04.01.2010

NIGERIA„Sie hassen den Fortschritt“

In der Heimat des Flugzeugbombers von Detroit radikalisieren sich Muslime und Christen. Kaum irgendwo sonst führt die Rivalität der Religionen so häufig zu blutigen Konflikten.
Wie lange hält der Frieden noch? In Bauchi, so geht das Gerücht, bereiten sich militante Muslime darauf vor, im hundert Kilometer entfernten Jos Christen zu überfallen.
Ist das wahr? Oder bloß eine Angstparole?
Sicher ist gar nichts, der Frieden macht öfter Pause in Jos. Die Stadt mit fast einer Million Einwohnern liegt im Zentrum Nigerias, im "Middle Belt". Das ist die Region, die sich zwischen dem 8. und dem 12. nördlichen Breitengrad quer durchs Land zieht. Hier irgendwo liegt die unsichtbare Grenze, die das islamische Nigeria im Norden vom christlichen Süden des Landes trennt. Viele Christen fürchten, dass sich die Anhänger Allahs weiter nach Süden ausbreiten. Und inmitten des Gürtels liegt Jos, die schon seit langem umkämpfte Stadt.
Auch vergangene Woche, kaum war der Beinaheattentäter von Detroit als nigerianischer Muslim identifiziert, brach der Zwist wieder auf. "Die Hausa-Fulani gehören nicht zu uns", schrieben Christen in Internetforen über die größte muslimische Volksgruppe, der auch Umar Farouk Abdulmutallab entstammt. "Das sind Bastarde, vermischt mit arabischem Blut. Sie wollen die Welt terrorisieren. Sie wollen keine Bildung, sie hassen den Fortschritt."
Für ein paar Stunden ist Pastor James nach Jos gekommen. Kein gutes Zeichen, denn wo Pastor James ist, ist der Terror nicht weit. Er kommt gerade aus Bauchi, und auch er bringt das Gerücht mit, dass sich die Muslime dort bewaffnen.
Der Pastor, 50 Jahre alt, ist einer der prominentesten Friedenshelfer in Nigeria. Er ist berühmt, weil er oft gemeinsam mit dem Imam Muhammad Ashafa aus Kaduna auftritt. Es ist die immergleiche Aufforderung, welche die beiden predigen: "Egal, ob Christen oder Muslime - lebt eure Religion, aber bringt niemanden um." Der Pastor ist auch deshalb so prominent, weil er vor 20 Jahren noch James Wuye hieß und ein gefürchteter christlicher Milizenchef in Kaduna war, rund 200 Kilometer westlich von Jos. Im Kampf gegen die Schützlinge seines heutigen Partners hat er einen Arm verloren. "Ich habe die Muslime gehasst", sagt er. Mitte der neunziger Jahre kam er zur Besinnung, seither nennt er sich "Konflikt-Manager". Er hat viel zu tun, in ganz Nigeria.
Das Land hat rund 150 Millionen Einwohner, die etwa 400 Volksgruppen angehören und über 400 Sprachen sprechen. Die eine Hälfte der Nigerianer betet zu Allah, die andere zum Gott der Christen. Kaum irgendwo auf der Welt hat die Dauerrivalität zwischen Christen und Muslimen in den vergangenen zehn Jahren so viele Opfer gefordert, mindestens 10 000 Menschen starben.
Sie starben überall. In Lagos, an der Küste im Süden, wurden Muslime gejagt, in Kano im muslimischen Norden waren Christen die Opfer. Doch gestorben wird zumeist im Middle Belt, wo die Religionen gleich stark aufeinandertreffen, in Kaduna, in Bauchi - und eben in Jos.
In kaum einer Stadt ist der Prozess der sich trennenden Welten besser zu beobachten. Jos ist eine geteilte Stadt - nur ohne Mauer. Immer wieder standen ganze Stadtviertel in Flammen, zuletzt im November 2008. Jedes Mal wurden Hunderte Tote gezählt. 2001 zündeten Muslime im Stadtzentrum die riesigen Markthallen mit ihren über 10 000 Ständen an. Betroffen waren vor allem christliche Ibo. Jedes Mal grenzten sich die Religionen ein bisschen härter voneinander ab.
Der Islam kam schon vor knapp tausend Jahren mit arabischen Händlern in die Sahelzone, als Religion spielte er jedoch lange eine nachgeordnete Rolle. Den Kalifen und Emiren war der Handel, nicht zuletzt mit Sklaven, wichtiger als der Glaube.
Christliche Missionare drangen erst mit den britischen Kolonialherren vor gut hundert Jahren nach Norden vor. Aber die Briten ließen die Emire walten und verboten den Missionaren, weiter vorzustoßen. Das Verdikt der Kolonialherren hatte auch zur Folge, dass Schulen und Universitäten im Süden heute weitaus besser sind als im Norden.
Die Militärs, die Nigeria bis 1999 regierten, hielten den Vielvölkerstaat mit autoritären Methoden einigermaßen zusammen. Dann kam die Demokratie. Eine neue Verfassung und informelle Absprachen regeln seither das Wesentliche, etwa dass sich Christen aus dem Süden nach spätestens zwei Amtszeiten im Präsidentenpalast mit Muslimen aus dem Norden abwechseln sollen. Oder dass die jeweils andere Religionsgruppe den Vizepräsidenten stellt.
Doch den Frieden garantieren solche Vereinbarungen nicht.
Kaum war der Christ Olusegun Obasanjo 1999 zum Präsidenten gewählt worden, erhoben zwölf Bundesstaaten im Norden die Scharia zur gesetzlichen Grundlage. Ein Aufschrei ging durch die christliche Welt.
