19.12.2009

PARTEIEN

Ewige Talente

Von Beste, Ralf und Rüschoff, Johanna

Bei den Grünen wächst die Sehnsucht nach einem Generations-wechsel. Doch ihre jungen Hoffnungsträger begnügen sich mit Posten in der zweiten Reihe. Das öffnet den Raum für Konkurrenten.

Schnellen Schrittes kommt Cem Özdemir hinter der Kulisse hervor. Er atmet spürbar, pumpt beinahe, als hätte er gerade einen Faustkampf hinter sich. Es war ein Kampf, findet Özdemir, mit einem klaren Sieger: ihm.

Gerade hat die Antragskommission der 31. Ordentlichen Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen in Rostock beschlossen, dass es auf dem Parteitag keine offene Abstimmung über die Zukunft der Grünen geben sollte. Die verschiedenen strittigen Vorschläge wurden in ein einziges, elfseitiges Dokument gegossen. Parteichef Özdemir hat mit dafür gekämpft, dass es so ausging.

Der 43-jährige Schwabe möchte, dass aus den etwas chaotischen Alternativen eine moderne bürgerliche Partei wird, aber er will lieber im politischen Hinterzimmer organisieren als auf offener Bühne. Sollen die Grünen Bündnisse mit Union und FDP anstreben oder lieber mit SPD und Linken? Da wären in einer offenen Debatte die Fetzen geflogen, nach alter grüner Sitte.

Für die Klärung der Zukunft hat Özdemir wenig erreicht: Die Grünen schließen keine Jamaika-Koalition aus, vielleicht auch, weil das beim Feilschen hinter der Kulisse vergessen wurde. Der Vorsitzende hält das für einen Erfolg. Mehr wollte er nicht riskieren.

Dabei brauchen die Grünen eigentlich nichts dringlicher als eine Verständigung über ihre Zukunft. Trotz eines guten Ergebnisses bei der Bundestagswahl bleiben sie die kleinste Oppositionspartei im Parlament. Ihre Wähler, Mitglieder, Funktionäre sind zerstritten darüber, ob die Grünen eher eine linksalternative oder eine linksbürgerliche Partei sein wollen.

Vor allem sind sie eine alternde Partei. Auch zum 30. Geburtstag, der im Januar in Berlin gefeiert wird, haben noch immer die Mitglieder der ersten Stunde das Sagen. Die Grüne Jugend fordert, "sich von den Gesichtern der rot-grünen Ära zu verabschieden und junge Leute nach vorn zu bringen". Viele Grüne reden vom Generationswechsel, doch keiner geht hin.

Eigentlich wäre es der Job der 40-Jährigen wie Özdemir, in dieser Krisenphase die Macht- und auch die Richtungsfrage zu stellen. Bis 2013 müsste klar sein, dass sie die Grünen in den nächsten Bundestag führen - nicht mehr Renate Künast, Jürgen Trittin oder Claudia Roth, die dann auf die sechzig zugehen.

In dieser Altersgruppe hat die Partei einige Talente. Neben Özdemir gelten Tarek Al-Wazir, Partei- und Fraktionschef in Hessen, und Boris Palmer, Oberbürgermeister in Tübingen, als Führungsreserve der Grünen. Alle sind um die vierzig, aber seit langem erfahrene Politiker. Sie haben früh gute Jobs bekommen, sie sind politisch versiert und rhetorisch brillant. Allen dreien traute schon der Patriarch Joschka Fischer eine ganze Menge zu; er hält sie für würdige Nachfolger.

Aber was machen sie aus ihren Fähigkeiten? Verglichen mit begabten Altvordern wie Trittin, der schon jetzt zielstrebig seine Machtposition für 2013 festigt, zeigen Joschkas Enkel wenig Bereitschaft zum Konflikt oder Willen zur Macht. Sie drohen zu ewigen Talenten zu werden.

