07.12.2009

MUSIKInspiriert, nicht verrückt

Ein Besuch bei Elliott Carter, der als einer der größten lebenden Komponisten Amerikas gilt: Diese Woche feiert er seinen 101. Geburtstag - und seine Schaffenskraft ist größer denn je.
Er braucht den Flügel nicht, der hinter der offenen Schiebetür in seinem Arbeitszimmer steht, er hört die Tonfolgen und Rhythmen auch so, die sich in seinem Kopf zu Klavierkonzerten, Streichquartetten, Symphonien zusammenfügen. So viele seien es, sagt Elliott Carter, dass er sie gar nicht alle aufschreiben könne.
Vielleicht muss man ja 100 Jahre alt werden, um solche Probleme zu haben, dieses Problem vor allem, das die meisten Kreativen, Künstler oder Autoren oder Komponisten, gern hätten: Da sind so viele Werke, alle schon fertig, welches verdient es, ausgewählt zu werden?
Mehr als die Hälfte von Carters Kompositionen sind in den letzten zwei Jahrzehnten entstanden. Am kommenden Freitag feiert er seinen 101. Geburtstag. "Wenn mich nicht gerade irgendwelche ernsthaften Sorgen quälen", sagt er, "denke ich über Musik nach."
Der New Yorker Komponist, der als einer der bedeutendsten des vergangenen und auch des aktuellen Jahrhunderts gilt, hört seine Werke oft selbst zum ersten Mal, wenn sie in einem der großen Konzerthäuser uraufgeführt werden. Vor solchen Abenden sei er dann immer ein wenig besorgt, gesteht Carter und kichert, aber meistens klinge die Musik ungefähr so, wie er sie sich vorgestellt habe.
Das bedeutet bei ihm: virtuos, eigenwillig, entdeckungsvergnügt, sprunghaft, manchmal spröde und - in den dreißiger Jahren genauso wie heute - modern. Das Eigenwillige an Carters Musik ist, dass sie alle Regeln zu missachten scheint. Es gibt keinen einheitlichen Takt, Rhythmen überlagern sich, Instrumente spielen in verschiedenen Geschwindigkeiten gegeneinander an und übereinander hinweg, lichtschnell, abrupt bremsend, in kurzen Intervallfolgen, die keine Melodie ergeben, sondern ein vielschichtiges Mosaik aus Klängen, das, je nach Konstitution und Ge- mütsverfassung, irritierend klingen kann oder erstaunlich klar, inspirierend und beglückend. Carters Augen blitzen, als er den nächsten ironischen Satz spricht: "Ich würde sagen, ich bin permanent inspiriert, aber nicht verrückt."
Elliott Carter, weinrotes Hemd, dunkelblaue Hose und straff über den runden Bauch gezurrte Hosenträger, sitzt auf einem zerbeulten Sofa in seiner Wohnung im achten Stock eines Backsteingebäudes im New Yorker Greenwich Village, ein kleiner, weißhaariger Mann mit feinen Gesichtszügen und wachen blauen Augen. Verblüffend glatt und rosig ist seine Haut, und überhaupt wirkt er nicht alt, trotz Gehstocks und leise pfeifenden Hörgeräts, sondern eher altersweise - gelassen, heiter, listig.
Vor dem Wohnzimmerfenster knattert ein Helikopter, unten rasen Polizeiautos mit heulenden Sirenen vorbei. New York ist alles außer leise, aber Carter, geboren am 11. Dezember 1908 auf der Upper West Side, gehört zu den wenigen, die es noch anders kennen. "Mein Großvater war einer der Ersten, die ein Automobil mit nach Hause brachten", erzählt er. "Automobile" sagt er, nicht "car". "Es war auf eine seltsame Weise wunderschön, mit großen Hupen, und auf der Straße zog es alle Blicke auf sich. Damals gab es in New York nur Pferde und Kutschen." Er schüttelt den Kopf, bedauernd. "Heute ist diese Stadt ja so vollgestopft mit Automobilen, dass man kaum noch vorwärts kommt."
