Von Beste, Ralf und Rüschoff, Johanna
Kurz vor seinem 40. Geburtstag dachte Stephan Schwahlen über sein Leben nach. Bei allem "Auf und Ab" habe er "bis jetzt hauptsächlich Gutes erlebt". Nun sei es "mal wieder Zeit, etwas abzugeben", schrieb Schwahlen an seine Freunde - und bat um Spenden.
Auf der Internetplattform Betterplace.org wählte der Berliner Unternehmer sechs Hilfsprojekte aus, für die er die Mittel verwenden wollte. 38 Freunde gratulierten und gaben 2570 Euro. Schwahlen verteilte das Geld sorgfältig: 650 Euro bekam etwa ein Straßenkinderprojekt in Madagaskar, 480 Euro flossen an Schulprojekttage in der Region Berlin, 500 Euro erhielt ein Kinderarzt in Nepal. Der "Geburtstagstopf" sei geschlossen, schrieb er nachher seinen Freunden: "Aber bei der nächsten Party mach ich ihn wieder auf."
Das Web 2.0 revolutioniert das gute alte Spendenwesen. Der Milliardenmarkt der Mildtätigkeit war bisher eher von mundgemalten Postkarten, umtriebigen Drückerkolonnen und karitativen Großorganisationen wie Caritas, Unicef oder dem Roten Kreuz geprägt.
Doch jetzt, pünktlich zur Weihnachtszeit, machen zusehends mehr Sammelstellen für Netzspender auf sich aufmerksam. Auf helpedia.de schließen sich Freundeskreise zu gemeinsamen Hilfszahlungen zusammen. Bei Wikando ("Gemeinsam revolutionieren wir das Helfen") stellen sich auch die Menschen und Firmen vor, die spenden, nach dem Motto: Tue Gutes und rede darüber.
Den professionellsten Auftritt haben die karitativen Kreativen von Betterplace hingelegt. Ihre Seite wirkt wie eine Mischung aus Amazon, YouTube und Ebay und wird, standesgemäß, im Dachgeschoss einer alten Fabrik in Berlin-Kreuzberg produziert. Auf den Tischen stehen schicke Apple-Laptops. An der Wand hängt eine Kindertafel, auf der mit bunten Magnetbuchstaben und -zahlen die Firmendaten von Anfang Dezember prangen; Mitglieder: 20 656, Projekte: 1722. Seit Gründung hat Betterplace demnach 1 118 463 Euro an Spenden verteilt.
Verglichen mit den rund drei Milliarden Euro, die in Deutschland jedes Jahr gespendet werden, sind das Peanuts. Doch Geschäftsführer Till Behnke, 29, ist zuversichtlich, dass sich das bald ändern wird. 300 000 Euro hat die Organisation im ersten Jahr umgesetzt. Eine Million soll es dieses Jahr noch werden. "Wir hoffen", sagt Behnke, "das ist der Anfang einer exponentiellen Kurve." Betterplace wird von Mäzenen wie dem ehemaligen Gruner+Jahr-Chef Bernd Kundrun sowie durch Spenden finanziert.
Die Plattform funktioniert wie ein Marktplatz für Spender: Jeder kann Hilfsprojekte auf die Seite stellen und dafür werben. Potentielle Spender surfen durch die Angebote und suchen aus, was sie für förderungswürdig halten. Betterplace garantiert, dass 100 Prozent der Spendensumme an die Projekte gehen. Darin sieht Behnke den entscheidenden Vorteil gegenüber den etablierten Wohltätigkeitskonzernen, die Millionen für Werbung und Verwaltung ausgeben.
Auch die Zeit, meint Behnke, spielt für die Internetsysteme. Mehr als die Hälfte der Spenden in Deutschland stammt von Menschen über 60. Der typische Betterplace-Spender dagegen ist unter 40. Die Etablierten müssten sich verändern, sagt Behnke, "sonst werden sie sehen, dass ihnen die Spender wegsterben".
Caritas und Co. spielen die Bedrohung herunter. Auch bei ihnen könne der Spender schließlich per Mausklick Geld überweisen, erläutert Fredrik Barkenhammar vom Roten Kreuz: "Deshalb setzen wir auf unsere eigene Homepage." Das Urteil des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI), das das "Spendensiegel" vergibt, fällt noch kritischer aus. Hinter Betterplace stecke zwar eine "gute Grundidee", sagt DZI-Chef Burkhard Wilke, aber es wiege "den Spender in falscher Sicherheit". Betterplace informiere zu wenig über die "Risiken" einer Spende. Tatsächlich treibt auch die Betterplace-Gründer die Frage um, wie die Verwendung des Geldes kontrolliert werden kann. Wie soll das Straßenkind in Madagaskar darauf hinweisen, dass deutsches Spendengeld in die falschen Taschen fließt?
Dass solche Probleme das Konzept als Ganzes in Frage stellen, lassen die Betterplace-Macher nicht gelten. Sie setzen auf die Macht des Markts. Die Weisheit der vielen soll darüber entscheiden, welche Projekte besonders gefördert werden. Bis zu fünf Sterne zeigen an, wie gut Projekte bewertet werden, ein grüner Balken misst, zu wie viel Prozent eine Maßnahme schon finanziert ist.
Die Betreiber der Seite dagegen enthalten sich weitgehend eigener Empfehlungen. "Jeder", sagt Betterplace-Chef Behnke, habe eben "eine andere Vorstellung davon, was nachhaltig wirkt".
RALF BESTE, JOHANNA RÜSCHOFF
DER SPIEGEL 52/2009
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