07.12.2009

NACHRUFErich Böhme

In einer Badehütte am Wolfgangsee saßen sich die Gesprächsteilnehmer mehr als drei Stunden gegenüber. Auf der einen Seite: Erich Böhme, seit drei Jahren SPIEGEL-Chefredakteur, sowie der Kollege Klaus Wirtgen; auf der anderen Seite: Helmut Kohl, Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Bundesvorsitzender der CDU. Kohl will nach diesem Bundestagswahlkampf 1976 unbedingt Kanzler werden.
Als Böhme bezweifelt, dass es Kohl gelingen könnte, eine absolute Mehrheit für seine Kanzlerschaft und die Union zu erringen, da antwortet der Christdemokrat, in die Enge getrieben, mit der Ankündigung: "Am Wahlabend werde ich mich dazu äußern, wie ich regiere" - und fügt dieser Selbstverständlichkeit eine inzwischen legendäre Floskel an, deren Bedeutung ihm damals offenbar gar nicht bewusst wird: "mit einer Stimme Mehrheit oder weniger."
Der SPIEGEL-Mann ist fassungslos: "Wollen Sie mit einer Stimme weniger regieren?" Kohl bemerkt die Falle nicht: Auch ein solches Ergebnis "wäre ein großer Wahlsieg".
Kein Wunder, dass dieses SPIEGEL-Gespräch mit Helmut Kohl das letzte blieb, jedenfalls das letzte offizielle. Aber so war Erich Böhme immer: Stets, und erst recht als Moderator der Sat.1-Sendung "Talk im Turm", versuchte er, Politik und Politiker auf den Punkt zu bringen. Er erforschte Hintergründe. Er stellte ihnen und sich immer wieder die alte, aber unglaublich wichtige Journalistenfrage "What makes him tick?"
Er war ein Homo politicus, ein politischer Kopf, wie es ihn sonst im bundesdeutschen Journalismus nur noch einmal gab - in der Gestalt von Böhmes einstigem Chef, dem SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein. Beide waren auf seltsame, zuweilen innige Weise aufeinander angewiesen. Beide halfen einander. Und aus dem Teamgeist entwickelte sich später ein Konkurrenzverhältnis, eine milde Form von Eifersucht, die dem SPIEGEL und seinen Lesern lange Zeit zugutekam, dann aber doch zum Ende der Zusammenarbeit führte. Kollegialität und Autorität passen nicht lange zusammen.
Augstein hatte den sieben Jahre jüngeren Böhme 1958 bei der "Deutschen Zeitung" entdeckt, für die er als Wirtschaftsredakteur aus Bonn berichtete. Die SPIEGEL-Affäre übersteht der neue Mann in sicherer Deckung der Bundeshauptstadt, und nach elf Jahren wird er Leiter der Bonner Redaktionsvertretung - gerade als mit dem Ende der ersten Großen Koalition, mit dem neuen sozialliberalen Bündnis, mit dem Aufschrei der 68er-Generation die politische Morgenröte über dem einst langweiligen, verschlafenen Bundesdorf aufzieht.
Da gelingt dem neuen, immer neugierigen, stets charmant strahlenden Büroleiter ein Coup, der den SPIEGEL auf Jahre zur Pflichtlektüre aller an Politik Interessierten, aller Bonner Koalitionäre und aller Beamten der Bundeshauptstadt macht: Er gewinnt einen - natürlich honorarfreien - Zuträger und ständigen Informanten aus hohen Regierungskreisen. Der Mann weiß alles; was er nicht weiß, kriegt er heraus.
Regelmäßig erscheint "die Stimme", wie ihn die wenigen Eingeweihten diskreterweise immer noch nennen, im SPIEGEL-Büro und plaudert angeregt mit den Redakteuren über Kabinettsinterna. Da streiten Helmut Schmidt mit Karl Schiller, Willy Brandt mit Alex Möller, Georg Leber mit Erhard Eppler.
So wird die damals aktuelle - und dringend nötige - Reformpolitik dem Leser im Pro und Contra nah und greifbar. So wird das Magazin zum wichtigsten Informationsblatt der Intellektuellen. Und trotz aller Bemühungen des Kanzlers oder seiner Helfer - "die Stimme" wird niemals enttarnt. Sie verkündet der Bonner Redaktion weiter die Hauptthemen der Politik, als Böhme 1973 in die Chefredaktion nach Hamburg wechselt und Kanzler Brandt - das von Böhme als Titelthema geschilderte "bröckelnde Denkmal" - 1974 von Helmut Schmidt abgelöst wird.
Natürlich gilt Böhmes Zuneigung der Reformpolitik, wie Brandt sie betrieb. Aber er behält sich seine politische Einstellung für die Wahlsonntage vor; im Gespräch mit Böhme oder in seinen Kommentaren wird nicht erkennbar, ob er mit einer Partei sympathisiert. So kommt der Journalist im Lauf der Jahre auch in engen Kontakt zum CSU-Chef Franz Josef Strauß, den SPIEGEL-Leser bis dahin nur als Anstifter der Affäre von 1962 oder als Raufbold aus Sonthofen kennen. Behilflich bei der Annäherung war Böhmes (zweite) Frau Monica, eine weitläufige Verwandte von Marianne Zwicknagl, der späteren Gattin des Christsozialen.
Strauß teilt mit Böhme die Vorliebe für Italiener, sei es in der Münchner Schellingstraße oder an der Hamburger Außenalster. Strauß hat, was Böhme nicht antreibt: Machthunger, politischen Gestaltungswillen, Streitlust. Und beide, im Kern doch recht ähnlich, ziselieren gern das Wort - der Altphilologe in seinen Reden, der Journalist beim Schreiben.