Selbst hier in Greenwich Village, West 12th Street, seiner Heimat seit 1945: Eine Gegend für arme Leute war das früher, ein Künstlerviertel, er kannte alle, die hier lebten. Dann wurden moderne Wohntürme hochgezogen, Leute von der Wall Street kamen, die Preise explodierten. "Meine Frau und ich haben diese Wohnung für 15 000 Dollar gekauft", sagt Carter, "und jetzt kriege ich dauernd diese Anrufe von Maklern, die mir erzählen, ich säße hier auf einem Topf Gold!"
Natürlich geht es um Musik während dieser zweistündigen Begegnung mit Elliott Carter, um Mozart, Strawinski und Pop, aber auch um ein Jahrhundert erlebte Geschichte. Carters Erinnerungen reichen zurück bis zu dem Tag, als der Erste Weltkrieg ausbricht; da fällt dem Fünfjährigen ein Goldfischglas herunter und zerspringt in tausend Stücke. Wenig später beobachtet er fasziniert die Kriegsschiffe auf dem Hudson River.
1921 nimmt sein Vater, ein wohlhabender Textilhändler und Pazifist, den einzigen Sohn mit auf eine Geschäftsreise nach Europa, um ihm die Verwüstungen des Kriegs zu zeigen. Sie reisen durch Italien, Frankreich, Deutschland, und Elliott, damals zwölf Jahre alt, prägen sich "grauenvolle Bilder" ein; das Schlachtfeld bei Verdun, die zerstörte Kathedrale von Reims, vor allem aber die Kellner im feinen Hotel Adlon in Berlin, die, wenn sie sich unbeobachtet fühlen, Essen von den Tischen stehlen und in ihre Hosentaschen stopfen. "Das fand ich so furchtbar traurig."
Viele Jahrzehnte später wird er als alter Mann von seinem Wohnzimmerfenster aus mitansehen, wie die Türme des World Trade Center in Flammen aufgehen und zusammenkrachen.
Carter sollte eigentlich das Textilgeschäft seines Vaters übernehmen, doch er wollte nie etwas anderes machen als Musik. Das wusste er spätestens seit dem 31. Januar 1924, als er in der Carnegie Hall Igor Strawinskis "Sacre du printemps" hörte, gespielt vom Boston Symphony Orchestra, über zehn Jahre nach der legendär-skandalösen Uraufführung in Paris. Auch in New York reagierte ein Teil des Publikums entsetzt auf die neuartigen, dissonanten Klänge; für Carter jedoch waren sie "das Größte, was ich je gehört hatte". Er ging dann nach Harvard und studierte englische Literatur, Griechisch, Philosophie und Musik, weil seine Eltern ihn dort sehen wollten - aber auch "weil das Boston Symphony von Koussevitzky dirigiert wurde und viel zeitgenössische Musik spielte".
"Alte Musik", wie Bach oder Beethoven, fand Carter damals zum Einschlafen langweilig. Er rebellierte gegen die konservative Musikausbildung in Harvard, aber er spielte Oboe und Klavier. Nach dem Studium ging er nach Paris, um bei der berühmten Musikpädagogin Nadia Boulanger das Komponistenhandwerk zu lernen. Seine Eltern waren entsetzt; sein Vater verweigerte ihm jede finanzielle Unterstützung. Mit den 1000 Dollar pro Jahr, die ihm seine Mutter heimlich zuschickte, konnte er sich im krisengeplagten Paris der frühen dreißiger Jahre kaum durchschlagen. Die Pädagogin, die sein Talent erkannte, unterrichtete ihn umsonst.
Es dauerte lange, bis Carter der musikalische Durchbruch gelang. Er musste dazu in die Wüste gehen, nach Arizona, ein Jahr lang. Da war er 42, Hochschuldozent und seit elf Jahren mit der ein Jahr älteren Bildhauerin Helen Frost-Jones verheiratet. Sie hatte ihre Kunst aufgegeben, um seine zu unterstützen und sich um den gemeinsamen Sohn David zu kümmern. 2003 starb sie nach schwerer Krankheit; Carter pflegte sie bis zu ihrem Tod. Den Ehering trägt er noch heute. "Das ist sie, das ist meine Frau", sagt er und deutet auf einen filigranen Frauenkopf aus Stein, der auf einer Ablage neben dem Kamin im Wohnzimmer steht. "Sie hat wunderbare Kunstwerke gemacht." Seine Stimme wird leise. "Später wurde ich ihre Skulptur."
In der Abgeschiedenheit der Sonora-Wüste perfektionierte Carter seinen Stil, der ihm fortan in Europa und den USA zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen eintragen sollte, zwei Pulitzerpreise, den Ernst von Siemens Musikpreis und 1961 ein großes Lob von seinem Jugendidol Strawinski, der zwei seiner Konzerte als "Meisterwerke" bezeichnete. Zu seinem Freundeskreis gehörten berühmte Zeitgenossen wie Pierre Boulez, Aaron Copland, Nicolas Nabokov und Leonard Bernstein.
Aber es gab auch Kritik. Die Fachwelt tat sich schwer damit, ihn in eine bestimmte Schublade zu stecken: Mal hieß es, er sei der europäischste unter den amerikanischen Komponisten, dann wieder, er vertrete die amerikanische Avantgarde. Kompliziert und elitär seien seine Werke, mäkeln manche immer noch, unverständlich wie ein Theaterstück in einer fremden Sprache.
Der Künstler reagiert auf solche Einwände ein wenig verschnupft. "Eine fremde Sprache wird verständlich, wenn man sie lernt", sagt er gedehnt. "Meine Musik findet ein großes Publikum. Aber ich kann mir denken, dass sie für ein noch größeres Publikum keinen Sinn ergibt. Und dann gibt es ja noch all jene Menschen, die sich grundsätzlich nicht für Musik interessieren!" Schon lacht er wieder.
Carters Ideenquelle ist manchmal ein Gedicht oder eine Geschichte, manchmal einfach nur ein Gedanke. Wie klingt es zum Beispiel, wenn man nachts nicht einschlafen kann? Oder wenn Menschen, wie in seiner bislang einzigen Oper von 1999, nach einem Autounfall die Orientierung verloren haben? Er beginnt mit winzigen Klangfragmenten, die er immer wieder durcheinandermischt, neu ordnet und umschreibt, bis daraus ein Stück entsteht.
Er sei, sagt Carter, bei aller Experimentierfreude in mancher Hinsicht ein altmodischer Komponist. Sein Vorbild ist Mozart: "Ich liebe seine Flexibilität, die Vielfalt, die Gegensätze!" Elektronische Musik zu schreiben hat ihn nie gereizt, Pop findet er "furchtbar gewöhnlich", die Melodien vor allem, die Texte seien ja manchmal ganz überraschend. "Vielleicht werde ich auch nur langsam zu alt für so etwas", sagt er mit einem übertriebenen Seufzer.
Sein Publikum jedenfalls solle seine Musik im klassischen Konzert genießen, still sein, sich konzentrieren und nachdenken. Aber er hat nicht die Zuhörer vor Augen, sondern die Musiker, wenn er komponiert, nach wie vor jeden Tag vier bis fünf Stunden. Derzeit kämpft er mit einem verzwickten Problem: einem Holzbläserquintett, bei dem die fünf Spieler abwechselnd auf zwei Instrumenten spielen sollen, also Querflöte und Piccolo oder Fagott und Kontrafagott - was das Spiel mit der Zeit natürlich zusätzlich verkompliziert. "Da ist nun dieses Stück mit seinen vielen, verschiedenen Klängen, aber dann sind da auch diese praktischen Überlegungen, wer wann sein Instrument wechseln kann", sagt Carter. "Das ist wirklich spannend, aber auch ein bisschen seltsam."
Draußen über Tribeca und dem Financial District geht die Sonne unter, die Hochhäuser erstrahlen in künstlichem Licht. Die letzte Frage hat er bestimmt schon öfter gehört, aber sie muss dennoch gestellt werden: Wie fühlt es sich an, 101 zu werden? Carter schnaubt unwillig. "Die Antwort ist, dass ich nicht die geringste Vorstellung von meinem Alter habe", sagt er. Es sei erstaunlich, eine Frage von Glück vermutlich, aber er denke nicht darüber nach. Seine Miene hellt sich wieder auf, dann sagt er: "Ich will einfach nur jedes Stück beenden, das ich anfange." SAMIHA SHAFY
Von Samiha Shafy

DER SPIEGEL 50/2009
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