14.12.2009

AFFÄRENSchließer und Schlepper

Neue Details zur Flucht zweier Schwerverbrecher ergeben ein abenteuerliches Bild vom Alltag im Aachener Knast. Kann NRW-Regierungschef Jürgen Rüttgers seine Justizministerin halten?
Aachen, die alte Kaiserstadt im Grenzgebiet zu Belgien und den Niederlanden. Ein Neubaugebiet nahe der City, 20. November 2009, exakt um 18.45 Uhr. Am Straßenrand parkt ein ziviles Fahrzeug der Polizei, die Spezialisten für Observationen und Festnahmen sind im Einsatz, ein MEK-Trupp, das Mobile Einsatzkommando.
Von der "Zielperson", ZP, wie die verdeckten Ermittler ihre Kunden nennen, gibt es ein Foto. Ziemlich grobkörnig, weil es ein vergrößertes Bild aus einer Personalakte ist. Dennoch können die Fahnder ihre ZP Michael K., 40, gut identifizieren, als er ein Haus betritt. Ein Beamter wie sie, untere Besoldungsgruppe, Mitarbeiter im Aachener Gefängnis, seit der Neubau 1995 eröffnet wurde.
Ausgerechnet hier, in einer der modernsten Justizvollzugsanstalten (JVA) Europas, wurde offenbar jahrelang gedealt und Geld verschoben, bestochen und erpresst. Im vergangenen Jahr und im Jahr zuvor starben zwei Insassen an einer Überdosis Rauschgift, einer hatte sich offenbar Heroin gespritzt, der andere vermutlich zu viel Ecstasy geschluckt. Wenige Monate vor dem MEK-Einsatz, im September, hatte das Landgericht Aachen einen Ex-Beamten als Amphetamin-Dealer zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt.
Drogenhandel im Knast, deshalb lag das MEK nun auf der Lauer. Denn Schließer K., so hatte eine Zeugin zu Protokoll gegeben, würde sich als "Schlepper" verdingen. Schlepper, das sind Beamte von ganz besonderer Hilfsbereitschaft, weil sie den Gefangenen in ihren Zellen ein besseres Leben ermöglichen, gegen Bares natürlich oder weil sie erpressbar sind. Schlepper können Handys besorgen, Akkus oder Drogen.
Und die 48-jährige Zeugin hatte noch einen Tipp parat. Ein Unbekannter hatte auf ihr Girokonto 200 Euro eingezahlt, das Geld sollte ein JVA-Mann bei ihr abholen. Sein Name: Michael K.
200 Euro sind in der freien Welt nicht sonderlich viel, aber im abgeschotteten System des Strafvollzugs Gold wert. Denn Bargeld ist im Gefängnis verboten, prinzipiell jedenfalls; wer cash zahlen kann, dem eröffnen sich viele Wege. Deshalb, so heißt es in Ermittlerkreisen, sei K. nur gefilmt und nicht festgenommen worden. Um so vielleicht an Hintermänner heranzukommen. Er konnte also weiterhin Dienst schieben in einem der sensibelsten Bereiche des Gefängnisses, auch an der Pforte.
Bis zum 26. November. An diesem Tag spazierten zwei Schwerverbrecher, der Mörder Peter Paul Michalski und der Geiselnehmer Michael Heckhoff, beide zu lebenslänglich verurteilt, beide in Sicherungsverwahrung, wie Freigänger durch das Gefängnistor und setzten sich in einem Taxi ab. Beide skrupellos, beide bewaffnet, vielleicht ist es reines Glück, dass in den Tagen ihrer Freiheit keine der fünf Geiseln, die sie nahmen, zu körperlichen Schaden kam. Einen Tag nach dem Ausbruch wurde ihr mutmaßlicher Fluchthelfer K. in Haft genommen.
Politisch wird es schwer für die nordrhein-westfälische Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter. Die CDU-Frau, langjährige Richterin, trägt doppelt. Einerseits ist sie zuständig für den Strafvollzug, andererseits hat sie die Aufsicht über die Staatsanwaltschaften. Nun prallen beide Verantwortlichkeiten höchst unangenehm aufeinander - am Mittwoch muss sich die Ministerin, zum zweiten Mal, wegen der Aachener Affäre den Landtagsabgeordneten stellen.
