04.01.2010

STADTENTWICKLUNGStadt der Gespenster

Hamburg investiert Milliarden in seine Zukunft. Doch viele Projekte stoßen auf Widerstand: Künstler besetzen leere Gebäude, nachts brennen Autos und Barrikaden. Es geht um die Frage, wie man eine Stadt verändert, ohne eine Revolte ihrer Bürger auszulösen. Von Philipp Oehmke
Es sind nur drei Seiten, ausgedruckt aus dem Internet, und da liegen sie auf seinem Schreibtisch. Richard Florida hat sie kurz überflogen, doch schon nach dem ersten Satz hat es ihm gereicht. Es geht wieder gegen ihn.
Er liest dort: "Ein Gespenst geht um in Europa, seit der US-Ökonom Richard Florida vorgerechnet hat, dass nur die Städte prosperieren, in denen sich die ,kreative Klasse' wohl fühlt." Die "kreative Klasse", ja, das ist sein Begriff. Er legt die Seiten weg. Er versucht ein Lächeln.
Der Satz, den er gelesen hat, kommt vom anderen Ende der Welt. Er kommt aus Hamburg in Deutschland, und mit ihm beginnt ein Manifest, das Hamburger Künstler, Musiker und soziale Aktivisten im Oktober 2009 veröffentlicht haben. Dieses Manifest hat in den vergangenen Wochen viel Aufsehen erregt in Hamburg und auch in Deutschland, es richtet sich gegen eine Stadtentwicklungspolitik, die auf einer Theorie aufbaut, die Richard Florida in den letzten Jahren entwickelt hat.
Floridas Theorie besagt, dass Städte sich neu erfinden müssen. Dass sie nicht mehr wie in den neunziger Jahren versuchen sollen, Unternehmen anzuwerben, sondern Menschen, und zwar die richtigen: die, die etwas erfinden, die, die etwas voranbringen und der Stadt ein Image geben. Er hat diese Menschen die "kreative Klasse" genannt.
Und er hat damit einen Kampf um Menschen ausgerufen.
Diese Theorie hat ihn berühmt und reich gemacht und zu einem der gefragtesten Redner in Nordamerika. Tausend Anfragen, sagt er, hatte er allein im Jahr 2009. Seine Bücher über die "kreative Klasse" und darüber, warum diese überlebenswichtig ist für jede Stadt, wurden zu Bestsellern, seine Theorie zum kaum angefochtenen Axiom moderner Stadtentwicklung. Richard Florida ist eine Art Guru für die Stadtplaner.
In Europa hat sich kaum eine Stadt so auf Florida verlassen wie die alte Kaufmannsstadt Hamburg. Vor ein paar Jahren kam der damalige Wissenschaftssenator Jörg Dräger plötzlich mit den Büchern von Florida unterm Arm in den Senatsbehörden an. Es war kurz vor der Sommerpause, und Draeger verteilte die Bücher unter den Senatsmitgliedern: Bitte über den Sommer lesen. Darin stehe, wie es gehen kann. Wenig später hat die Stadt Hamburg dann die Unternehmensberater von Roland Berger losgeschickt, um herauszufinden, wie sich Floridas Lehre für Hamburg umsetzen lässt. "Wir wollten ihm nicht blind hinterherrennen, aber seine Überlegungen waren der Ausgangspunkt für die Weiterentwicklung unserer Metropolstrategie", sagt Dräger heute.
Das Ergebnis hieß "Talentstadt Hamburg", und Florida kam damals in seiner Eigenschaft als Guru sogar höchstpersönlich in die Stadt und hielt Vorträge.
Und jetzt soll das alles gegen ihn zurückschlagen? Ein Gespenst geht um? Und er soll dieses Gespenst losgelassen haben? Ein Manifest? Was hat sich denn dort plötzlich verändert in Hamburg?
