07.12.2009

SPIEGEL-GESPRÄCH„Maschinen sind einfach lockerer“

Der Musiker Ralf Hütter, 63, Mitbegründer der Band Kraftwerk, über die Werkschau „Der Katalog“, den Klang der Bundesrepublik, seine Begeisterung für die Tour de France und das Älterwerden als Mensch-Maschine
SPIEGEL: Herr Hütter, das letzte Studioalbum von Kraftwerk, "Tour de France Soundtracks", ist 2003 erschienen. Davor hat man viele Jahre fast nichts von Ihnen gehört. Was machen Sie eigentlich die ganze Zeit?
Hütter: Wir haben in den letzten sieben Jahren Tourneen in der ganzen Welt gemacht. Außerdem haben wir Schritt für Schritt alle Alben aus den Kling-Klang-Studio-Archiven in unsere digitalen Speicher transferiert. Wir sind ein kleines Team.
SPIEGEL: Kraftwerk sind die einflussreichste deutsche Band aller Zeiten, Pioniere der elektronischen Musik. Von den Britpoppern Coldplay bis zu den HipHop-Künstlern Jay-Z oder Dr. Dre haben Sie unzählige Künstler beeinflusst, ohne Sie hätte es kein Techno gegeben. Aber Ihre neue Veröffentlichung "Der Katalog" ist nur eine Werkschau. Warum machen Sie nicht mehr Musik?
Hütter: Sicher, die Musik aus dem "Katalog" ist in den letzten 35 Jahren entstan-
den. Aber diese Kompositionen kann man präsentieren wie lebendige Theaterstücke. Man kann sie immer wieder neu aufführen. Stücke wie "Trans Europa Express" oder "Autobahn" spielen wir heute anders als vor zehn Jahren. Die Musik nimmt ihre Gestalt erst an, wenn wir sie live spielen. Früher konnten wir das nicht in dieser Form, weil es zu aufwendig war. Da musste elektronische Musik gezwungenermaßen im Studio stattfinden, wenn man nicht auf der Bühne mit Tonbändern arbeiten wollte. Das ist jetzt anders. Die digitale Technik hat sich entwickelt. Wir sind mit unseren Laptops mobil.
SPIEGEL: Haben Sie vor, noch mal eine neue Platte zu machen?
Hütter: Natürlich. Warum sollten wir das, was wir lieben, nicht tun? Aber wir sind autonom und unabhängig, wie ein Handwerksbetrieb. Das bestimmt unseren Produktionsrhythmus. Irgendwer hat uns mal mit einer Schweizer Uhrenmanufaktur verglichen.
SPIEGEL: Musiker aus Ihrer Generation wie Mick Jagger oder Pete Townsend klagen immer mal wieder über nachlassende Kreativität im Alter.
Hütter: Ich sehe keine Veränderung, und Geburtstage interessieren mich nicht. Wir gestalten unsere Karriere als Musikarbeiter wie einen Fortsetzungsroman. Das dauert eben seine Zeit. Wir können nichts aus dem Ärmel schütteln. Wenn man das versucht, ist man irgendwann ausgepowert. Wir sind im Laufe der Zeit vielen Kollegen begegnet, die so gelebt haben. Die mussten irgendwann in die Klinik. Vielleicht ist uns das erspart geblieben, weil wir erst als Erwachsene richtig angefangen haben und seit 1970 unser Kling Klang Studio in Düsseldorf dann autonom führen mussten.
SPIEGEL: Sie sind jetzt 63. Stehen Sie manchmal morgens auf und denken: Ich bin heute keine Mensch-Maschine, sondern Ralf Hütter, der Rückenschmerzen hat?
Hütter: Ich täusche nichts vor. Wenn ich nicht Rad fahren würde und nicht wüsste, wie eine Bergetappe aussieht, hätte ich ein Album wie "Tour de France" nicht gemacht. Wenn ich austrainiert bin, geht mein Ruhepuls immer noch in Richtung 50. Nach oben ist die Spanne bei 180, 185. Meine Leistungskurve haben wir im Booklet des Albums abgedruckt.
SPIEGEL: Kraftwerk sind schon lange nicht mehr dieselben wie zu Zeiten von "Autobahn" oder "Die Mensch-Maschine". Sie sind das letzte noch aktive Gründungsmitglied. Bei Auftritten stehen immer noch die berühmten Roboter auf der Bühne. Wäre Kraftwerk auch ohne sie denkbar?
Hütter: Unsere Roboter stehen ja schon heute für eine Loslösung von der Person. Wir hatten mal die Idee eines Simultankonzerts - eine Deutschland-Tournee an einem Tag. In allen Städten würden dann unsere Roboter aufgebaut und gleichzeitig in Aktion treten. Dieses Konzept verkörpert das Wesen unserer Musik. Kraftwerk: die Mensch-Maschine.
