04.01.2010

INTERNETWikipedia der Fußballnarren

Ein junger Passauer hat ein Internetportal für den Fußball seiner Region aufgebaut - Scharen Freiwilliger und Hunderte Vereine arbeiten daran mit.
Michael Wagner war 16 Jahre alt, als ihm eine Idee kam, die damals niemand verstand. Das Internet, so dachte er, sei doch das ideale Medium für die fußballverrückten Vereine seiner niederbayerischen Heimat: für Nammering und Hacklberg, für Tettenweis, Huldsessen und Gumpersdorf.
Wagner machte sich an die Arbeit. Die mittlere Reife absolvierte er eher nebenher; der Realschüler aus Fürstenstein bei Passau hatte nun eine Mission.
Heute betreibt Wagner, inzwischen 20, ein Fußballportal von seltener Faktenfülle und Aktualität. Unter fussball-passau.de finden sich Nachrichten über fast alle Spiele aus ganz Niederbayern - bis hinunter in die A-Klasse, die von der Lokalpresse wenig beachtet wird.
Rasch sprach sich herum, dass Wagners Portal nicht nur schier unerschöpflich, sondern auch schnell ist: Wer am Sonntagabend nachsieht, findet dort schon die Ergebnisse Hunderter Spiele vom Nachmittag. Dazu gibt es eine stets aktualisierte Datenbank des regionalen Fußballs - von der Torjägerstatistik bis hin zu den Steckbriefen von inzwischen 21 000 Spielern.
An die 50 ständige Mitarbeiter sind bereits an Wagners Werk beteiligt; bitten musste er keinen, sagt er: "Die kamen, weil sie sich für die Sache begeistern."
Geld gibt es noch nicht, die Werbeeinnahmen reichen bislang allenfalls für die Benzinkosten. Die Freiwilligen aber lassen sich nicht verdrießen; sie schreiben Spielberichte und knipsen Fotos von den großen Momenten des SV Thurmansbang oder der DJK Jägerwirth. Und sie führen Interviews, wo sonst kaum je Pressemenschen aufkreuzen: Nun kommt auch mal der torgefährliche Dominic Duschl vom FC Gergweis zu Wort. Oder Maxi Brummer, Kapitänin der Damen bei den Sportfreunden Reichenberg.
Keine Lokalzeitung könnte so verschwenderisch informieren. Kleine Vereine mussten bislang schon dankbar sein, wenn sie überhaupt knapp Erwähnung fanden - von einem Foto zu schweigen. Im neuen Portal hingegen ist es ganz normal, dass ein Spiel in der Online-Galerie mit zwei, drei Dutzend Fotos dokumentiert wird.
Der Aufwand ist nur zu bewältigen, weil die Vereine selbst den Hauptteil der Fleißarbeit beisteuern: Rund 1500 "Vereinsverwalter" haben sich einen Zugang eingerichtet. Sie tragen Ergebnisse und Spielerwechsel ein, laden ihre eigenen Fotos hoch und schreiben auch mal selbst Berichte.
Höhere Kampfeslyrik kommt dabei selten vor, aber der wahre Fan braucht ohnehin nur die Fakten: Spielverlauf, Torschützen, gelbe Karten, rote Karten. Dies alles gibt es hier nicht nur vom Heimatverein. Auch die benachbarte Kreisklasse, in der etwa der Arbeitskollege kickt, steht in der Datenbank zum Herumklicken parat - viel Stoff für endlose Debatten ums Lieblingsthema.
In kurzer Zeit wurde aus Wagners Einmannportal eine Art Wikipedia der Fußballnarren. Das niederbayerische Hinterland, wo es außer Fußball wenig gibt, was den Alltag aufwühlen könnte, schien darauf nur gewartet zu haben. Es ist eine Gegend, in der Dörfer mit einigen hundert Seelen nicht selten mehrere Fußballmannschaften mitsamt dem inzwischen üblichen Damenteam aufbieten.
"Bestimmt fünf-, sechsmal am Tag schau ich da rein", sagt Wolfgang Wagner, Vorsitzender des Passauer Vereins SV Schalding-Heining, der in der Bayernliga mitspielt. "Für uns ist das inzwischen das wichtigste Medium."
Kein Wunder, dass sich der Publikumszuspruch jedes Jahr fast verdreifacht hat. In der vergangenen Sommersaison verbuchte "FuPa", wie sich das Portal nun nennt, nach eigener Zählung bereits 350 000 Besuche im Monat; das ist halb so viel, wie die "Passauer Neue Presse", die übermächtige Tageszeitung der Region, mit ihrem gesamten Internetauftritt anlockt.