Vor allem die Frage, warum Schließer K. trotz der Verdachtslage weiter an seinem alten Platz wirken konnte, will die Opposition beantwortet wissen. Man habe die Ermittlungen nicht gefährden wollen, heißt es im Umfeld der Ministerin.
Fünf Monate vor der wichtigen NRW-Landtagswahl gehen die ersten Vertreter des Koalitionspartners FDP intern auf Distanz zur glücklosen Frontfrau für Recht und Gesetz. Da hilft es auch nicht viel, dass Müller-Piepenkötters Chef, Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, ihr öffentlich ein wenig unter die Arme greift. Rüttgers ist ein gewiefter Taktiker, dem nachgesagt wird, kritische Personalien gern an stillen, beschaulichen Tagen zu regeln. Die stehen jetzt an.
Entscheidend für die Zukunft der Ministerin dürfte der Fortgang des Verfahrens gegen den Vollzugsmann K. werden. Nach jetziger Aktenlage soll er sich offenbar nicht nur für Schlepperdienste verdingt haben. Er ist die Schlüsselfigur in einer scheinbar perfekt geplanten Flucht, von der es zwei völlig unterschiedliche Versionen gibt. Die des Häftlings Heckhoff geht so: Er und Michalski hätten einen Generalschlüssel heimlich fotokopiert und anschließend in der Anstaltsschlosserei ein Duplikat zurechtgefeilt. Ein wahres Meisterstück mit kompliziertem Doppelbart. Damit wollen sie in den Innenhof gelangt sein, bevor sie dann zwei JVA-Beamte überwältigt und sich schussbereite Pistolen besorgt hätten.
Das Ganze wäre eine schier übermenschliche Leistung gewesen - zudem müsste alles im toten Winkel Dutzender Überwachungskameras stattgefunden haben.
Die Ermittler glauben an einen anderen Hergang. Danach geht der JVA-Beamte K. am Abend des 26. November zum Hafthaus 4, wo Michalski und Heckhoff untergebracht sind und wo gerade "Aufschluss" ist - eine Art Sozialstunde, in der die Zellentüren geöffnet sind und sich die Häftlinge gegenseitig besuchen können. Der Beamte, so die Hypothese, habe mit Hilfe seines Generalschlüssels, des sogenannten Durchgängers, von außen heimlich die Abschottungstür der ersten Etage geöffnet, so dass die beiden Gangster in einem unbeobachteten Augenblick hinausschleichen konnten. Erst mit seiner Hilfe habe das Trio dann vier weitere Sicherheitstüren überwunden, bevor die Männer in den sogenannten Verwaltungshof der Haftanstalt gelangten.
Durch das Glas einer Sprossentür, die im Blickfeld der Überwachungskamera 47 liegt, wurden Bilder aufgezeichnet. Sie zeigen auf einer Treppe drei Schemen: zwei dunkle Gestalten zuerst, eine dritte in Hellgrün hinterher. Hellgrün sind die Uniformhemden der Justizbediensteten.
Der Uniformierte sperrt die Türe auf, seine Begleiter verschwinden im Hof. Danach zeichnet die digitale Kamera auf, wie der Mann in Grün demonstrativ umständlich die Tür abschließt und auf die Pforte zugeht. Wenig später kommt er noch einmal zurück, sperrt die Tür noch einmal auf und zu - ein unsinniges Unterfangen.
K. und seine Kollegen aus Haus 1 müssen regelmäßig an der Pforte bei einer Art Wachwechsel helfen. Die Anstalt wird ständig von einem Wachfahrzeug umrundet. Alle zwei Stunden wechseln sich der Mann an der Pforte und der Fahrer ab, eine Sicherheitsmaßnahme. Gegen 20 Uhr wird der Beamte V. am Steuer des Golfs abgelöst. Auf dem Weg zurück in den Glaskasten der Pforte muss er durch das innere Schiebetor der Fahrzeugschleuse, die in diesem Augenblick von seinem Kollegen K. bedient wird.
