04.01.2010

MINISTERIENSchäubles Haudegen

Steffen Kampeter wollte nie Parlamentarischer Staatssekretär werden. Nun ist er es - und erfindet den Job einfach neu. Zum Leidwesen seiner Kollegen.
Drei Tage lang hat der Mann am Ende des riesigen Konferenztischs für den Bund die entscheidenden Verhandlungen zur Rettung der WestLB geführt. Jetzt rudert und fuchtelt Steffen Kampeter mit den Armen, erklärt mit knappen Worten die Struktur des Deals. "Der Bund wird künftig als Haupteigentümer seine Interessen wahrnehmen."
Kampeter, der seit 1990 für die CDU im Bundestag sitzt, redet sich warm, was in etwa dasselbe heißt wie: Er redet sich in Rage. Der 46-jährige Volkswirt aus Minden ist ein Bluthochdrucktyp - was gar nicht zu seinem neuen Job passt: Seit zwei Monaten amtiert Kampeter als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium (BMF).
Neben ihm sitzt sein beamteter Kollege Jörg Asmussen. Er schweigt, vermutlich leidet er auch. Plötzlich klatscht Kampeter in die Hände. "So. Sollen wir mal was an die Tafel malen?", fragt er. Asmussen steht pflichtschuldig auf, stellt sich neben das Flipchart und greift nach einem Filzstift. "Also. Die erste Tranche mit 25 Milliarden Euro, das sind toxische Papiere", referiert Kampeter. Asmussen malt ein Kästchen aufs Papier und schreibt brav eine "25" hinein.
Die Beamten in Wolfgang Schäubles Ministerium erleben derzeit eine verkehrte Welt. Normalerweise sind Parlamentarische Staatssekretäre kaum sichtbar, politisch unauffällig und oft auch ziemlich ahnungslos. Spötter behaupten, die Würdenträger würden durch die Lücke, die sie bei ihrem Abgang hinterlassen, voll ersetzt.
In jedem Fall aber leiten ihre beamteten Kollegen die Geschäfte, sie führen alle wichtigen Verhandlungen. Kampeter jedoch hat das Amt für sich völlig neu definiert. Und seither ist im Bundesfinanzministerium nichts mehr, wie es einst war. In der Leitungsebene, direkt unter dem Minister, tobt ein Kampf um die Macht. Und um die Gunst von Wolfgang Schäuble.
Kampeter denkt nicht dran, bloß zuzugucken, er sieht sich als großer Gestalter der Haushalts- und Finanzpolitik. Er denkt über Sparmaßnahmen ebenso nach wie über die Rolle, die sein Minister auf der internationalen Bühne spielen soll. Aktuell steht etwa die Frage an, ob Schäuble im Januar nach Davos fahren soll, zum Weltwirtschaftsforum. Asmussen ist eher dagegen, vielleicht weil er gern selbst fahren würde. Kampeter aber bestärkt Schäuble zu der Reise in die Schweizer Berge. "Das Gewicht der Schwellenländer wird bei derartigen Veranstaltungen immer größer", argumentierte er im Leitungsstab des Ministeriums, "da muss der Westen Flagge zeigen."
Bis kurz vor Weihnachten war Kampeter zudem beschäftigt, seinen Antrittsbesuch bei IWF und Weltbank vorzubereiten - den er dann aber doch verschieben musste. Ganz nebenbei hat er hinter den Kulissen mitgeholfen, das Wachstumsbeschleunigungsgesetz gegen den Widerstand einiger CDU-Ministerpräsidenten durch den Bundesrat zu bringen. Mit Vorliebe weist er zudem seine Parteifreunde in die Schranken, wenn diese aus seiner Sicht wieder "Unsinn" erzählen.
Mit seinem Tatendrang geht Kampeter den Beamten des Ministeriums schwer auf die Nerven. Von "blindem Aktionismus" ist da die Rede. Und von einer Einarbeitungszeit, die dem Neuzugang "sicherlich guttäte". Geduld freilich war Kampeters Sache noch nie.
Das stört vor allem seine Kollegen, die beamteten Staatssekretäre. Zwei von ihnen, Asmussen und der für den Haushalt zuständige Werner Gatzer, müssen sich mit Kritik jedoch zurückhalten, sie haben ein deutliches Handicap gegenüber dem Neuen: ein SPD-Parteibuch. Doch auch CDU-Mann Walter Otremba, ein Urgestein im Berliner Polit-Betrieb, ist "not amused" über Kampeters Allüren.
Otremba war es, der vor kurzem den Versuch unternahm, den Quälgeist kaltzustellen. Er forderte Schäuble auf, die Parlamentarischen Staatssekretäre, und damit den umtriebigen Kampeter, aus der Berichtslinie zu nehmen, sie also von allen Informationen abzuschneiden. So wäre Kampeter geworden, was viele vor ihm schon waren: Frühstücksdirektoren, die ab und an eine Briefmarke vorstellen oder die kleine Anfrage eines Oppositionsabgeordneten beantworten.
Schäuble aber, der Kampeter als loyalen und kompetenten Querdenker schätzt, ließ Otremba abblitzen. Kampeter erhält weiter alle Infos, die auch seine beamteten Kollegen bekommen, was ihm gleich neuen Auftrieb verlieh.
Die Kritik an ihm stört den umstrittenen Staatssekretär nicht im Geringsten: "Ich bin nicht hier, um beliebt zu sein, sondern um den Minister bei seinen Aufgaben zu unterstützen. Das steht schon so im Gesetz." Ende der Debatte.
Seit klar ist, dass Kampeter nicht aus den Schaltstellen des BMF gemobbt werden kann, rätseln die Ministerialen darüber, was genau den stämmigen Westfalen mit dem Stoppelbart eigentlich umtreibt.
Nur so viel steht fest: Kampeter wusste, dass er nach dem Wahlsieg von Union und FDP im September 2009 eines ganz bestimmt nicht werden wollte: Parlamentarischer Staatssekretär. Denn den Lebenslauf zahlreicher Vorgänger hatte er eingehend studiert. Und dabei festgestellt: Aus keinem ist je noch irgendetwas geworden. Der Job ist eine Sackgasse.
Kampeter, so vermuten seine Kollegen, sei fest entschlossen, das Gegenteil zu beweisen. Er wolle, heißt es, das Unmögliche schaffen. WOLFGANG REUTER
Von Wolfgang Reuter

DER SPIEGEL 1/2010
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