Was sich verändert hat, hätte Richard Florida gut sehen können an einem Abend vor ein paar Wochen, als ein Bündnis von Aktivisten, das sich "Recht auf Stadt" nennt, in der Jupi-Bar traf, einer provisorischen Sperrmüllkneipe im Gängeviertel. "Recht auf Stadt" ist ein Zusammenschluss von knapp 20 Initiativen, die im Einzelnen sehr verschiedene Ziele verfolgen, doch vereint sind in ihrem Kampf gegen jene Stadtteilveränderungen, die die Stadtgeografie inzwischen Gentrifizierung nennt: die politisch gewollte, gezielte Aufwertung ärmerer Wohngegenden, die meist zu einem Austausch der Bevölkerung führt. Arm geht, Reich kommt.
An diesem Abend ist das Gängeviertel seit gut drei Monaten besetzt. Einst ein Wohnquartier für Handwerker, Arbeiter und Tagelöhner, das sich vom Hafen bis weit in die Innenstadt zog, gehörten diese Häuser zu den ältesten in Hamburg, ein letzter Rest von ihnen blieb stehen in einem besonders toten Teil der ohnehin grandios toten Hamburger Innenstadt, ausgerechnet im Schatten der Hochhäuser des Axel-Springer-Verlags.
Die Häuser gehörten der Stadt, die meisten standen leer, die Stadt ließ sie verfallen und war glücklich, als sie vor über einem Jahr endlich einen Käufer fand. Der holländische Investor Hanzevast erwarb die Häuser, wollte ein paar Fassaden erhalten, aber ansonsten Glas- und Stahlarchitektur da hinstellen, Büros und hochpreisige Wohnungen. Solche Anlagen gehören zum Geschäft einer Firma wie Hanzevast, und deshalb war das ein logischer Plan, doch die Wirtschaftskrise brachte Hanzevast in Nöte, der Baubeginn verzögerte sich, und im August 2009 besetzten rund 200 Künstler die Häuser.
"Die Stadt gehört ja eigentlich allen" soll an diesem Abend das Thema der Diskussion heißen, doch sie kann nicht beginnen, weil zu viele gekommen sind. Die meisten von ihnen wissen nicht viel über Stadtsoziologie, plötzlich gibt es all diese Begriffe, "Gentrifizierung", die "Stadt als Unternehmen" oder "wachsende Stadt". "Gentrifidingsbums" steht auf einem Plakat in der Sperrmüllkneipe. Lautsprecher werden nach draußen getragen auf den Bürgersteig, damit die gewaltige Menschentraube, die hier noch auf Einlass wartet, zumindest mithören kann.
Es stehen hier junge Frauen mit etwas unordentlichen Haaren, gut möglich, dass sie letzte Woche noch in Kambodscha ein soziales Jahr beendet haben. Genauso stehen dort Damen über sechzig, die beigefarbene Blousons tragen und silbern glänzende Kurzhaarfrisuren. Die Menschen hier sind sehr verschieden, manche sind reich, andere haben kein Geld, einige kommen aus der linken Subkultur, andere aus dem Bürgertum. Aber sie alle eint wohl ein Unbehagen an dieser Stadt, deren Erscheinungsbild sie in den letzten Jahren nicht mitbestimmen konnten, als überall alte Häuser modernen Bürokomplexen aus Glas und Stahl weichen mussten, viele von ihnen stehen auch heute noch leer.
Da ist jemand wie der Superstar-Maler Daniel Richter, der sich und seine mediale Macht als Schirmherr des Gängeviertels zur Verfügung stellte und den Protest bis tief in das Hamburger Bürgertum an die Alsterufer trug. Da ist Rocko Schamoni, der einen neuen Lebenssinn gefunden hat und kurzzeitig seine Karriere als Bestsellerautor und Theaterregisseur aussetzt und seine Zeit nur noch dem Kampf gegen jenen "bunten, frechen Stadtteil" widmet, zu dem die Stadt das alte St. Pauli machen will. Oder da sind junge Menschen, die bis vor kurzem in New York oder in Südamerika gelebt haben, aber nun nachts im Gängeviertel die Wände streichen und dort ein neues New York und Südamerika gefunden haben. Sie alle bilden eine gewaltige neue Protestbewegung, und sie erklären die Stadt zu einer Art Laboratorium.
