Fäustlinge brauchen, werde ich mein letztes Paar für Sie opfern.
Beste Grüße, Ihr HB
Lieber Herr Broder,
herzlichen Dank für Ihr Schreiben. Natürlich haben Sie alles Recht der Welt, meine Texte so zu lesen, wie Sie wollen, aber ich "verstecke" mich mit meiner eigenen Überzeugung keineswegs, wüsste keinen Grund, das zu tun. Warum Sie die übliche journalistische Praxis so anprangern, zur Unterstützung der eigenen Meinung auch noch einige hochangesehene Zeitzeugen zu zitieren, verstehe ich nicht. Tom Segev ist doch ein kluger Autor und so wenig "mein Alibi-Jude" wie Sie irgendjemandes Alibi- oder Ali-Bibi-Jude sind.
Im Übrigen ist man sicher nicht für alle seine Freunde verantwortlich, aber man kann sich sehr wohl von denen distanzieren, mit denen man nicht in einen Topf geworfen werden will. Um ganz ehrlich zu sein: Ich vermisse Ihre Bereitschaft dazu, nebst einem Hauch von Empörung über diese Ausfälle gegen mich. Aber ich will Sie da um Gottes willen nicht zum Jagen tragen. Das Ergebnis könnte ja die Szene verwirren.
Neben all Ihren hübschen Spitzen gegen mich finde ich in Ihrem Text eine bemerkenswerte und höchst diskussionswürdige Passage: die, in der Sie erklären, warum Israel Ihrer Meinung nach in seiner Existenz heute umfassender bedroht ist.
Darüber sollten wir mal jenseits aller Polemik diskutieren. Darüber, ob diese existentielle Angst vor Terror und dem Mann in Teheran in diesem Ausmaß berechtigt ist. Oder ob eher eine andere Macht Israel gefährden kann - nämlich Israel selbst, durch seine Besatzungspolitik und seine, auch nukleare, Über-Rüstung, durch seine Haltung "uns ist die Welt egal, sie ist ja ohnehin gegen uns".
Meinen Sie wirklich, was Sie da schreiben: "Die Welt mag (nur) tote Juden"? Ist das nicht eine Obsession? Und noch eine Kernfrage: Wie hart dürfen/können/sollen Deutsche denn die israelische Politik kritisieren? Ich habe geschrieben, dass die Garantie des israelischen Staates durch die Deutschen nicht nur eine Selbstverständlichkeit sei, sondern eine politische Grundvoraussetzung. Sie nannten das abschätzig ein "Lippenbekenntnis". Ich könnte mir vorstellen, hätte ich diesen Satz nicht geschrieben, wäre er von Ihnen eingefordert worden, nach dem Motto: Er kriegt nicht einmal hin, diese Worte auszusprechen.
Die Deutschen haben's schon schwer, könnten Sie jetzt sagen, erst sechs Millionen Juden umbringen und dann sich über die daraus resultierenden semantischen Probleme beklagen. Aber zumindest ich fühle mich in all diesen Fragen nicht sicher, und ich finde, sie gehören offen und kontrovers diskutiert, ohne dass die Antisemitismus-Keule herausgeholt wird. "Klarheit vor Einheit" schreiben Sie. Schon richtig. Aber "Klarheit geht vor Zwietracht" gilt doch auch.
Mit freundlichen Grüßen und dem Hinweis, dass ich nun auch eine Krawatte in Grün (Farbe des Islam, aber auch der iranischen Opposition) zu verleihen habe.
Ihr Erich Follath
Lieber Herr Follath,
ich bin der Überzeugung: Europa sagt das eine und macht das andere. Natürlich gibt es eine "Solidarität" mit Israel, und einige Politiker (Merkel z. B.) meinen es sogar ernst. Aber es gibt noch etwas anderes: das schlechte Gewissen der Europäer (nicht nur der Deutschen) gegenüber den Juden, eine offene Rechnung, die man gerne abschließen möchte, den Wunsch, jemand möge den Job zu Ende bringen, den die Nazis nicht zu Ende bringen konnten. Israel ist ein Störenfried im doppelten Sinne. Erstens stört es den Frieden im Nahen Osten, zweitens den Seelenfrieden der Europäer, weil es sie ständig daran erinnert, was sie gemacht bzw. geduldet haben. Wenn also, Gott behüte, Ahmadinedschad Israel angreifen sollte, wäre das für die Europäer aus zwei Gründen sehr erfreulich: Erstens würde der vorletzte Holocaust im Dunst des letzten verschwinden, zweitens könnten sie das nachholen, was sie '33 bis '45 versäumt haben: sich mit den Juden zu solidarisieren.
