11.01.2010

„Das C verpflichtet“

Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx, 56, über die wachsende Entfremdung zwischen der CDU und der katholischen Kirche
SPIEGEL: Herr Erzbischof, immer mehr katholische Würdenträger klagen über die CDU und die Politik ihrer Vorsitzenden Angela Merkel. Hat die privilegierte Partnerschaft zwischen der CDU und Ihrer Kirche ein Ende?
Marx: Wir hatten in der Bundesrepublik über Jahrzehnte eine stark katholisch geprägte Union. Da waren einerseits das katholische Rheinland und Westfalen, andererseits Bayern und die CSU. Durch Ostdeutschland und durch Angela Merkel ist die Union protestantischer geworden. Dazu kommt, dass nun auch viele konfessionslose Menschen die CDU wählen und dass die Gesellschaft insgesamt säkularer geworden ist. All das hat die Politik der CDU verändert.
SPIEGEL: Ihr Kölner Kollege Kardinal Meisner hat der CDU empfohlen, das C aus ihrem Namen zu streichen. Schließen Sie sich an?
Marx: So weit würde ich nicht gehen. Aber: Es muss schon klar sein, dass eine Partei, die das C im Namen trägt, christliche Grundsätze beachten muss. Jesus Christus sollte im Grundsatzprogramm zumindest Erwähnung finden. Das C verpflichtet auf Jesus Christus hin, es ist nicht nur ein Adjektiv, wie "liberal" oder "sozial", dessen Bedeutung beliebig interpretiert werden kann.
SPIEGEL: Was genau stört Sie an der Merkel-CDU?
Marx: Was mir fehlt, ist ein dezidiertes Bekenntnis zum christlichen Glauben und zur Kirche. Im CDU-Grundsatzprogramm ist ganz allgemein von "christlichen Werten" die Rede. Das ist mir viel zu wolkig.
SPIEGEL: Ihre Kritik ist auch wolkig. Welche Prinzipien sollte eine Partei, die sich christlich nennt, konkret einhalten?
Marx: Eine christliche Partei darf zum Beispiel keinem primitiven Turbokapitalismus huldigen. Und Steuerpolitik, die allein die Wohlhabenden bevorteilt, würde sich nicht mit meinem christlichen Menschenbild vertragen.
SPIEGEL: Im CDU-Grundsatzprogramm heißt es: Familie ist da, wo Eltern für Kinder und Kinder für Eltern da sind. Das passt Ihnen vermutlich auch nicht.
Marx: Nein. Ich bin der Meinung, dass eine Familie aus einem Mann und einer Frau besteht, die heiraten und damit die Basis für gemeinsame Kinder schaffen. Natürlich kann der Staat da keine Vorschriften machen. Und wir wissen, dass nicht alle Menschen die Ehe ein Leben lang durchhalten - auch wenn sich die große Mehrheit genau das als Lebensziel wünscht. Aber das Leitbild einer christlichen Partei muss schon die Ehe von Mann und Frau sein. Ich bin dagegen, dass andere Lebensformen, etwa homosexuelle, auf dieselbe Stufe mit der Ehe gestellt werden.
SPIEGEL: Der Schwerpunkt der CDU-Familienpolitik lag in den vergangenen Jahren vor allem darauf, Müttern das Berufsleben zu erleichtern. Wäre alles andere nicht realitätsferne Politik?
Marx: Es gibt viele Paare, die einfach deshalb berufstätig sein müssen, weil sie anders finanziell nicht über die Runden kommen. Diesen Menschen muss man helfen - die katholische Kirche ist nicht ohne Grund einer der größten Träger von Kindertagesstätten. Aber ich glaube nicht, dass es der Weisheit letzter Schluss ist, schon einjährige Kinder in die Krippe zu stecken. Die Politik geht in die Irre, wenn sie den Menschen vorgaukelt, man könne alles zugleich haben: Karriere, hohes Einkommen und Kinder.
SPIEGEL: Die katholische Forschungsministerin Annette Schavan hat 2008 dafür gesorgt, dass die Forschung mit embryonalen Stammzellen ausgeweitet und nicht eingeschränkt wird. War das auch unchristlich?
Marx: Das hat mich schwer enttäuscht. Für uns ist die Forschung mit befruchteten Eizellen inakzeptabel. Es ist sehr bedauerlich, dass die CDU uns in dieser Frage nicht folgt und ihre Haltung sogar noch weiter aufgeweicht hat.
SPIEGEL: Viele Katholiken waren empört, als die Kanzlerin voriges Jahr den Papst öffentlich kritisierte - wegen seines Umgangs mit dem britischen Bischof und Holocaust-Leugner Richard Williamson. War es das, was Merkels Verhältnis zu den Katholiken heute so belastet?
Marx: Wir alle waren verärgert. Der Papst hatte sich völlig eindeutig zu den inakzeptablen Äußerungen von Bischof Williamson geäußert. Ich hielt es deshalb nicht für angebracht, dass sich die Kanzlerin in die Debatte einmischt. Wenn sie dem Papst etwas hätte mitteilen wollen, dann hätte sie als Regierungschefin auch andere, diskretere Wege dazu gehabt.
SPIEGEL: Gibt es auch deshalb so viele Irritationen zwischen Ihrer Kirche und der CDU, weil in der obersten Parteiführung Protestanten stark vertreten sind? Angela Merkel ist die Tochter eines protestantischen Pfarrers, Generalsekretär Hermann Gröhe ist evangelisch, ebenso wie Unionsfraktionschef Volker Kauder.
Marx: Ich bin nun wirklich ein Gegner von Proporzdenken, wie es in der Politik gern gepflegt wird. Aber eines ist völlig klar: Die starke Stellung der Protestanten in der CDU-Führung kann man auch als Einladung an Katholiken verstehen, sich stärker zu profilieren und einzubringen.
SPIEGEL: Kürzlich hat sich ein "Arbeitskreis Engagierter Katholiken" in der Union gegründet. Begrüßen Sie das?
Marx: Die Gründung drückt jedenfalls das Gefühl aus, dass eine wichtige Strömung innerhalb der Partei zu wenig Gehör findet. Ich finde, die CDU-Führung sollte das ernst nehmen.
INTERVIEW: RENÉ PFISTER
Von René Pfister

DER SPIEGEL 2/2010
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