14.12.2009

ZEITGESCHICHTESchwarze Todeslisten

Mit seinem Attentat auf Rudi Dutschke motivierte Josef Bachmann seine Peiner Neonazi-Freunde - Anschläge auf Hans Rosenthal und Heinz Galinski sollten folgen.
Günter Bachmann schreit. Er zetert und schimpft, als hätte sein Halbbruder Josef erst gestern auf diesen Kommunisten geschossen, auf Rudi Dutschke, den Studentenführer in Berlin.
"Ja, der Seppl hatte so einen durchgebohrten Revolver", brüllt er ins Telefon. Fragen nach seinem Bruder gefallen ihm nicht - und erst recht nicht solche nach seinen eigenen rechtsextremen Verstrickungen. "Was für eine Scheiße da hochkommt", ruft er, "das kann doch nicht normal sein! Sind wir hier bei der Mafia?!"
Über 40 Jahre sind seit dem Attentat vom Berliner Kurfürstendamm vergangen, es war ruhig geworden um die alte Geschichte. Doch mit den Enthüllungen über Josef Bachmanns rechtsradikales Umfeld (SPIEGEL 50/2009) kehrt die Vergangenheit nach Peine zurück.
Etliche seiner rechten Weggefährten leben heute noch dort. Es passt ihnen nicht, dass ihre Neonazi-Welt plötzlich im Rampenlicht steht. Manche fallen übereinander her und schieben sich die Schuld gegenseitig zu, andere verschanzen sich vor der Presse.
Ihre Berichte sowie Stasi-Akten und Polizeiprotokolle zeichnen das Bild einer braunen Szene, die sich schon Jahre vor Bachmanns Schüssen auf Dutschke radikalisierte - und danach zu einer terroristischen Bewegung auswuchs. Das Attentat und die darauffolgenden gesellschaftlichen Unruhen, ist heute zu vermuten, haben Bachmanns Freunde nicht ausgebremst, sondern angefeuert.
Im Zentrum steht Hans-Dieter Lepzien, damals Taxi-Unternehmer und stadtbekannter Neonazi, der sowohl für die Stasi als auch für den Verfassungsschutz spionierte. "Der in Peine wohnende Günter Bachmann, ein Bruder des Dutschke Attentäters Josef Bachmann, gehört ebenfalls einer NS-Zelle an", meldete der Doppelagent damals nach Ost-Berlin.
Lepzien erinnerte sich an einen gemeinsamen Gaststätten-Besuch. Günter habe einen NSDAP-Aufkleber aus seiner Tasche geholt und gesagt: "Hier, das ist jetzt meine neue Partei." Selbst über Waffen "für den Untergrundkampf" haben die beiden Kumpane nicht lange nach dem Attentat diskutiert. Bachmann habe angeboten, "nagelneue tschechische Waffen, Maschinenpistolen und italienische Pistolen" zu besorgen. Eine Anschuldigung, die Bachmann heute maßlos ärgert - weniger wegen des Nazi-Vorwurfs. Der andere, Lepzien, "war es, der die Waffen anbot", sagt er.
Das Attentat seines Bruders muss eine Art Startschuss für die Peiner Neonazis gewesen sein, so jedenfalls steht es in den Stasi-Akten. Der frühere Josef-Bachmann-Freund Paul Otte sammle "Waffen, Munition, speziell Sprengstoff, um die Kampfgruppen der NSDAP/AO ausrüsten zu können" - AO steht dabei für "Aufbau-Organisation". Zur Terrorfinanzierung habe Otte sogar einen Banküberfall "ähnlich den Überfällen der Baader-Meinhof-Gruppe bereits schon vorexerziert".
Selbst "schwarze Todeslisten" mit den Namen von 600 Juden, Linken und prominenten Bundesbürgern legten Otte und seine Kumpane an, um sie "durch Attentate auszuschalten". Weit oben, mit exakt ausgekundschafteten Privatanschriften, standen Personen wie der Fernsehstar Hans Rosenthal, dessen Angehörige im Holocaust ermordet worden waren, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Berlins Heinz Galinski und der Filmregisseur Ulrich Schamoni ("Spezialist in Hetzfilmen gegen Deutsche").
Otte, ein Altnazi, Jahrgang 1924, war seit Anfang der sechziger Jahre eine Art Vaterfigur für Josef Bachmann und andere Jugendliche in Peine. Der Anschlag auf Dutschke muss ganz in Ottes Sinn gewesen sein, schließlich wollte der "die staatliche Ordnung von innen her erschüttern", damit die Bevölkerung nach "mehr Härte" und einem "starken Mann" ruft. Konsequent baute der Peiner Neonazi-Führer, der später zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde und inzwischen verstarb, auch nach Bachmanns Festnahme sein Terrornetzwerk mit Verbindungen zu Rechtsradikalen selbst in den USA aus.
In Peine kümmerte sich Waffenexperte Wolfgang Sachse um die Logistik. Der eifrige Waffenhändler, der später vor Gericht geständig war, bastelte Rohrbomben mit Magnesiumpulver und verfügte, so die Stasi-Akte, sogar über "Sprengsätze der Bundeswehr". Sachse baute das aus "Braunschweiger Kasernen" von Sympathisanten zugespielte Material zu Bomben für die NSDAP-Aufbau-Organisation um, berichtete Doppelagent Lepzien.
Freimütig schilderte er im Frühjahr 1977 seinem Führungsoffizier vom Ministerium für Staatssicherheit einen bevorstehenden Bombenanschlag seiner Neonazi-Truppe. "Der Sprengkörper ist ein 25 Zentimeter langes Rohr", darin werde ein zweites Rohr mit dem Zünder eingeführt. In der Bombe befinde sich "etwa ein Kilo Pioniersprengstoff".
Die Stasi schaffte es sogar, dass eine dieser Bomben in die DDR gebracht wurde. Das MfS begutachtete den Sprengkörper und machte eine Probe-Explosion. Dann fuhr ihr V-Mann wieder zurück in den Westen. Wenig später folgten Bombenanschläge der Neonazis auf Justizgebäude in Hannover und Flensburg.
PETER WENSIERSKI
Von Peter Wensierski

DER SPIEGEL 51/2009
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