30.11.2009

AUTORENHurra! Wir sind irre!

Der Psychiater Manfred Lütz hat einen erstaunlichen Bestseller über Geisteskrankheiten geschrieben, in dem nicht die Verrückten das Problem sind, sondern die Normalen. Von Matthias Matussek
Die Bestsellerei ist ein undurchsichtiges Geschäft, doch eines ist sicher: Bestseller erfassen schlagwortartig die Diskurs-Strömungen und Sehnsüchte einer Gesellschaft. An den Platzierungen der Bestsellerliste lässt sich ablesen, was in den Köpfen vieler vorgeht.
Offenbar hatten sehr viele Käufer vor geraumer Zeit Lust, sich mit Hape Kerkeling auf die Wanderschaft nach innen zu begeben. Offenbar waren sie darauf beunruhigt über ihre Identität und lasen "Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?". Derzeit sind sie auf Glück und Gelächter mit Eckart von Hirschhausen aus. Und offenbar, das ist erstaunlich, wollen gleichzeitig viele derzeit wissen, ob sie irre sind, und wenn ja, wie sehr.
Manfred Lütz, Psychiater und Theologe, hat seinem Buch "Irre! Wir behandeln die Falschen", das seit einigen Wochen mit Hirschhausens Bestseller um den Spitzenplatz konkurriert, einen wirksamen Untertitel mitgegeben: "Unser Problem sind die Normalen". Es ist ein subversives Buch*.
Lütz, 55, hat sich eine interessante Gefechtslinie vorgenommen, vielleicht die derzeit wichtigste: die zwischen Norm und Abweichung. Es ist ein zweideutiger Kampf, den das moderne Individuum mit sich austrägt. Es möchte sich behaupten gegen die vielen anderen und gleichzeitig sein wie alle. Es sehnt sich nach dem Schutz der Gruppe und gleichzeitig dem Abenteuer der Selbstfindung. Es möchte "Ich" sein und gleichzeitig "Wir".
Besonders bedeutsam wird die Ambivalenz in Zeiten der Netz-Communities, der mächtigsten Kraft gegen die soziale Fragmentierung. Jeder zweite Facebook-Eintrag verrät dieses Schielen: Wie reagieren die anderen darauf, was ich tue? Wie reagiere ich am besten auf andere, und das im Zweifelsfall vor Millionen? Jede Profilseite verrät diese doppelte Sehnsucht nach Zusammenschluss und sorgfältig frisierter Ich-Darstellung.
Diese Zwiespältigkeit ist in den Web-Alltag implementiert. Wie sind wir gleichzeitig für uns und für ein Heer von unsichtbaren Beobachtern? Wo verläuft die Grenze zwischen gesunder Selbstdarstellung und krankhaftem Narzissmus?
Vom Internet und den zusammenfließenden Ichs des Web 2.0 ist bei Lütz nicht die Rede. Er hat es mit robusteren Demarkationen. Er trägt seine These zunächst als kulturelle Breitseite gegen das vor, was wir als "normal" bezeichnen.
Ist es normal, sich vor einem Millionenpublikum Regenwürmer in den Mund zu stecken? Ist es normal, aus der Erniedrigung Gute-Laune-Kapital zu schlagen? "Keiner meiner Patienten ist so abgedreht wie Dieter Bohlen und keine meiner Patientinnen so naiv wie seine Gespielinnen", schreibt der Arzt. "So sehr Sie sich dagegen sträuben, lieber Leser: Dieter Bohlen ist normal."
Doch Lütz geht weiter. Er sieht als Privatmann in den Abendnachrichten Kriegshetzer, Wirtschaftskriminelle, schamlose Egomanen, die als normal gelten. Und als Psychiater in seiner Klinik rührende Demenzkranke, dünnhäutige Süchtige, mitreißende Maniker. Und ihn beschleicht tatsächlich das Gefühl, die Falschen zu behandeln.
Wo ist die Grenze? War Stalin, sicher größenwahnsinnig und misstrauisch, krank? Lütz' Antwort: Nein. Er war böse, aber durchaus rational. Unter den vielen Hingerichteten seiner Schreckensherrschaft waren sicher einige, die ihm ans Leben wollten, und die anderen überlegten es sich gut, ob sie es riskieren wollten. Stalin war ein Verbrecher, aber gesund.
Dagegen wird der Mann, der sich eines Tages auf die Kreuzung in Wanne-Eickel stellt und behauptet, der Größte zu sein, nach einer Behandlung in der örtlichen Psychiatrie wieder in der Lage sein, seiner Beschäftigung in der Verwaltung oder sonst wo nachzukommen.
Sicher, ohne die Normalen funktioniert keine Gesellschaft. Sie sind der Kitt. Straßenverkehrsordnungen funktionieren nicht ohne sie. Doch auch die Normalen zeigen Risse, wenn etwa ein Kleingärtner über einem Streit eine dreiköpfige Nachbarsfamilie erschlägt. Die Grenzen können schlagartig fallen.
Mehr als ein Drittel der Menschen in unserer Gesellschaft sind einmal in ihrem Leben vorübergehend psychisch krank. Lütz geht es darum, der Krankheit die soziale Stigmatisierung zu nehmen. Und die Angst. Wer die Tausenden von Kerzenträgern nach dem Freitod des depressiven Robert Enke gesehen hat, wird das Gefühl nicht los, dass hier einer für alle zerbrochen ist und dass alle zusammenrückten, um eine Art Kältetod zu überwinden.
Lütz, der Kulturkritiker, spricht von den "wahnsinnig Normalen", den Mitläufern aus Überzeugung, den Humorlosen, den Farblosen, die alles diffamieren möchten, was herausfällt aus ihrem Rahmen. Er bricht eine Lanze für die anderen, die von einer Krankheit oder einem Lebensdrama Erschütterten, die unsere Zuwendung und unser phantasievolles Interesse verdienen.