Der hessische Landtag debattiert mal wieder über die Zukunft von Opel, gerade redet eine Abgeordnete der Linken. Ministerpräsident Roland Koch von der CDU blättert auf der Regierungsbank gelangweilt im Pressespiegel, der grüne Fraktionschef Tarek Al-Wazir sitzt schräg gegenüber. Einmal hebt er den Kopf und ruft der Linken zu: "Janine, mach dir mal Gedanken, bisher hätt's 'ne FDP-Rede sein können."

Dann ergreift Al-Wazir das Wort, kerzengerade steht er am Podium, spreizt die Finger und legt sie vor der Brust zusammen. Genüsslich seziert er die Konfliktpunkte zwischen den Koalitionspartnern CDU und FDP über die Rettung von Opel. Dann wendet er sich an Koch: "Wie lange lassen Sie sich eigentlich noch von der FDP auf dem Kopf rumtanzen?"

Koch hat inzwischen die Zeitungsartikel beiseitegelegt, nach Al-Wazir ergreift er das Wort und antwortet dem Grünen direkt - indem er die FDP freundlich, aber bestimmt in den Senkel stellt. Auf Augenhöhe mit dem Regierungschef zu agieren, ist für den 38-jährigen Chef einer Kleinpartei keine schlechte Leistung.

Andererseits ist Al-Wazir seit neun Jahren Fraktionschef in Wiesbaden, und in Berlin gilt er immer noch als Talent. Müsste er nicht längst nach der Führung der Grünen im Bund greifen? Al-Wazir sitzt nach der Redeschlacht in der Kantine des Landtags, immer wieder legt er das Besteck weg, spreizt die Finger und legt sie aneinander, als wäre er noch im Plenum.

Al-Wazir findet viele Begründungen, warum es einmal nicht passte und ein anderes Mal irgendwie nicht recht war. Die Frage, ob die Jungen nicht die Altvordern stürzen müssten, findet er ein bisschen unangemessen. So laufe das vielleicht in der SPD, aber nicht bei den Grünen.

Er lehnt sich zurück und lächelt: "Und überhaupt: Mir geht es gut hier." Dann zitiert er Julius Cäsar. Der habe auch gesagt, er sei lieber Chef eines gallischen Dorfs als Zweiter in Rom.

Ähnlich sieht das Boris Palmer. Der 37-Jährige ist seit drei Jahren Oberbürgermeister in Tübingen, er hat Regierungserfahrung, wenn auch nur in einer mittelgroßen Universitätsstadt. Doch auch Palmer zaudert. Vielleicht liegt es daran, dass seine politischen Vorlieben nicht ideal für ein Führungsamt bei den Grünen sind.

Palmer befürwortet schwarz-grüne Bündnisse, kürzlich zeigte er das bei der CDU Steglitz-Zehlendorf. In der Reihe "interessante Bürgermeister" hat die Berliner Union den Tübinger ins Rathaus eingeladen. Der kleine Saal ist fast voll, es überwiegen ältere Herren in gedeckten Sakkos. Boris Palmer steht vorn, schwarzer Dreiteiler, das mintfarbene Hemd offen, Dreitagebart.

In der rechten Hand hält er das Mikro, die linke unterstreicht die geschliffenen Formulierungen. Palmer bringt auch die kompliziertesten Schachtelsätze zu Ende, er lächelt, doziert und beschwichtigt. Was er eigentlich von Biosprit halte, will ein Skeptiker aus dem Publikum wissen. "Ich merke an der Fragetechnik, da gibt es noch Vorbehalte gegen Grün", entgegnet Palmer. Die alten Herren lachen.

Palmer ist ein Grüner nach dem Geschmack der CDU, das ist zu spüren an diesem Abend in Berlin, und der Gast tut auch einiges dafür, dass man ihn mag. Er sagt: "Man darf als Grüner heute sagen: Ich will mit der CDU koalieren."

Auf dem Grünen-Parteitag in Rostock hat Palmer das so übrigens nicht gesagt. Er wurde nicht auf die Rednerliste gelost. So musste er sich nicht verbiegen, und ausgebuht wurde er auch nicht.