"Die Stadt", so schreibt es die US-amerikanische Soziologin Saskia Sassen, "ist schon lange ein strategischer Schauplatz für die Erkundung der dringendsten Themen, mit denen die Gesellschaft zu kämpfen hat." Und so könnte man sagen, dass Hamburg in diesen Wochen wie ein Brennglas funktioniert, in dem die Konflikte des kommenden Jahrzehnts schon jetzt zu erkennen sind. Es geht um Verändern gegen Bewahren, um Eigentum gegen Gemeinwesen und vor allem um Wirtschaftlichkeit gegen Soziales.
Diese Gegensätze sind überall sichtbar. Wer genau hinsieht, erkennt die Konfliktlinien, die sich wie rote Äderchen durch die Stadt ziehen und zusammengenommen einen ziemlichen Wahnsinn ergeben: Da wird mit Milliardeninvestitionen ein neuer Stadtteil hochgezogen, die HafenCity, ein weltweit beachtetes Prestigeobjekt; in ihr wächst gerade der Rohbau der Elbphilharmonie, sie soll das vielleicht spektakulärste Konzerthaus der Welt werden, doch sie ist jetzt schon dreimal teurer als geplant; in St. Pauli sind die ehemals besetzten Häuser der Hafenstraße inzwischen umzingelt von neuen gläsernen Türmen, der sogenannten Perlenkette, die sich kilometerlang am Elbufer erstreckt, doch auf Plakaten steht "Perlenkette zerbeißen"; der Besetzung des Gängeviertels folgte sogleich ein zweite, 130 Künstler weigerten sich, ein heruntergekommenes ehemaliges Karstadt-Gebäude im Stadtteil Altona zu verlassen, an dessen Stelle eine Ikea-Filiale entstehen soll; die "Rote Flora", ein von Autonomen besetztes Kulturzentrum, gehört einem Investor, der mit Verkauf droht, was eine Räumung nach sich ziehen würde und bürgerkriegsartige Straßenschlachten.
Es brennen ja ohnehin in Hamburg wöchentlich Autos, angezündet von Unbekannten, und neulich wurde erstmals in der Geschichte dieses Landes eine Polizeiwache mit Molotowcocktails angegriffen, Streifenwagen brannten.
Seit ein paar Monaten brodelt es in dieser Stadt, und dazu passt auch, dass 184 500 Bürger der Stadt aus dem Nichts heraus ein Volksbegehren gegen eine Schulreform unterschrieben. All das findet statt unter den Versuchsbedingungen einer schwarz-grünen Koalition, der ersten auf Landesebene: Eine Stadt kämpft um ihre Identität, und in ihrem Aufbegehren gegen die Gentrifizierung sind es interessanterweise die Linken, die das Bestehende verteidigen.
Zu Beginn dieses Jahrzehnts sah es so aus, als würden die großen Kämpfe auf dem Feld der Weltwirtschaft ausgetragen, gegen die Globalisierung, gegen den Klimawandel, gegen die Überschuldung der afrikanischen Länder. Doch diese Protestströmung ist fast verschwunden. Stattdessen gibt es eine, die ihre Aufmerksamkeit auf das Gegenteil von Globalisierung richtet. Sie zielt nicht auf die große Perspektive, nicht auf die Frage: Wie sollen die Afrikaner in Afrika leben, sondern: Wie wollen wir in unserer kleinsten Einheit, in unserer Stadt, in unserem Viertel, leben?
In der Sperrmüllkneipe im Gängeviertel herrscht an diesem Abend Einigkeit darüber, dass diese Frage die Stadt Hamburg in den letzten Jahrzehnten nicht interessiert hat. Christoph Schäfer spricht, er ist einer der Anführer von "Recht auf Stadt" und der Gründer von Park Fiction, einer Initiative gegen Gentrifizierung in St. Pauli. Er trägt eine grüne Trainingsjacke unter seinem Cordsakko und redet von Walter Benjamin und Georg Simmel, die schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts die Stadt als Nukleus für die großen sozialen Kämpfe des Jahrhunderts erkannt haben. Später spricht er von dem linken Soziologen Henri Lefebvre, der in den sechziger Jahren am Beispiel der Pariser Vororte das "Recht auf Stadt" formuliert hat, und von David Harvey, dem marxistischen Sozialtheoretiker, der die Wurzeln der Finanzkrise in einer neoliberalen Stadtpolitik entdeckte. Schnell wird klar, immer geht es um den gleichen Gegensatz: Die Stadt ist der Kapitalist, der Profit machen will, die Bürger sind die Arbeiter, die dafür ausgenutzt werden.
