DER SPIEGEL



DOPING

Wasserdichte Begründung

Der Jurist Martin Nolte, 42, Inhaber von Deutschlands erster Professur für Sportrecht in Kiel, über das Urteil gegen Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein und dessen Folgen

SPIEGEL: Europas Fußball ist in einen Wettskandal verstrickt, Claudia Pechstein bleibt wegen Dopings gesperrt. Spannende Zeiten für Sie?

Nolte: Sehr spannende. In beiden Fällen geht es um die Kernfrage des Sports: die Integrität des Wettbewerbs.

SPIEGEL: Im Juli ist Pechstein für zwei Jahre gesperrt worden. Der Internationale Sportgerichtshof (Cas) hat die Sperre nun bestätigt. Der Fall ist ein Novum, weil Pechstein nicht positiv getestet wurde, sondern ihre Blutwerte auffällig waren. Genügt der indirekte Doping-Nachweis für eine Sperre?

Nolte: Auf jeden Fall. Im staatlichen Recht sind indirekte Nachweise längst anerkannt und Indizienprozesse üblich.

SPIEGEL: In Pechsteins Körper schwankte der Anteil der Retikulozyten, also der jungen roten Blutkörperchen. Reicht ein Indiz aus, um eine Manipulation nachzuweisen?

Nolte: Absolut. Das Gericht muss überzeugt sein, dass die Anforderungen an das Beweismaß erfüllt sind. Die Blutwerte schwankten so stark, dass es nach Ansicht der Richter dafür keinen anderen schlüssigen Grund gab als Doping.

SPIEGEL: Pechstein bestreitet weiterhin, gedopt zu haben. Ihre Anwälte haben angekündigt, vor das Schweizer Bundesgericht zu ziehen. Hat das Aussicht auf Erfolg?

Nolte: Erst mal muss das Bundesgericht entscheiden, ob es die Beschwerde überhaupt annimmt. Da müssen schon wesentliche Verfahrensgrundsätze verletzt worden sein. Ich habe die 63-seitige Begründung des Cas gelesen. Sie ist wasserdicht, kein staatliches Gericht hätte es vermutlich besser gemacht.

SPIEGEL: Es bliebe Pechstein noch ein anderer Weg: über Doping auszupacken und Hintermänner zu nennen.

Nolte: Die Kronzeugenregelung wäre eine goldene Brücke vom Unrecht ins Recht. Sie könnte ihre Sperre auf ein halbes Jahr gekürzt bekommen.

SPIEGEL: Pechstein ist 37 Jahre alt. Ihre Karriere nähert sich sowieso dem Ende.

Nolte: Wichtiger ist doch: Sie ist Polizistin. Es wartet ein Disziplinarverfahren auf sie, ihr Beamtenstatus ist in Gefahr, womöglich drohen Rückzahlungen. Mit der Strategie der totalen Konfrontation jedenfalls hat sie Schiffbruch erlitten.

SPIEGEL: Bayerns Justizministerium hat ein Bundes-Sportschutzgesetz entworfen, um Doping und Wettbetrug durch den Staat schneller zu verfolgen und härter zu bestrafen. Ist das nötig?

Nolte: Vor zwei Jahren erst wurde das Arzneimittelgesetz verschärft. Zunächst sollten wir herausfinden, was das gebracht hat. Jetzt schon nach neuen gesetzlichen Maßnahmen zu rufen ist populäre Politik. Gerade der Fall Pechstein zeigt doch, dass der Sport durchaus Erfolg in der Doping-Bekämpfung hat.

SPIEGEL: Das Problem ist die Organisierte Kriminalität, die hinter Doping-Handel und Wettbetrug steckt.

Nolte: Bereits im Wettskandal um den bestochenen Schiedsrichter Robert Hoyzer gab es Ermittlungen, Strafverfahren und Verurteilungen. Ich sehe keine signifikanten Lücken im Strafrecht.


DER SPIEGEL 49/2009
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