Dazu gehört auch die unglaubliche Konjunktur, die einige jüdische Rentner, Dummköpfe, Selbsthasser und Bruchpiloten in der Bundesrepublik genießen. Bis hin zu Alfred Grosser, dem Politologen aus Paris. Man lässt Juden reden, die mit sich und mit Israel ein Problem haben. Das ist viel eleganter, als wenn man selber in den Ring steigen würde. All die Segevs, Burgs, Oz', Avnerys, das sind die nützlichen Idioten des schlechten Gewissens der guten Deutschen.
Und noch ein letztes Wort zu den Leuten, die Ihnen "das Handwerk legen" wollen. Wenn das jemand in meinem Beisein sagen würde, würde ich ihm die Fresse polieren. Aber ich sehe keinen Grund, für Sie in die Bütt zu steigen, weil Sie, lieber Kollege, auch für mich nicht in die Bütt gestiegen sind, als genau diese Forderung mir gegenüber in der "taz" erhoben wurde.
Gruß aus Holland, Ihr HB
Lieber Herr Kollege Broder,
Europa, schreiben Sie, sei beseelt von dem "Wunsch, jemand möge den Job zu Ende bringen, den die Nazis nicht zu Ende bringen konnten". Abseitiger geht's nimmer. Aber Sie führen den Gedanken ja dann tatsächlich weiter aus. Als ich das nochmals las und dann ein drittes Mal, da hab ich es bemerkt: Hier spricht nicht Henryk M. Broder, der augenzwinkernde, lustvoll provozierende Easy Rider der deutschen Sprache - Börne to be wild -, hier spricht einer, der das wirklich ernst meint. Und deshalb sollten wir darüber reden, und ich denke, es geht auch, ohne einen Psychiater zu Rate zu ziehen.
Das Problem ist, Israelis und Palästinenser müssten sich endlich in den anderen hineinversetzen, um zu erkennen, was sie sich gegenseitig antun. Das gelingt in der aufgeheizten Atmosphäre, in der jeder jedem alles unterstellt - nur keinen guten Willen -, überhaupt nicht mehr. Die Wurzeln des Terrors zu sehen, lieber Herr Kollege, aber heißt nicht, für ihn Verständnis zu haben oder ihn gar zu billigen. Ehud Barak wurde 1999 einmal gefragt, was er getan hätte, wenn er in einem palästinensischen Flüchtlingslager auf die Welt gekommen wäre. Er antwortete: "Ich hätte mich früher oder später einer Terrororganisation angeschlossen."
Natürlich haben die Israelis jedes Recht, sich eine ultranationalistische Regierung zu wählen und sich einen Außenminister zu leisten, dessen Grundpositionen knapp rechts von Dschingis Khan anzusiedeln sind - aber woher nur in aller Welt nehmen viele Israelis den Anspruch und die Erwartung, dass niemand in Europa dies kritisieren sollte? Jedenfalls nicht kritisieren, ohne sich als "Antisemit" beschimpfen lassen zu müssen?
Sie schreiben vom permanenten "schlechten Gewissen der Europäer" gegenüber Israel: Ich weiß nicht, warum sie das haben sollten, jedenfalls in meiner Generation. Scham ja, Scham für das, was im Namen der deutschen Nation begangen wurde, Scham dafür, was die anderen europäischen Nationen historisch nicht verhindern wollten oder konnten. Aber Schuld? Sie ist geheuchelt und unangebracht bei denen, die mit dem Holocaust schon altersmäßig nichts zu tun haben konnten.