SPIEGEL: Bei Konzerten stehen Sie bewegungslos auf der Bühne. Was machen Sie da eigentlich hinter Ihren Laptops?
Hütter: Die Musik. Auf der Bühne arbeiten wir mit Klang-Bausteinen. Wir haben alle Parameter der Stücke auf dem Bildschirm, alle Bedienungselemente und Knöpfe und alle Sounds und Computergrafiken - deshalb können wir auch nicht auf der Bühne rumspringen. Das sind alles kleine Geräte mit großer Wirkung. Ein kleiner Mausklick bedeutet eine große Veränderung. Die Sounds kann ich auf andere Regler legen, ich kann mit den Steuerelementen arbeiten, improvisieren. Wir haben ein Grundarrangement bei Konzerten, weil die Gleichzeitigkeit von Musik und Video bei uns wichtig ist. Im Grunde machen wir Musikgemälde oder Filmmusik.
SPIEGEL: Inzwischen haben die Computer bei Ihnen völlig die Herrschaft übernommen. Früher haben Sie bei Konzerten noch gelegentlich ein Schlagzeug eingesetzt.
Hütter: Ja, aber letztlich hat ein Schlagzeuger gegen die Maschinen keine Chance, die sind einfach lockerer im Timing. Man muss sehr relaxt sein, um zusammen mit Maschinen zu spielen. Man muss sich dem vollkommen hingeben können. Das habe ich in 40 Jahren gelernt.
SPIEGEL: Ihre frühen Alben wirken wie eine Galerie der alten Bundesrepublik: "Autobahn", "Trans Europa Express", "Radio-Aktivität". Fehlt Ihnen das gute alte Westdeutschland?
Hütter: Nein, ich schaue nicht zurück. Wir leben im digitalen Zeitalter. Das ist auch Teil unserer Musik.
SPIEGEL: Wie sind Sie damals darauf gekommen, ausgerechnet ein Lied über die Autobahn zu machen?
Hütter: Wir waren Musiker, und wir haben die Hälfte unseres Lebens auf der Straße verbracht. Man fährt von Auftritt zu Auftritt - immer auf der Autobahn. Irgendwann fiel uns auf: So klingt die Autobahn. Der Motor brummt, die Reifen machen ein regelmäßiges Geräusch. Das haben wir in eine poetische Klangmalerei übertragen.
SPIEGEL: Herausgekommen ist ein mehr als 22 Minuten langes Epos, begleitet von dem Kinderreim "Fahr'n, fahr'n, fahr'n auf der Autobahn". Was haben Sie sich dabei gedacht?
Hütter: Wir haben damals gemerkt: Die Bundesrepublik hat keinen zeitgenössischen Klang. Das war für uns ein Schock. Aber dann haben wir uns gedacht: Lass uns einen machen. Da war ja ein riesiger Raum, der leer war. Schauen Sie sich die späten Sechziger an. Da gab's nur Schlager. Und Rock aus den anglo-amerikanischen Quellen.
SPIEGEL: Ist die Autobahn seitdem nicht von einem Symbol individueller Freiheit zu einer ganz normalen Straße geworden?
Hütter: Unsere Musik handelt nicht vom Auto als Symbol der Freiheit. Sie handelt von der Bewegung. Von der Wirklichkeit, in der wir leben. Industrielle Volksmusik, das war immer unsere Idee.
SPIEGEL: Heute drehen sich Windräder neben der Autobahn. Kann man alternative Energien ähnlich ästhetisieren wie die konventionellen?
Hütter: Mal sehen.
SPIEGEL: Auf Ihrem Album "Computerwelt" von 1981 besingen Sie den PC, der alle Bereiche des Lebens regelt. Woher haben Sie damals die Weitsicht genommen?
Hütter: Wir dachten eigentlich, wir sind zu spät dran mit diesem Thema. Es standen schon überall Computer in großen Firmen und Institutionen. Ich weiß gar nicht, wie oft wir kontrolliert wurden, wenn wir nachts ins Studio gefahren sind, um zu arbeiten. Das war in den späten siebziger Jahren, der Zeit der RAF und der Rasterfahndung. Das wurde Gegenstand unserer Musik.
SPIEGEL: Waren Sie überrascht, dass diese Musik dann im Ausland als so überaus deutsch empfunden wurde?
Hütter: Gar nicht. Was soll die Leute denn sonst interessieren, wenn nicht die wirkliche deutsche zeitgenössische Alltagskultur? Die kulturelle Identität mussten wir aber erst mal finden. Das kannten wir in der Form damals ja gar nicht.
SPIEGEL: Ihren Titel "Radio-Aktivität" haben Sie überarbeitet: Ursprünglich eine Feier der Radioaktivität, die "im All entsteht", haben Sie das Stück Anfang der Neunziger unter dem Eindruck von Tschernobyl in einen Protestsong gegen die Gefahren der Atomkraft umgewandelt.
