19.12.2009

RELIGIONAb in den Himmel

Haben Tiere eine Seele? Der Priester Rainer Hagencord will die Frage mit seinem neuen Institut für Theologische Zoologie in Münster ergründen.
Seine Kindheit, sagt er, "ist ohne Tiere nicht denkbar". Der Vater züchtete und schlachtete Kaninchen, die Großeltern, "arme Leute", hielten Hühner und Schweine. Und Enkel Rainer fing im Wald "mit einer großen Beglückung" seinen ersten Molch.
Inzwischen ist Rainer Hagencord, 48, Priester, hat Biologie studiert und betreibt in Münster das erste "Institut für Theologische Zoologie". Schirmherrin ist die Schimpansenforscherin Jane Goodall.
Theologie für Tiere? Du lieber Himmel, muss das auch noch sein? Hat die Kirche mit den sündigen Menschen nicht genug zu tun?
Für Hagencord ist die Antwort einfach: Er will, auf dem Boden der biblischen Überlieferung, aber auch der Evolutionstheorie, den "Menschen als Krone der Schöpfung" in Frage stellen. Schließlich seien laut Schöpfungsbericht im ersten Buch Mose zuerst die Tiere auf der Welt gewesen. Erst dann sprach Gott, ganz Ur-Darwinist, die Worte: "Lasst uns Menschen machen."
Das Münsteraner Institut für Theologische Zoologie ist ein Ein-Mann-Unternehmen und eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts. Sie residiert in einem Raum. Es ist das Arbeitszimmer in der kleinen Etagenwohnung von Pfarrer Hagencord am Stadtrand von Münster.
Sein Bischof hat den Priester vom vollen Gemeindedienst freigestellt. An drei Hochschulen unterrichtet der Geistliche nun seit kurzem als Lehrbeauftragter seine Tier-Theologie und stößt selbst bei den Studenten, die seine Kurse gewählt haben, mit seinem Ansatz für eine neue Partnerschaft von Mensch und Tier gelegentlich auf ungläubiges Staunen.
Eine Diskussion darüber, ob Tiere eine Seele haben, gipfelte in der fassungslosen Frage eines Teilnehmers: "Aber in den Himmel kommen die ja wohl nicht?" Lehrbeauftragter Hagencord konterte: "Wohin denn sonst?"
Sogar rein theologisch gesehen, begibt er sich da auf unübersichtliches Terrain. Was ist die Seele? Und wem aus der Fauna darf sie zugesprochen werden?
Nur den in der Zigarrenkiste im Garten feierlich beigesetzten, heißgeliebten Meerschweinchen, den Ponys vom Reiterhof und dem treuen alten Familien-Bernhardiner, der kaum noch atmen konnte und unter Tränen eingeschläfert werden musste? Oder etwa auch den Millionen von Nutztieren, die auf quälenden Tiertransporten durch die EU gekarrt werden und dabei verenden können?
Hat ein Floh schon eine Seele, eine Qualle vielleicht noch nicht ganz, aber ein Gorilla ganz gewiss?
Im Prinzip wohl alle, meint Hagencord. Vor allem dann, wenn man als Christenmensch die Natur, die gesamte Schöpfung als von Gott beseelt definiert und sie als unauflösliches Geheimnis empfindet. Ja, dann.
Seit der Neuzeit, so der Geistliche, habe sich das Verhältnis des Menschen zum Tier stark verändert. Aus dem archaischen Miteinander in den frühen Kulturen sei eine brüske Abwendung entstanden. Der französische Philosoph René Descartes ("Ich denke, also bin ich") habe im 17. Jahrhundert mit seinem fatalen Diktum "Tiere sind seelenlose Automaten" das rationalistische Verhältnis des Menschen zum Vieh geprägt.
Hagencord will dagegen zurück zu "einer Anthropologie mit dem Gesicht zum Tier". Im Münsterland, einer bäuerlich geprägten Region mit ebenso verbreiteter Massentierhaltung wie ausgeprägtem Katholizismus, kommt seine animalische Theologie allerdings nicht bei allen an. "Die Bauern sitzen ja meist sonntags noch in der Kirche." Und auch die Amtskirche fasse sein Thema "mit spitzen Fingern" an.
Praktisch und pragmatisch will der Herr Pfarrer seinen Schäfchen den rechten Umgang mit dem lieben Vieh schmackhaft machen: Sie sollen etwa auf artgerechte Haltung beim Fleischeinkauf achten. Bio ist besser. Wollte er, der "überwiegende Vegetarier", Verzicht auf kulinarische Fleischeslust predigen, könne er sein neues Institut aber "gleich zumachen". Auch die Ächtung von Tierversuchen steht nicht auf seinem Programm.
Bliebe noch die Sache mit der Sexualität. Auch auf dem Sektor der Sinnlichkeit könne der durch kirchliche Einflüsse in seiner Lust kanalisierte Mensch von den Biestern lernen, nämlich ihre "Unbefangenheit in der Gottunmittelbarkeit".
Die Tiere hielten mit ihrem zügellosen Tun den von der Geistlichkeit seit Jahrhunderten zum Lustverzicht gedrängten Menschen "eine wortlose Gegenpredigt".
Ganz privat schätzt der Geistliche Hagencord die Gattung der Esel, vor allem wegen ihrer beneidenswerten Störrischkeit. Und einmal im Jahr begibt sich der Herr Pfarrer in Wald und Flur, lauscht darauf, "wer mich so anpiept", und kürt seinen ganz persönlichen Vogel des Jahres. Der letzte war der Buchfink.
Wenn er auf dem Boden läuft, nickt er rhythmisch mit dem Kopf, sein Flug verläuft in Wellen. Ein herziges Seelchen mit grünem Bürzel. JOACHIM KRONSBEIN
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 52/2009
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