Wieso glauben Sie eigentlich, lieber Herr Broder, dass die wahren Israel-Freunde diejenigen sind, die israelische Politiker mit harter Kritik verschonen? Könnten die wahren Antiisraelis nicht vielmehr diejenigen sein, die das Land als Hort der Holocaust-Überlebenden über jede Kritik erhaben finden? "Europa dämonisiert Israels sechs Millionen Juden", schreibt Ihr Freund Leon de Winter in einem seiner islamophoben Artikel. Ich sehe das ganz anders: Europa packt Israels sechs Millionen Juden - oder vielmehr: deren jetzige Regierung - viel zu sehr in Watte. Und beleidigt sie im Grunde mit dieser Sonderbehandlung.
Natürlich sieht sich Israel realen Gefahren gegenüber, das bestreitet keiner. Aber Israel ist andererseits auch die stärkste Militärmacht der Region, die einzige mit Atomwaffen.
Neben den Palästinensern, die sich ständig nur als Opfer definieren, stehen ihre israelischen Brüder und wollen nicht weniger in dieser Rolle anerkannt werden. Wer Israels Opferrolle auch nur relativiert, macht sich verdächtig. Wer den Mythos hinterfragt und argumentiert, dass Israel zumindest partiell auch Täter ist im Nahen Osten, wer sagt, dass die sogenannten Siedlungen nicht primär der Verteidigung Israels dienen, sondern schlicht koloniale Landnahme sind, um einen zusammenhängenden, lebensfähigen palästinensischen Staat zu verhindern, muss sich dubiose Motive und Vorurteile unterstellen lassen.
Lieber Herr Kollege, Sie haben ja so recht, wenn Sie sinngemäß in einem Ihrer Bücher schreiben, dass der Islam sich als tolerante Religion erst an dem Tag beweisen wird, wenn ein Mädchen im Bikini durch Mekka schlendern darf, ohne gesteinigt zu werden. Ich nehme an, das wird an demselben Tag passieren, an dem schwangere Mütter während eines beliebigen jüdischen Sabbat in einem Krankenwagen durch Jerusalem fahren dürfen, ohne gesteinigt zu werden. Vielleicht sollten wir die Fanatischen beider Religionen zusammensperren, sagen wir in Uganda oder Alaska oder, von mir aus, auch in Schläfrig-Holstein, das Sie ja schon mal den Juden schenken wollten (aber bitte mitsamt den dortigen Politikern); ich denke, die verstünden sich prächtig - und wir wären sie los.
Es grüßt Sie herzlich, Ihr Erich Follath
PS Unser rhetorisches Duell, fällt mir auf, knirscht gelegentlich wie Schmirgelpapier und raschelt eher selten wie Seide. Mir gefällt's so. Wollen wir es dabei belassen? Oder sollen wir doch mal die Waffen bestimmen: Florett, Vorschlaghammer, Guillotine?
Lieber Herr Follath,
entschuldigen Sie bitte, dass ich auf Ihren letzten Brief erst heute reagiere. Ich treibe mich in Neuengland rum, genieße die Banalität des Alltags auf dem Lande und muss jeden Tag so existentielle Probleme lösen wie: Lobster oder Lamb Chops?
Sie sind doch ein kluger Mensch, erfahrener Schreiber und routinierter Hingucker. Warum tun Sie dann so, als ob Sie mich nicht verstehen würden? Als ob das, was wir auf der Oberfläche sehen können, alles wäre, was es zu sehen gibt? Wenn Sie mir kurz folgen mögen, kommen wir beide sicher ohne einen Psychiater aus.
Sie werden nicht annehmen, nur die Juden hätten ein Problem mit dem Holocaust, weil sie die Betroffenen waren, weil in fast jeder Familie irgendwo mindestens ein Foto rumsteht, auf dem Angehörige zu sehen sind, von denen man weiß, dass sie tot sind und mit wessen Hilfe sie vom Leben zum Tod befördert wurden.
Auf der Gegenseite steht dann oft ein Foto vom Opa oder Vater in Wehrmachts- oder SS-Uniform. Meine Erfahrung ist, dass diese Familien ein noch größeres Problem haben, völlig unabhängig davon, was Opa wirklich gemacht hat. Die Vorstellung, was er gemacht haben könnte, reicht.
Ich war mal bei einer theatertherapeutischen Sitzung einer sogenannten Täter-Opfer-Gruppe der zweiten Generation dabei. Als Beobachter, ich schwöre es.
