28.12.2009

LYRIKKapelle ohne Kreuz

Wislawa Szymborskas Gedicht „Fotografie vom 11. September“ setzt Worte gegen Bilder.
FOTOGRAFIE VOM 11. SEPTEMBER
Sie sprangen aus brennenden Stockwerken hinab - / einer, zwei, noch ein paar /
höher, tiefer. / Die Fotografie hielt sie an im Leben, / und nun bewahrt sie sie auf /
über der Erde gen Erde. / Jeder ist noch ganz / mit eigenem Gesicht / und gut verstecktem Blut. / Es ist genügend Zeit, /
dass die Haare wehen / und aus den Taschen Schlüssel, / kleine Münzen fallen. /
Sie sind immer noch im Bereich der Luft, /
im Umkreis jener Stellen, / die sich soeben geöffnet haben. / Nur zwei Dinge kann ich für sie tun - / diesen Flug beschreiben / und den letzten Satz nicht hinzufügen.
Die würdige Armseligkeit des Gedichts ist selten so deutlich wie hier. Es widmet sich einem historischen Moment, der dreifach besonders ist: in seiner Symbolik, in seinen Bildern und in seiner technisch ermöglichten Gleichzeitigkeit. Der Anschlag auf das World Trade Center in New York war eine Tat mit Publikum. Ohne Vorwarnung zwar, aber mit so vielen Minuten zwischen den Angriffen, dass Bilder des Unglücks in Echtzeit um die Welt gehen konnten. Das Attentat am 11. September 2001 wurde gefilmt und fotografiert. Noch während der Nordturm wankte, riefen sich die Leute draußen gegenseitig an und sagten: "Ein Flugzeug ist in das World Trade Center geflogen. Mach den Fernseher an. Du glaubst nicht, was du da siehst."
Das Unglaubliche sehen und zugleich andere sehen, denen es ebenso geht: die Leute im selben Raum, vor dem Fernseher, aber auch all jene, die in den Straßen von Manhattan nach oben schauen, so lange das noch möglich ist, die durch Straßen taumeln, auf Bürgersteigen sitzen, auf einer Bank und sehen, was nicht zu begreifen ist. Den Rauch, der aus dem ersten Turm steigt. Das Flugzeug, das in den anderen fliegt. Die Explosion, das Feuer, die zersplitternden hohen Häuser, die in sich zusammensinken. Die Menschen, die aus den Türmen fallen wie jener Mann in weißer Jacke und schwarzer Hose, der, die Arme angelegt, pfeilgerade mit dem Kopf nach unten zu Boden fliegt, ein Bein angewinkelt, den Körper gestreckt wie ein olympischer Springer, aber mit flatternder Jacke. Vielleicht war dieser Mann Jonathan Briley, 43 Jahre alt, Angestellter im Restaurant Windows on the World, oben im Nordturm. Vermutlich fielen aus seinen Taschen Münzen und Schlüssel, wie es auch bei anderen war, die beim Sturz in die Tiefe verloren, was nicht mit dem Körper verbunden war.
Unzählige Menschen auf der Erde haben diese Bilder gesehen. Was kann, was soll dann ein Gedicht?
Offensichtlich nicht das, was Gedichte so häufig tun: etwas zur Sprache bringen, was materiell nicht vorhanden war. Gedanken, vor allem Gefühle, Einsichten in das, was man nicht sieht. Liebe, die Erfahrung von Vergänglichkeit und Natur. Das ist der dunkle Triumphraum des Gedichts, der, wenn es gutgeht, seinen Lesern die Empfindung gibt, er hätte nun etwas erfahren, das ohne das Gedicht nicht in der Welt gewesen wäre. Die Vergegenwärtigung eines Phänomens, das eben darin ganz aufgehen kann. Ein Gedicht von einer Wolke, die ungeheuer oben schwebt, über einem Kuss unter dem Pflaumenbaum, zeigt nicht die Wolke, sondern die Erinnerung daran oder ein inneres Bild. Dass das in das Bewusstsein und schließlich in das Gedächtnis des Lesers übergeht und dort nistet, als hätte er selbst, unter dem Pflaumenbaum, Marie im Arm gehalten, ist der Erfolg des Gedichts. Eine neue Realität.
Davon kann hier keine Rede sein. Wislawa Szymborska, polnische Lyrikerin, seit 1996 Nobelpreisträgerin, stürzt sich mit stillem Löwenmut in eine auf den ersten Blick absurde Konkurrenz: Sie beschreibt in ganz gewöhnlichen Worten, ruhig und ohne Aufwand eines der spektakulärsten Bilder des Jahrzehnts, eines, das vermutlich alle vor Augen haben, die ihre Verse lesen. Sie schreibt, wie bei ihr üblich, gewissermaßen diskret. Sie sucht nicht nach neuen Worten, enthält sich flackernden Pathos und jeder Innerlichkeit. Sie unterbietet, was mit der Sprache möglich ist, bleibt bei der Würde einfacher Sätze, armselig und genau: Das ist es, was wir sehen. Keine Details der Anschauung, keine Vokabeln des Gefühls, nichts als eine Vergegenwärtigung und ein Gedanke, der Hilflosigkeit und Vermögen in einem Satz zusammenbringt: Nichts mehr kann man für diese Menschen tun, als diesen letzten Augenblick vor dem Tod mit ein paar Worten beschreiben.
Ihnen nicht fälschlich zu nahe treten, indem man versucht zu sagen, was man nicht wissen kann: was in ihnen vorging, in diesen letzten Sekunden. Mit bescheidener Höflichkeit bei dem bleiben, was man ist: Zeuge und Zuschauer. Einen kleinen Hallraum aus Stille erzeugen, wie eine Kapelle ohne Kreuz, in dem dieser letzte Augenblick gebannt werden kann. Nicht auf Papier, nicht in Pixeln, sondern im Kopf.
In der Konkurrenz der Mittel ist das Gedicht die ärmste Kunst. Während Fotografie, Film und künstliche Welten sich Potentiale der Überwältigung erschlossen haben, muss bei einem Gedicht die Wahrnehmung zu Fuß gehen; sie tastet sich voran, nur ein paar Zeilen entlang.
Das Gedicht ist nackt und bloß wie ein entkleideter Mensch. Hinfällig und zart, der Aufmerksamkeit bedürftig, um nicht aus der Welt zu fallen. Nichts hat er als seine Sinne, um sich zurechtzufinden.
Wenn es gutgeht, wie hier, braucht er nicht mehr.
ELKE SCHMITTER
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 53/2009
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