19.12.2009

UMWELT

Die Sonneneinstrahlung war früher intensiver

Der Glaziologe Matthias Huss, 29, von der Schweizer Universität Freiburg über den Einfluss der Luftverschmutzung auf das Abschmelzen von Gletschern

SPIEGEL: Sie haben eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Einige Schweizer Gletscher, darunter der Aletsch, schmolzen in den vierziger Jahren stärker ab als heute.

Huss: Als wir vier Messreihen der Gletschermassenbilanz ausgewertet haben, die bis 1914 zurückgehen, waren wir auch sehr überrascht. Aber am Ergebnis ist nicht zu rütteln. Diese langen Datenreihen sind weltweit einzigartig.

SPIEGEL: Wie konnten damals die Gletscher rascher abschmelzen als heute, obwohl es doch kühler war?

Huss: Das stimmt, aber die Sonneneinstrahlung war damals intensiver; das belegen die Daten einer Klimastation in Davos. Unsere Erklärung dafür lautet: Die Luftverschmutzung war früher geringer. Seit den siebziger Jahren sind viel mehr Schwebstoffe in der Luft - was die Sonneneinstrahlung abschwächt.

SPIEGEL: Eine aktuelle Nasa-Studie scheint Ihrer Hypothese aber zu widersprechen. Demnach ist ausgerechnet der Ruß, der sich auf tibetischen Gletschern ablagert, für die Hälfte der dortigen Gletscherschmelze verantwortlich.

Huss: Das ist in der Tat ein wichtiger Effekt. Solange Staubpartikel in der Luft sind, bewirken sie eine geringere Gletscherschmelze, da sie das Sonnenlicht reflektieren - aber sobald sie sich ablagern, machen sie das Eis dunkler. Und dunklere Flächen wiederum erwärmen sich stärker, es kommt zu mehr Schmelze. Unsere Messdaten wurden allerdings in den höheren Lagen der Gletscher erhoben, wo immer wieder neuer Schnee fällt. Abgelagerter Schmutz wird deshalb dort kontinuierlich unter dem Schnee begraben.

SPIEGEL: Wird all das in den globalen Klimamodellen berücksichtigt?

Huss: Nicht direkt. Dies ist auch schwierig, da die Prozesse im Detail noch ungenügend verstanden sind.


DER SPIEGEL 52/2009
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