Es waren durchweg Kinder von KZ-Überlebenden auf der einen Seite und Kinder von "Nazis" auf der anderen Seite. Richtig irre wurde es, wenn die Rollen getauscht wurden, dann durften die Kinder der KZ-Überlebenden "Nazis" spielen, und die Kinder der "Nazis" spielten die Juden.
Die Idee, für ein paar Minuten die Täter zu sein, hatte für die Juden was Tröstliches, für die Kinder der "Täter" aber war es eine Option, aus ihrer Familiengeschichte auszusteigen: einmal auch Opfer sein! Und von einem Juden beschimpft und gefoltert zu werden! Was für eine Erleichterung.
Diese Situation erleben wir täglich in der Wirklichkeit. Zum einen imaginieren sich die Deutschen immer mehr in die Rolle der Opfer, deswegen wird alle drei Monate ein "Tabu" gebrochen, das "Vertreibung" oder "Gustloff" oder "Bombenholocaust" heißt, deswegen rutschen die Juden, die jetzt Zionisten heißen, immer weiter auf die Seite der Täter, die sich den Palästinensern gegenüber so verhalten, wie sich die Nazis den Juden gegenüber verhalten haben. Man könnte sagen: Je schuldiger die Juden/Zionisten werden, desto unschuldiger fühlen sich die Deutschen/ Ex-Nazis. Das ist doch ganz einfach.
Kein Mensch wird durch Leiden in einen moralischen Ritterstand erhoben, auch nicht die Juden. Aber die Deutschen können nicht nur die Erinnerung daran, was sie (bzw. deren Eltern und Großeltern) den Juden angetan haben, nicht ertragen, sie tun sich noch schwerer mit der Vorstellung, die Juden könnten ihnen moralisch überlegen sein, weil sie so gelitten haben, und das ist noch nicht alles. Es gibt ja noch schlechte Juden, Krawallos wie Leon de Winter und mich, die nicht aufhören können, in alten Wunden zu stochern.
Ich springe jetzt zu Ihrem Satz: "Sie (Broder) schreiben vom permanenten 'schlechten Gewissen der Europäer' gegenüber Israel: Ich weiß nicht, warum sie das haben sollten, jedenfalls in meiner Generation."
Dass Sie (Follath) kein schlechtes Gewissen spüren, bedeutet ja nicht, dass Sie keines haben. Im Übrigen tappen Sie in Ihre eigene Falle. Ich finde es mehr als geschmacklos, wie heiterunbefangen Sie den Begriff "Sonderbehandlung" benutzen, um ihn zu denazifizieren. So heiter unbefangen, wie die Palästinenser "Ghetto" und "Holocaust" benutzen, um sich als die Juden des 21. Jahrhunderts zu präsentieren.
Was wäre denn das richtige Mittel, mit der unwürdigen "Sonderbehandlung" der Israelis aufzuhören? Könnte man vielleicht ein Veteranen-Kommando der Legion Condor nach Tel Aviv schicken, um die israelische Regierung zur Räson zu bringen? Sonderbehandlung! Wie angesteckt Sie vom schlechten Gewissen sind, das nach Entlastung schreit, kommt allein in diesem Wort zum Vorschein.
Ich finde es ebenso wie Sie unsäglich, dass der orthodoxe Mob die säkulare Bevölkerung in Jerusalem terrorisiert, dass es eine Buslinie zwischen Jerusalem und Bnei Brak gibt, in der Männer und Frauen getrennt sitzen. Juden, die so leben wollen, sollen nach Saudi-Arabien auswandern. Aber das hat mit dem Nahost-Konflikt nix zu tun, es sind die mentalen Folgen von 2000 Jahren Diaspora. Haben Sie mal diese Ekelgestalten in Rabbinerkostümen gesehen, die zu Ahmadinedschad gefahren sind und sich von ihm abknutschen ließen? Was sagt uns das? Gar nix. Außer dass es auch bekloppte Juden gibt, die es genießen, die nützlichen Idioten der linken Antisemiten und Antizionisten zu sein, die ihrerseits alles verachten, was nach Religion riecht. Nur wenn ein paar durchgeknallte Juden, die auf den Messias warten, für das baldige Ende Israels beten, tritt auch das weltliche Anti-Israel-Pack zum Feldgottesdienst an.
Jetzt muss ich mich wieder relevanten Problemen widmen: Pizza oder Pasta? Sie sehen, das Leben ist kein Ponyhof.
