14.12.2009

GESUNDHEITTödlicher Lärm

Erstmals hat ein Forscher Krankenkassendaten von über einer Million Flughafenanliegern ausgewertet. Sie belegen erhebliche Gesundheitsrisiken durch Fluglärm.
Bei ihrem Einzug vor knapp zehn Jahren hatte Helga Weilbacher ihre gesamten Ersparnisse in ein frisch saniertes Altbauhäuschen bei Frankfurt am Main gesteckt. Sie konnte damals nicht ahnen, dass dieser Umzug sie später einmal zu einer Risikopatientin machen würde.
Im Sommer 2002 legte sich die hessische Landesregierung auf den Bau einer neuen Landebahn im Norden des Frankfurter Flughafens fest, und seitdem liegt Helga Weilbachers Immobilie mitten in einer künftigen Einflugschneise. Ab dem Winterflugplan 2011, wenn die neue Bahn fertig sein soll, werden Jets voraussichtlich in nur etwa 260 Meter Höhe und mit einem Dauerschallpegel von 67 Dezibel über ihr Haus im hessischen Flörsheim donnern. Dadurch wird sich Weilbachers Risiko, mit Herz-Kreislauf-Beschwerden in eine Klinik zu müssen, fast verdoppeln. Die Gefahr, einen Schlaganfall zu erleiden, steigt für die 69-Jährige sogar um 172 Prozent.
Diese alarmierende Prognose ergibt sich aus einer noch unveröffentlichten Studie, die der Bremer Mediziner und Epidemiologe Eberhard Greiser im Auftrag des Umweltbundesamts angefertigt hat. Das Werk stützt sich auf die enorme Datenmenge von über einer Million Flughafen-Anliegern und hat damit die Qualität, eine neue Debatte über strengere Lärmgrenzwerte und Nachtflugbeschränkungen an deutschen Flughäfen auszulösen.
Die Studie bietet Bürgerinitiativen und Flughafen-Anlieger-Kommunen erstmals belastbare Angaben darüber, wie viele zusätzliche Krankheitsfälle bei welchen Lärmbelastungen zu erwarten sind. Das erleichtert nicht nur die Argumentation der Fluglärm-Gegner vor Gericht. Sie bringt auch die Wirtschaftspolitiker der schwarzgelben Koalition in Berlin, die laut Koalitionsvertrag durch laxere Nachtflugregelungen "wettbewerbsfähige Betriebszeiten" an deutschen Flughäfen sicherstellen wollen, in Argumentationsnöte.
Dass es deutliche Zusammenhänge zwischen einem Wohnort in Flughafennähe und Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems gibt, wurde in den vergangenen Jahren zwar schon in mehreren Untersuchungen beschrieben. In den Niederlanden zum Beispiel gab es Studien mit 6000 und 12 000 Menschen, in Japan wurden einmal sogar 29 000 Anwohner aus der Umgebung zweier Militärflughäfen untersucht.
Doch die Datenlage in Greisers Arbeit ist so umfangreich wie noch nie. Der emeritierte Professor war schon in einer 2006 veröffentlichten Analyse von Krankenkassendaten darauf gestoßen, dass in Wohngebieten mit starkem Fluglärm wesentlich mehr Medikamente gegen Bluthochdruck und Herzkrankheiten verschrieben wurden als in ruhigen Lagen.
Greiser beschloss daraufhin, in Abstimmung mit dem ebenfalls alarmierten Umweltbundesamt, seine Untersuchung auszuweiten. Acht Krankenkassen lieferten ihm dafür detaillierte Daten wie Entlassungsdiagnosen von Krankenhäusern und Todesursachen-Berichte von insgesamt 1 020 508 gesetzlich Versicherten aus Köln und zwei Nachbarkreisen. Das entspricht etwa 55 Prozent der rund um den Flughafen Köln/Bonn lebenden Bevölkerung.
Die Daten wurden anonymisiert und vom Computer mit Hilfe aktueller Lärmberechnungen verschiedenen Belastungszonen zugeordnet. Auch andere Parameter, etwa die Sozialdaten der Wohngebiete und andere Lärmquellen, flossen in die Untersuchung ein, um auszuschließen, dass die diagnostizierten Krankheiten andere Ursachen als Fluglärm haben könnten.
Greisers Befund ist eindeutig. Schon ab einer vergleichsweise geringen Fluglärmbelastung von 40 Dezibel Dauerschallpegel, einem rechnerischen Mittelwert, steigt das Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen bei Männern und Frauen signifikant und stetig an. Die gesetzlichen Grenzwerte und Lärmschutz-Vorgaben der Flughafen-Betreiber, die Pegel von über 60 Dezibel noch für zumutbar halten, nennt Greiser daher "unverantwortlich hoch".
Flughafen-Anwohner leben vor allem dann gefährlich, wenn auch nachts über ihre Häuser geflogen wird. Zudem sind nach Greisers Daten Frauen höheren Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Ein Grund dafür sei vermutlich, dass sie sich länger im Wohngebiet aufhielten als die meist berufstätigen Männer. Frauen in lärmbelasteten Gebieten werden auch häufiger gegen Depressionen behandelt als anderswo. Sogar ein erhöhtes Leukämie- und Brustkrebsrisiko sei bei Frauen erkennbar, sagt Greiser und fordert weitere Untersuchungen. Es sei denkbar, dass Schlafentzug und Stress durch Fluglärm das körpereigene Immunsystem schwächen und die Verbreitung von Krebszellen begünstigen könnten.
Ihre politische Brisanz erhält die Studie dadurch, dass sich mit ihren Daten der gesundheitliche Preis, den die Anwohner für zusätzlichen Fluglärm zahlen müssen, ganz konkret berechnen lässt. So hat Greiser anhand der Kölner Daten die Gesundheitsfolgen des Ausbaus von Berlin-Schönefeld zum Großflughafen simuliert. Danach werden im Umfeld des Flughafens etwa ein Jahrzehnt nach dem Ausbau fast 5000 Anwohner wegen des Fluglärms zusätzlich mit Herz- und Kreislaufkrankheiten in einer Klinik landen, davon etwa 1350 mit einem Schlaganfall.
Selbst der flächendeckende Einbau von schalldämmenden Fenstern bei den Anwohnern würde die Lage nicht entscheidend verbessern. Die Zahl der zusätzlichen Schlaganfall-Patienten ließe sich damit laut Greiser aber immerhin auf etwa 950 drücken.
MATTHIAS BARTSCH
Von Matthias Bartsch

DER SPIEGEL 51/2009
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