19.12.2009

Gelöschte Namen

Global Village: Warum eine 67-jährige Belgierin jahrzehntelang nach ihrem Vater suchte
Gerlinda Swillen lebt mitten im Zentrum von Brüssel. Sie ist eine sehr fröhliche Frau mit modischem Kurzhaarschnitt und auffälliger Halskette. Aber so klein und zierlich, dass sie zwischen dem Papierkram, den sie überall in ihrer Wohnung aufgehäuft hat, fast verschwindet: zwischen den Fotos, den Briefen, den Abschriften von Interviews.
Fast alle Papiere erzählen irgendeine Liebesgeschichte, und alle sind sie ohne Happy End. Es sind Geschichten, die von Soldaten handeln, von Scham, Verfolgung und Verschweigen. Es sind Geschichten wie die von ihren Eltern Karl und Julienne, die Gerlindas Sammeltrieb überhaupt erst ausgelöst hat.
Karl war ein Unteroffizier, er kam aus München, er war im Krieg, ein Besatzer. Es ist Spätherbst 1941, als er die hübsche Julienne aus Ostende kennenlernt. Bald ist sie schwanger, er spricht vom Heiraten, aber ihr Vater duldet keine Beziehung zu Deutschen. Die Vornamen für ihre Tochter suchen Julienne und Karl noch gemeinsam aus. Doch kaum ist Gerlinda Germaine Barbara am 20. August 1942 zur Welt gekommen, erhält ihr Vater den Marschbefehl. An die Ostfront.
Ein paar Briefe werden noch geschrieben, dann beendet Julienne die belgischdeutsche Beziehung.
Auf ihre Trauer und Enttäuschung folgt die Angst vor dem Tuscheln der Nachbarn und dem Ärger mit den Behörden. Wer "etwas mit einem Deutschen hatte", galt nach dem Krieg schnell als Kollaborateurin. Julienne vernichtete die Briefe und zerriss die Fotos. Sie verbannte den Namen ihres einstigen Geliebten aus ihrem Leben - und aus dem ihrer Tochter.
Mindestens 20 000 Kinder sind das Erbe von Beziehungen belgischer Frauen mit deutschen Wehrmachtangehörigen. Nach jedem Krieg, jeder Besetzung eines Landes bleiben Soldatenkinder zurück. Manche sind das Ergebnis schrecklicher Verbrechen, systematischer Vergewaltigungen etwa. Aber Tausende sind schlicht das Produkt einer Liebe zur falschen Zeit am falschen Ort. Ob in Italien, Frankreich, Norwegen oder den Niederlanden - in allen Ländern Europas, die deutsche Soldaten besetzt hielten, hinterließen sie auch Kinder.
Und die waren nach dem Abzug der Deutschen verhasste Bastarde. "Rotmof" hießen sie in Holland, "sales boches" in Frankreich und im französischsprachigen Teil Belgiens - "dreckige Deutsche" also, eine nationale Schande obendrein. In der Schule, da war die kleine Gerlinda gerade zehn Jahre alt, wurde einer ihrer Mitschüler, dessen deutsche Herkunft nicht zu verheimlichen war, von der Klasse öffentlich nur noch der "Hitlerjunge" genannt.
Die meisten Mütter verbargen die Herkunft ihrer "Wehrmachtkinder", sie tilgten die Spuren und flohen vor den Nachbarn, die Bescheid wussten. Neue Papiere wurden organisiert, Legenden erfunden, Namen gelöscht. Auch Julienne zog durchs Land, arbeitete hier als Verkäuferin, dort als Gouvernante bei einer Familie aus Spanien. 1946 heiratete sie einen Witwer aus Löwen, der die Vaterschaft für ihre Tochter übernahm. Die hieß nun Gerlinda Swillen und hatte keinen deutschen Fleck mehr auf ihrem belgischen Kleidchen.
"Ich wusste immer, da stimmt etwas nicht", erinnert sich Swillen. Aus dem Getuschel der Verwandten, aus Erinnerungsfetzen, die der Mutter entschlüpften, bastelte sie sich ein Vaterbild. "Ein Deutscher war er", das war ihr bald klar; völlig offen aber blieb: "Was für einer?"
Mit zwölf Jahren sah Gerlinda erstmals Fotos von deutschen Konzentrationslagern, die Entdeckung war ein Schock. War womöglich ihr Vater an diesen Verbrechen beteiligt? Sie arbeitete fleißig in der Schule, studierte Germanistik, heiratete, bekam selbst Kinder - und blieb immer "auf der Suche nach meinem leiblichen Vater". Sie korrespondierte mit Archiven, mit staatlichen Stellen und Hilfsorganisationen. Aber wie findet man einen "Karl aus München"? Man findet ihn nicht.
Erst im Juni 2007, nach Jahrzehnten ständigen Nachfragens, gibt die Mutter im Streit mit der Tochter endlich den Namen ihres einstigen deutschen Liebhabers preis. Und den entdeckt Gerlinda bald darauf auch in den mehr als 18 Millionen Karteikarten der "Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht": Karl Weigert, geboren 1903, bis zum Sommer 1942 als Unteroffizier im flämischen Bezirk Gent stationiert, dort zuständig für den Fuhrpark, seine Mutter zuletzt wohnhaft in München, in der Adolf-Hitler-Straße.
Es stellt sich heraus, dass er 1958 gestorben ist, Gerlinda Swillen hat ihn nie gesehen. Aber ein Foto hat sie, ein paar Dokumente aus seinem amtlichen Leben und die Gewissheit, "dass er nicht zu den Verbrechern des Nazi-Systems gehörte". Im Gegenteil, sagt sie, "er war ein gutaussehender Schwerenöter, ein Liebhaber von Wein, Weib und Gesang". Ihr Sohn, sagt sie stolz, sehe ihm sehr ähnlich.
Seit Gerlinda Swillen entdeckte, dass sie nicht allein auf der Suche nach ihrem Vater war, sondern mit ihr Tausende "Kinder der Kollaboration", hat sie sich diesem Thema völlig verschrieben. Es ist ein kaum erforschtes Feld. Viele der deutsch-belgischen Kriegskinder, die sie in Archiven entdeckte, verstecken sich noch heute.
Gerlinda Swillen hat einen Verein gegründet, in dem sie gemeinsam ihre Geschichte aufarbeiten können. Auch ein Buch hat sie geschrieben, viele Schicksalsgenossen dafür befragt. "Koekoekskind" heißt es; es ist, auf Niederländisch, im September erschienen.
Aber auch in eigener Angelegenheit bleibt für sie noch etwas zu tun: Sie will ihre bislang unbekannten Geschwister endlich näher kennenlernen. Denn sie weiß nun, dass sie noch eine Halbschwester hat, die Edith heißt, und einen Halbbruder auch. Der wiederum heißt Karl. So wie der Vater. HANS-JÜRGEN SCHLAMP
Von Hans-Jürgen Schlamp

DER SPIEGEL 52/2009
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