DER SPIEGEL



Die Stunde der Bummelanten

Von Beier, Lars-Olav

Filmkritik: Frieder Wittichs charmante Studenten-Komödie "13 Semester"

Nirgendwo ist der Kinobesuch hierzulande reger als in klassischen Studentenstädten wie Münster oder Freiburg. Trotzdem misstrauten in den vergangenen Jahren deutsche Filmemacher der Universität als Stofflieferant. Sie schreckten nicht einmal davor zurück, Heiner Lauterbach in "Der Campus" einen Soziologieprofessor spielen zu lassen. Ansonsten machten sie eher einen Bogen um das Genre des Studentenfilms, der in Ländern wie den USA oder Frankreich seit je Erfolge feiert.

Vor allem in den USA haben sich Filme aus dem Milieu der Universitäten als Genre etabliert, in dem soziale und sexuelle Initiationsgeschichten erzählt werden. Hollywood beschreibt die Universität meist als eine Kaderschmiede für den Ernst des Lebens. Dem direkten Zugriff der Eltern entronnen, aber stärker denn je deren Erwartungsdruck ausgesetzt, betreten die jugendlichen Helden eine unbekannte Welt voller Rituale, die sie auf die Gesellschaft vorbereiten sollen.

Die Helden behaupten sich, indem sie die Regeln befolgen - und brechen. College-Filme handeln vom letzten Gefecht der Kindheit gegen die Welt der Erwachsenen und zeigen deshalb oft Drogenexzesse und sexuelle Ausschweifungen. Sie erzählen vom Ringen um Werte. Sie fragen: Wie wichtig sind Erfolg und soziale Anerkennung im Vergleich zu Freiheit und unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung?

Nachdem in den vergangenen Jahren deutsche Filmemacher sogar jahrzehntelang verpönte, ideologisch stark belastete Genres wie das Melodram ("Das Leben der Anderen") oder den Bergfilm ("Nordwand") wiederentdeckt haben, scheint nun der eher unverfängliche Studentenfilm an der Reihe zu sein. "13 Semester", ein Film von Frieder Wittich, der diese Woche anläuft, erzählt vom Abiturienten Momo (Max Riemelt) aus einem Dorf in Brandenburg, der ein Studium der Wirtschaftsmathematik an der Technischen Universität in Darmstadt beginnt. Das klingt nicht sonderlich aufregend und ist trotzdem eine kleine Sensation.

Wittich und sein Co-Autor Oliver Ziegenbalg zeigen den Alltag an der Massen-Uni, das Jobben an der Tankstelle, das Anbaggern am Baggersee, sie beschreiben die Uni und ihr Umfeld als Alma Mater, als nährende Mutter, die aus Halbwüchsigen Erwachsene macht, indem sie ihnen zahllose neue Lebenserfahrungen verschafft.

In rasantem Tempo lässt der Film Momos Studium Revue passieren und widmet jedem der 13 Semester ein eigenes Kapitel. Doch der Film hakt die Semester nicht ab, er wirft sich in das Studium hinein, taucht darin ein, kann nicht genug bekommen von dieser harten, aufregenden und abenteuerlichen Zeit. Dieser Film ist erlebnishungriger als jeder Student.

Es geht in "13 Semester" um das große Ganze. Momo, der Held, muss entscheiden: Schleppt er sich mit den Kommilitonen in die Lerngruppe, oder verbringt er lieber den Nachmittag mit der schönen Kerstin (Claudia Eisinger) im Freibad? Natürlich geht er schwimmen.

Vielleicht machte erst die Verschärfung des Studiums in Deutschland melancholische Komödien wie "13 Semester" möglich. Die Uni war lange Zeit viel zu lasch, um Stoff für tragfähige dramatische Konflikte zu bieten. Noch vor einigen Jahren hätte ein Kinoheld wie Momo, der mit seinem Studium hadert, eher lächerlich gewirkt. Heute, im Zeitalter der Turbo-Uni, erscheint dagegen bereits ein Urlaubssemester wie ein Akt der Rebellion.

Dabei wird der Professor, im deutschen Film klassischerweise das Ziel eines wohlfeilen antiautoritären Spotts, in "13 Semester" keineswegs diskreditiert.

Vielmehr steht er mit einem Headset im überfüllten Hörsaal und versucht, die Masse auf ein handliches Maß zu reduzieren. Weil es keine wirklichen Feinde gibt, muss Momo noch viel stärker mit sich selbst und der Frage ringen, was er aus seinem Studium und seinem Leben machen soll.

Ohne das Studentenleben zu verklären, zeigt der Film es als eine Zeit der großen Freiheit. Man merkt dem Regisseur und seinem Autor (beide Mitte 30) an, dass sie dem Laissez-faire, das noch bis in die neunziger Jahre an deutschen Unis herrschte, etwas wehmütig nachhängen. Sie gehen ihren Film an wie ewige Studenten, die nach durchzechter Nacht blinzelnd im heutigen Uni-Alltag erwachen.

Weil sie "13 Semester" nicht in einer Metropole wie München, Hamburg oder Berlin spielen lassen, sondern in Darmstadt, wo mehr als ein Fünftel aller Einwohner an der Uni sind, gelingt es ihnen, ein ganz eigenartiges, weitgehend von Studenten geprägtes Soziotop zu beschreiben. Dieser Film braucht gar keinen Campus, weil die ganze Stadt bisweilen wie ein Appendix der Uni wirkt.

Es liegt eine schöne, verführerische Utopie in dieser Studentisierung der Alltagswelt, die der Film beschreibt. "13 Semester" feiert einen beschwingten Müßiggang, der von außen immer mehr beschleunigt wird und dennoch nach wie vor frei ist, jederzeit eine andere als die vorgegebene Richtung einzuschlagen. Er erzählt von der Kostbarkeit des Studiums, die man erst ermessen kann, wenn man es hinter sich hat. LARS-OLAV BEIER


DER SPIEGEL 1/2010
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