04.01.2010

BÜHNENBuh, Belcanto!

Lange galten sie als unbedeutend. Doch nun setzen sich Kinderopern auch an großen Häusern durch. Der Grund ist einfach: Das klassische Publikum vergreist.
Am Ende der Oper buhen 1200 Zuschauer den Mann im silbernen Anzug aus. Der Tenor Thomas Scheler steht auf der Bühne der Komischen Oper in Berlin, verbeugt sich und wirft ungerührt Kusshände ins Publikum.
Gewöhnlich sind ihm seine Zuschauer gewogen, Thomas Scheler ist ein anerkannter Tenor, er hat an der Hochschule der Künste in Berlin Gesang studiert, aber heute bekommt er keinen Applaus. Er spielt den fiesen "reichen Karaman", einen Fischstäbchenfabrikanten in der Oper "Die rote Zora". Der Großteil der Zuschauer ist jung, vielleicht um die zehn Jahre alt, und macht keinen Unterschied zwischen der Leistung des Sängers Scheler und dem miesen Charakter der Figur Karaman.
Die Sänger werden sich an solche rüden Reaktionen eines jungen Publikums gewöhnen müssen. Schon die Hälfte der großen Opernbühnen im deutschsprachigen Raum bringen Inszenierungen für Kinder und Jugendliche. Am Staatstheater am Gärtnerplatz in München läuft "Der Zauberer von Oz" für Kinder ab sechs, die Staatsoper Stuttgart zeigt "Pinocchios Abenteuer", in der Deutschen Oper Berlin steht "Das Märchen von der Zauberflöte" auf dem Spielplan.
Die Wiener Staatsoper präsentiert zurzeit "Wagners Nibelungenring für Kinder", einen einstündigen Blitz-"Ring". Er soll aus "Opernneulingen begeisterte Opernliebhaber" machen.
Sogar auf dem Grünen Hügel wurde im vergangenen Sommer zum ersten Mal in der 133-jährigen Geschichte der Bayreuther Festspiele die Juniorenfassung einer Wagner-Oper gezeigt: "Der fliegende Holländer". "Kinder sind unser Publikum von morgen", sagte Katharina Wagner, 31, eine der beiden neuen Festival-Chefinnen.
Bislang schien den Opernhäusern die Betreuung ihrer künftigen Abonnenten wenig wichtig zu sein. Jetzt denken die Intendanten um, weil ihr Stammpublikum zunehmend vergreist. Nachwuchs muss her.
Früher hatten Opern für die Kleinen höchstens in Theatern für Kinder ein karges Zuhause. Das waren meist Laienhäuser mit putzigen Märchenopern und rührend selbstfabrizierter Ausstattung. Nun buhlen die großen Häuser um die Kundschaft von morgen. Mit aufwendigen Produktionen.
"Die Kinderoper hat neuerdings nichts Ehrenrühriges mehr", behauptet Nora Khuon, Dramaturgin in Frankfurt am Main, wo Jugendversionen der "Frau ohne Schatten" von Richard Strauss oder des "Orlando Furioso" von Vivaldi produziert wurden.
Die großen Häuser haben meist zwei unterschiedliche Grundtypen sogenannter Kinder- oder Familienopern im Angebot. Zum einen zeigen sie die Klassiker des Erwachsenenrepertoires kindgerecht gekürzt, gestrafft und inszeniert.
Die andere Sparte sind eigens vertonte und dramatisierte Kinderbücher oder -filme wie "Die rote Zora", "Der kleine Prinz" oder "Aladdin". In solchen Fällen kommt es allerdings vor, dass die Kids maulen, "der Film war viel schöööner". Oder dass sie, wie in Berlin ein Junge im Rang, im Fünfminutentakt genervt fragen: "Wann ist denn der Film endlich vorbei?"
Dabei geriet gerade diese Inszenierung von der "Roten Zora" rasant: Schlägereien im Stroboskoplicht, Pyrotechnik, Explosionen, Riesengetier in Glitzerfolie, ein Container mit integrierter Videoleinwand, Slapstick, Saltos und eine Choreografie mit 30 Fischen in Gummistiefeln.
Die Ausstattungswucht verfehlt ihre Wirkung nicht. Im Zuschauerraum sitzen gebannt Kinder auf rotem Samt, die mit offenem Mund auf die Bühne starren. Denn Gesang mit Koloratur ist offenbar keine Tortur für Jungen und Mädchen.
Inzwischen gibt es kaum mehr große Häuser, die auf Kinderopern verzichten. Die Bayerische Staatsoper in München gehört zu den Ausnahmen. "Wir trauen den kleinen Zuschauern durchaus zu, in normale Opern und normale Inszenierungen zu gehen - das funktioniert genauso gut", sagt Henning Ruhe, Leiter des Opernstudios. Es gibt allerdings Einführungen für das junge Publikum, damit die Kleinen nicht überfordert sind. "Das kommt aber meist nicht vor", so Ruhe.
Immerhin erspart diese Verzichtshaltung der Staatsoper ihren Künstlern einen Imageschaden. Denn in Deutschland gilt Kinderoper für viele immer noch als karrierehemmend. Besonders für Komponisten.
Gunter Reiß, emeritierter Germanistikprofessor aus Münster und Spezialist für dieses Genre: "Wer einmal für das Kinderzimmer komponiert hat, ist im Wohnzimmer nicht mehr gern gesehen."
Den Kindern ist das egal, solange die Dramaturgie straff, der Gesang schön und die Effekte knallig sind. Nur die Darsteller der fiesen Figuren müssen umlernen. Ihren Erfolg werden sie an der Intensität der Buhrufe messen: Buh, Karaman! Buh, Königin der Nacht! Buhbuhbuh, Alberich! NORA REINHARDT
Von Nora Reinhardt

DER SPIEGEL 1/2010
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