Er beginnt seine Untersuchung mit einem für einen gläubigen Katholiken heiklen Fall - dem des Heiligen Franz von Assisi. Mit dem Mann also, der eines Tages meint, die Stimme Jesu vom Kreuz zu hören, die ihm befiehlt: "Bau meine Kirche wieder auf!" Franziskus nimmt das buchstäblich und beginnt, eine verfallene Kapelle Stein um Stein aufzuschichten.
"Franz von Assisi hatte zweifellos akustische Halluzinationen imperativen Charakters", schreibt Lütz. Ein erstrangiger Hinweis auf einen Fall von Schizophrenie, den man heute ganz schnell Fachleuten wie ihm, dem Psychiater, übergeben würde. Allerdings, so Lütz weiter, ist die Rolle des Arztes diejenige, leidende Menschen zu heilen oder ihr Leid wenigstens zu lindern.
Franziskus jedoch hat nicht gelitten. Er hat auch nicht die Brücke zu anderen Menschen abgebrochen. Im Gegenteil: Er war von einer unglaublichen kommunikativen Kompetenz, schreibt Lütz. Er hat eine weltweite Bewegung im Zeichen der Armut und der Nächstenliebe ins Leben gerufen. Kurz: "Er war berstend gesund."
Fazit: Nicht jeder Außergewöhnliche ist krank, und die Etikettierung mit Diagnosen, oft falschen, ist Missbrauch. Ließen wir das zu, so Lütz, würde die Welt "zur Diktatur der langweiligen Normopathen".
War Nietzsche wahnsinnig? Sicher nicht. Er war ein großer Denker des Atheismus, der an den "Grenzen unserer Existenz gedacht, gedichtet und gelitten" hat. Erst gegen Ende seines Lebens wurde sein Hirn entzündet durch die Bakterien einer Syphilis-Erkrankung.
Lütz' Buch ist ein Pamphlet für das Außergewöhnliche, für die Farbigkeit und Extravaganz unseres Lebens. Es ist wohl die Frage der Fragen, worin seelische Erkrankungen wurzeln. Sie werden aus psychologischer, aus biologischer, aus soziologischer Sicht gedeutet. Ist die Gesellschaft schuld oder ein individuelles Trauma?
Die moderne Psychiatrie ist längst dazu übergegangen, Totaldeutungen zu vermeiden und damit die Freiheit des Menschen so weit einzuengen, dass er nur noch als Resultat von Zwängen analysiert wird. In seiner Freiheit ist der Patient zu respektieren, auch wenn es sich um die Freiheit zur Störung handelt.
So berichtet Lütz, der Praktiker, von einer jungen Schizophrenen, die Stimmen hörte. Er hatte sie von einem Kollegen übernommen und zunächst festgestellt, dass ihre Medikamentierung sehr niedrig angesetzt war. Er erhöhte sie. In der nächsten Sitzung traf er eine sehr verstimmte Patientin an. Sicher, die Stimme sei nun weg, sagte sie, doch genau das sei das Problem, denn die Stimme sei sehr freundlich gewesen. Es war die ihrer verstorbenen Lehrerin und damit die Erinnerung an eine ihr vertraute Welt. Lütz reduzierte die Neuroleptika, die Patientin war zufrieden.
Was der Theologe und Theoretiker Lütz über die Kulturgeschichte der Psychiatrie und ihre bahnbrechenden Figuren schreibt, ist klug. Was er als Praktiker aus dem Krankenhausalltag berichtet, ist erfahrungsgesättigt. Er schreibt über die Beziehung auf Zeit, die Arzt und Patient eingehen, und erläutert an zahllosen Fallbeispielen Erkrankungen von der Schizophrenie über die Depression zur Sucht, und beschreibt Therapien.
Das alles ergänzt er durch ein Stichwortregister, in dem von der Anorexie über dissoziative Störungen bis hin zur Paranoia ein handlicher Katalog seelischer Abweichungen aufgeblättert wird. Das nennt man dann wohl Nutzwert.
Das Wichtigste aber ist Lütz' Botschaft: Es kann eine Demenz sein, die aus eitlen Erfolgsmenschen überraschend anrührende Wesen macht. Es sind die empfindsamen Süchtigen, die sich nach Menschen sehnen, die sie nicht verletzen, es sind die weisen Schizophrenen, die aus der Eindimensionalität in die phantastischen Welten aufbrechen.
Es sind die sprudelnden Maniker, die den Alltag bunt machen. Und es sind die erschütternd Depressiven, die angstvoll in das Urdrama des Menschseins starren.
"Über sie hinweg tanzt eine Gesellschaft am Rande des Abgrunds, die blind ist für die wirklich wichtigen Fragen - und diese Blindheit komischerweise für normal hält."
Total ist diese Blindheit offenbar noch nicht geworden. Lütz, der sein Buch nicht nur von einer Reihe namhafter Kollegen, sondern auch von seinem Metzger gegenlesen ließ, ist es tatsächlich gelungen, mit seinem lächelnden Ratgeberbuch zum Irresein die Spitze der Bestsellerliste zu erobern.
* Manfred Lütz: "Irre! Wir behandeln die Falschen". Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh; 208 Seiten; 17,95 Euro.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 49/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 49/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AUTOREN:
Hurra! Wir sind irre!