Es kommt die Zeit der großen Affären, in und außerhalb der Bonner Politik: die Bespitzelung des Atommanagers Klaus Traube, die unglaublichen Betrügereien des Gewerkschaftskonzerns Neue Heimat, die Parteispenden- und die Flick-Affäre. Erich Böhme profiliert sich als SPIEGEL-Interpret auch in der Öffentlichkeit; er sieht sich nach außen hin nicht als Ankläger, sondern als Aufklärer. Augstein ist eher publikumsscheu, Böhmes Kompagnon in der Chefredaktion, Johannes K. Engel, versteht sich mehr aufs interne Geschäft des Redaktionsmanagements.
In der Parteispendenaffäre zögert Augstein zunächst, die skandalösen Zahlungen aufzudecken - er ist als Geldgeber für die FDP selbst indirekt betroffen. Doch sein Chefredakteur Böhme setzt sich mit dem Motto der "New York Times" durch: "All the news that's fit to print" - Neuigkeiten gehören gedruckt; wenn nicht im SPIEGEL, wo sonst?
Als dann Uwe Barschels schillernder Medienhelfer Reiner Pfeiffer dem Blatt Einzelheiten jener Aktion berichtet, mit der der Kieler CDU-Ministerpräsident seinem SPD-Gegner Björn Engholm buchstäblich zu Leibe rücken will, übernimmt Böhme sogleich das Kommando. Augstein ist skeptisch, Engel bereits ausgeschieden, und Chefredakteur Werner Funk mischt sich nicht ein. Ein Show- down bahnt sich an im SPIEGEL-Haus: Barschels "Ehrenwort" steht gegen Böhmes Wille zur Aufklärung. Letzterer obsiegt.
Böhme selbst hat den September 1987 als "Höhepunkt" seiner journalistischen Karriere bezeichnet; und auch damit hatte er recht: Von diesem Höhepunkt, den er erst als strahlender, dann - nach Barschels Tod - tief betroffener Sieger erlebt, ging es sacht bergab. Der nach Selbsteinschätzung "unheilbare Journa-
list", der begnadete Polit-Denker, hielt die revolutionäre Entwicklung in der DDR zwar für faszinierend, aber wegen der außenpolitischen Umstände nicht für erfolgversprechend.
Seine Einschätzung erschien, zehn Tage vor dem Fall der Mauer, in der von ihm verantworteten SPIEGEL-Ausgabe; der erste Satz des Kommentars lautete: "Ich möchte nicht wiedervereinigt werden."
Das war, wie Mitarbeiter, Leser und Herausgeber sogleich fanden, ein kecker Satz. Hatte nicht Böhmes Chef Augstein unter dem Pseudonym "Jens Daniel" unerbittlich gegen die deutsche Teilung und gegen Adenauers auf die Westbindung Deutschlands fixierte Politik angeschrieben?
Böhme lehnte die 1989 noch ziemlich unvorstellbare Einheit nicht direkt ab. Er fand aber die kleine, gemütliche Bonner Republik eher lebens- und liebenswert, weil er - ein in Frankfurt am Main geborener Rheinländer - Reminiszenzen an Preußentum und deutsche Großmannssucht fürchtete und diese für unvereinbar mit der Demokratie hielt.
Eine Woche später stand an gleicher Stelle im Blatt Augsteins "andere Ansicht", die Gegenmeinung, ausdrücklich mit einem persönlichen Bekenntnis: "Ich will wiedervereinigt oder neu vereinigt werden."
Das fühlte sich an wie ein essayis-tischer Disput unter Intellektuellen über abstrakt Visionäres. Tatsächlich ging es, bei Augstein jedenfalls, um den Kern: Er wollte in dieser für ihn prinzipiel- len Frage unbedingt die Meinungsführerschaft erringen, zumindest im eigenen Hause.
Zwei Wochen nach Böhmes Kommentar, vier Tage nach dem Mauerfall, brachte der SPIEGEL den Titel "Das Volk siegt". Es war nicht so, dass Böhme - stets gelassen und loyal - einen Kampf verloren hätte; aber der Bruch der beiden Blattlenker und -denker war irreparabel. Schon im Dezember schied Böhme aus, begann aber seinen Ruhestand und sein 61. Lebensjahr mit einem spektakulären Berufswechsel als Talkmaster ins private Fernsehen, das er zuvor als "unnütze Zeitverschwendung" abgetan hatte.
Da erwies sich der politische Kopf nun auch den Fernsehzuschauern als brillant. In 393 Sendungen ließ er die Gäste reden, aufeinander losgehen oder ins Abseits tappen, ganz nach der Art des Chefredakteurs, der einst genau so mit seinen Redakteuren verfahren war.
Am 27. November ist Erich Böhme 79-jährig in Bad Saarow gestorben. Zuletzt hatte er in Worin, einem brandenburgischen Dorf nahe der Grenze zu Polen, gelebt; dorthin hatte er sich mit seiner (vierten) Frau, der ehemaligen DDR-Journalistin Angelika Unterlauf, in den Unruhestand zurückgezogen - ein unheilbarer Journalist nach wie vor: Böhmes letzter Kommentar erschien einen Tag nach seinem Tod in der "Sächsischen Zeitung". WOLFRAM BICKERICH
* Oben: auf einer SPIEGEL-Redaktionskonferenz am 7. November 1988; unten: beim "Talk im Turm" am 3. Juli 1990 mit Regine Hildebrandt und Hans-Dietrich Genscher.
Von Wolfram Bickerich

DER SPIEGEL 50/2009
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