Hütter: Der Titel des Albums war immer beides: die Gefahr der Radioaktivität und der Aktivität des Radios.
SPIEGEL: Aber haben Sie nach den Dopingskandalen je mit dem Gedanken gespielt, "Tour de France" zu überarbeiten?
Hütter: Nein. Der Text geht doch um das Wesen der Tour de France.
SPIEGEL: Aber zum Wesen der Tour de France gehört heute auch Doping, oder?
Hütter: Das war schon immer so. Medizin, Technik, Sport - das gehört zusammen. Ich will das nicht bewerten, da muss jeder für sich die Grenzen ziehen. Uns geht es bei unserer Musik eher um die Poesie der Tour de France.
SPIEGEL: Und die wird Ihnen von den Dopingskandalen nicht kaputtgemacht?
Hütter: Es gibt zerstörerische Kräfte, nicht alle Radfahrer sind Heilige. Aber uns interessiert die Tour de France nicht als Fernsehspektakel. Viel mehr als das professionelle Feld mit seinen rollenden Litfaßsäulen interessieren uns die zigtausend Menschen, die in wunderbaren Landschaften diese Strecken abfahren, so wie wir das als Tourenfahrer auch gemacht haben. Das sind Zehntausende von Radfahrern.
SPIEGEL: Die Tour de France ist für Sie mehr als nur ein Wettkampf?
Hütter: Radfahren ist ein Tanz von Mensch und Maschine. Für uns hängt das natürlich auch mit der Herkunft zusammen. Wir kommen aus Düsseldorf. Wir sind in der Nähe von Holland und Belgien groß geworden. Radfahren ist Teil unserer Kultur. Wenn wir aus Süddeutschland kämen, wäre das vielleicht anders. Dann würden wir uns vielleicht mehr mit Rodeln beschäftigen.
SPIEGEL: Was fasziniert Sie so an Bewegung?
Hütter: Die Endlosqualität und die Dynamik, die sich dann auch in der Musik wiederfindet. Die besteht mit uns und auch ohne uns. Das Ritzelsurren, das Schnarren von Bowden-Zügen.
SPIEGEL: Ein futuristischer Gedanke, daraus Musik machen zu wollen.
Hütter: Ja. Wir spielen die Musikmaschinen. Aber die Maschinen spielen auch uns. Es geht uns nicht um Kontrolle. Es geht ums Miteinander von Mensch und Maschine.
SPIEGEL: Hören Sie eigentlich Ihre eigene Musik? Zum Beispiel beim Radfahren?
Hütter: Das würde ich nie machen.
SPIEGEL: Warum nicht?
Hütter: Musik gibt doch einen Rhythmus vor. Mein eigener Pedalrhythmus ist aber frei. Ich will Stille hören und Geräusche, vom Wind und vom Atem. Auf dem Rad ist das so: Wenn Sie nichts hören, dann wissen Sie, dass das Rad funktioniert. Wie die Kette über die Ritzel surrt. Das Schnurren der Gangschaltung. Viele Leute joggen mit Kopfhörer. Da kommt man mit dem Rhythmus durcheinander.
SPIEGEL: Sie hatten 1982 einen Fahrradunfall. Hat diese Episode das Kraftwerk-Getriebe zum Stottern gebracht, wie manche Fans spekulieren?
Hütter: Ich war damals kaum eine Woche im Krankenhaus - mit einer leichten Gehirnerschütterung. Das ist so oft weitererzählt worden, dass erst ein Monat daraus wurde, dann ein Jahr, und dabei soll mir gleich auch ein neues Gehirn eingesetzt worden sein.
SPIEGEL: Trainieren Sie noch regelmäßig?
Hütter: Ja. Vor kurzem beim Manchester International Festival sind vier britische Bahnradfahrer, die im vergangenen Jahr bei den Olympischen Spielen in Peking Gold geholt haben, zu unserer Komposition "Tour de France" aufgetreten und haben auf der Bahn des Velodroms ein paar Runden gedreht, während wir spielten. Das Konzert ging bis Mitternacht. Um zwei Uhr früh waren wir im Bett. Wir sind schon um sieben wieder aufgestanden und haben eine Trainingssession mit dem britischen Nationaltrainer absolviert. Wir sind da völlig ohne Vorbereitung reingegangen.
SPIEGEL: Ihre Kollegen Fritz Hilpert, Henning Schmitz und Stefan Pfaffe fahren auch?
Hütter: Ja, die fahren sehr gut.
SPIEGEL: Ist das Einstellungsvoraussetzung bei Kraftwerk, dass man gut Fahrrad fahren kann?
Hütter: Nein, aber es hilft.
SPIEGEL: Herr Hütter, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Tobias Rapp und Frank Thadeusz.
Von Tobias Rapp und Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 50/2009
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