Die Kamera zeigt, wie sich um Punkt 20.03 Uhr das Tor einen Spaltbreit öffnet, V. in die Schleuse tritt und ihm zwei Personen hinterherhechten. Das Tor schließt sich hinter den drei Männern, V. ist in der Falle. Er wird niedergeschlagen und geknebelt, die Handschellen, mit denen er dann gefesselt wird, stammen aus dem Bereich der Pforte, wie sich an der eingravierten Seriennummer feststellen lässt. Anschließend bekommt V. eine Art Sack über den Kopf gestülpt.
In den folgenden drei Minuten, davon gehen die Ermittler aus, habe Schließer K. zwei Dienstpistolen der Marke Heckler & Koch samt 16 Schuss Munition in einer automatisch gesteuerten Schublade deponiert. Diese "Durchreiche" (JVA-Jargon) verbindet die Panzerglas-Pforte mit dem Innern der Fahrzeugschleuse. Normalerweise werden hier Ausweise und Handys von Besuchern hineingeschoben.
20.06 Uhr: Eine andere Kamera zeigt, wie sich das Außentor der Fahrzeugschleuse öffnet und die beiden Ausbrecher seelenruhig aus der JVA schlendern, einer trägt V.s Sporttasche, in der sich jetzt wahrscheinlich die Waffen befinden.
Es war nicht das erste Mal, dass dem beschuldigten Michael K. ein Häftling abhandengekommen ist. Am 31. Januar 2006 hatte der Vollzugsbeamte gemeinsam mit einem Kollegen Adolf K. ausgeführt, einen verurteilten Vergewaltiger, der in Aachen in Sicherungsverwahrung saß. Zum 65. Geburtstag hatte der Delinquent Sonderurlaub bekommen und durfte seinen ehrenamtlichen Betreuer in Würselen besuchen.
Der Knacki, der bereits einen Fluchtversuch hinter sich hatte, klagte an diesem Tag über Magen-Darm-Probleme; in der Wohnung des Betreuers ging er zur Toilette - und verschwand. Das Ermittlungsverfahren gegen JVA-Mann K. und seinen Kollegen, die zunächst im Verdacht der Gefangenenbefreiung gestanden hatten, wurde Anfang Mai 2006 eingestellt, mangels Tatverdachts.
Die spannende Frage ist nun im aktuellen Fall: Was könnte einen biederen Familienvater dazu bringen, zwei Schwerverbrecher freizulassen?
Hatte der mutmaßliche Fluchthelfer Michael K. Geldsorgen? Hatte er sich auf illegale Geschäfte mit Häftlingen eingelassen, die nun drohten, ihn anzuschwärzen? "Möglicherweise ist er erpresst worden, möglicherweise hat er sich bestechen lassen", sagt Reina Blikslager, die Leiterin der Justizvollzugsanstalt, hilflos: "Das wissen wir noch nicht."
K.s Kölner Verteidiger Thomas Gros wollte sich am Freitag nicht zu den Vorwürfen gegen seinen Mandanten äußern. Bislang verweigere ihm die Staatsanwaltschaft Aachen Akteneinsicht - unter Hinweis auf die Gefährdung des Untersuchungszwecks.
Eine Aussage unmittelbar nach seiner Festnahme könnte sich für K. positiv auswirken. Er verriet die Handy-Nummer der Geflohenen. So konnte, nachdem Heckhoff gefasst war, die Position Michalskis geortet werden. Ihn abzugreifen war für die Polizei dann ein Kinderspiel.
GEORG BÖNISCH, ANDREA BRANDT,
SVEN RÖBEL, BARBARA SCHMID
Von Georg Bönisch, Andrea Brandt, Sven Röbel und Barbara Schmid

DER SPIEGEL 51/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AFFÄREN:
Schließer und Schlepper

  • Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord
  • Mays Auftritt beim EU-Gipfel: "Es kam zu tragikomischen Szenen"
  • Wolkenformation: Ein Mädchen am Horizont
  • Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell