14.12.2009

GESTORBENOtto Graf Lambsdorff

Otto Graf Lambsdorff , 82. Er war eine singuläre Figur in der deutschen Nachkriegspolitik, unsentimental in der Sache und hart gegen sich selbst, ein flüssiger Redner, der ohne einschränkende Nebensätze auskam und die Anarchie der Intimität verachtete, die mit den Grünen und den Bürgerbewegungen in den achtziger Jahren ins Parlament strömte. Sein beachtliches Selbstbewusstsein gründete nicht nur in seiner adligen Herkunft, sondern auch im Vollgefühl, dass der Kapitalismus zum Besten der Bürger dient, was allerdings größere staatliche Intervention eigentlich ausschließt. Die anderen großen Alten im Land, Helmut Schmidt oder Richard von Weizsäcker, schätzten ihn als Muster an Zuverlässigkeit und Geradlinigkeit oder ganz einfach als "einen Kerl", was aus dem Mund des Altkanzlers einem Ritterschlag gleichkam. Gemeinsam war diesen dreien der Widerwille gegen jede Zimperlichkeit oder seelische Selbstbespiegelung, Haltungen, die der Kriegsgeneration unverständlich blieben. Lambsdorff wurde im März 1945 so schwer verwundet, dass ihm ein Bein bis hoch zum Oberschenkel amputiert werden musste. Er studierte Jura, arbeitete für das private Bankhaus Trinkaus und trat 1951 der FDP bei. Die deutsche Form des Liberalismus leuchtete ihm ein, weil sie dem Kapitalismus wie dem einzelnen Bürger - in der Theorie - freien Raum ließ. Die FDP sammelte kluge Einzelgänger um sich, von Lambsdorff über Ralf Dahrendorf und Werner Maihofer bis zu Karl-Hermann Flach, und repräsentierte damit die große Bandbreite des Liberalismus. So wurde die FDP für ein paar Jahre zur spannendsten Partei des Landes. Im Jahr 1977 wurde Lambsdorff Wirtschaftsminister unter Helmut Schmidt. Von ihm stammte dann im September 1982 das "Manifest der Sezession", die ökonomische Begründung für die Notwendigkeit, die sozial-liberale Koalition aufzukündigen. Lambsdorff sagte damals offen, was er dachte, während Hans-Dietrich Genscher nur kunstfertig andeutete, was er wollte. Regierungswechsel waren damals Dramen. Helmut Schmidt lehnte es jahrelang ab, mit Genscher zusammenzutreffen. Lambsdorffs schwarze Stunde kam 1984, als er in der Parteispendenaffäre wegen Bestechlichkeit angeklagt wurde. Er trat als Minister zurück und wurde drei Jahre später wegen Steuerhinterziehung zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. 1988 wurde er kurz Parteivorsitzender und erwarb sich noch einmal Anerkennung, als er 1999 zwischen der deutschen Industrie und ehemaligen Zwangsarbeitern vermittelte. Am Ende seines Lebens rügte der "Marktgraf", wie ihn Herbert Wehner getauft hatte, die wilde Zockerei der Banken, die zur Finanzmarktkrise führte. Auch diese Art der Anarchie strafte er mit Verachtung. Otto Graf Lambsdorff starb am 5. Dezember in Bonn.

DER SPIEGEL 51/2009
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