Beste Grüße aus Lexington, Ihr HB
Lieber Kollege Broder,
so, so. Sie nun in Neuengland, zwischen Lobster und Lamm schwankend, während ich in Israel die Fahne hochhalte: Gefilte Fisch oder Falafel. Ansonsten: Gott ein Ortsgespräch, Zion und Zoten, und wenn man die Stadt überdachen würde, wär's eine geschlossene Anstalt - wem erzähl ich's, Sie kennen das.
In Ihrer letzten Mail breiten Sie genüsslich Ihre Vorwürfe aus - na, haben wir da den Kollegen wieder bei seiner unerlaubten Fundamentalkritik an Israel mitsamt verkapptem Nazi-Jargon entlarvt und damit seinen im Unterbewusstsein schlummernden Antijudaismus, Antizionismus und was sonst noch alles aufgedeckt?
Wer hat Sie denn in diese merkwürdige Theater-Versuchsanordnung hineingetrieben, wo die Kinder der KZ-Überlebenden "Nazis" spielten und die Kinder der Nazis dann Juden sein durften? Sie haben sich, da Sie ja bei diesem gruseligen Schwachsinn offensichtlich dabeigeblieben sind, tief in Ihrem Inneren so etwas gewünscht, sagen wir, um Ihre Dämonen der Vergangenheit zu verjagen oder Ihre unbewusst empfundene Schuld zu sublimieren. Totaler Schwachsinn, sagen Sie? Ganz genau. Aber so argumentieren Sie, werter Kollege. Sie nehmen das "therapeutische Theater" zum Ausgangspunkt Ihrer Argumentation für die "Wirklichkeit" im Verhältnis zwischen Deutschen und Juden, für den Umgang mit dem Staat Israel. Und da wird's dann sehr, sehr problematisch.
Sie schreiben: "Dass Sie (Follath) kein schlechtes Gewissen spüren, bedeutet ja nicht, dass Sie keines haben." Kühnes Gedankenkonstrukt. Klingt für mich so ähnlich wie: Sie haben sich schuldig gemacht, Sie wissen es nur noch nicht. Und Sie wären noch schlimmer geworden, hätten Sie eine Gelegenheit gehabt, und das ahnen Sie tief in Ihrem Inneren. Mein Leben als Nachkriegsdeutscher: eine unausweichliche persönliche Nazi-Erbsünde? Und bei dieser Versuchsanordnung soll ich mitmachen? Mensch Broder, da verdränge ich doch lieber weiter und haue undifferenziert auf die liebenswerten israelischen Politiker drauf, nehmen Sie mir's nicht übel.
Sie schreiben: "Kein Mensch wird durch Leiden in einen moralischen Ritterstand erhoben, auch nicht die Juden" - genauso ist es. Deshalb ist es auch großer Quatsch, von den durch erlittene Pein angeblich geläuterten, "sensibilisierten" Juden einen höheren Menschenrechtsstandard zu verlangen als von Angehörigen anderer Nationen. Aber auch der Umkehrschluss ist richtig: Aus dem früher erlittenen Leid erwächst nicht der Anspruch, sich internationalen Maßstäben und Normen entziehen zu dürfen. Kommen Sie mir nicht mit der ständigen Bedrohung durch die Nachbarn. Auch andere Nationen sind bedroht und werden gezwungen, sich den Anforderungen der Vereinten Nationen zu unterwerfen. Israel aber spielt permanent die internationale Primadonna. Jeder Uno-Beschluss zur Siedlungspolitik eine Zumutung, jeder Rot-Kreuz-Bericht zu Menschenrechtsverletzungen "kriminell einseitig".
Glauben israelische Politiker diesen Unsinn? Oder steigern sie sich in die Opferrolle absichtlich hinein, um sich nicht an ihren eigenen demokratischen Maßstäben messen zu müssen?
Wir kommen immer wieder in unserer Diskussion zu der Frage zurück: Wann nimmt Kritik an Israel antisemitische Züge an? Wer entscheidet das? Und ich darf noch eine neue Frage hinzufügen: Unterscheidet sich Antisemitismus von anderen Formen des Fremdenhasses, insbesondere vom Hass auf alles Islamische?