Video 01:35

"Viking Sky" Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera

  • Video "Viking Sky: Ich dachte, ich müsste mit meiner Mutter sterben" Video 01:52
    "Viking Sky": "Ich dachte, ich müsste mit meiner Mutter sterben"
  • Video "Wenn Haie angreifen: Rekonstruktion eines Phänomens" Video 45:07
    Wenn Haie angreifen: Rekonstruktion eines Phänomens
  • Video "Prügelei bei Motorradrennen: Kollision, Klammergriff, Faustkampf" Video 00:50
    Prügelei bei Motorradrennen: Kollision, Klammergriff, Faustkampf
  • Video "Buzzer-Beater in der NBA: Sensationswurf in letzter Sekunde" Video 00:38
    Buzzer-Beater in der NBA: Sensationswurf in letzter Sekunde
  • Video "Kreuzfahrtschiff in Seenot: Geretteter schildert Helikopter-Evakuierung" Video 02:31
    Kreuzfahrtschiff in Seenot: Geretteter schildert Helikopter-Evakuierung
  • Video "Kleinstadt in Südchina: Ein Elefant wollt' bummeln gehn..." Video 01:18
    Kleinstadt in Südchina: Ein Elefant wollt' bummeln gehn...
  • Video "Amateurvideo von der Viking Sky: Als der Sturm zuschlägt" Video 01:22
    Amateurvideo von der "Viking Sky": Als der Sturm zuschlägt
  • Video "Bizarre Formation: Pfannkucheneis auf dem Lake Michigan" Video 01:07
    Bizarre Formation: Pfannkucheneis auf dem Lake Michigan
  • Video "Flughafen Bali: Orang-Utan-Junges vor russischem Touristen gerettet" Video 01:13
    Flughafen Bali: Orang-Utan-Junges vor russischem Touristen gerettet
  • Video "Kerber-Frust in Miami: Größte Drama-Queen aller Zeiten" Video 01:49
    Kerber-Frust in Miami: "Größte Drama-Queen aller Zeiten"
  • Video "Ekel-Rezepte aus dem Netz: Angrillen des Grauens" Video 03:57
    Ekel-Rezepte aus dem Netz: Angrillen des Grauens
  • Video "Duisburg: Wohnblock Weißer Riese gesprengt" Video 00:59
    Duisburg: Wohnblock "Weißer Riese" gesprengt
  • Video "Rettung aus Seenot: Havarierte Viking Sky erreicht sicheren Hafen" Video 01:15
    Rettung aus Seenot: Havarierte "Viking Sky" erreicht sicheren Hafen
  • Video "Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?" Video 04:27
    Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?
  • Video "Viking Sky: Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera" Video 01:35
    "Viking Sky": Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera