07.12.2009

TRAUMATA

Gespräche, Milch und Honig

Von Meyer, Cordula

Wie heilt man Wunden, über die man schweigen muss? Die Kölner Frauenärztin Monika Hauser kümmert sich um Frauen, die im Krieg vergewaltigt wurden. Viele wagen nicht, davon zu sprechen. Hauser versucht trotzdem, ihre Seelen zu flicken - mit Traumatherapie und Traktoren.

Der umgebaute Mercedes-Transporter biegt von der Straße des Todes ab und rumpelt die Berge hoch zum Dorf Racaj. "Hier waren die Massaker", sagt Monika Hauser. Sie schaut durch das Autofenster auf nebelverhangene Hügel. Über diese Straße waren die Serben damals gekommen. Sie brannten die Häuser nieder. Sie erschossen die Männer. Sie vergewaltigten die Frauen. Deshalb ist Monika Hauser hier.

Zehn Jahre ist all das her. Längst sind die niedergebrannten Häuser von Racaj mit roten Ziegeln wiederaufgebaut. Die ermordeten Männer liegen auf einem Friedhof. Die Frauen sind noch da, aber viele wünschten sich, sie wären auch begraben. Um sie kämpft die Kölner Frauenärztin Hauser mit ihrer Organisation Medica Mondiale. Sie arbeitet dort, wo es für Frauen am schlimmsten ist: im Kosovo, in Albanien, in Afghanistan, in Liberia, im Kongo.

Den Transporter mit dem blau-grauen Medica-Logo hat Monika Hauser zu einer gynäkologischen Ambulanz umbauen lassen. Auf den Dörfern hier im Westen des Kosovo praktizieren keine Frauenärzte. Außerdem gibt die medizinische Untersuchung "den Frauen einen guten Grund, das Haus zu verlassen", sagt Hauser.

Die Frauenärztin ist braungebrannt, ihr schwarzes Haar kurzgeschnitten. Sie trägt Cargohosen und knallroten Lippenstift. Medica musste kämpfen, damit die Ambulanz überhaupt nach Racaj kommen durfte - und nur im Innenhof darf sie stehen, niemand soll sie zu Gesicht bekommen.

Hauser, 50, erzählt von der kosovarischen Gesellschaft, die das Opfer an den Pranger stellt: Eine vergewaltigte Frau bringt Schande über die ganze Familie, so wird das hier gesehen. Sie erzählt von Männern, die ihre vergewaltigten Frauen verstießen, vom jahrhundertealten Kanun, dem archaischen Gewohnheitsrecht, nach dem Witwen den Schwager heiraten müssen oder nie mehr heiraten dürfen. "Über dem Thema Vergewaltigung", sagt Hauser, "liegt hier keine Glocke des Schweigens. Es ist von einer Betonmauer umgeben."

Draußen auf der Dorfstraße treibt ein Junge auf einem Pferdewagen das magere Tier mit der Peitsche an. Drinnen umringen die Frauen von Racaj die Ärztin aus Deutschland, wollen ihr erzählen: von der Tochter, die als Erste auf eine weiterführende Schule geht; von der Kuh, deren Milch jetzt hilft, die Familie zu ernähren; aber auch vom Valium, dass sie nahmen, um schmerzhafte Erinnerungen in Watte zu packen. Nebenan schlüpft die erste Patientin durch die Schiebetür in die Ambulanz mit Ultraschallgerät und gynäkologischem Stuhl.

Alles begann mit einem Zeitschriftenartikel über vergewaltigte Mädchen und Frauen in Bosnien. Den las die damals 32-jährige Ärztin Monika Hauser zu Hause in Köln. Sie bot Hilfsorganisationen ihre Arbeit an. Doch die erklärten sie für verrückt, Mitarbeiter der Vereinten Nationen meinten, vergewaltigte muslimische Frauen seien "sowieso nicht resozialisierbar".

Trotzdem fuhr Hauser los, ohne Konzept, ohne Geld. Wenige Monate später hatte sie mitten im Krieg das weltweit erste Therapiezentrum für vergewaltigte Frauen aufgebaut. Im vergangenen Jahr wurde ihr für ihre Arbeit der Alternative Nobelpreis verliehen.

Sie verarztet die Körper, aber vor allem versucht sie, die Seelen der vergewaltigten Frauen zu flicken. Die Opfer bekommen medizinische Hilfe, psychologische und juristische Beratung, wenn möglich eine Zukunftsperspektive. Etwas, von dem die Ausgegrenzten leben können.

Bienen, Kühe und Traktoren: So lautet das Rezept im Kosovo. Medica-Expertinnen brachten den Frauen bei, wie man Bienenstöcke baut und Honig vermarktet. Spenderinnen in Südtirol schenkten den Kosovarinnen Milchkühe, pro Frau eine. Wird das erste weibliche Kalb geboren, muss die Neubäuerin es einer anderen Frau in der Gruppe geben. "Wir mussten all diese Dinge tun, weil niemand anders sie gemacht hat", sagt Monika Hauser.

Ihre Organisation hat heute 100 Mitarbeiterinnen in den Projekten im Ausland. In der Kölner Zentrale sind 40 Frauen angestellt, 50 arbeiten ehrenamtlich. In Deutschland hat Hauser die Kampagne "Zeit zu sprechen" angestoßen. Sie soll daran erinnern, was zwei Millionen deutsche Frauen im Zweiten Weltkrieg durchlitten haben.

Jetzt ist Hauser für eine Woche in Gjakova, einer Kleinstadt im Kosovo. Sie will Frauen in den Dörfern besuchen, sie will Beraterinnen weiterbilden. Deswegen ist auch Ingeborg Joachim da, eine Traumatherapeutin aus Frankfurt am Main. Abends sitzen die beiden Frauen in einem Restaurant in der Altstadt. Sie essen Bauernsalat und Omelett und reden davon, dass Vergewaltigung im Krieg wenig mit Triebabfuhr, aber viel mit Kriegführung zu tun hat.

Seit es Kriege gibt, sind Frauen die Beute der Sieger. Vergewaltiger in Uniform terrorisieren die Menschen besonders effektiv und nachhaltig. Schon Homer berichtet davon, wie die Griechen die Trojanerinnen unter sich aufteilten.

Vergewaltigungen sollen demütigen, zeigen, dass die Mädchen und Frauen des Feindes nichts taugen, dass sie infiziert sind, mit fremden Kindern geschwängert. Diese Art der Zerstörung wirkt fort, wenn der Krieg längst vorüber ist. Die Frauen sehen die Schande bei sich, sie leiden oft ein Leben lang und geben das Leid noch an ihre Kinder weiter.

Wohl deutlich mehr als 20 000 Frauen wurden in Bosnien von serbischen Soldaten vergewaltigt. Weitere Tausende waren es im Kosovo. Als die Hutu-Schlächter 1994 in Ruanda wüteten, "war Vergewaltigung die Regel", sagt der zuständige Uno-Sonderbeauftragte. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat kürzlich im westafrikanischen Liberia Mädchen und Frauen befragt: 75 Prozent gaben an, dass sich Soldaten an ihnen vergingen - jedes Mal wieder, wenn die Front sich verschob und eine Region von einer Rebellentruppe überrannt wurde.

Natürlich hat Monika Hauser keine Chance, diese Verbrechen zu beenden. Aber wenigstens soll die Welt erfahren, was Frauen angetan wird: "Die Kriege gehen weiter, und wir schauen immer in dieselben traurigen, zerbrochenen Gesichter."

Und die Welt beginnt hinzuschauen. Vor ein paar Jahren besuchte die Schauspielerin Nicole Kidman Hausers Projekt im Kosovo. Im August traf US-Außenministerin Hillary Clinton im Kongo vergewaltigte Frauen in einem Lager. Sie sagte: "Diese Verbrechen müssen verfolgt und bestraft werden." Und auch der Uno-Generalsekretär kam. Ban Ki Moon war blass, als er nach dem Besuch einer Krankenstation in Goma vor Reporter trat. Die Frauen "haben Fisteln, zerrissene Wände der Vagina, Blase und Rektum, was sie inkontinent und krankheitsanfällig macht", sagte er.

Monika Hauser war einmal Pazifistin. Aber sie sagt heute: "Nach dem, was ich gesehen habe, kann ich das nicht mehr sein."

Sie versucht mit Kolleginnen, die Folgen der Gewalt zu mildern. Im Kosovo ist die Gynäkologin Minire Zuna fast zehn Jahre lang mit der Medica-Ambulanz in die Dörfer gefahren. Sie sah, was die vergewaltigten Frauen lieber verborgen hätten. Sie sah Frauen, die sich die Arme zerschnitten und sich die Haut durchgekratzt hatten. Einige lagen fürchterlich verletzt vor Minire Zuna auf dem Stuhl. Sie hatten sich mit Rasierklingen ihre Vagina zerschnitten. Und sie schwiegen.

Die Frauenärztin lernte, dass es hilft, die Tür abzuschließen. Dass es besser ist, erst über rein Medizinisches zu reden. Die Patientinnen klagten über Blutungen und schlimme Bauchschmerzen. "Das waren Traumata", sagt Minire Zuna. Manche kamen fast jede Woche und sagten, sie hätten Krebs. Irgendwann fragte Zuna: "Haben deine Probleme vielleicht mit dem Krieg zu tun?" Da begannen sie zu weinen.

Die kosovarischen Beraterinnen von Medica waren früher Anwältinnen, Sozialarbeiterinnen, Lehrerinnen. Medica schulte sie zu Traumatherapeutinnen. Psychologinnen gab es damals im Kosovo noch nicht. Die Frauen bekamen Hinweise, sie klingelten an Haustüren, sie boten, ganz vorsichtig, Hilfe an. Im Frühjahr 2004 fanden sie zum Beispiel Nurka.

"Mein Mann hat sie hineingelassen", sagt Nurka. "Und ich habe so gezittert, dass ich kaum stehen konnte." Heute trägt sie ein silbernes Glitzershirt und eine schwarze Hose. Sie hat sich feingemacht, weil sie Monika Hauser berichten will, dass sie jetzt selbst eine Frauengruppe leitet. Als die Medica-Beraterinnen sie fanden, hatte Nurka seit Jahren das Haus kaum verlassen. Sie glaubte, jeder könne ihr ansehen, was passiert war. Nachts schlief sie nicht, und morgens konnte sie nicht aufstehen. "Im Kopf hatte ich nur eines", sagt Nurka: "mich umzubringen."

In ihrem Dorf hatten serbische Milizionäre die Männer ermordet, die Frauen nahmen sie mit und brachten sie in ein Haus. Immer eine pro Zimmer. Nurka ringt nach Luft, als sie das erzählt. Sie wischt die Tränen weg. "Dann fingen sie an. Es waren viele. Es waren Junge. Es waren Alte. Es dauerte drei Tage." Ihr Körper war danach zerschunden von Bissen und Kneifwunden. Sie floh mit den Kindern nach Albanien. Dort stellte eine Lagerärztin fest, dass sie schwanger war. Nurka wurde ohnmächtig. Als sie wieder wach wurde, sagte die Ärztin als Erstes: "Ich werde Ihrem Mann nichts verraten." Es war undenkbar für Nurka, dieses Kind zu bekommen.

Als der Ehemann aus dem Krieg heimkehrte, war Nurka abgemagert, versteinert. Er versuchte, sie zu trösten. "Mach dir keine Sorgen um das kaputte Haus. Hauptsache, wir sind am Leben." Sie schwieg, voller Scham und Angst, er würde sie verstoßen. Er verstand nicht, warum sie wie gelähmt im Bett lag. Ein paarmal versuchte sie, sich Freundinnen anzuvertrauen, sagte, wie schlimm es doch gewesen sei, als die Soldaten kamen. Die Freundinnen sagten dann: "Was für ein Glück, dass es mir nicht passiert ist." Nurka schwieg weiter.

Erst zu der Medica-Beraterin fasste sie Vertrauen. Erzählte davon, wie sie zitterte, wenn sie eine Uniform sah. Dass sie immer wieder diese Kniffe und Bisse spürte, wenn Kriegsbilder im Fernsehen liefen. "Als ich angefangen hatte zu sprechen, ging es mir langsam besser." Sie traute sich vor die Tür. Nachbarn feindeten sie an. "Wir wissen doch, was dir passiert ist. Warum geht es dir wieder gut?" Irgendwann sagte sie es sogar ihrem Mann. Der hatte es längst vermutet.

Nurka hatte nun Kraft genug, um zu arbeiten. Von Medica bekam sie Zubehör und Ersatzteile für einen Traktor, den die Familie besitzt. Mit anderen Bäuerinnen macht sie Heu, baut Mais, Weizen, Gemüse an. 250 Euro verdient sie inzwischen im Monat. Ihr Mann und die drei Kinder leben davon. Nurka ist eine der ganz wenigen der 9000 von Medica betreuten Frauen, die über ihre Erlebnisse offen zu sprechen wagen.

Monika Hauser besucht auf ihrer Tour auch Shkurte. Die 64-Jährige sitzt mit ihrer Tochter auf der Terrasse, die Wände des Hauses sind noch verrußt von jenem Tag vor zehn Jahren, an dem sie den Ehemann, den Sohn, den Bruder, den Schwager und einen weiteren Verwandten verlor.

Shkurte trägt ein Kittelkleid und raucht Kette. Sie erzählt, wie die Soldaten die Männer von den Frauen trennten. Da greift ihre Tochter sie am Ärmel und sagt leise: "Lass das aus, Mama." Und so erzählt die Mutter, wie sie die Tochter fand im Wasser, versteckt in einem Flussbett. Die Tochter sagt, sie habe gebetet, um nicht verrückt zu werden. Die Mutter sagt: "Warum verstecken wir das Verbrechen? Wir haben doch nichts falsch gemacht. Warum reden wir nicht?" Die Tochter schweigt.

Es war ihre Großmutter Elsa, die Monika Hauser beibrachte, "dass die Welt anders ist für Frauen und Männer". Die Oma aus Südtirol vertraute ihr an, dass sie schwanger wurde, um der Plackerei für 13 Geschwister im Elternhaus zu entfliehen. Aber mit dem Ehemann kam neue Gewalt. Und Monika begriff, dass dieser Ehemann ihr geliebter Großvater war. Was sie heute mache, sagt Hauser, sei ein "Familienauftrag, den mir meine Vorfahrinnen gegeben haben, die so viel Gewalt erfahren haben".

In Essen behandelte sie als junge Gynäkologin HIV-positive Schwangere. Die anderen Ärzte waren froh darum. "Den Dreck geben wir Monika", habe einer gesagt. Warum, so fragt sie sich, war sie bei einer Gruppenbesprechung im Krankenhaus die Einzige, die nachhakte, als ein sechsjähriges Mädchen mit Schamlippenriss eingeliefert wurde. Der Vater behauptete, die Kleine sei im Kindergarten auf den Tisch gefallen. "Das glaubt ihr?", fragte Monika Hauser, und die anderen Ärzte verdrehten die Augen.

Wenn Männer immer die Täter sind und Frauen ihre Opfer, beginnt man dann nicht, die Männer zu hassen? Die Ärztin lacht. "Ich habe ja selber zwei zu Hause", sagt sie. Und dass es Medica Mondiale nicht gäbe ohne ihren Mann, einen Tontechniker. Er übernehme die Arbeit zu Hause. "Wir führen keine gleichberechtigte Beziehung. Die Elternabende, auf denen ich war, kann man an einer Hand abzählen." Ihr Sohn Luca ist jetzt 13. Er verstehe, was sie mache. "Aber wenn ich nach Kabul fliege, dann sagt er: ,Ich hasse deinen Job.'"

Sie fährt trotzdem. Obwohl es immer gefährlicher wird. Die Außenstelle in Kandahar mussten sie und die afghanischen Medica-Frauen schließen. Drei andere Zentren in Afghanistan arbeiten noch. Die Verhältnisse dort seien schrecklich.

Kinder werden verheiratet, es gibt Inzest und Ehrenmorde. Oft landen vergewaltigte Frauen im Gefängnis. Und wenn die Anwältinnen von Medica es schaffen, ihre Freiheit zu erkämpfen, dann müssen sie verhandeln, mit dem Mullah, dem Dorfältesten, der Familie, den Nachbarn, ob die Frau auch zurückkehren darf.

Einmal hatte sich eine 15-Jährige zu Medica geflüchtet, sie hatte eine Vergewaltigung verschwiegen, heimlich ein Baby geboren und es dann erstickt. Nun wollte ihre eigene Familie sie ermorden. Monika Hauser schlug vor, die Polizei zu rufen. Aber die afghanische Ärztin zögerte: "Das letzte Mal, als ich das gemacht habe, ist die Patientin dort auch vergewaltigt worden."

Eine andere afghanische Mitarbeiterin der Frauenhilfsorganisation vertraute Hauser an, ihr Mann schlage sie jeden Abend. Er frage dann, mit wie vielen Kollegen sie heute bei der Arbeit geschlafen habe. "Es ist wahnhaft", sagt Monika Hauser.

Aus einem anderen Wahn kommt sie gerade erst zurück. Vor der Reise ins Kosovo hat sie das Medica-Zentrum in Liberias Fishtown besucht. Zwei Tage dauerte die Tour im Land Cruiser von Monrovia aus durch den Regenwald in den rückständigsten Teil des Landes. Als Hauser das Zentrum 2007 eröffnete, war sie voller Hoffnung: Die Frauen trugen bunte Gewänder und Hüte aus weißem Papier. Darauf stand: "Hört auf, kleine Mädchen zu vergewaltigen." Und die neue Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf bezeichnete sich selbst als Überlebende sexueller Gewalt.

Aber heute scheinen die Probleme oft unbezwingbar. In Fishtown gibt es den Glauben an die schwarze Magie, Geheimgesellschaften, Korruption. Die Menschen dort hat all die Gewalt abgestumpft. Sie sind bitterarm. Die Medica-Beraterinnen versuchen, Familien zu überzeugen, Anzeige zu erstatten, wenn eine Tochter vergewaltigt wird. Meist ziehen die Familien die Anzeige zurück, wenn der Täter zahlt. Drei oder vier Dollar reichen schon.

Als Monika Hauser sich einmal angucken wollte, wo Vergewaltiger ihre Strafe absitzen müssten, so sie denn doch verurteilt würden, traf sie vier Männer, die auf Plastikstühlen vor dem Gefängnis saßen. Zwei von ihnen waren Wärter, zwei die Sträflinge. Weglaufen lohne sich nicht, sagte einer von ihnen, rundherum sei eh nichts als Urwald. "Da kann man sehen, wie das Justizsystem funktioniert", spottet Hauser.

Liberia sei eine "Extremst-Herausforderung", sagt sie. Sie bläut ihren Mitarbeiterinnen ein, auf sich selbst zu achten, Grenzen zu ziehen, damit sie nicht an dem Leid ersticken, das sie täglich sehen. Hauser hat das selbst erlebt. 1995 brach sie zusammen, musste drei Monate krankgeschrieben werden. Seitdem hat sie sich vorgenommen zu joggen, sie fing an, Saxofon zu spielen. Ein-, zweimal die Woche schafft sie es, dafür Zeit zu finden.

Hier im Kosovo geht sie bis spätabends mit der Traumatherapeutin Ingeborg Joachim die Seminare für die Beraterinnen durch: Erst sollen sie Vertrauen aufbauen, die Klientinnen stabilisieren, dann müssen sie sie mit der Vergewaltigung konfrontieren. Und schließlich soll das Kapitel irgendwie ins Leben der Frauen integriert werden.

Ingeborg Joachim hat den kosovarischen Beraterinnen gezeigt, welche Methoden helfen, das Trauma zu überwinden. Die Helferin "kann mit der Klientin zum Beispiel einen Platz vereinbaren und eine Zeit, an der sie gedenken kann. Und dann kann sie Schaufeln nehmen und zusammen mit ihr den Garten umgraben". Die Beraterinnen meditieren mit den Frauen. Ingeborg Joachim zeigte ihnen sogar Massagen. Erst hielten viele das für lächerlich. Heute sagen sie, dass die Massagen Schmerzen lindern.

Kriegswitwen bekommen im Kosovo 36 Euro Rente im Monat. Als Imkerinnen, Milchbäuerinnen und Leiterinnen von Milchsammelstellen können sie fast das Zehnfache verdienen. "Es gibt Frauen, die waren suizidal, und heute stehen sie auf der Agrarmesse und verkaufen ihren Honig", sagt Hauser.

Vielleicht ist es mehr als alles andere die Arbeit, die den Frauen ins Leben zurückhilft. Hauser hat auf ihrer Reise auch Bäuerinnen aus dem Dorf Dobrosh besucht. Shpresa, eine junge Witwe mit hochhackigen Sandalen und einer Trainingshose, ernährt elf Familienmitglieder mit dem Verkauf ihres Akazien-, Wiesen- und Kastanienhonigs. Sie serviert ihn pur in kleinen Teegläsern. "Die Arbeit hilft ihr, dem zu entfliehen, was passiert ist", sagt ihre Schwiegermutter.

Denn eigentlich gelten im Kosovo die Töchter von Mehmet Efendia als Vorbilder, an die bis heute ein Mahnmal in Gjakova erinnert: sechs schmucklose Gräber in einem Hinterhof, dazu ein Kasten, in dem ein paar Kerzen brennen.

Vor drei Jahrhunderten, im Österreichischen Türkenkrieg, wuschen die sechs Schwestern gerade Wäsche im Hof, als österreichische Soldaten kamen, um sie zu vergewaltigen. Da überschütteten sie sich mit dem kochend heißen Wasser. Sie wählten den Tod statt der Schande.

CORDULA MEYER


DER SPIEGEL 50/2009
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