Und die Künstler sollen dabei die Marionetten sein: "Zwischenbeleber", wie einer sagt, die einem Stadtteil ein buntes Image geben, damit er besser vermarktet werden kann.
Deswegen haben sie dieses Manifest geschrieben und "Not in Our Name, Marke Hamburg!" genannt. Die "Zeit" hat es abgedruckt und auch das "Hamburger Abendblatt" aus dem Axel-Springer-Verlag.
Doch es gibt ein Problem: Die Stadt hat nicht so reagiert, wie es die Besetzer von ihr erwartet hatten. Und das wiederum liegt mittelbar an diesem Mann in Toronto, an Richard Florida. Jahrelang hat die Stadt überlegt, wie sie Floridas "kreative Klasse" in Hamburg ansiedeln könnte. Sogar Unternehmensberater hat sie losgeschickt. Und jetzt kommt die kreative Klasse von ganz allein. 200 Künstler. Und das mitten in der Stadt, eigentlich ein Glücksfall.
Also hat die Stadt am 22. August, dem ersten Tag der Besetzung, nicht die Polizei losgeschickt, damit sie die Hausbesetzer vertreibt, wie sie das früher getan hätte. Die Stadt hat stattdessen Dirk Petrat geschickt, damit er mit den Künstlern redet. Vielleicht haben die Künstler ja ein berechtigtes Anliegen.
Dirk Petrat ist Jurist, er ist Amtsleiter für Medien, Tourismus und Marketing in der Kulturbehörde, an die Schränke in seinem Büro hat er selbstgemalte Gemälde seiner Kinder geheftet, der Bildschirmschoner seines Rechners zeigt Postkartenansichten von Hamburg. Er ist ein Mann eiserner Prinzipien und trägt gern farbenfrohe Krawatten.
Petrat ist aus seinem Büro in der Hanseviertel-Passage ins Gängeviertel gegangen, zehn Minuten zu Fuß. Er stand dann in einem der Höfe dort und fragte herum, wer denn hier etwas zu sagen habe. Er sei von der Stadt, er wolle verhandeln. Und er wolle bitte schön überprüfen lassen, dass hier nichts einstürzt, er wolle nicht, dass hier jemandem etwas passiert.
Die Besetzer waren sprachlos. Einige hatten sich zuvor von ehemaligen Hafenstraßen-Autonomen Rat geholt. Die hatten sie auf einen knallharten Häuserkampf eingeschworen. Und dann kommt so ein freundlicher Mann von der Stadt und hat erst mal Verständnis für so vieles?
Petrat wollte Nutzungsvereinbarungen schließen. Die Besetzer könnten doch erst mal dort bleiben, nur müsse alles seine Ordnung haben. Dem Abteilungsleiter begann seine neue Aufgabe Spaß zu machen. Auf jede Absprache mit den Besetzern könne man sich verlassen, sagt er und klingt dabei wie ein Vater, dessen Kinder manchmal ein bisschen übermütig sind, auf deren guten Kern man aber doch zählen kann.
Dann beschlossen Petrat und der Senat, die Häuser von den Holländern zurückzukaufen. 2,8 Millionen Euro hat das gekostet, plus der Summe, die die Holländer ohnehin schon bezahlt hatten. Wenn man so will, hat diese 2,8 Millionen Richard Florida der Stadt eingebrockt.
In Toronto sagt Richard Florida, man solle ihn Rich nennen, er trägt ein helles Jeanshemd, Motorradstiefel und hat eine Gesichtsbräune frisch aus Miami. Er brüht doppelte Espressi auf in der großen offenen Küche seines Instituts und hält ein Kurzreferat über Karl Marx. Durch die riesigen Fensterfronten hat man einen Blick über die Stadt Toronto im Schnee.
Die Fakultät, die der Universität angegliedert ist, hat Florida vor drei Jahren aufgebaut, und er hat sie Prosperity Institute genannt. Ein Institut für den Wohlstand. Es soll hier um die Fragen des Zusammenlebens gehen. Wie müssen wir das organisieren, dass Städte sich häuten können, ohne dass es zu Aufständen kommt?
