DER SPIEGEL



EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE

Freund und Helfer

Von Buse, Uwe

Warum ein US-Polizist eine Zehnjährige quälte

Es war Abend, als Kelly King kapitulierte. Sie ist geschieden, allein erziehend, ihre Tochter ist zehn Jahre alt und nicht immer einfach. King wollte den Tag zu Ende bringen, sie wollte ihre Tochter unter die Dusche schaffen, das Abendbrot machen, das Kind ins Bett stecken und dann versuchen, selbst zur Ruhe zu kommen. Ihr Job ist anstrengend, King arbeitet in einem Gefängnis.

Doch ihre Tochter hatte andere Pläne für den Rest des Tages. Sie wollte nicht unter die Dusche, sie weigerte sich, wehrte sich, sie schrie, sie trat, schlug, am Ende warf sie sich auf den Boden, zog die Knie an die Brust und weigerte sich aufzustehen. Sie machte also genau das, was in Millionen von Haushalten kurz vor dem Zubettgehen vorkommt.

Es war für Kelly King wirklich ein langer Tag, und sie wollte, dass Ruhe einkehrte in ihrem Haus, besser jetzt als später. Sie hatte das Gefühl, mit ihrer Tochter nicht allein fertig zu werden, nicht an diesem Abend, sie wusste nicht mehr weiter, und deshalb rief sie Hilfe, professionelle Hilfe.

Es dauerte nicht lange, da stand Dustin Bradshaw vor der Tür. Bradshaw ist Polizist in Ozark, Arkansas, einer Kleinstadt mit 3000 Einwohnern, bis zu diesem Abend in den USA bestenfalls dafür bekannt, einen US-Late-Night-Talker zum Ehrenbürger gemacht zu haben, weil er in einer Sendung sagte, dass es in Ozark "leckeren Fisch gibt". Bradshaw würde dafür sorgen, dass Ozark künftig für etwas anderes bekannt sein würde - und zwar nicht nur in den USA. Bradshaw war außerdem im Begriff, auch seinem Leben eine neue, völlig unerwartete Wendung zu geben. Bewaffnet mit einer Pistole, Pfefferspray, einem Schlagstock und einem Elektroschocker betrat er das Haus.

Kelly Kings Tochter lag auf dem Boden, in fötaler Position, sie schrie, sie weinte, sie war hysterisch. Bradshaw versuchte sie anzusprechen, mehrmals, so schreibt er es in seinem Bericht, den er später im Büro des Sheriffs verfasst hat. Aber das Mädchen reagierte nicht.

King versuchte noch einmal, ihre Tochter unter die Dusche zu schaffen, aber ihre Tochter fügte sich nicht. Stattdessen schlug sie wild um sich, als ihre Mutter sie berührte. Bradshaw versuchte zu helfen, zusammen griffen die beiden Erwachsenen das Kind und trugen es in Richtung Bad, doch das verstärkte nur die Raserei der Zehnjährigen. "Zu diesem Zeitpunkt", so schreibt Bradshaw in seinem Bericht, "beschloss ich, dass es keine friedliche Lösung für die Situation geben wird."

Bradshaw schaffte das Kind zurück ins Wohnzimmer und sagte ihm, dass es nun ins Gefängnis gebracht werden würde. Er holte seine Handschellen hervor, versuchte sie dem Mädchen anzulegen, aber auch das gelang ihm nicht. Das Kind widersetzte sich der Staatsgewalt vehement.

Als Kings Tochter ihm dann noch zwischen die Beine trat, hatte Bradshaw genug. Er zog seinen Elektroschocker, drückte ihn auf den Rücken des Kindes und zog, mit dem Einverständnis der Mutter, den Abzug durch. Bradshaw schrieb in seinem Bericht: "Sofort hörte sie auf, sich zu wehren." Er legte Kings Tochter Handschellen an und trug sie zu seinem Wagen, laufen konnte das Mädchen aus eigener Kraft nicht. Die Nacht verbrachte das Kind in einem Jugendheim.

Am nächsten Tag berichtete das Lokalfernsehen über den Vorfall, und der Polizei in Ozark fiel es von diesem Moment an nicht leicht, ihrer normalen Arbeit nachzugehen. Sie widmete sich vor allem der Schadensbegrenzung.

Jim Noggle, der Polizeichef von Ozark, trat vor eine Fernsehkamera, die Zuschauer sahen einen kahlköpfigen Mann mit Sonnenbrille, der sagte: "Der Beamte hatte keine Wahl, er hätte sonst ja nur seinen Schlagstock oder das Pfefferspray einsetzen können." Dieser Satz half nicht, die öffentliche Empörung über den Einsatz des Elektroschockers zu dämpfen. Auch die Aussage, dass ein Elektroschocker einen Stromstoß "nur für fünf Sekunden" liefere, war kontraproduktiv. Ebenso der Satz: "Haushaltssteckdosen verteilen viel härtere Stromstöße."

Zur Verteidigung der Polizei meldete sich eine Person, Kelly King, die Mutter des Mädchens. Sie sagte, Bradshaw habe ihre Tochter gar nicht richtig geschockt, sondern nur ein bisschen. Er habe nicht die Haken abgeschossen, die sich in die Haut des Opfers bohren. Er habe nur die Kontakte des Schockers aufgesetzt.

Aber auch das half dem Polizeichef Jim Noggle nicht weiter. Nach ein paar Tagen voller Telefoninterviews, nach Hunderten Artikeln in der US-Presse suspendierte er Bradshaw. Und wieder ein paar Tage später feuerte er ihn. Das geschah nicht, weil Bradshaw das Kind geschockt hatte, sondern "aus disziplinarischen Gründen", so Noggle. Bradshaw hatte die Videokamera, die zu seinem Elektroschocker gehört, nicht wie vorgeschrieben eingeschaltet.

Das Mädchen verbrachte ein paar Tage im Jugendheim, dann wurde es von seinem Vater abgeholt. Er ist ein Trucker, lebt getrennt von seiner Ex-Frau, seiner Tochter. In einem Radiointerview verurteilte er Kelly King für das, was sie getan und was sie zugelassen hatte. Das Mädchen habe Brandmale auf dem Rücken gehabt. Dann stieg er in seinen Truck.

Im Moment lebt die Zehnjährige wieder bei ihrer Mutter. UWE BUSE


DER SPIEGEL 1/2010
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