Die Anlässe für den immer wieder ausbrechenden Religionskonflikt sind manchmal banal, oft weit hergeholt. Als 2002 die Miss-World-Wahlen in Nigeria stattfinden sollten, erzürnte ein unsensibler Zeitungskommentar die Muslime. Allein in Kaduna wurden daraufhin 215 Tote gezählt.
Uche Uruakpa, 38, kann den Religionskrieg aus eigener Anschauung beschreiben. Er ist ein christlicher Arzt und arbeitete 2001 im größten muslimischen Krankenhaus der Millionenstadt Kano, die zu 90 Prozent von Muslimen bewohnt wird. "Manchmal lagen morgens 2000 Patienten vor meinem Büro im Krankenhaus", sagt Uruakpa.
Das Morden begann, als ein fundamentalistischer Muslim ein christliches Kind mit einer Seite aus dem Koran auf der Straße sah - und es daraufhin umbrachte. In dem nachfolgenden Blutrausch starben Hunderte. "Die Regierung hat die wahren Zahlen verheimlicht", sagt Uruakpa. Er selbst versteckte sich zwei Wochen lang im christlichen Viertel Kanos. Ein Jahr später verließ er die Stadt. "Man müsste mir sehr viel bieten, damit ich dort noch einmal arbeite", sagt er.
Uruakpa lebte in einer Kultur, die ihm fremd war und zu der er keinen Zugang fand. "Ich habe sie alle gesehen", sagt er. Die Männer mit den vier Ehefrauen, die ihnen der Islam erlaubt. Manche verheiratete Mädchen seien keine zwölf Jahre alt gewesen. "Die Männer kamen mit ihrer Großfamilie zu mir, und ich musste erst einmal fragen, wer denn jetzt Ehefrau und wer Tochter ist."
Es ist ein Teufelskreis: Eigentlich wäre der Norden auf die besser ausgebildeten Experten, Mediziner und Wissenschaftler aus dem Süden angewiesen. Der kulturelle Graben und die immer wiederkehrenden Gewaltexzesse führen stattdessen zu einem Exodus von Unternehmern und Professoren, Ärzten und Wissenschaftlern.
In Kano gab es Anfang der neunziger Jahre etwa 500 Industriebetriebe, zehn Jahre später waren es noch rund 200. Auch das ist ein Grund, warum viele muslimische Hausa-Fulani inzwischen nach Süden gezogen sind und in Städten wie Kaduna, Jos oder Bauchi das neue Armutsproletariat bilden.
Sheikh Khalid Aliyu kennt die Jungs, die an den Ausfallstraßen von Jos gepanschten Sprit in Flaschen verkaufen und sich zwischendurch den Kopf mit Benzin- oder Klebstoffdämpfen zudröhnen. "Die Armut, schlechte Politik und der Tribalismus sind die Treibsätze", sagt Aliyu, der sich mit seiner Organisation auf der muslimischen Seite um Ausgleich und Verständigung bemüht.
Die Erfolge sind bescheiden, und Aliyu weiß es. "Die Politiker lösen die Probleme nicht", ruft er. "Keine Jobs, keine Bildung, kein Strom, keine Aufgaben. Ein hungriger Mann wird keinen Frieden geben", sagt er.
Inzwischen fühlen sich die Christen bedroht und die Muslime marginalisiert. Tatsächlich haben Hausa-Fulani, wenn sie etwa in Jos ankommen, einen schweren Stand. Weil das nigerianische Recht Zugezogene und Einheimische unterscheidet, werden sie in der christlich regierten Stadt das Etikett "zugezogen" nicht mehr los. Sie bekommen keine Stellen im Öffentlichen Dienst und kaum Zugang zu den Universitäten. So ist es überall in Nigeria, aber wo die Armut besonders groß ist, wächst gleichermaßen der Zorn - und mit ihm die Zuflucht bei der Religion.
Die Millionenstadt Maiduguri ist so ein Ort, im äußersten Nordosten Nigerias gelegen, staubig, abgehängt, verarmt. In Maiduguri gibt es Dutzende Koranschulen, teilweise mit Geld aus Saudi-Arabien finanziert. Manchmal kommen Lastwagen an, voll mit Kindern aus dem Niger und dem Tschad. In den Madrassen wird der Koran gelehrt, nicht aber Lesen und Schreiben. Und wenn sie nicht in der Schule sind, müssen die Kinder arbeiten.
"Das ist moderne Sklavenwirtschaft", sagt die Regionalkoordinatorin Bolaji Aina von der deutschen Entwicklungshilfegesellschaft GTZ, die jahrelang in Maiduguri Frauenprojekte unterstützt hat. Die islamistische Sekte Boko Haram nahm sich dieser Neuzeit-Sklaven gern an. Über 700 Tote gab es, als sie im vergangenen Juli begann, sich mit der Polizei Kämpfe zu liefern.
So taumelte das Land ins Jahr 2010: zerrissen, ohne Perspektiven und ohne Führung. Präsident Umaru Yar'Adua liegt regierungsunfähig seit Wochen in einem saudi-arabischen Krankenhaus. Immer lauter werden die Forderungen, einen Nachfolger auszurufen. Aber wen? Noch mal einen Muslim wie Yar'Adua? Oder sind doch die Christen wieder dran?
"Beide Seiten rüsten auf", sagt Pastor James, der Friedensmissionar, in Jos. "Das ist wie bei Katz und Maus. Die Vorgänge im Norden radikalisieren auch den Süden."
In Jos ist es über die Weihnachtstage noch ruhig geblieben. Aber das Gerücht aus Bauchi war dennoch kein Gerücht. Am vergangenen Montag starben bei Unruhen wieder 38 Menschen. Angezettelt hatte die Auseinandersetzungen eine islamistische Sekte. HORAND KNAUP
Von Horand Knaup

DER SPIEGEL 1/2010
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