Er hat 20 Mitarbeiter, Geologen, Ökonomen, Sozialwissenschaftler. Sie forschen über den Kapitalismus, wie sich dessen Bedingungen verändert haben in einer Zeit, in der die westliche Wirtschaft nicht mehr durch körperliche Arbeit in den Fabriken vorangetrieben wird, sondern durch intellektuelle, durch kreative Arbeit.
Florida hat den Städten einiges an Instrumenten an die Hand gegeben, er hat die Drei-T-Formel erfunden, die die Städte nie aus den Augen verlieren sollten: Technologie, Talent und Toleranz. Er hat einen "Creativity Index" gebildet, einen "Gay Index" und einen "Bohemian Index", nach denen Städte zu beurteilen seien.
"Doch es geht nicht darum, diese Werte zu simulieren. Es geht darum, sie zu haben. Sie können auch einem dicken Mann kein T-Shirt mit einem flotten Aufdruck überziehen und sagen, der Typ sei jetzt plötzlich cool. Ich habe in all meinen Büchern nie von Marketing gesprochen. Und ich möchte auch keine Rezepte für Gentrification liefern."
Dass eben die genauen Handlungsanweisungen bei Florida fehlen, hat Björn Bloching von Anfang an gestört. Also hat er sich mit seinen Unternehmensberatern hingesetzt und versucht, die Lehren des Gurus aus Toronto für Hamburg anwendbar zu machen. Bloching ist der Hamburg-Chef der Unternehmensberatung Roland Berger, und er hat im Jahr 2007 das Gutachten verantwortet, das Hamburg zur Talentstadt machen sollte. Es ist nichts daraus geworden, inzwischen hat Hamburg das Leitbild "Talentstadt" schon längst wieder aufgegeben. Die Moden in der Stadtökonomie wechseln schnell. "Das war doch letzte Legislatur", sagt einer aus der Stadtverwaltung. Das neue Leitbild der schwarz-grünen Koalition lautet: "Wachsen mit Weitsicht". Das Wachsen für die CDU, die Weitsicht für die Grünen.
Bloching fand das schade, er glaubte, Hamburg als Talentstadt voranbringen zu können. Doch dann hatte er schon wieder eine neue Idee.
Morgens um acht Uhr kommt er zu einem Frühstück in ein scheußliches Hamburger Designhotel. Draußen vor dem Hotel steht sein Fahrrad, er trägt einen groben schwarzen Wollpullover und wirkt, als wäre er direkt aus dem Gängeviertel hierhergeradelt: Die Grenzen zwischen Protest und Establishment sind inzwischen verwaschen, gut 40 Jahre nachdem in den späten sechziger Jahren linke Protestkultur in Deutschland erstmals identifizierbar wurde.
Das sieht man auch an der Sprecherin des Gängeviertels, an Christine Ebeling. Sie würde man wiederum eher bei Roland Berger in der HafenCity vermuten. Sie trägt meistens High Heels, schwarze Nylonstrümpfe und Businessrock.
Bloching hat sie neulich getroffen, erzählt er, bei einem Spaghetti-Arrabiata-Essen, das regelmäßig stattfindet, das eine Institution in Hamburger Kulturkreisen ist. Bloching und Ebeling sind formal Gegner: er, der Unternehmensberater, der Turbokapitalist, der die Stadt berät, wie sie Stadtteile aufwerten kann; sie, die Künstlerin, die Hausbesetzerin, die die Stadt gezwungen hat, ihre Pläne im Gängeviertel zu ändern.
"Aber die scheint ja ganz vernünftig zu sein", sagt Bloching und erzählt dann, wie er ihr vorschlug, dass die Unternehmensberatung Roland Berger in das Gängeviertel einziehe. Das wäre doch was! Es war nur ein Gedankenspiel, das er inzwischen wieder verworfen hat, doch es zeigt, wie verschwommen die Grenzen geworden sind zwischen Superkapitalismus und Hausbesetzung. "Es wäre genial gewesen im Gängeviertel", sagt Bloching. "Wir hätten einen Open Space errichtet, Stipendien für die Künstler vergeben, Artists in Residence gehabt. Und wir hätten durch unsere Kunden einen Absatzmarkt für die Künstler geschaffen, die wiederum unsere Berater inspiriert hätten." Außerdem, fügt er an, komme man vom Gängeviertel schnell zum Flughafen.
Doch irgendwie ist er mit diesem Vorschlag nicht durchgedrungen, nicht bei der Kultursenatorin und erst recht nicht bei Christine Ebeling, natürlich nicht.
"Mag sein, dass die das indiskutabel finden", sagt Bloching. "Aber sie sollten moralisch nicht auf einem zu hohen Ross sitzen."
Tatsächlich kann man sich fragen, was eigentlich den Künstlern das Recht verleiht, mehr oder weniger umsonst in bester Innenstadtlage Ateliers zu fordern. Gerade wer sozial denkt, und das ist der Kern der Gentrifizierungskritik, könnte auch sagen, es gibt Bedürftigere, die in diesen Häusern eine Bleibe finden sollten, als ein paar Bürgerkinder, für die eine Hausbesetzung sich im Grunde nicht besonders von einer Rucksacktour durch Asien unterscheidet.
"Ich habe bei dem Abendessen gesagt: Warum gehen die Künstler nicht nach Dulsberg, wo es billig ist?" Dulsberg ist ein grauer, kriegszerstörter Stadtteil im Osten von Hamburg.
In Dulsberg könne man doch nicht kreativ sein, habe ihm einer geantwortet.
"Das ist natürlich eine schwierige Argumentation", sagt Bloching.
Denn in Wahrheit hat ja Kunst immer genau so funktioniert. Künstler gehen eben doch nach Dulsberg, wie sie in New York auch mittlerweile nach Queens ziehen, weil sie nicht darauf hoffen können, einen Hinterhof in SoHo zu beziehen.
Die Hamburger Künstler aber gehen nicht nach Dulsberg. Sie gehen lieber nach Altona. Dort in der Fußgängerzone, die aussieht, wie man sich in den siebziger Jahren die Moderne vorgestellt hat, und die mittlerweile ein Relikt des Waschbeton-Wahnsinns dieser Ära ist, findet seit einigen Wochen die nächste Besetzung statt: ein altes Karstadt-Gebäude, das seit sechs Jahren leer steht. Der Erfolg im Gängeviertel hat Mut gemacht.
Dirk Petrat aus der Kulturbehörde macht das Sorgen. "Der Gängeviertel-Nachahmer-Effekt ist gefährlich", sagt er. Die Stadt will den Altonaer Künstlern für ein Jahr eine ehemalige Polizeikaserne anbieten, danach einen Bunker. Die Künstler reagierten reserviert. Irgendwie könne man mit den Besetzern nicht so gut reden wie mit denen im Gängeviertel, sagt Dirk Petrat und klingt tatsächlich ein bisschen enttäuscht.
Viele Menschen in Altona finden es gut, dass der alte Karstadt-Kasten abgerissen wird und stattdessen ein blau-gelber Ikea-Quader dorthin kommt. Sie haben eine Unterschriftenliste für Ikea ausgelegt. Aber es gibt noch ein zweite Unterschriftenliste - gegen Ikea. Die ist aber nicht ganz so lang. Es steht 9380 gegen 1800. Das war die letzte Zahl, die die Gegner veröffentlicht haben, sie können allerdings noch bis Februar sammeln.
Altona ist ein schwieriger Stadtteil, die Arbeitslosigkeit ist hoch, der Anteil der Ausländer ebenso, aber in den niedlichen Straßen des Altonaer Viertels Ottensen hat die Gentrifizierung schon längst begonnen.
Die Fronten in der Schlacht der Argumente sind ziemlich verworren: Nichts an dieser Fußgängerzone scheint erhaltenswert, aber die Anwohner befürchten ein erhöhtes Verkehrsaufkommen durch Ikea, ein Unternehmen, das auch ein paar Arbeitsplätze nach Altona bringen würde; mal ganz davon abgesehen, dass die meisten Besucher, die zu diesen Diskussionsveranstaltungen kommen, zu Hause ihre Bücher in Billy-Regale gestellt haben.
An diesem Abend geht es um das Thema: Probleme und Perspektiven von Hausbesetzungen früher und heute. Frank moderiert. Frank ist einer der ehemaligen Autonomen der Hafenstraße, heute trägt er einen anthrazitfarbenen Rollkragenpullover, ordentliche Jeans, seine Haare haben einen Graustich. Drei Frauen sind aus dem Gängeviertel geladen, unter ihnen Christine Ebeling, die Sprecherin. Die anderen beiden sind deutlich jünger und vor allem verwirrter. Sie verbessern sich gegenseitig, fallen sich immer wieder ins Wort. Ja, sie sind erschöpft.
"Besetzung ist ein Fulltime-Job", sagt die eine.
Man will sich austauschen über die Erfahrungen bei der Hausbesetzung. Vielleicht können die Gängeviertel-Frauen ja noch etwas lernen. Andererseits ist das unwahrscheinlich, denn sie sind ja die Shootingstars der Hausbesetzer, wie es der Hafenstraßen-Mann Frank formuliert. Sie haben es geschafft, zwölf Häuser zu besetzen, zu konsolidieren, und können nach nur vier Monaten sogar bleiben. Dafür haben die Hafenstraßen-Besetzer in den achtziger und neunziger Jahren zehn Jahre und unzählige Straßenschlachten gebraucht.
"Gut, ihr habt es auch etwas einfacher", sagt Frank. "Ihr habt keine Leute aus dem RAF-Umfeld und keine Junkies."
Und das ist, zumindest auf dieser Podiumsdiskussion in der Sperrmüllkneipe, gleichzeitig auch das Problem der drei Gängeviertel-Vertreterinnen: Sie sind zu brav.
Ob das in Ordnung ist, so eng mit der Stadt zu kooperieren? Ist es in Ordnung, sich, wie es heißt, "institutionalisieren zu lassen"? Muss es nicht irgendwann auch mal einen Polizeieinsatz geben?
"Everybody's Darling ist irgendwann auch everybody's Depp", sagt Frank aus der Hafenstraße.
Doch die Zeiten haben sich geändert. Heute sehen Besetzer aus wie Unternehmensberater und umgekehrt. Die Springer-Presse druckt Manifeste aus der linken Subkultur, ein Guru in Toronto fängt an, Marx zu zitieren, damit er nicht in Verdacht gerät, die Rezepte für Gentrifizierung zu liefern; der Unterhändler der Stadt spricht über die Künstler wie über seine Kinder, während sich die Stadt inoffiziell mit den Besetzern verbündet. Der alte Verbündete, ein Finanzinvestor, den die Städte bis vor kurzem niemals verprellt hätten, ist zum Gegner geworden.
Und all dies scheint plötzlich auf in einer Situation, die sich an einem späten Nachmittag im Gängeviertel abspielt. Marc, ein Künstler, der dort ein Atelier hat, ist im Stress. Die Saga, eine der Hausverwaltungen der Stadt, war da. Die Saga-Leute drohten, das obere Stockwerk eines Hauses zu sperren, zu viel Bauschutt, Einsturzgefahr. Marc bimmelt mit seinem Handy schnell einige Leute herbei, zum Aufräumen. Dann muss er weg. Er soll eine Führung machen. Die Volkshochschule ist wieder da.
"Die kommen ständig", sagt er.
Und so führt er an diesem Abend neun Hamburger Damen in bunten Blousons durch die besetzten Häuser. Er zeigt ihnen die Ateliers, die Höfe, die Galerien. Die Damen sind begeistert. Eine von ihnen fühlt sich an die Zeit in Hamburg nach dem Krieg erinnert, an die Aufbruchstimmung damals, eine andere sagt: "Ich lebe seit 60 Jahren in Hamburg. Das ist das erste Mal, dass sich hier Widerstand regt gegen die Stadtpolitik, die hier immer üblich war, bei der wir nicht gefragt wurden."
Den Damen wird das Manifest ausgehändigt, dasselbe, das bei Richard Florida in Toronto auf dem Schreibtisch liegt. Sie lesen laut. Sie finden alles sehr richtig. So weit ist es schon. Womöglich hat die Stadt tatsächlich ein Problem.
Von Philipp Oehmke

DER SPIEGEL 1/2010
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