14.12.2009

Blut, Schweiß, Weißwein

Ortstermin: Thilo Sarrazin, der Lautsprecher der schweigenden Mehrheit, feiert ein Comeback in der Öffentlichkeit.
Eigentlich hatte der Vorstand der Bundesbank von Thilo Sarrazin verlangt, dass er zu diesem Thema nichts mehr sagt. Damals, in der entscheidenden Sitzung, nachdem Bundesbank-Chef Axel Weber ihn zum Rücktritt drängen wollte. Aber Sarrazin ließ sich nicht einmal den Mund verbieten. Sein einziges Zugeständnis hieß: Erst mal nichts mehr über Kopftücher und Hammelbeine. Diese Frist scheint jetzt abgelaufen.
Vergnügte Bildungsbürger drängen sich schon eine Stunde vor Beginn vor den Türen des Ephraim-Palais im Berliner Nikolaiviertel. Presse ist unerwünscht. Herr Sarrazin, hat Veranstalterin Lea Rosh verraten, möchte nicht, dass Journalisten anwesend sind.
So ist man unter sich. Menschen aus der Altersgruppe Sarrazins, seinem Milieu. Weißwein aus Baden, Quiche und Minibuletten, man reicht Artikel aus "Zeit" und "Berliner Zeitung" herum, ausgeschnitten, ganz glattes Papier, so, als hätte jemand sie zu Hause gebügelt. Als weiter hinten zwei Gläser herunterfallen, flüstert eine Dame mit viel Puder im Gesicht: "Russen". Fehlalarm. Auch Türken und andere Migranten gibt es hier nicht. Die letzte Generation Deutscher, die das Alter noch mit satten Renten genießen darf, sorgt sich um die Zukunft.
Sarrazin steht im Foyer. Er trägt dunkelblaue Nadelstreifen wie Churchill, er wirkt, als hätte er einen Unfall unbeschadet überstanden und wäre nun dabei, sich den Staub von den Ärmeln zu schlagen. Es ist sein erster Auftritt seit jenem Interview vor zwei Monaten, in dem er Türken und Arabern vorwarf, sie produzierten "ständig neue kleine Kopftuchmädchen". Seine Äußerungen trugen ihm Vergleiche mit Hitler und Goebbels ein, eine Anzeige wegen Volksverhetzung, die Empörung linksliberaler Medien. "Unsäglich", urteilte die "Süddeutsche Zeitung", "widerlich", die "Frankfurter Rundschau".
Sarrazin betritt den Saal. Nur sein steifer Gang verrät eine gewisse Anspannung. Wird es wieder Ärger geben? Oder wird jene Zustimmung öffentlich, die er bisher nur in Briefen und E-Mails erfahren hat? Sarrazin zur Seite steht Heinz Buschkowsky, Bürgermeister von Neukölln. Der forderte zuletzt, auf die Einführung eines Betreuungsgeldes zu verzichten. Manche Unterschichtseltern würden es bloß versaufen. Es gab einen Aufschrei.
Lea Rosh hat ihr Leben lang engagierten Journalismus betrieben, manche behaupten, sie habe das Holocaust-Denkmal quasi im Alleingang durchgesetzt. Rosh begrüßt Sarrazin als alten Bekannten, den sie "immer geschätzt" habe - auch bei seinen "allerfrechsten Bemerkungen". Das Kompliment überrascht - auch Sarrazin. Als Rosh ihn fragt, ob ihm manche Passagen seines Interviews mittlerweile peinlich seien, hat Sarrazin wieder Churchill zur Hand: "Nie etwas erklären, relativieren und kommentieren von dem, was man gesagt hat." Blut, Schweiß und Weißwein. Verzückter Applaus im Saal.
Sarrazin hat offensichtlich mit seinen Bemerkungen über Migranten und das Berliner Sozialsystem den Nerv auch vieler liberaler Bürger getroffen, die mit der Modernisierungsverweigerung vor allem muslimisch geprägter Migranten die Geduld verloren haben.
Rosh fragt Sarrazin, ob er bei seinem Befund bleibe, dass "große Teile der arabischen und muslimischen Bevölkerung nicht integrationsfähig und integrationswillig sind". Wer von einem Dorf im Atlas am Berliner Hermannplatz lande, hätte eben Schwierigkeiten, sagt Sarrazin. Und wer eine nachgeholte Migrantin heiraten wolle, der solle das in der Türkei machen und sich mit seinen Deutschkenntnissen einen Job im Tourismus suchen.
Es gebe eine "Mauer" zwischen Deutschen und diesen Migranten, selbst Einladungen zu Kindergeburtstagen lehnten sie ab. Viele Migrantenkinder müssten sich vor allem den Traditionen der Eltern unterwerfen, außerdem dienten sie als Einkommensquelle.
313 Euro im Monat bringe ein Kind an staatlicher Unterstützung, sagt Sarrazin. Er ist jetzt in seinem Element - Zahlen. Er rechnet weiter. 50 bis 70 Euro koste ein Kind im Monat, wenn Kinderwagen und Kleidung vorhanden seien. Das können sich die Bildungsbürger nicht vorstellen, sie stöhnen, ein Kind koste viel mehr. Nur "wenn Schwimmen und Musikunterricht dazukommen", sagt Sarrazin. Oder "Skiurlaub". Ergebnis der Rechenaufgabe: "Aus jedem zusätzlichen Kind ziehen diese Familien ein zusätzliches Einkommen."
Ein Zuschauer in einem braunen Pullover steht nun auf. Er stellt sich als Schwabe vor und sagt, bei ihm zu Hause gebe es diese Probleme weniger, weil die jungen Türken Ausbildungsplätze bekämen. Sarrazin erzählt von einer Berliner Initiative, die sich für Ausbildungsplätze für Migranten einsetzte. Das Unternehmen sei ein Fehlschlag gewesen, einige Jugendliche hätten abgelehnt. Begründung: Sie würden mit der Familie in die Heimat fahren "von August bis November" - und dann könne man immer noch sehen.
Sarrazin hat das Rokoko-Palais jetzt in der Hand. Ob er die drei Kilo, die er nach dem Interview verlor, wieder drauf habe, will Rosh wissen. "Es sind sogar dreieinhalb", sagt Sarrazin.
Er hat noch ein paar Rechnungen offen. Sein Trotz ist geweckt. Aber die Härte und die Häme, mit der er seine Rechenbeispiele vorträgt, schaden seinen Argumenten mehr als die Kritik, die er einstecken muss.
Später wird Sarrazin sagen, es sei wie im Kino. Es gebe den guten und den bösen Polizisten. Buschkowsky mit seinem proletarischen Pragmatismus, seiner Verbindlichkeit ist an diesem Abend der gute Polizist. THOMAS HÜETLIN
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 51/2009
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