Dabei musste Wagner sein Werk zunächst im Alleingang aufbauen. Nebenher begann er eine Lehre als Fachinformatiker. Das Programmieren für den Online-Auftritt brachte er sich mit ein paar Büchern bei. Zug um Zug wuchs die Datenbank, ein Tippspiel kam hinzu, obendrein Diskussionsforen für jeden Verein und jede Liga. Nur Videos von den Spielen wird es auf absehbare Zeit nicht geben - die Rechte daran liegen, gerichtlich bestätigt, bei den Landesverbänden des DFB.
"Am Anfang war der Zuspruch ganz schlecht", sagt Wagner. "Die Vereine haben mich nicht ernst genommen." Das änderte sich, als er mit einer Neuerung auf den Plan trat: Während der aufreibenden "Relegationsspiele" zum Ende der Saison, wenn die Mannschaften um Aufstieg oder Abstieg kämpfen, brachte "FuPa" erstmals zehn Spiele zugleich per Liveticker.
Mitarbeiter waren mit Mobiltelefonen vor Ort; damit sendeten sie ihre Infoschnipsel ins Netz. Die Fans staunten nicht schlecht, was "der Wagner Michel" da auf die Beine stellte. Erstmals konnten sie simultan verfolgen, wie sich das Drama der Relegation entwickelte.
Als Nächstes besorgte Wagner ein paar gebrauchte Spiegelreflexkameras. Seine Fotografen, alles Amateure, sahen nun aus wie echte Bildreporter. Bevor sie zu ihren Spielen ausrückten, zogen sie sich ein blaues "FuPa"-T-Shirt über. Noch am selben Tag waren die besten Szenen im Internet zu bestaunen.
Einer der Fotografen, Andreas Santner, hat sich eigens für dieses Portal der Fußballfotografie verschrieben: Jeden Sonntag klappert er vier, fünf Spiele ab. Aufgewachsen im Flecken Amsham, ging er schon mit 4 Jahren zum Training. Mit 6 bestritt er die ersten Punktspiele, mit 22 war sein Knie kaputt. Heute, mit 24, ist Santner umso eifriger mit der Kamera dabei. Für seine Ausrüstung, eigens angeschafft, legte er gut 5000 Euro hin. Und damit fotografiere er nur Fußball, sagt er, andere Motive brauche er nicht: "Es geht um die Zweikämpfe, den Torjubel, den verschossenen Elfmeter."
Anfangs erschien Santner auf den Sportplätzen als belächeltes Unikum: Ein junger Mann kam da herbeigeeilt, an dem zwei Kameras baumelten mit Objektiven dick wie Ofenrohre. So was kannte man aus dem Fernsehen. Aber in Garham, Laaber und Wittibreut? Heute ist der Sonntagsfotograf weithin willkommen auf den Plätzen Niederbayerns. "Meistens begrüßt mich am Eingang schon der Kassier, Essen und Trinken habe ich frei."
Die Vereine des Hinterlands sind beglückt über eine Medienbehandlung, wie sie viel besser auch einem Bundesligaverein nicht widerfährt. Dass sie bislang wenig Beachtung fanden, lag an der Schwäche des herkömmlichen Leitmediums: Eine Zeitung muss gewichten, auswählen, verwerfen. Das Internet muss gar nichts. Dort hat auch Platz, was nur wenige interessiert. Das Netz ist die ideale Plattform der kleinen bis aberwinzigen Zielgruppen (die in der Summe doch wieder ein riesiges Publikum bilden).
Es musste nur jemand kommen, der die geeignete Sozialtechnik für Fußballnarren entwickelt. "FuPa" wurde groß, weil jeder als Autor mittun kann - ein weiteres Beispiel für die Macht der Selbstorganisation im Internet.
Das Portal ist längst auch bekannt für exklusive Nachrichten; als Medium der Vereine kann "FuPa" zahllose Quellen anzapfen. Wenn irgendwo ein Spieler den Verein wechselt oder ein Trainer gestürzt wird, erfährt es die kleine Redaktion oft noch vor der Lokalzeitung.
Die "Passauer Neue Presse" wurde vom Aufstieg des Internetportals glatt überrumpelt. Am Ende blieb ihr nur noch der Versuch, die Sache mit Geld zu bereinigen: Der große Verlag bot dem kleinen Konkurrenten an, sich am Geschäft mit dem Regionalfußball zu beteiligen.
Gründer Wagner lehnte ab. Etwas bang ist ihm nun doch vor der Herausforderung: "Aber ich könnte nicht mehr schlafen, wenn ich es nicht wenigstens probiert hätte." MANFRED DWORSCHAK
Von Manfred Dworschak

DER SPIEGEL 1/2010
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