Cem Özdemir gilt unter den drei Talenten derzeit als Primus inter Pares, schließlich sitzt er als Parteichef schon in Berlin. Der Vorsitz ist bei der Antiparteienpartei traditionell kein machtvoller Posten. Wie der Kaiser im Mittelalter hängt auch der Grünen-Chef von der Gnade der Fürsten ab. Bei der Partei sind das die Spitzenkandidaten und die Bosse der parteiinternen Strömungen.

Immerhin fanden diese Fürsten, dass Özdemir im Sommer einen guten Job gemacht habe. Er habe sich elegant im Hintergrund bewegt und sei den Spitzenkandidaten nicht in die Quere gekommen, heißt es. Schlagzeilen machte er zuletzt mit der Ankündigung, er werde nach der Geburt seines zweiten Kindes eine kurze Babypause einlegen.

Seit den neunziger Jahren zählen Özdemir, Palmer und Al-Wazir zu den Nachwuchshoffnungen der Grünen. Jetzt sitzen sie nicht einmal im Bundestag. Der Zeitgeist scheint sie zu überholen. Seit Jahren standen die drei Realos dafür, dass die Grünen sich stärker der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft öffnen würden. Doch die jungen Grünen von heute ticken wieder links, wie das Parteiratsmitglied Arvid Bell, 25, oder der Bundestagsabgeordnete Sven Kindler, 24.

Im Oktober auf dem Bundesparteitag bekam Bell den größten Applaus der Delegierten. Der Schlaks mit den fransigen Haaren und verwaschenem Pulli warnte, die Grünen dürften weder zu einer "ökoliberalen Volkspartei" noch zu einer "machtversessenen, prinzipienlosen Scharnierpartei" zwischen CDU und SPD werden. "Ich habe ein grünes Herz, aber das schlägt links, und das ist auch gut so", rief er, und der Saal tobte.

Diese Renaissance der Linken bringt die Realo-Jungstars noch mehr ins Grübeln. Vielleicht seien sie eine "Sandwich-Generation" zwischen den alten und den jungen Linken, seufzte einer der drei.

Ehrgeizigere Newcomer könnten den zaudernden Talenten bald den Schneid abkaufen. Robert Habeck ist auch schon 40, doch er ist erst 2002 in Flensburg zu den Grünen gekommen. Heute ist Habeck nicht links, nicht rechts, aber er will nach vorn.

An einem regnerischen Herbsttag hält er seine erste Rede als Fraktionschef im schleswig-holsteinischen Landtag. Nach 20 Minuten unterbricht ihn die Vizepräsidentin, ob er eine Zwischenfrage des FDP-Fraktionschefs Wolfgang Kubicki zulasse. Habeck dreht sich um: "Keine Ahnung, ist das üblich?"

Der Saal lacht über die Naivität des Greenhorns, doch der geht schon zum Gegenangriff über. Statt der Landtagsvizepräsidentin zu antworten, wendet er sich direkt an Kubicki und sagt: "Na klar, ja los!" Weitere zehn Minuten später hat Habeck den Saal für sich gewonnen, Abgeordnete der vier Oppositionsparteien applaudieren ihm.

Cool sein und ein bisschen aggressiv, das ist wichtig für Habeck, er tritt auf wie eine Mischung aus Jamie Oliver und einem H&M-Model. Zuletzt schrieb er das Buch "Verwirrte Väter", da ging es um die Familie. Das nächste erscheint im März, es heißt "Patriotismus". Robert Habeck geht es jetzt ums ganze Land.

Auf die Frage, ob er Minister werden möchte, antwortete Habeck einmal mit erkennbarem Eifer: "Sehen Sie einen Bären, den ich erlegen kann, um sein Fell zu verteilen?" RALF BESTE,

JOHANNA RÜSCHOFF


DER SPIEGEL 52/2009
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