Sie knöpfen sich den smarteren, subtileren Antisemitismus der sogenannten Mitte vor. "Wie jedes Ressentiment geht auch der Antisemitismus mit der Zeit", schreiben Sie in der "FAZ" (die Ihre Story übrigens unter einem hübschen Titel druckt: "Heiteres Antisemitenraten"). "Sich von dem Antisemitismus der Nazis zu distanzieren ist heute eine der Voraussetzungen, um einen sauberen Antisemitismus praktizieren zu können, der nicht mit Auschwitz assoziiert wird."
Sie haben sich, scheint mir, so etwas wie Ihre private Antisemitismus-Keule gebastelt. Eine Weiterentwicklung des Harald- Schmidt-Nazometers, das immer ausschlug, wenn sich umgangssprachlich der Verdacht verbaler Nazi-Ausrutscher ergab.
Nun komme ich zu den Passagen Ihrer Mail, die ich Ihnen wirklich übelgenommen habe: Ich weiß sehr wohl, dass "Sonderbehandlung" - im Kontext mit jüdischen Häftlingen - als Euphemismus für "Ermordung" benutzt wurde. Ich weiß, ich begebe mich jetzt aufs Glatteis, aber ich finde, man kann darüber streiten, ob der Begriff für alle Zeiten nazistisch kontaminiert oder schon wieder in einen "unschuldigen" Sprachgebrauch übergegangen ist. Ein Beispiel: CDU-Größe Kauder kämpft für das gleiche Recht aller deutschen Autokonzerne: "Keine Sonderbehandlung für Opel!" Meines Wissens hat der Zentralrat der Juden nicht protestiert. Wie Sie es schaffen, mir daraus einen Strick zu drehen und mir mit ein paar semantischen Schlenkern tiefsitzende Ressentiments zu unterstellen, das muss Ihnen erst einmal jemand nachmachen.
Ich werde jetzt mal genauso (un)sachlich und (un)dialektisch zurückschlagen: Wenn Sie Israel Menschenrechtsverletzungen durchgehen lassen, die man anderswo anprangern würde, beispielsweise den Einsatz von Streubomben oder auch nur das Ausgrenzen der Gaza-Bevölkerung, wenn Sie Israel also sonderbehandeln - fördern Sie dann nicht den Antisemitismus?
Warum nur, lieber Kollege, schaffen Sie es immer wieder, Gräben aufzureißen, wenn wir auf der gleichen Wellenlänge sind wie in Sachen Bibi Netanjahu? Natürlich wird nicht alles gut im Nahen Osten, wenn Israel seine Besatzung aufgibt - geschenkt, hat doch keiner behauptet. Ich denke nur, nichts wird sich im Nahen Osten positiv verändern, ohne dass sich Israels Besatzungspolitik verändert. Natürlich ist jeder Kompromiss ein Stück Selbstaufgabe mit offenem Ausgang. Wenn aber alle davon ausgehen, dass jede Veränderung zum Schlimmeren führt, dann wird sich gar nichts tun. Vielleicht wollen Sie ja den Status quo, wie so viele Israelis, die es sich derzeit in den Tagen relativer Ruhe an allen Fronten einigermaßen bequem eingerichtet haben. Und denen es zuwider ist, nach links und rechts zu schauen, und schon gar nicht hinüber nach Palästina. Über die arabische Kunst, jede Chance auf eine Chance der Verständigung zu verpassen, müssen Sie mich nicht aufklären. Ich finde wie Sie die Hamas unappetitlich, auch wenn manches für Verhandlung gerade mit den Radikalen spricht.
Über alles können wir streiten, lieber Kollege, nur nicht über eine angeblich unterschwellige Agenda, die mein Denken prägt; da mache ich nicht mit. Ich habe mit der Auschwitz-Überlebenden Ida Löw weinend am Grab ihres Mannes gesessen, ich war in Dachau und Jad Vaschem. Von der empfundenen Scham kann mich keiner erlösen. Von der nichtempfundenen Schuld muss mich keiner erlösen. Also bitte: Es mag den von Ihnen bemühten (Selbst)Erlösungsantisemitismus ja geben, aber kleben Sie ihn mir nicht an. "Wer Jude ist, bestimme ich!", hat Karl Lueger, der antisemitische Bürgermeister von Wien vor hundert Jahren gesagt. Nun drehen Sie bitte nicht den Spieß um und sagen: "Wer Antisemit ist, bestimme ich." Auch Sie haben den Lackmustest dafür nicht erfunden. Sollten wir uns darauf einigen können, bin ich sehr für ein gemeinsames Essen - Lammkotelett oder Lobster klingt nicht schlecht, ich habe eine Gefilte-Fisch-Falafel-Allergie.
In alter Freundschaft, Ihr Erich Follath
Lieber Herr Follath,
ich schlage vor, wir gehen tatsächlich zusammen essen, brüllen uns an, und wer zuerst heiser ist, zahlt die Rechnung, okay? Chinese, Thai oder Vietnamese?
Lieber Herr Broder,
sehr einverstanden mit dem Essensvorschlag auf unkoscherem Gelände! Bei dem hohen Unterhaltungswert unserer Beiträge für die ja mit Kopien unseres Schriftverkehrs einbezogene Chefredaktion wird das als Info-Gespräch abgerechnet.
Viele Grüße, Erich Follath
Lieber EF,
so machen wir es.
Und unkoscher muss es sein, sonst komm ich nicht mit.
Ihr HB

Die Regierungen Israels und Deutschlands
werden an diesem Montag erstmals in Berlin zu einer gemeinsamen Kabinettssitzung zusammenkommen. Mehr als 60 Jahre nach dem Untergang des "Dritten Reichs" sollen Freundschaft und Verständigung zwischen beiden Staaten gefördert werden. Gestritten wird in Berlin ganz sicher nicht, obwohl die Kontroversen um den Ausbau der jüdischen Siedlungen, um die Gräuel des Gaza-Kriegs und um den Umgang Israels mit den Palästinensern besonders heftige Emotionen wecken, besonders hierzulande: Darf man, soll man, muss man als Deutscher Israel kritisieren - und in welcher Form? Zwingt die deutsche Geschichte nicht zu besonderer Rücksichtnahme, oder fordert sie sogar besondere Klarheit im Umgang mit Israel? Und vor allem: Ab wann ist Kritik an Israel auch antisemitisch? In der SPIEGEL-Redaktion wird um diese Fragen seit langem gestritten, in den vergangenen Monaten führte dies auch zu einem hausinternen E-Mail-Verkehr zweier Reporter, die beide aus eigenem Erleben viel von dem Thema verstehen, aber in ihrer Haltung nicht unterschiedlicher sein können. Erich Follath, Jahrgang 1949, in Schwaben geborener Sohn ungarndeutscher Flüchtlinge, reiste als 19-Jähriger erstmals nach Israel, um dort sechs Wochen lang in einem Kibbuz zu arbeiten. Als Journalist hat er später Titelgeschichten über Israel geschrieben, israelische Politiker wie Schimon Peres und Benjamin Netanjahu interviewt und ein Buch zum Thema verfasst ("Das Auge Davids"). Follaths Gegenpart ist Henryk M. Broder, 1946 in Kattowitz als Sohn jüdischer Eltern geboren. Broder, der von 1981 bis 1990 in Jerusalem lebte, gilt als einer der streitbarsten Autoren Deutschlands, der schon früh der Linken vorwarf, den traditionellen Antisemitismus ihrer Eltern gegen einen politisch korrekten Antizionismus eingetauscht zu haben. Sein Buch "Hurra, wir kapitulieren" über den Umgang Europas mit den Islamisten wurde 2006 ein Bestseller. Ausgehend von einem Beitrag Follaths zum Besuch des Außenministers Avigdor Lieberman in Berlin, in dem Follath dem Israeli antiarabische Hetze vorwarf, entspann sich ein Streit über die Zumutungen beziehungsweise Notwendigkeiten der israelischen Politik. Ausgetragen zuerst auf SPIEGEL ONLINE und in Broders Blog "Achse des Guten", wurde daraus schließlich ein persönlicher Briefwechsel, aus dem nun Auszüge gedruckt werden. Broder und Follath übrigens kennen und schätzen sich, was sie aber nicht daran hindert, in ihrem Dialog zum Angriff überzugehen - in den Worten Broders: "Jallah, Habibi! Auf geht's, mein Lieber."

DER SPIEGEL 49/2009
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